BierTalk 58 – Interview mit Markus Grüßer von der Gesellschaftsbrauerei Viechtach

Markus Grüßer wagte den Schritt aus dem Rheinland über Berlin und die halbe Republik bis nach Niederbayern, wo er sich mit dem Erwerb der Gesellschaftsbrauerei Viechtach einen lange gehegten Traum erfüllte: Die eigene Brauerei! Mit einem engagierten Team aus einem Jungbraumeister, einem tschechischen Biersieder und einer Brauerin aus der Gegend hauchte er dem totgeglaubten Unternehmen neues Leben ein. Die vier überarbeiteten die Bierrezepturen und erfanden auch einen neuen Klassiker – den „Pfahlbock“, der in ganz Deutschland seinesgleichen sucht. Im BierTalk erzählt Markus Grüßer auch die spannende Geschichte vom Brandenburger Bierkrieg, als er mit der Klosterbrauerei Neuzelle so lange Widerstand leistete, bis das Bundesverfassungsgericht schließlich das Reinheitsgebot ergänzte und mit dem „Besonderen Bier“ einen Weg schuf, mit dem auch historische Biere mit der traditionellen Rezeptur hergestellt und als Biere verkauft werden können, selbst wenn dabei Zutaten wie Kräuter, Gewürze oder einfach nur Zucker verwendet werden, die eigentlich nach dem Gesetz verboten sind…

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Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts BierTalk. Heute machen wir eine ganz spannende Reise quer durch Deutschland, vom Ruhrgebiet nach Berlin zur Hauptstadt und schließlich dann nach Niederbayern, nach Viechtach, und begrüßen dort den Markus Grüßer. Mit dabei wie immer ich, der Markus, und …

Holger: … der Holger.

Markus: Ganz genau! Lieber Namensvetter, an dieser Stelle erstmal Hallo. Und vielleicht stellst du dich unseren Hörern mal ganz kurz vor, damit sie sich ein bisschen ein Bild machen können, mit wem wir es heute zu tun haben.

Markus Grüßer: Guten Morgen, ihr beiden. Guten Morgen, Holger! Guten Morgen, Markus! Ich bin 56 Jahre, habe drei Kinder und beschäftige mich mein gesamtes Berufsleben schon mit Getränken und speziell mit Bier. Ich bin im Rheinland in der Nähe von Köln groß geworden. Dort hatten meine Eltern einen kleinen Getränke-Fachgroßhandel. Es gibt schöne Bilder von mir als Sechsjähriger, wo ich mit einer Lederschürze zwischen Fässern und Kisten sitze. Das scheint sich in der DNA gefestigt zu haben. Ich habe zwar dann in Berlin BWL studiert, aber schon während dem Studium einen Außendienst gemacht für die Carlsberg Brauerei. Danach war ich fast fünf Jahre in der Klosterbrauerei in Neuzelle. Ich habe da eine sehr spannende Phase nach der Wende erlebt und durfte dort meinen Beitrag dazu leisten, wie das ist, wenn man eine Brauerei fit macht für die Marktwirtschaft. Sehr spannend! Wer Lust hat, da mal reinzuschauen in diese Zeit, kann ja mal gerne das Thema „Brandenburger Bierkrieg“ googeln. Danach nach einem kurzen Abstecher in Berlin habe ich die Seiten gewechselt und war 13 Jahre in leitender Funktion auch als Geschäftsführer von einem der größten bayerischen Getränkehändler unterwegs. Das war dann mein erster intensiver Kontakt in Richtung Bayern. Ich habe dort vom Key Account über den Einzelhandel alles Mögliche gemacht. Das war eine sehr, sehr spannende Zeit. Dann habe ich mich 2010 selbstständig gemacht. Die Liebe zu kleinen mittelständischen Brauereien und vor allen Dingen die Liebe zu gutem Bier war so groß, dass ich gesagt habe, ich muss was tun und ich möchte gerne was tun. Und habe dann für verschiedene Brauereien gearbeitet, Unternehmen saniert, beraten, eher weniger als klassischer Unternehmensberater, sondern eher so als Praxisbegleiter. Wir haben Dinge umgesetzt, neue Projekte gemacht, unangenehme Dinge wie nötige Preiserhöhungen umgesetzt, neue Produkte eingeführt, Marken strategisch aufgestellt, Vertrieb organisiert, Logistik organisiert. Und meine Erfahrungen aus allen möglichen Bereichen von der BWL über den Getränke-Fachgroßhandel, Logistik bis hin zu den Erfahrungen aus den Brauereien haben mir dort geholfen. Und irgendwann kam dann die Idee, wo ich gesagt habe: Was du für andere sehr erfolgreich machst, kann man auch vielleicht eigentlich für sich selber machen. Und ich habe dann für mich überlegt: Wie müsste eine Brauerei aussehen, die man dann kauft, übernimmt? Und da waren für mich zwei, drei Punkte extrem wichtig. Das Erste ist: Sie sollte in Bayern liegen, weil ich glaube, und meine Erfahrung aus den letzten 30 Jahren haben gezeigt, dass die Bayern mit ihren Brauereien anders umgehen. Und Markus, das wirst du mir bestätigen, ich glaube, fast 90 % der kleinen und mittelständischen Brauereien haben wir in Bayern. Diese Kultur, die gibt es so außerhalb von Bayern leider nicht. Deswegen habe ich gesagt, die Brauerei sollte in Bayern liegen. Dann ist über die Jahre eine Affinität bei mir gewachsen zu einer offenen Gärung. In Neuzelle, meine erste Brauerei, für die ich gearbeitet habe, und verschiedene andere Stationen auch, habe ich immer wieder eine offene Gärung kennengelernt. Ich finde, man schmeckt das, wenn Bier in dieser Form gärt und heranreift. Das war das zweite Kriterium. Und wenn ich ehrlich bin, es sollte eine schöne Region sein, wo man sich wohlfühlt. Weil für mich war klar, ich muss dort hinziehen, das wird mein Leben prägen, mein Leben bestimmen, das wird mein Lebensmittelpunkt werden. Insofern muss man sich auch persönlich wohlfühlen. Es wird sicherlich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Von daher war die Lage für mich auch nicht ganz unwichtig. Und so hat mich dann irgendwann 2016 ein Kollege aus Frankfurt angerufen und gesagt: Du, ich habe gehört, im Bayerischen Wald, in Viechtach, wird aus Altersgründen eine Brauerei verkauft. Und dann bin ich hierhergefahren, habe mir das angeguckt und habe mich sofort sehr wohlgefühlt. Der Bayerische Wald ist ja auch eine der großen Urlaubsdestinationen. Es ist wunderschön hier. Die Brauerei gibt es seit 1553. Wir haben eine offene Gärung. Das Bier hat wirklich toll geschmeckt, auf Anhieb. Ich habe das dann auch verkostet mit vielen Geschäftspartnern, mit Kunden, mit Freunden, und alle waren total begeistert. Und so war für mich klar, das versuchen wir jetzt. Dann hat das aber tatsächlich noch gut zwei Jahre gedauert, die Verhandlungen haben sich zäh gezogen. Das war dann auch so der erste Ausdruck: „Na, dem Preis verkaufen wir das nicht.“ (bayerisch ausgesprochen). Da wir aber am Ende des Tages, und das war auch den Menschen vor Ort, auch der Stadt, dem Bürgermeister sehr wichtig, da wir die einzigen waren, die ein Konzept vorgelegt haben, das den Braustandort erhält und nicht eine Stilllegung, eine Markenverschiebung, einen Lohnbrau vorsieht, und die Beharrlichkeit, mit der wir dabei waren, hat zum Schluss dann überzeugt. Und so haben wir Ende 2018 den Zuschlag bekommen und haben die Brauerei übernommen. Jetzt sitze ich hier und freue mich auf eine spannende Unterhaltung mit euch.

Markus: Da freuen wir uns auf jeden Fall natürlich auch. Eines hat man ja schon gemerkt, mit der Sprache hast du vielleicht noch ein bisschen Schwierigkeiten. Mal schauen, ob du so in vier, fünf Jahren dann auch das perfekte Niederbayerisch sprichst. Mir geht’s ja immer so, wenn ich in der Ecke bi, dass ich die Leute gar nicht verstehe. Wie kamst du denn da so durch?

Markus Grüßer: Durch die 13 Jahre bei Getränke (unv. #00:05:30.0#), einem der größten bayerischen Getränkehändler, hatte ich natürlich schon sehr, sehr viele Kontakte nach Bayern. Ich bin früher mit meinen Eltern schon mit sechs Monaten das erste Mal immer nach Berchtesgaden in Oberbayern in Urlaub gefahren. Von daher hatte ich immer eine sehr enge Bindung und Beziehung nach Bayern. Ob ich in fünf Jahren dann auch Bayerisch spreche, weiß ich nicht so genau. Aber es macht überhaupt kein Problem, die Sprache zu verstehen. Und von daher, ich finde, sie klingt sehr schön, es hat eine sehr schöne Tonalität und man fühlt sich wohl damit. Also von daher ist das überhaupt keine Hürde für mich.

Markus: Du hast ja auch prominente Vorbilder, wenn man zum Beispiel Eric Toft anschaut, der hat es ja vom Amerikaner zum perfekten Oberbayern geschafft, auch in der Sprache. Also da bin ich ganz zuversichtlich. Und du hast uns eine ganz tolle Palette an Bieren geschickt. Das klingt für mich jetzt grundsätzlich mal wie so eine Heimatsymphonie. Also da steht drauf: Vollbier Hell, Urhell, Zwickl, Dunkel, Weißbier, Zwergal und dann auch noch ein gloaner Pfahlbock. Also spannende Geschichte. Wir werden natürlich jetzt nicht alle im BierTalk verkosten können, aber wir würden uns natürlich gerne ein bisschen einen Eindruck verschaffen. Mit welchem Bier würdest du denn anfangen wollen?

Markus Grüßer: Naja, man sagt ja immer, von hell nach dunkel, von leicht nach stark. Und insofern würde ich gerne mit unserem Klassiker, der gut über 80 % unseres Absatzes ausmacht, den man zu jeder Gelegenheit trinken kann, nämlich unser traditionelles Vollbier Hell. Damit würde ich anfangen.

Markus: Na wunderbar! Da holen wir doch unseren zweiten Neubayern in der Runde mal mit ins Boot. Holger, was sagst du, freust du dich aufs Vollbier und wie bayerisch bist du eigentlich schon?

Holger: Na endlich ein Bier. Also fängt ja gut an, wenn du nicht von Anfang an wieder so lange irgendwelche Fragen stellst, sondern direkt zum Bier kommst. Pass mal auf jetzt hier! Zack! Hast schon gehört? Jetzt mache ich das auf und schütte es mir direkt ein. Prost, Markus! Schön, dass du da bist.

Markus Grüßer: Prost! Lasst es euch schmecken.

Holger: Wunderbar! So ein schönes Helles morgens, das mag ich. Deine Frage war ja, wie bayerisch fühle ich mich schon? Ich lebe ja auch im Exil in München und bin Wahl-Bayer und auch absolut überzeugt, ich bin so gerne hier in der Region, in dieser Stadt, aber auch in Oberbayern und bin auch viel in Niederbayern. Ich war am Montag noch in der Nähe von Pilsting, also zwischen Pilsting und Landau an der Isar. Das sind dann ja zu dir noch so rund 60 Kilometer, würde ich sagen. Wenn ich das nächste Mal da bin und die Zeit es erlaubt, glaube ich, komme ich mal vorbei. Also das müssen wir mal unbedingt vereinbaren. Weil im Prinzip ist es schön auch biografisch so ganz parallel. Du bist aus dem Rheinland, ich bin aus dem Ruhrgebiet, uns hat es beide freiwillig nach Bayern verschlagen und wir fühlen uns scheinbar gleich wohl. Nein, also ich bin gerne hier, Markus. Also richtig gerne hier. Aber ich bin auch gerne in Oberfranken. Nicht, dass du jetzt meinst, dass ich da noch irgendwie Unterschiede mache. Aber Bayern als Bundesland mit all seinen Facetten, und da gehört natürlich Oberfranken dazu, ist mir ausgesprochen lieb. Aber ich habe auch eine Frage an den Markus, und zwar: Ihr nennt euch oder du nennst dich, das weiß ich nicht so genau, Gesellschaftsbrauerei. Und dann hast du gesagt, dann haben wir den Zuschlag bekommen. Und wer ist denn wir und warum dann keine Genossenschaftsbrauerei?

Markus Grüßer: Wir ist ein guter Bekannter von mir aus Passau. Wir sind zu zweit an dem Thema beteiligt. Ich habe die Mehrheit, er hat mit einem Drittel eine Beteiligung. Und es ist immer gut, wenn man bestimmte Aufgaben auch mal auf mehrere Schultern verteilen kann. Das ist das eine. Und das zweite zum Namen: Das haben wir uns bei der Übernahme überlegt, ob wir das ändern wollen. Aber zum einen gibt’s diesen Namen schon sehr, sehr, sehr lange. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob schon seit 1553, aber eben sehr lange. Der rührt daher, wir sind auch eine der wenigen Brauereien, die eben keinen eigenen Ausschank haben. Wir haben einen schönen eigenen Getränkemarkt bei uns. Und das hat was damit zu tun, dass die Brauerei mal gegründet worden ist von ortsansässigen Gastronomen, die gesagt haben, wir wollen uns keinen eigenen Wettbewerb machen, aber wir wollen unser eigenes Bier gemeinsam brauen. Und so haben sich die Gastronomen und die Menschen vor Ort, die Bier ausschenken und Bier verkaufen, zusammengetan und haben alle als Gesellschafter diese Gesellschaftsbrauerei gegründet. Ich finde den Namen insofern ganz spannend, weil für mich ist eine regionale Brauerei auch immer Teil des gesellschaftlichen Lebens, ob das die Vereine vor Ort sind, ob das die Gastronomen sind, ob das bei uns in dem Fall die Zusammenarbeit mit der ortsansässigen Tourismuszentrale, da gibt’s ganz viele gemeinsame Projekte. Also so eine Brauerei hat nicht nur die Aufgabe, großartiges Bier zu machen, sondern ist auch immer Teil des gesellschaftlichen Lebens. Und mit dieser Interpretation und mit dieser Geschichte habe ich gesagt, auch das ist Teil dieser Brauerei, und deswegen haben wir den Namen so gelassen.

Markus: Was sagst du denn zu diesem wunderschönen Bierchen?

Holger: Ein richtig schönes, klassisches Hell. Und man hat ja hier eine goldgelbe Farbe im Glas, also die ist wirklich so schön wie sie schöner nicht sein könnte. Und dann gibt’s so einen weißen feinporigen Schaum, und in der Nase hat man eben diese blumigen Noten, die eben zu so einem schönen Hellen auch dazugehören. Naja, und dann sind die klassischen Malze eingesetzt, das kann man auch rausriechen. Und wenn man dann trinkt, ist das ein sehr schön ausbalanciertes Bier. Das ist richtig schön. Also jetzt könnte man ja so ein schönes Weißwurst-Frühstück machen jetzt so um diese Zeit und dazu sich eben einfach dieses Vollbier Hell gönnen. Das würde perfekt passen. Und dann kann man schon wieder noch besser in den Tag starten. Das würde ich dazu sagen. Und was mir eben auch sehr gut gefällt, da gebe ich dem Markus auch recht, dass ich auch glaube, dass man eine offene Gärung schmecken kann. Und das steht ja sogar hier auch auf der Flasche. Dann kommt ja sofort wieder der Biersommelier in mir hoch, weil ja wahrscheinlich nicht jeder dann damit was anfangen kann. Nicht jeder weiß, was eine offene Gärung ist, nicht jeder weiß, warum das so gut ist. Und dann ist doch unser schöner Beruf dazu da, eben das Bindeglied zu sein zwischen dem Kunden, dem Biertrinker und eben den Braumeister und der Brauerei. Und da würde ich jetzt dann schon wieder richtig loslegen. Du hast ja gesagt, du hast die offene Gärung schon vorgefunden, die war also schon da. Und da bist du auch komplett von überzeugt. Das sind ja alles Qualitätsmerkmale, die man auch herausstellen muss, um in diesem wahnsinnigen Wettbewerb, der existiert, auch bestehen zu können. Und Bier ist local. Das ist ja das, was ihr vormacht. Also so verstehe ich das alles. Und dann auch noch der Tannenbaum oder die Fichte oder so. Ich weiß gar nicht, ob es eine Tanne oder eine Fichte ist. Aber das ist dann auch noch mal so ein Logo ohne viel Schnörkel, Vollbier Hell original, da weißt du, woran du bist. Und jeder im Bayerischen Wald sagt: Mensch, das ist mein Bier. Perfekt!

Markus Grüßer: Genau!

Markus: Ganz kurz, wenn du es schon ansprichst, irgendwie müssen wir es ja kurz aufklären. Also offene Gärung heißt, wir haben eben offene Gärbottiche, die nicht ein geschlossenes System darstellen. Das bedeutet eben auch, dass während der Gärung das Bier oder die Würze oder das Jungbier mit der Luft in Austausch treten kann und damit eben Stoffe auch ausdampfen können, die es sonst vielleicht ein bisschen schwerer haben und insgesamt sich dadurch eben die Aromatik des Bieres durchaus anders darstellt. Ich muss sagen, ich kann mich auch gut erinnern, ich war zum ersten Mal, glaube ich, vor ungefähr zehn Jahren vor Ort. Und was ich ja so toll fand, war, wie die Brauerei sich präsentiert. Also das ist ja ein sehr stattliches Gebäude. Und vor diesem Gebäude ist wie auf so einer Terrasse so eine Art Vorbau, und da stehen diese riesengroßen Kupferkessel in einer Art Wintergarten und man kann sie von allen Seiten anschauen. Es ist total schön, wenn die Sonne scheint, strahlt das über den ganzen Ort und das wird so richtig präsentiert. Und das finde ich ganz toll. Das ist eine der für mich schönsten Brauerei-Präsentationen, die ich kenne. Und ich kann mir vorstellen, als du da zum ersten Mal vorbeigefahren bist, hat dich das auch geflasht, oder?

Markus Grüßer: Ja, definitiv! Das ist toll. Im Winter, wenn wir früh einsieden und ich fahre auf den Hof um sechs und es ist noch dunkel und drin sind die Lichter an, die Scheiben sind von innen beschlagen, das hat was Mystisches. Und Bier ist ja auch was ganz Faszinierendes mit viel Emotionen. Da gebe ich dir zu 100 % recht, Markus: Es ist faszinierend. Schräg gegenüber ist unser Getränkemarkt, und vor dem Getränkemarkt haben wir eine grüne Parkbank. Weil Grün ja neben Gelb unsere Farbe ist, haben wir eine grüne Parkbank stehen, eine große. Und ich muss gestehen, im Sommer sitze ich oft draußen mit meiner Telefonliste, mit meinen Ohrstöpseln im Ohr und mit Blick auf das Sudhaus und führe meine Telefonate. Es ist ein ganz tolles Gefühl. Und wenn wir einsieden und wenn es dann auch noch riecht und dampft, also das ist immer wieder ein Erlebnis. Und von daher, ich kann nur unterschreiben, was du sagst.

Markus: Apropos Erlebnis: Ich glaube, wir brauchen wieder ein Bier. Mit welchem wollen wir denn weitermachen?

Markus Grüßer: Was ich als nächstes vielleicht nehmen würde, aber ich habe eben mitbekommen, Markus, dass du an der Stelle so ein bisschen benachteiligt wirst, ich würde halt ganz gern unser Zwickl nehmen wollen.

Markus: Ach du, ist okay. Ist vielleicht auch ganz gut. Also zum Hintergrund für die Hörer: In meinem Paket waren ein paar mehr Flaschen Dunkel drin und dafür kein Zwick’l. Aber das macht nichts, insofern könnt ihr ja mal gemeinsam ein bisschen verkosten. Ich kann ja ein Kopfkino mitlaufen lassen. Und Zwick’l klingt ja für mich zumindest so ein bisschen nach Kellerbier, da bin ich sowieso zu Hause und kann dann, glaube ich, ein bisschen mitfühlen. Aber dann überlasse ich das mal an euch beiden. Holger, übernimm doch mal die Nummer mit dem Zwickl.

Holger: Das mache ich doch gern. Ja, Markus, dann sind wir jetzt unter uns. Das ist mir dann auch ganz recht mal. Da machen wir doch mal ein schönes Zwickl auf. Ich mach‘s mal auf.

Markus Grüßer: Du kannst ja gleich eine Beurteilung machen, ich kann ja vielleicht ein bisschen was zur Herkunft. Also auf dieser besagten Parkbank haben der Braumeister und ich gesessen vor ungefähr einem Jahr und haben gesagt: Wir möchten gerne ein Zwickl machen. Und unser Vollbier Hell ist ein P11er mit 4,8 % Alkohol. Was viele vielleicht so nicht wissen: Durch dieses Unfiltrierte, also mit Hefe wird – wie vielleicht viele, das kenne ich aus Verkostungen, denken – das Bier nicht kräftiger, sondern das wird etwas abgemildert. Und dann haben wir überlegt, was machen wir, und haben uns ganz bewusst für ein P12er entschieden, also etwas kräftiger eingebrautes Bier mit einer etwas dunkleren Farbe. Und das hat am Ende des Tages wirklich funktioniert. Aus unserer Sicht ein tolles Bier. Die Kunden haben es aus dem Stand angenommen und wir haben im Moment tatsächlich zweistellige Zuwachsraten vor Ort. Es erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Und offensichtlich war die Entscheidung, mehr Stammwürze zu nehmen bei dem Zwickl Bier, die richtige Entscheidung. Und wie schmeckt es dir denn, Holger?

Holger: Mir schmeckt es total hervorragend. Und ein Zwick’l ist ja Kellerbier und hat so eine kleine leichte Rotfärbung, also so rotgelb. Und dann eben mit den 5,2 % ist es einfach so, dass Alkohol auch ein Geschmacksträger ist, und sofort, wenn man dann von unter 5 % eben kommt und dann 5,2 % erlebt, macht das einen vollmundigen Eindruck. Und ihr habt einfach mit einem schönen hellen Malz, einem Pilsener Malz, wahrscheinlich gearbeitet, aber auch ein Münchner Malz dazu genommen, Carahell und vielleicht sogar auch noch ein dunkles Malz. Also das ist so eine richtig schöne Malz-Mischung, die einem dann begegnet. Die Hopfengabe ist dann auch ganz traditionell aus Perle, Tradition und Spalter Select. Wenn man jetzt diese ganzen Zutatennamen sich vor Augen führt, dann ist, glaube ich, schon von alleine klar, dass das so ein richtig schönes Kellerbierchen ist. Und ich muss das sagen, also mir tut der Markus richtig leid, weil ich weiß einfach, dass der Markus ein großer, großer Kellerbier-Fan ist – das ist ja ganz logisch als Oberfranke. Und jetzt dieses wirklich exzellente Zwickl nicht mit zu verkosten, ist sehr hart für ihn. Markus, lebst du noch?

Markus: Ja, noch! Es ist ein bisschen Höchststrafe, muss ich auch sagen. Aber ich hoffe mal auf deine Kollegialität, dass wir demnächst da einen Austausch machen und dann werde ich mir natürlich noch ein Fläschchen davon gönnen.

Holger: (unv. #00:16:48.9#)

Markus Grüßer: Markus, ich verspreche dir, du kriegst nochmal eine Nachlieferung speziell für dich mit Zwick’l.

Markus: Oh, ein Carepaket! Wie schön!

Holger: Ich glaube auch, dass die Leute das wirklich sehr gut annehmen, weil Kellerbier ist im Trend. Hell ist auch im Trend, aber Kellerbier ist auch im Trend. Und das Thema Weißbier und Pils geht zurück in den Zahlen. Eigentlich sind dann drei Trends da, das ist einmal das Alkoholfreie, was immer mehr auch nachgefragt wird, und eben die Kellerbiere und die hellen Biere. Da habt ihr, glaube ich, das genau richtig gemacht, habt so ein neues altes Bier, also Zwickl ist ja auch irgendwie dann auch ein traditionsreicher Bierstil, aber habt ihr gutes Produktmanagement betrieben, würde man ja sagen im Unternehmensberater-Jargon. Und dann noch auf der grünen Bank ohne Tagessatz: Super!

Markus Grüßer: Das ist immer eine relativ einfache Entscheidung sowas, weil wir sind ja wirklich 1553, alte traditionelle Brauerei. Wir sind sehr, sehr stolz auf das Handwerk, offene Gärung, lange, klassische, kalte Lagerung. Und insofern haben wir gesagt: Welchen Namen geben wir dem Produkt. Und der Brauer, für den ist ja ein Kellerbier, Markus, das wirst du sicherlich bestätigen, ein Zwickl-Bier, weil ja der Verkostungshahn im Lagerkeller an den Tanks eben der Zwickl-Hahn ist. Und deswegen haben wir gesagt: Wir nehmen natürlich den traditionellen Namen und schreiben den auch drauf. Und so ist das entstanden. Da braucht man, glaube ich, keine großen Berater dafür.

Markus: Eine interessante Sache finde ich ja noch, du hast ja schon gesagt, P12, 12 % Stammwürze, ein bisschen stärker. Das hat natürlich auch was damit zu tun, dass ihr ja relativ nah an der böhmisch-tschechischen Grenze seid. Das heißt, die tschechische Bierkultur lebt ja generell mit etwas weniger Stammwürze. Und soweit ich das verstanden habe, habt ihr sogar einen Braumeister von dort. Wie funktioniert das denn? Und wie habt ihr zueinander gefunden? Und was ist denn für ihn sein Lieblingsbier?

Markus Grüßer: Wir haben in der Tat ein sehr, sehr spannendes Brau-Team, bin ich jeden Tag stolz drauf und das macht große, große Freude. Das ist der (unv. #00:18:37.7#), ist seit 30 Jahren auch in Deutschland, kommt aus Tschechien, aus Saaz, das ist unser Biersieder. Der ist fürs Sudhaus zuständig. Der lebt Bier, der lebt diese Bierkultur. Das macht große Freude, auch auf seine Erfahrung zurückzugreifen. Und er findet das toll, was wir machen. Und unser Braumeister ist ein relativ junger Kerl, kommt gebürtig aus Regensburg, hat in kleinen mittelständischen Brauereien sein Handwerk gelernt, hat dann natürlich in Weihenstephan seinen Braumeister gemacht, wie das so ist. Und ist eine schöne Mischung aus eben studiertem Braumeister und aus Praxiserfahrung in kleinen und mittelständischen Brauereien. Der ist sehr innovativ. Das ist eine tolle Mischung aus jemand, der auch mal eine Pumpe auseinandernehmen kann, was man in so einer kleinen und handwerklichen Brauerei wie wir es sind gut gebrauchen kann. Aber auch jemand ist, der gerne tüftelt, der sich mit den Prozessen der Bierherstellung auskennt. Und vor allen Dingen, es ist ein tolles Team, auch in Zusammenarbeit mit Herrn (unv. #00:19:31.0#), mit unserem tschechischen Biersieder. Da gibt’s jetzt keine Animositäten, keinen Wettbewerb, sondern der Braumeister hört auch mal auf die 30-jährige Erfahrung von Herrn (unv. #00:19:40.0#). Und Herr (unv. #00:19:40.5#) lässt sich auch von dem jungen studierten Braumeister mal was sagen. Und ergänzt wird das Ganze – vielleicht ein kleiner Seitenhieb an unsere Kollegen – da bin ich extrem glücklich drüber, wir haben seit einem Jahr eine Brauerin aus der Region, aus dem Bayerischen Wald, die einen exzellenten Abschluss gemacht hat und sich nach ihrer Ausbildung beworben hat bei ganz, ganz vielen Kollegen und fünf, sechs Absagen bekommen hat. Wir haben sie mit Kusshand genommen, das ist eine so große Freude, ein Mädel zu erleben, die genauso Bier lebt wie die anderen. Die ergänzt dieses Team perfekt. Sie kann genauso auf dem Stapler sitzen, in der Filtration ist sie zu Hause, im Lagerkeller. Sie ist mit einem Engagement dabei und hat Ahnung und Leidenschaft und ist froh und glücklich, in einer solchen Brauerei handwerklich Bier zu brauen. Und die ergänzt unser Brau-Team perfekt. Und das macht mich jeden Tag stolz und ich bin glücklich, weil ich weiß, dass die drei super zusammenarbeiten und dass hinten nur was Tolles dabei rauskommen kann.

Holger: Das hast du wirklich ganz toll gesagt. Und ich stelle mir auch vor, dass vielleicht in deinem Umfeld die Leute auch den BierTalk hören. Und ich glaube, das ist ganz toll auch für die Mitarbeiter, wie du über dieses ganze Projekt, über deine Firma sprichst, über die Mitarbeiter. Und das finde ich sehr schön, Markus. Also will ich einfach mal sagen. Das ist auch nicht selbstverständlich, dass man so viel Wertschätzung seinen Mitarbeitern gegenüber bringt. Und das schmeckt man dann letzten Endes. Da bin ich fest von überzeugt. Absolut! Wie war das denn damals? Wollte die Brauerei keiner haben oder wieso hat die dann (unv. #00:21:07.1#) gekriegt? Oder hast du einfach am meisten bezahlt?

Markus: Da muss ich jetzt mal ganz kurz einhaken. Ihr könnt doch nicht weiterreden und ihr habt ein schönes Bier im Glas und ich habe keins. Also wir müssen vorher …

Holger: Du hast vollkommen Recht, entschuldige bitte!

Markus: … noch ein Bier aufmachen. Und zu dem, was der Markus gerade gesagt hat, fällt mir auch schlicht und einfach die Frage ein: Warum reden wir eigentlich mit ihm? Also wir könnten ja mit der jungen Brauerin sprechen? Wäre ja auch spannend. Aber gut.

Holger: Das ist wieder so ein typischer Markus. Der ist ja ein großer Frauenfreund, und ich natürlich auch, aber er im Besonderen und so. Also das ist auch vielleicht eine gute Idee. Das könnten wir machen.

Markus Grüßer: Ich kann ja mal fragen, ob sie kurz dazukommt, wenn ihr wollt?

Holger: Ein eigener BierTalk wäre fast noch besser.

Markus: Das wäre fast noch besser.

Markus Grüßer: Ja, dann los! Ja, sehr gerne!

Markus: Vorher brauchen wir jetzt noch ein Bier. Markus, wie machen wir weiter?

Holger: Jawoll!

Markus: Holger, wie du das eben gesagt hast, wir entwickeln uns jetzt gegen den Absatztrend, aber für den Geschmack. Mein Lieblingsspruch, manchmal können meine Mitarbeiter das schon nicht mehr hören: Unser Weißbier ist zum Niederknien. Ich könnte mich im Moment reinlegen, auch wenn es sicherlich etwas rückläufig ist. Wir machen ein Original Weißbier, bernsteinfarben, so wie man das in Bayern kennt. Auch nur dieses eine, natürlich kein Kristall, aber auch kein Helles, kein Dunkles, sondern nur dieses bernsteinfarbene mit sehr fruchtigen Aromen. Hier haben wir ein bisschen was verändert. Die dunkle Farbe haben wir tatsächlich jetzt, wie das sich gehört für so eine Brauerei, durch die entsprechenden Malz, durch Röstmalze, das wurde vor der Übernahme leider Gottes mit Farbebier gemacht. Das haben wir ein bisschen geändert. Wir brauen heute dieses Original Viechtacher Weissbier ein. Und bei uns ist dieser Abwärtstrend zumindest etwas gebremst. Im letzten Sommer sind wir sogar wieder leicht gestiegen, weil viele mitgekriegt haben, dass da was ganz Besonderes entsteht. Ich finde das extrem fruchtig und ich könnte mich ehrlich gesagt im Moment in unser Weißbier reinlegen. Lasst es euch schmecken!

Markus: Ja, du kannst es ja tun. Tue dir keinen Zwang an. Du brauchst nur eine Badewanne und ein paar Flaschen. Und dann kannst du das …

Markus Grüßer: Und dann geht‘s los!

Markus: … parallel ja machen. Also machen wir das mal auf. Ach, wie schön! Da sieht man auch schon, wie schön der Schaum sich entwickelt und wie fest der steht. Und untendrunter, wie du schon gesagt hast, eine richtig schöne Bernsteinfarbe. Ich glaube, das ist auch sowas, die meisten assoziieren ja Weißbier immer eher mit einem Hellen oder dann eben ein dunkles Weißbier, wo man dann sagt, ich habe dann eben sehr viele Röstaromen. Und vergessen, dass das Weißbier natürlich genau die gleiche Geschichte hat wie unser untergäriges Bier auch. Das heißt, früher war das immer eher so bernsteinfarben und eine schöne ausgewogene Mischung. Insofern ist das ja auch wirklich back to the roots und wunderbar, wie der Schaum auch oben so einen ganz festen schönen Teppich bildet, der auch richtig einlädt, da jetzt mal reinzuriechen. Ah ja! Und dann hat man so frische, ein bisschen zitrusige Aromen, dann kommt aber auch so ein bisschen was Fruchtiges rüber. Jetzt probieren wir das mal. Hm! Ein sehr weiches Mundgefühl, sehr cremig. Und auch die Malzaromatik kommt rüber, Getreide. Dann kommt wieder die Hefe, und man hat wieder so ein bisschen Fruchtigkeit. Und hintenraus hat man auch eine schöne Hopfennote. Das finde ich für ein Weißbier sogar ganz schön selbstbewusst. Und ist aber auch gut, weil es dann dem so ein bisschen diese Fülle nimmt, die ja oft sehr sattmacht bei einem Weizen. Und hier räumt es dann im Mund wieder so ein bisschen auf und man ist dann wieder frisch für den nächsten Schluck. Und nachdem der Holger ja vorhin schon von Weißwurst-Frühstück gesprochen hat, da könnte man das zweite Paar ja dann mit diesem Bierchen probieren.

Holger: Da bin ich auch der Meinung. Auf jeden Fall!

Markus: Wie ist das denn überhaupt so in Niederbayern? Gibt’s denn da große Bierfeste, Bierveranstaltungen? Seid ihr da irgendwie präsent? In der Zeit, in der du jetzt schon da warst, gab‘s sowas, plant ihr solche Dinge oder seid ihr woanders in Deutschland unterwegs?

Markus Grüßer: Vor Ort sind wir sehr stark im Festgeschäft. Es gibt viele große Feste bei uns, angefangen vom Volksfest in Viechtach, bis hin zum Bürgerfest. Das hat sich seit vielen, vielen Jahren hier etabliert. Das geht über drei Tage. Da kommen dann auch tatsächlich viele Leute aus der Region hin bis Deggendorf bis Straubing. Da haben wir hier wirklich über 100.000 Besucher an drei Tagen. Es gibt ein ganz traditionelles Fest, das Heimatfest in Kollnburg. In Sankt Engelmar gibt’s viele Feiern, Prackenbach. Also im Umfeld hier gibt’s ganz, ganz viele Feste. Die Tradition der Feuerwehrfeste ist hier wirklich sehr etabliert. Und natürlich in unserem näheren Umfeld sind wir, nicht auf allen, aber auf sehr, sehr vielen Festen präsent. Und es macht uns auch natürlich große Freude, weil da kann man Tradition leben. Und unser Logistikleiter, der kommt aus dem Nachbarort, der hat im Nebenberuf Pferdefuhrwerke und Pferde. Der ist unter anderem auch beim Einzug auf der Wiesn in München dabei. Der hat natürlich auch ein Fuhrwerk für uns, mit dem wir auch unterwegs sind. Da wird dann wirklich klassisch bayrische Tradition gelebt. Und der Preuß hat sich natürlich auch entsprechend ausgestattet mit Lederhosen und Tracht, das macht dann auch Spaß.

Markus: Also direkt aus der Weißbier-Badewanne in die Lederhose. Wunderbar! Dem Holger vorhin habe ich ja seine Frage abgewürgt. Also insofern, das müssen wir natürlich noch beantworten, wie das so war, als du da angekommen bist. Bist du da eher der Erlöser gewesen oder eher der Prophet? Oder wie war das?

Markus Grüßer: Den Zuschlag haben wir tatsächlich deswegen bekommen, weil wir als Einzige dann zum Schluss ein Konzept vorgelegt haben zum Erhalt des Standortes. Leider Gottes war es so, dass der alte Eigentümer, der Richtung, Ende 80 ging, die letzten zehn Jahre nicht mehr viel gemacht hat. Also wir hatten einen erheblichen Sanierungsstau. Einen Großteil davon haben wir in 2019 schon aufgelöst. Aber vor dem Hintergrund gab es viele, die wollten die Markenrechte haben. Wir haben eine extrem starke Fangemeinde und das Bier hat einen sehr, sehr guten Ruf hier vor Ort. Und der ein oder andere Brauer wollte davon partizipieren, indem er die Marke übernimmt. Wir haben ein sehr tolles Grundstück. Wir haben also Innenstadtlage, es sind nur 300 Meter bis zum Stadtplatz mit 6000 Quadratmeter. Markus, du hast es eben gesagt, sehr repräsentativ. Also die Assets letztendlich sind relativ wertvoll. Und da waren natürlich viele, die darauf aus waren. Und wir haben halt den Zuschlag gekriegt, weil wir gesagt haben: Nein, für uns sind nicht die Assets im Vordergrund, sondern die Tradition, das Unternehmen und der Brau-Standort. Insofern natürlich erstmal ein Stück weit Erleichterung. Aber natürlich bin ich auch skeptisch beäugt worden die ersten anderthalb, vielleicht auch zwei Jahre, wo man geguckt hat: Was macht er denn jetzt? Also es gab Wochen, da waren wir zwei, drei Mal in der Zeitung. Also wirklich jeder Schritt ist beäugt worden, jede Aktivität, jede Veränderung ist analysiert worden. Insofern war das keine einfache Zeit. Ich finde es aber gut, wenn man so in der Beobachtung steht, dann ist das auch die eigene Motivation, für mich und die Mitarbeiter, immer das Beste zu geben. Wir haben ja gerade Weißbier getrunken. Die Umstellung war nicht so ganz einfach. Wenn du jetzt plötzlich die Rezeptur von so einem Bier komplett veränderst, indem du Farbebier rausnimmst und sagst, wir möchten die gleiche Farbe und einen ähnlichen Geschmack wieder erzeugen, aber mit natürlichen Rohstoffen, mit Röstmalz, und hast jetzt keine Computeranlage, sondern machst das handwerklich, dann musst du dich da rantasten. Das heißt, wir hatten so zwei, drei Sude von unserem Weißbier, die jetzt weder unserem Anspruch noch dem Anspruch unserer Kunden gerecht waren in 2019. Das war kein einfacher Sommer mit unserem Weißbier und mit unseren Kunden. Wir haben dort aber sehr große Transparenz gezeigt. Wir haben den Leuten gesagt und gezeigt, was wir machen. Wir haben die Brauerei geöffnet. Das war vorher auch nicht. Wir haben also zu Besichtigungen eingeladen. Wir haben zu Veranstaltungen eingeladen. Wir haben die Leute in die Brauerei geholt. Wir waren sehr transparent. Und das hat uns am Ende des Tages geholfen. Das Weißbier, ich denke mal, es schmeckt euch auch, ist ein tolles Ergebnis geworden. Und inzwischen sehen die Leute, was wir tun. Die sehen unser Engagement, unsere Bemühungen und haben, glaube ich, insofern auch den Preuß akzeptiert und finden es gut, dass er sich so für ihre Kultur, ihre Brauerei einsetzt. Und insofern glaube ich, bin ich aufgenommen.

Markus: Na, das hört sich doch wunderbar an. Und ich muss sagen, ich habe schon wieder Durst bekommen. Also ich glaube, wir müssen noch ein Bier verkosten. Wohin magst du uns denn jetzt entführen? Ich gebe dir mal die Wahl zwischen Dunkel und Bock.

Markus Grüßer: Dann würde ich mich, auch wenn der Dunkel eines der Lieblingsbiere unseres Braumeisters ist, als gebürtiger Regensburger ist er da so ein bisschen im Wettbewerb mit dem Dunkel-Qualitätsführer von der Bischofshof. Aber ich würde mich trotzdem gerne für den Bock entscheiden. Weil wir haben jetzt drei sehr traditionelle Biere gehabt, ein Vollbier Hell, der Zwickl und das Weissbier. Und wir haben mit dem Bock so ein bisschen versucht, auch unsere innovative Seite zu zeigen. Ihr werdet es gleich, glaube ich, schmecken, es ist jetzt kein klassischer Bock, nicht so mastig, schwer, süßlich, wo man dann nach dem zweiten oder vielleicht dritten Bock, wenn man so viel trinkt, schon so einen leichten Pelz auf der Zunge kriegt. Sondern wir haben gesagt, wir probieren mal was anderes aus. Wir haben Spezialmalzen verwendet, zum Beispiel Red X. Er hat eine schöne rötliche Farbe. Und wir haben ihn kalt gehopft. Mit zwei verschiedenen feinsten Aromahopfen ist er kalt gehopft. Wir empfehlen auch immer, ihn aus einem Sommelier-Glas oder aus einem Weinglas zu trinken. Weil er hat ein sehr fruchtiges, ein sehr frisches Aroma und schmeckt im Gegensatz zu den klassischen Blockbieren aufgrund dieser Kalthopfung sehr frisch und verhältnismäßig leicht. Insofern lasst euch überraschen und lasst es euch schmecken.

Markus: Also „Frühling im Woid“ steht drauf. Holger, ich glaube, das ist was für dich.

Holger: Unbedingt! Also Bockbiere, und wir sind ja jetzt auch richtig in der Bockbierzeit, Flüssiges bricht das Fasten ja nicht. Ja, herrlich! Ganz herrlich! Sehr schön! Das mag ich.

Markus: Und tatsächlich, es ist ein ganz anderer Geruch, als man ihn jetzt erwarten würde. Wenn man sich das Ganze anschaut, dann sieht man natürlich diese wunderbare Farbe, die von dem Red X auch kommt. Das ist ja ein tolles Malz, mit dem man wirklich richtig schöne Rottöne ins Bier hineinbekommen kann. Und hier ist das wirklich ganz perfekt ausgeführt, also die Farbe ist fantastisch. Dann hat man oben drüber auch so einen schöngetönten Schaum, der auch wieder sehr, sehr gut und lange sitzt. Und wenn man jetzt aber reinriecht, dann auf einmal kommen einem wirklich diese Hopfennoten entgegen. Das heißt, da sind wir bei tropischen Früchten, da sind wir bei der Ananas, bei der Mango, ein bisschen Litschi, also sehr, sehr interessanter Cocktail. Durchkommt dann noch so ein bisschen Honigaroma, ein bisschen was vom Getreide und auch eine relativ frische Note. Jetzt probiere ich das mal. Fein! Dann kommen noch so ein bisschen rote Beeren, auch schön. Und dann kommt so der Mandarina Bavaria durch, der so ein bisschen eben, wie der Name schon sagt, Mandarine, Orange, Zitrusnoten hat. Und wie du schon gesagt hast, es ist jetzt auch nicht der klassische mastige Bock, wo man dann sehr viel Körper hat, sondern das ist relativ schlank, trinkt sich dann auch gut weg. Hat eine schöne Bittere und ist wirklich ein ganz spannendes Getränk. Also finde ich, habt ihr toll hinbekommen, und ist in der Tat mal ganz was Anderes. Wie kommt das bei den Leuten an? Trifft das die Erwartungen oder gibt’s da auch so ein bisschen Widerstreit?

Markus Grüßer: Wir machen ihn jetzt das dritte Jahr. Wir haben also gleich in 19 angefangen. Und nach der Übernahme Ende 18, da war so ein bisschen die Skepsis da: Was machen die denn jetzt, ein neues Getränk? Dann ist das die 0,33er Euro-Flasche. Wir bieten den Bock in einer Holzkiste an mit 12 Flaschen. Und was machen die denn da jetzt? Dann hat das Produkt auch seinen Preis: Die Kiste kostet 20 Euro. Wir haben aber gleich einen Bockbier-Anstich gemacht in der Brauerei, insofern war die erste Schwelle gebrochen. Und wenn ich jetzt springe in dieses Jahr, die Leute konnten es kaum erwarten, wir haben schon 14 Tage vor der Einführung, das ist ein saisonales Produkt, wird ein Sud eingebraut und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Also schon drei Wochen vor dem Verkauf waren die ersten Anfragen da im Netz, im Markt, überall: Wann kommt denn der Pfahlbock wieder? Die Freude ist groß und wir haben also letzte Woche Samstag den Verkauf gestartet. Das ging zu wie das Brezeln-Backen bei uns. Also von daher. Es gibt den ein oder anderen, der sagt: Ihr macht tolle Biere, ich bin eher der klassische Bockbiertrinker. Für den ist das nichts. Aber neun von zehn Leuten sind begeistert von diesem etwas anderen Bock, von dieser Frische und der Leichtigkeit. Und von daher glaube ich, haben wir alles richtig gemacht.

Holger: Markus, sag doch mal was zum Namen, also Gloana Pfahlbock und Frühling im Wald.

Markus Grüßer: Frühling im Wald ist relativ einfach, weil es natürlich der Frühlingsbock ist. Kommt Ende Februar dann raus. Und da wir, Viechtach, mitten im Bayerischen Wald liegen, ist natürlich Frühling im Wald klar, selbsterklärend. Wir haben hier einen Wanderweg, wir liegen direkt an der B 85, und wenn wir in Viechtach die B 85 in Richtung Schwandorf fahren, kommt direkt 100 Meter hinter Ortsausgang ein Tourismus-Parkplatz und da ist ein Wanderweg, und der führt am großen und am kleinen Pfahl vorbei. Das ist also ein Gebirge, das sich hier langzieht durch diese Region. Und wie gesagt, zwei Erhöhungen, eine etwas größere, eine etwas kleinere, sind direkt in Viechtach. Und da das die kleine Flasche ist, die kleine 0,33er Flasche, haben wir natürlich gesagt, das ist nicht der große Pfahl, sondern der gloane Pfahlbock. Und insofern, so ist der Name entstanden.

Holger: Und dann ist er auch noch kaltgehopft. Das gibt ihm ja diese Frische.

Markus Grüßer: Genau! So ist das.

Holger: Sehr schön!

Markus: Holger, eigentlich müsstest du an dem Pfahl schon entlanggewandert sein, weil du bist schon mal von Vilshofen nach Pilsen gelaufen, und das ist ja ziemlich in der Nähe von Viechtach.

Holger: Ja, absolut! Also kurz zur Erklärung. Das ist wirklich eine ganz unglaubliche Geschichte, die muss ich noch zum Besten geben. Es war so, ein Pilsner Urquell hatte so ein Wettbewerb ausgelobt, dass eben Bierbegeisterte einen Joseph-Groll-Weg laufen können. Es gibt ja den Jakobsweg und es ging jetzt darum, den Josephs-Weg ins Leben zu rufen. Und die Geschichte, die ging so, und das ist jetzt wirklich die Wahrheit. Da war Stau auf der A3 und ich musste abfahren. Also es war eine echte Vollsperrung. Und war dann irgendwie südlich von Würzburg, sind wir dann so über die Dörfer gefahren, und da ging dann auch nichts mehr. Und dann gucke ich halt so, ich weiß gar nicht mehr, auf Facebook oder im Internet irgendwie, also gucke so auf meinem Handy und scrolle das so durch und sehe also diese Ausschreibung. Und da war dann so ein Plakat am Straßenrand, da, wo ich gerade stand. Und da war so eine junge Frau abgebildet, die hat so ganz lecker Mineralwasser getrunken. Aber wenn man sich dann so davorgestellt hatte, dann sah das so aus, als würde die einen so richtig anlächeln. Und dann bin ich also wirklich in diesem Stau ausgestiegen, habe mein Foto gemacht, bin wieder eingestiegen und habe mit dem Foto die Bewerbung abgeschickt. Und dann wurde ich ausgewählt und habe dann mit einem jungen Studenten aus Weihenstephan, der Braumeister lernt, wir beide sind dann 180 Kilometer von Vilshofen nach Pilsen gelaufen und sind dann auch bei dir durch die Region gelaufen. Und wir haben dann immer Handwerksbetriebe aufgesucht, also zum Beispiel auch Glasbläser da in der Region um Zwiesel, und dann eben natürlich auch auf tschechischer Seite, und haben denen dann immer so ein Blech-Emaille-Schild dann an die Hauswand geschraubt und haben da Fotos gemacht. Wurde dann alles begleitet von einer Marketingagentur, Conceptbakery hieß die. Und das war eine unglaubliche Reise für mich. Also das war echt super. Und jetzt hat mich einer gestern erst noch angeschrieben in einem Zusammenhang auch mit einem BierTalk, mit dem Randolf Jorberg. Und das war eben der Leiter dieser Marketingagentur und hat dann gesagt: Mensch, Holgi, weißt du das noch? Und ich habe dann gesagt: Mensch, ich kann mich noch sehr gut erinnern und das Tollste war eben unser gemeinsames Doppelzimmer.

Markus: Jetzt sind wir fast wieder in der Badewanne angelangt. Unglaublich! Eine Frage hätte ich noch zum Abschluss. Du hast vorhin in der Einleitung schon gesagt, es gab den Brandenburger Bierkrieg, wo du auch eine entscheidende Rolle gespielt hast. Und das würde mich noch interessieren. Vielleicht kannst du das nochmal kurz zusammenfassen: Worum ging‘s denn da? Und hast du diesen Krieg gewonnen?

Markus Grüßer: Ich habe den nicht zu Ende geführt. Aber direkt nach der Wende, es gibt eine Brauerei im Spreewald, nämlich die Klosterbrauerei Neuzelle, ganz auch traditionell, offene Gärung, Thema hatten wir ja schon, das werdet ihr wissen. Die Schwarzbiere in den neuen Bundesländern waren, weil das eine Tradition ist, die auch aus Osteuropa gekommen ist oder kommt, alle mit Zuckerzusatz. Wer zum Beispiel mal in Prag war und das U Fleků besucht hat – ich meine, ihr beide werdet es sicherlich kennen – dort wird das bis heute auch so gemacht, da wird Schwarzbier ausgeschenkt mit ein wenig Zuckerzusatz. Und alle Brauereien in den neuen Bundesländern haben vor der Wende Schwarzbier mit Zucker gemacht. Auch ein Köstritzer ist vor der Wende mit Zucker gemacht worden. Das ist halt das, womit die Leute großgeworden sind. Und dann nach der Wende, eben Köstritzer von Bitburger, viele Brauereien sind gekauft worden und haben gesagt, wir müssen Reinheitsgebot machen. Und die Brauerei ist relativ spät dann verkauft worden. Und dann hatten wir schon 1991, und der, der die Brauerei gekauft hat, dem sie bis heute gehört, kommt aus Rosenheim, ein Bayer. Der wollte dann natürlich helle Biere machen. Und der damalige Geschäftsführer und ich, wir haben dann gesagt: Mensch, das ist sicherlich nicht Reinheitsgebot, aber die Menschen sind halt 40 Jahre mit dem Geschmack Schwarzbier mit Zucker großgeworden. Warum machen wir das nicht einfach weiter? Und dann hat es ein bisschen Überredung gekostet bei dem Eigentümer, der war zu dem Zeitpunkt nicht so involviert in die Brauerei, hat sich um vieles andere gekümmert. Und dann haben wir das gemacht und wir waren eine Zeit lang die einzigen, die das gemacht haben. Und plötzlich ist da richtig was losgegangen. Also, als wir da angefangen haben, haben wir so 12.000, 13.000 Hektoliter gemacht, und als ich dann weg bin, fast fünf Jahre später im letzten Jahr haben wir über 60.000 Hektoliter (unv. #00:37:28.4# verteilt?) mit diversen Preiserhöhungen. Und das hat was damit zu tun, dass die Menschen gemerkt haben: Da gibt es noch einen, der braut das. Aber jetzt das Thema zum Bierkrieg. Es ist natürlich dann irgendwann das Ordnungsamt gekommen und dann ging das so langsam los. Es stand natürlich Schwarzbier drauf und das durfte es nicht, weil nicht reinheitsgebotskonform. Dann haben wir uns dagegen zur Wehr gesetzt und so weiter. Und als ich dann weg bin, hat der Eigentümer, dem das auch jetzt noch gehört, der Helmut Fritsche, das fortgesetzt, und zwar so lange, bis er dann in Leipzig beim Bundesverfassungsgericht ein Urteil bekommen hat, das heute für viele ausschlaggebend ist in der Branche, wonach, wenn du eine historische und traditionelle Rezeptur hast, ein sogenanntes besonderes Bier, nachweisbar, dass es schon immer so ist oder was auch immer, dann darfst du heute, auch wenn es nicht Reinheitsgebot ist, auch Bier nennen nach diesem Urteil vom Bundesverfassungsgericht, das eben dann wegen der Klosterbrauerei Neuzelle damals ausgesprochen worden ist. Und da hat dann der Helmut Fritsche auch ein Buch dazu geschrieben unter dem Namen „Brandenburger Bierkrieg“. Der Spreewald liegt natürlich in Brandenburg, deswegen Brandenburger Bierkrieg. Und man kann das auch googeln, man kann das nachlesen. Ich finde das toll, dass der Herr Fritsche das dann auch fortgesetzt hat, auch sich dafür eingesetzt hat und das bis eben zum Verfassungsgericht durchgefochten hat. Und das hat heute für viele Brauer eben Auswirkungen, weil, wenn man eine solche historische Rezeptur hat oder ein solches besonderes Bier hat und das wieder machen möchte oder schon immer gemacht hat, darf man das eben aufgrund dieses Urteils heute in Deutschland Bier nennen, auch wenn es nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut ist. Und das fand ich eine spannende Zeit und dass ich da einige Jahre Teil dieser Geschichte sein konnte, finde ich bis heute sehr spannend. Also von daher.

Markus: Wunderbar! Finden wir auch sehr spannend und danken dir auf jeden Fall für die tollen Biere, für deine Zeit, für die spannenden Geschichten und freuen uns natürlich schon auf die Fortsetzung dann mit deiner Mitarbeiterin. Wobei du natürlich da auch sehr gerne nochmal mit dabei sein darfst. Dann können wir ja die anderen Biere in Angriff nehmen, die wir heute nicht geschafft haben. Holger, magst du noch ein Schlusswort formulieren?

Holger: Naja, also für mich spannende Geschichte. Und da kann man mal wieder sehen, wie man sich da vertun kann. Normalerweise denkt man, so ein Diplom-Kaufmann, der zählt halt nur die Erbsen und ist ansonsten ziemlich emotionslos. Aber wenn er dann aus dem Rheinland kommt, dann bringt er natürlich die Emotionen mit und kann dann auch so einen tollen Brauerei-Standort, der schon im 16. Jahrhundert begründet wurde, eben wiederbeleben und zum Erfolg führen. Und ich wünsche dir, Markus, weiterhin da alles Gute und auch eurem ganzen Team alles Gute, und dass eben auch Corona euch nicht irgendwie zu sehr belastet, sondern dass das alles in einem guten Fahrwasser bleibt und weitergeht. Und ich freue mich schon darauf, dich zu besuchen. Danke schön für deine Zeit und es war eine tolle Sache. Danke!

Markus Grüßer: Ich habe auch zu danken, Holger und Markus. Es war sehr, sehr spannend, sehr schön. Euch und euerm Podcast alles Gute! Und ich freue mich, wenn ihr uns alle beide mal hier besucht in Viechtach.

Markus: Das machen wir. Wunderbar! Danke schön!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk 57 – Interview mit Janina und Chiara Crowder vom Craft Beer Kontor Hannover

Janina Crowder träumte schon immer von der Selbständigkeit – und dann war ihr Papa Jim glücklicherweise zur rechten Zeit am rechten Ort, nämlich als die Jungs der Mashsee-Brauerei ihren Craft Beer Kontor abgeben wollten. Das ließ sich Familie Crowder nicht zweimal sagen und startete ein spannendes Projekt. Heute sitzt Janina fest im Sattel und stemmt als Biersommelière nicht nur Lager, Bestellungen und Kundentermine – auch Verkostungen und Events aller Art stehen auf ihrem Programm. Seit kurzem ist auch noch Schwester Chiara mit im Boot, die im Rahmen ihrer Ausbildung ein Praktikum im Beerstore macht. Damit ist das Dream-Team perfekt und genau richtig für einen Auftritt im BierTalk, super charmant und bezaubernd, wie Holger und Markus danach einmütig bekundeten…

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Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Holger: Herzlich willkommen zum 57. BierTalk! Und haltet euch fest, also wir haben zwei Gäste. Dann sind es auch noch Damen. Dann gibt’s auch noch absolut exzellentes Hochdeutsch heute, weil die kommen nämlich aus Hannover und betreiben da den Craft Beer Kontor. Das ist ein echtes Bier-Fachgeschäft mit 250 sorgfältig ausgewählten Bierspezialitäten. Am Mikrofon ist wie immer der Holger und der …

Markus: … Markus.

Holger: Also ihr beiden, berichtet doch mal, was euch am Bier so begeistert. Aber zunächst, stellt euch vielleicht selber vor, sagt etwas über euch, auch natürlich über das Craft Beer Kontor, und legt mal los.

Janina Crowder: Hallo Holger und Markus, ich fang dann mal an. Ich bin Janina und bin 30 Jahre alt, komme aus Hannover und bin seit 2016 im Bier-Business beruflich. Und das Ganze hat sich dann tatsächlich rasant entwickelt. 2017 habe ich dann den Biersommelier-Kurs mitgemacht und seitdem ist meine Leidenschaft zum Bier wirklich immer größer geworden. Was ich beruflich mache, ist halt wie gesagt, das Craft Beer Kontor betreiben. Und das ist ein wirklich besonderer Ort für Bierliebhaber. Da werden wir gleich noch ein bisschen was zu erzählen. Und mit dabei ist meine Schwester Chiara.

Chiara Crowder: Hallo, das bin ich. Ich bin 23 Jahre alt und mache halt im Rahmen meiner Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau ein Praktikum im Craft Beer Kontor. Ich bin jetzt aber auch schon über ein Jahr dabei und bin auch durch meine Familie, weil wir alle jetzt in dieser Craftbier-Welt drin sind, auch auf dieses Thema gekommen. Und das macht halt superviel Spaß, damit zu arbeiten.

Janina Crowder: Ja, das finde ich auch. Bei mir war es auch total verrückt, weil viele sind ja wirklich in dieser Bierszene drin oder sind wirklich Bierliebhaber und machen dann irgendwann ihr Hobby zum Beruf. Und bei mir war es irgendwie andersrum. Ich habe 2016 das Craft Beer Kontor übernommen und habe eigentlich dann erst wirklich angefangen, mich mit dem Thema Bier zu beschäftigen.

Holger: Wie kam es denn dazu, dass du dann das Craft Beer Kontor übernommen hast und wie kamen die auf dich, wenn du nichts mit Bier zu tun hattest?

Janina Crowder: Ja, gute Frage. Ihr kennt ja sicherlich die Mashsee Brauerei aus Hannover.

Markus: Yo!

Janina Crowder: Die sind ja auch in der Szene schon recht bekannt. Und die haben damals gleichzeitig mit ihrer Brauerei auch das Craft Beer Kontor gegründet als Einzelhandel, um die eigenen Biere auf dem Markt bekannt zu machen. Die wussten ja auch nicht genau, wie sie starten sollen. Niemand kennt sie, kein großer Supermarkt sagt sofort, hier, wir stellen euch ins Regal. Deshalb dachten sie, es ist eine coole Idee, auch einen Shop aufzumachen. Und das lief auch sehr gut. Die haben schnell eine richtige Fangemeinde sich aufgebaut. Aber nach zwei Jahren haben sie dann gemerkt, dass das ganz schön kräftezehrend ist, auf so zwei Baustellen gleichzeitig zu sein. Die sind immer ein Zwei-Mann-Betrieb gewesen und das war halt auf Dauer zu viel. Sie konnten sich auch nicht wirklich konzentrieren und haben sich dann entschieden, den Fokus auf das Brauen zu legen und den Shop zu schließen. Und dann war ich einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort beziehungsweise unser Vater, durch ihn kam das so ein bisschen, er war nämlich Kunde im Kontor, hat ab und zu dort mal Bier eingekauft und wir haben das dann zuhause bei Familienfeiern verkostet. Ich weiß noch genau, so Weihnachten 2014 oder 2015 zum Beispiel, da saßen wir dann mit der Familie und haben an Heiligabend einfach verschiedene Bierspezialitäten verkostet und das hat total Spaß gemacht. Und eines Nachmittags war er dann wieder dort im Laden und ist dann mit den Jungs ins Gespräch gekommen, und da hat sich das dann herausgestellt, dass sie den Laden schließen müssen, aber auch Ausschau nach einem geeigneten Nachfolger halten. Und das war gar nicht so einfach. Die wollten ja auch, dass es jemand in deren Sinne fortführt und nicht einfach was komplett Neues daraus macht. Bei mir war es halt ein perfekter Zeitpunkt, weil ich hatte grad fertig studiert, hatte ein paar Nebenjobs und wusste nicht so richtig, was ich machen will. Also ich hatte verschiedene Jobs, die mich alle nicht wirklich glücklich gemacht haben, und ich wollte wirklich gerne was Eigenes haben. Also diese Selbstständigkeit hat mich schon immer fasziniert. Und dann kam diese Gelegenheit, dieses coole Produkt Bier, mit dem ich gerade angefangen hatte, mich ein bisschen auseinander zu setzen, und dann diese Möglichkeit, einen eigenen Laden zu betreiben. Und dann war es aber wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Wir haben uns mit den Jungs zusammengesetzt. Dann habe ich im Mai 2016 den Laden übernommen. Vorher habe ich noch drei Monate Praktikum dort gemacht quasi, wo die beiden Jungs, also Kolja und Alexander, mir alles erklärt haben rund ums Thema Bier und wie man einen Einzelhandel führt. Und das hat dann irgendwie geklappt. Im Mai haben sie mich dann alleine gelassen und ich weiß noch, wie ich ziemlich überfordert war eine Zeit lang. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben.

Holger: Das ist ein gutes Stichwort, um das erste Bier aufzumachen.

Janina Crowder: Oh, allerdings!

Holger: Man wächst mit seinen Aufgaben ist ein gutes Stichwort. Also die Gäste sind sowieso immer zuerst dran und jetzt auch noch doppelt mit Ladies First. Lasst uns doch mal daran teilhaben, was ihr euch für heute überlegt habt.

Janina Crowder: Danke! Wir sitzen ja an der Quelle und konnten uns daher gar nicht so richtig entscheiden, was wir heute probieren wollen, und haben uns für ein verrücktes, ein regionales und ein anderes deutsches Bier entschieden. Und jetzt fangen wir erstmal mit dem etwas außergewöhnlicherem an. Das ist ein Bier von der Brauerei Tanker aus Estland. Kennt ihr die?

Markus: Ja. So ein bisschen, nicht sehr gut, aber ein bisschen schon. Mhm (bejahend).

Janina Crowder: Wir haben die auf jeden Fall ganz neu im Sortiment und die haben so ein Bier, das heißt Sauna Session (deutsch ausgesprochen) oder Sauna Session (Englisch ausgesprochen). Und das ist ein Estonian Birch Ale, also ein Birken Ale, ein Pale Ale mit Birkenblättern. Und soll an einen estnischen Saunaaufguss erinnern. Es ist aber auch ein schön leichtes Bier, weshalb man es wohl angeblich gut in der Sauna trinken kann. Das werden wir jetzt mal einschenken.

Holger: Mensch, Markus, da kommen doch Bilder auf, oder? (unv. #00:06:05.1#)

Markus: Da kommen unglaublich viele Bilder auf, allerdings auch Erinnerungen. Damit rette ich mich jetzt auch ein bisschen. Weil ich war ja schon in Estland und auch in Finnland, und in Finnland habe ich dann die Rauchsauna genossen, was ein unglaubliches Spektakel ist. Da kann ich an anderer Stelle noch mal erzählen. Aber da habe ich eben auch erlebt, dass die Finnen, die zum Beispiel beim Frühstücksbuffet kein Wort miteinander sprechen, also da ist der ganze Raum voll, 50, 60 Leute, Familien, die sitzen alle nur da und essen und reden nichts. Und in der Sauna, da haben sie dann alle ihr Bierchen ausgepackt und haben geplappert wie sonst was. Und das fand ich ganz erstaunlich. Und vielleicht ist das in Estland ja auch so.

Janina Crowder: Das klingt ja sympathisch.

Holger: Hier in München, im Nordbad, da sitzt man dann alle so gemischt in der Sauna und eigentlich redet keiner, weil man sich ja auch nicht kennt und so. Und dann hatte eine Dame doch den Impuls die andere zu fragen, in welchem Monat sie denn schwanger sei. Und dann hat die andere gesagt, ich bin ja gar nicht schwanger.

Janina Crowder: Oh no!

Holger: Und da war das dann noch stiller, aber alle sind dann innerhalb von zwei Minuten raus.

Markus: Den Spruch muss ich mir merken, wenn ich mal eine Sauna leeren will.

Janina Crowder: Oh Gott! Furchtbar peinlich.

Holger: Aber jetzt spreche doch mal, lass uns doch mal am Bier teilhaben. Also was ist denn jetzt mit diesem Estonian Birch Ale?

Chiara Crowder: Das ist wirklich mal wieder ein neues Geschmackserlebnis. Das hat man ja auch selten, wenn man so viel probiert, dass ein Bier einen wirklich komplett neu überrascht. Und das ist ein Geschmack, den ich wirklich noch nie hatte.

Janina Crowder: Ja, das stimmt. Man kann sich ja auch nicht so genau vorstellen, wie jetzt die Birke so schmeckt oder die Blätter der Birke und ich finde, das kommt, in dem Bier richtig gut rüber, dieses Waldige, Holzige.

Chiara Crowder: Genau! So ein bisschen waldig und kräuterisch schmeckt das. Ja.

Janina Crowder: Mhm (bejahend).

Chiara Crowder: Aber wirklich schön hell, so strohgelb und trüb. Riecht auch leicht fruchtig blumig, aber dann merkt man, dass da wirklich noch eine Zusatzzutat mit drin ist.

Markus: Das ist ja echt spannend. Ich kann mich erinnern, in Finnland gab‘s auch so Birkensaft, den man dann getrunken hat. Ich nehme mal an, dass das wahrscheinlich irgend so eine Art Limo war mit so ein bisschen Birkenanteil drin. Aber das hatte auch …

Holger: In jedem Bioladen gibt’s das doch, sogar in Bamberg, wahrscheinlich mit Rauchgeschmack.

Markus: Ich schaue da immer nur aufs Bierregal, Holger. Das tut mir leid.

Chiara Crowder: Bestimmt sehr gesund.

Markus: Ansonsten kenne ich die Birkenzweige auch nur aus der Sauna. Weil es gibt so eine Sauna, wo man mit Birkenzweigen durch die Luft wirbelt. Also die taucht man dann ins Wasser ein und macht damit praktisch einen Aufguss. Das ist immer extrem heiß. Krasse Sache.

Holger: Gehen wir vielleicht nochmal in euren Laden zurück. Also wie ist das denn jetzt? Also ich kann mich entsinnen, eine ganze Zeit lang war das ja so und das passt doch jetzt super auch zum Bier, was ihr euch da ausgesucht habt, da gab‘s ja dann die Craftbier-Nerds, da ging’s da drum, jeden Tag drei Biere, die ich noch nie getrunken habe, aber egal wie schräg. Ist das immer noch so, erlebt ihr da eine Veränderung im Markt? Spielen die Klassiker wieder eine Rolle? Oder ist das Programm, dass bei euch im Laden einfach nur Craftbier und dann möglichst kreativ, und ein Augustiner Hell oder so, also jetzt so aus Münchner Sicht wäre das jetzt so ein normales gutes Bier gibt’s dann gar nicht? Oder wie ist das bei euch?

Janina Crowder: Es gibt nach wie vor beides. Es gibt immer noch die Nerds, die auf der Suche nach den neuesten, verrücktesten, gehyptesten, bestbewertetsten Bieren sind. Die bedienen wir, aber auch Leute, die klassische Biere mögen. Wir stehen zum Beispiel auch total auf fränkische Biere, haben da Immer eine gute Auswahl. Oder auch ein paar traditionelle belgische Sorten sind dabei. Jetzt in den vergangenen Monaten wurde glücklicherweise die lokale Bierszene auch gut unterstützt. Da haben wir mittlerweile auch so ein paar kleine feine Brauereien. Also das ist tatsächlich wieder angestiegen im letzten Jahr. Und sonst hat man ja immer so die Trends. Also nach wie vor sind superfruchtige New England IPAs beliebt, aber auch, man hat das jetzt am Wochenende gemerkt, Sauerbiere kommen jetzt wieder, wo es so ein bisschen wärmer draußen war. Aber im Moment ist ja eigentlich noch Winter, das heißt, es werden auch wieder mehr Stouts gekauft. Wir haben aber wirklich eine richtig, richtig gute Mischung an Kunden, wirklich Profi-Trinker, sag ich mal, aber auch jeden Tag Menschen, die zum allerersten Mal in unseren Laden kommen und noch gar nicht wissen, wie ihnen geschieht und was sie erwartet. Und das macht uns dann natürlich auch richtig viel Spaß, die so heranzuführen an diese Biervielfalt. Und dann bekommen die eine nette Auswahl von nicht zu extremen Bieren. Wir wollen ja auch, dass sie nochmal wiederkommen. Und wenn man dann weiß, was ihnen geschmeckt hat, dann empfehlen wir denen halt vielleicht etwas anspruchsvollere Biere. Also wirklich ein sehr gemischter Kundenstamm, macht Spaß.

Holger: Zu normalen Zeiten bietet ihr ja sogar auch Tastings an, oder?

Janina Crowder: Mhm (bejahend). Unser Laden ist wirklich viel mehr als nur ein Bottle Shop. Es ist eigentlich ein Treffpunkt. Es sind wirklich schon sehr viele Freundschaften entstanden bei uns. Es ist ja gleichzeitig auch Ausschank, wir haben vier Zapfhähne. Man kann normalerweise es sich gemütlich machen und ein Bierchen probieren oder auch ein paar mehr. Man kommt schnell ins Gespräch und man kann bei uns nicht versacken, weil wir halt keine richtige Bar sind, sondern schon um 20 Uhr oder 21 Uhr schließen. Das ist dann noch ganz angenehm. Und Veranstaltung ist auch ein ganz wichtiges Standbein. Bier-Tastings und auch Konzerte, Comedy-Events. Wir haben alles Mögliche schon angeboten. Und so ist auch unser Kundenstamm schnell größer geworden, weil wir das auch schon von Anfang an so gemacht haben. Also eine Vielfalt von Angeboten rund ums Bier.

Holger: Toll! Das ist ja ein Paradies. Aber leider ist es so weit weg.

Janina Crowder: Ja, schade.

Markus: Na, da müssen wir halt mal hinfahren, Holger. Es wird ja bald wieder möglich sein und dann ist Hannover ja auch oft so ein Drehkreuz. Also ich bin ja oft mit dem Zug unterwegs und bin schon ziemlich oft in Hannover umgestiegen. Aber ich muss sagen, ich war noch nie so richtig wirklich in der Stadt. Also das werde ich jetzt beim nächsten Mal dann eindeutig ändern.

Holger: Aber wir sollten mal zum zweiten Bierchen übergehen. Da würde ich dich doch bitten, uns mal daran teilhaben zu lassen, was du da dir ausgesucht hast.

Markus: Ja, mache ich doch gerne. Ich habe mir heute auch ein schönes Bierchen ausgesucht, auf das ich mich schon ziemlich lange freue. Und zwar habe ich mir von BrewDog letztes Jahr die Winterbox bestellt. Das waren so ganz viele verschiedene Biere, die eben so lauter Special Editions waren. Und da haben sie die eben zusammengestellt, die konnte man als Box erwerben. Und da war ein Bier drin, da bin ich ganz gespannt drauf. Da steht drauf „Berliner Rot“ und ist eben ein in Berlin in der neuen BrewDog Location gebrautes Bier. Und zwar, also sie schreiben drauf, es sei ein Red India Pale Lager. Das heißt also, ein untergäriges Bier, ein Rotbier in gewisser Weise, aber dann eben noch mit schön viel Hopfen und so. Und da bin ich echt mal gespannt, was das alles kann. Ich mach’s mal auf. Klassisch natürlich in der Dose.

Chiara Crowder: Das klingt gut.

Markus: Die Akustik stimmt, das passt. Also da ist alles schön. Im Glas habe ich jetzt eine ziemliche Menge Schaum, eine tatsächlich richtig schöne rotbraune Farbe, die so richtig schön schimmert, also fast so rot-gold, ganz, ganz schön. Und obendrauf der Schaum ist sehr fest, so ziemlich grobporig, aber fest, und hat auch eine schöne Tönung. Ich riech mal rein. Wir haben so ein bisschen fruchtige Noten, so Mango, Pfirsich, in diese Ecke. Und es kommt aber auch schon was Malziges durc, ein bisschen Röstmalz, Malzbonbon. Probieren wir mal. Mhm (bejahend). Also am Anfang auch fruchtig, dann kommt tatsächlich eine Süße. Und hintenraus würde ich jetzt mal fieserweise behaupten, man merkt ein bisschen, dass es in der ehemaligen Stone Location gebraut ist, weil es echt eine richtig kräftige Bittere hat. Also für seine 5 % Alkohol, da ist es schon ganz schön gut dabei. Aber es ist trotzdem gerade noch so im Rahmen. Also sehr spannend und mal was völlig anderes. Also macht sehr Spaß und lässt mich auch ein bisschen dran denken, eben möglichst bald wieder auf Reisen zu gehen und dann eben auch mal in Hannover vorbeizuschauen. Insofern Prost an euch!

Chiara Crowder: Prost! Ja, das klingt lecker.

Holger: Prost, Markus! Lass es dir schmecken.

Markus: Mhm (bejahend).

Holger: Und Hannover wäre echt ein Ziel. Da kann man wirklich gut mit dem Zug hinfahren und ist selbst von München ruckzuck da. Also da geht’s ja dann geschwind über Nürnberg und Kassel und dann ist man schon da. Wenn ihr jetzt nichts dagegen habt, also der Moderatorenjob, der hat ja immer den Nachteil, dass man als letzter dran ist. Und ich würde mal direkt nachziehen, darf ich das vielleicht?

Janina Crowder: Aber sicher.

Holger: Ganz kurz.

Markus: Unbedingt!

Holger: Ich habe keine Dose, sondern ich habe eine Flasche.

Janina Crowder: Ah!

Chiara Crowder: Ah!

Markus: Geheimnisvoll!

Janina Crowder: Ja. Was ist es denn? Verrätst du es uns?

Markus: Eine leere Flasche.

Holger: Selbstverständlich! Selbstverständlich! Da gab‘s ja nur eine einzige Möglichkeit. Wenn man mit euch im Gespräch ist, dann sucht man sich ja kein schottisches Bier aus, sondern natürlich Mashsee. Das ist ja ganz klar. Und ich bin ja ein Pilstrinker und ich bin da immer eigentlich ganz empfindlich, weil ich einfach möchte, dass dieser Bierstil unberührt bleibt. Und dann bin ich eigentlich dann immer unglücklich, wenn es naturtrübe Pilsbiere sind. Aber das Beverly Pils von der Mashsee Brauerei finde ich so klasse, dass ich das verzeihe. Also das gehört sich ja eigentlich nicht, ein unfiltriertes Pils zu machen, aber an der Ecke ist es okay. Hat einen schönen Schaum, also wie gesagt, hat eine Trübung, ein ganz weißer Schaum. Und hat so eine Fruchtigkeit, die rüberkommt, also eine schöne Fruchtnote, Zitrusnote lässt sich schon vermuten. Auch ein blumiges Aroma. Da sieht man halt, das ist eine ganz typische Kalthopfung, Zitrusfrüchte, Ananas, Mango, aber eben auch schöne tolle Hopfenbittere, die auch im Nachtrunk knackig bleibt, das Bier schön schlank macht, schön trocken macht. Also wirklich auch wieder Lust auf den zweiten Schluck, das muss ja sein bei einem guten Bier. Wir hatten heute fast 19 Grad hier in München, also wirklich frühlingshaft. Man hätte den Grill anschmeißen können. Und das würde ich mir jetzt auch vorstellen. Also richtig schönes Gegrilltes und vielleicht einen leichten Salat dazu und dazu das Beverly Pils, das wäre für mich jetzt ein perfekter Abend. Aber es ist natürlich auch perfekt, mit euch den Podcast zu machen. Und ihr beiden habt ja noch zwei Biere auf dem Tisch. Deshalb würde ich sagen, wir machen einfach weiter.

Janina Crowder: Ja. Aber erstmal möchte ich euch zu eurer Bierauswahl gratulieren. Also das klingt beides wirklich sehr gut. Wenn wir es uns erlaubt, dann werden wir auch irgendwann einen Gegenbesuch antreten und euch besuchen. Dann können wir auch mal gemeinsam Bier trinken.

Holger: In München würde man sagen, habe die Ehre, habe die Ehre. Also auf jeden Fall. Ihr seid herzlich willkommen. Man kann sich auch in Bamberg treffen, also ihr kommt von Hannover und ich komme von München, das wäre doch was.

Markus: Auf jeden Fall! Also Bier haben wir genug, sowohl in meiner Garage als auch in den ganzen Brauereien hier. Und ihr seid ja offensichtlich auch Fans des fränkischen Bieres, was mich ja schon mal per se sehr freut. Und dann, natürlich, können wir das auf jeden Fall tun.

Holger: Vielleicht mache ich noch kurz, wenn ihr euch überlegt, welches der beiden Biere ihr jetzt nehmt, nochmal so einen Nachbrenner. Weil in Hannover gibt es ja den Maschsee, das ist so ein innerstädtischer See, der durch die Nazis entstanden ist, glaube ich.

Chiara Crowder: Mhm (bejahend).

Holger: Ich weiß aber nicht genau. Und die Brauerei heißt jetzt Mashsee eigentlich, von wegen Maische. Und das finde ich ganz toll irgendwie, was der Kolja da sich überlegt. Und die Biere, die sind auch echt ein Tipp. Also wer die nicht kennt, kann sich da durchprobieren. Nicht nur des Beverly Pils ist toll, sondern auch die anderen Biere sind toll.

Markus: Das Trainingslager zum Beispiel.

Holger: Ja genau! Und die beiden wären auch gute BierTalk-Gesprächspartner, wenn ich mir das so recht überlege. Aber jetzt habt ihr doch bestimmt eine Entscheidung getroffen ihr beiden?

Chiara Crowder: Ja, haben wir.

Janina Crowder: Wir haben übrigens auch noch ein Bier von Mashsee hier stehen, das trinken wir aber als letztes. Und wir haben uns jetzt entschieden für ein Bier von Lemke aus Berlin. Und das Bier hat uns ein Kunde mitgebracht als Geschenk, weil wir das selber gerade nicht im Laden haben. Und zwar es ist deren Winterbock, ein dunkler Bock mit 6,8 Volumenprozent.

Markus: Hurra! Sehr gut!

Janina Crowder: Ja, also klingt super. Die Flasche war auch quasi versiegelt. Also die hatten dann noch so ein Plastik quasi oben um den Kronkorken rum, dass da auch wirklich kein Sauerstoff und so rankommt, dass man das auch länger lagern kann. Und wir haben es jetzt aufbekommen und schauen mal, wie es schmeckt. Es ist auf jeden Fall schön dunkelbraun. Wenn man es gegen das Licht hält, leicht rötlich. Und ich glaube, das würdet ihr auch mögen. Es ist schön karamellig, ganz leicht schokoladig.

Markus: Oh, das ist gemein jetzt.

Chiara Crowder: Für die 6,8 % sehr leicht trinkbar.

Janina Crowder: Riecht schön würzig.

Chiara Crowder: Mhm (bejahend).

Markus: Ach! Das ist ja echt wunderbar. Sehr schön! Ich hab‘s bei mir auch im Kühlschrank stehen, ich hab‘s aber noch nicht aufgemacht. Insofern war ich jetzt ganz gespannt, was ihr berichtet, wie es schmeckt. Also Lemke ist ja eine meiner Lieblingsbrauereien auch, die machen tolle Sachen. Und auf den Winterbock habe ich mich auch schon so richtig gefreut. Ich habe vielleicht noch eine kurze Frage mal von meiner Seite aus. Ihr seid ja so eine komplette Familie sozusagen, die ihr da engagiert seid im Bierladen. Habt ihr ja auch schon erzählt, dass euer Vater euch so ein bisschen den Anstoß gegeben hat. Ist der denn noch mit dabei? Und vielleicht so als zweite Frage. Jetzt seid ihr ja zwei Schwestern und Janina hat erst Praktikum gemacht, hat es dann übernommen, und jetzt macht die Chiara auch Praktikum. Könnte das sein, dass du da dem so ein bisschen nachfolgst? Könntest du dir das vorstellen? Das würde mich mal interessieren. Und wie ist das überhaupt, mit seiner Schwester zusammen so einen Laden zu führen? Hat das auch mal Reibungspunkte?

Janina Crowder: Okay, ich, Janina, fang mal kurz an. Also unser Vater, der kommt immer noch regelmäßig vorbei. Er war ja nie wirklich hauptberuflich oder so mit im Kontor tätig, weil er nebenbei noch einen richtigen Job hat, wie er immer sagt. Und wenn er Feierabend hat, er arbeitet auch in Hannover, dann kommt er halt öfter vorbei und hilft uns. Er redet halt sehr gerne, kommt auch so ein bisschen aus dem Vertrieb. Er hat in der IT-Branche viel Vertriebsarbeit geleistet, deshalb liebt er es auch Kunden zu beraten. Und er hilft uns auch Biere auszuliefern. Das macht ihm einfach richtig, richtig viel Spaß. Und aus meiner Sicht ist es sehr schön, mit meiner Schwester zu arbeiten.

Chiara Crowder: Ja, das kann ich nur so bestätigen. Also ich bin 2015 nach Osnabrück zum Studieren gegangen und habe da Kunstgeschichte und Romanistik, Spanisch studiert. Ich habe mich dann aber schnell umorientiert und dann eine Ausbildung angefangen als Veranstaltungskauffrau. Und da wir nicht nur ein reiner Bottle Shop sind eigentlich, sondern auch eine Veranstaltungs-Location, hat sich das angeboten. Gerade weil diese Pandemie zu der Zeit begonnen hat, wo auch diese Bewerbungsphase war und viele aus der Eventbranche konnten sich halt keine Auszubildenden mehr wirklich leisten. Und dann habe ich mich mit Janina zusammengesetzt, ich habe nebenbei immer schon im Kontor gearbeitet so als Nebenjob, bin dann immer hin und her gependelt und es hat mir einfach super viel Spaß gemacht mit Bier zu arbeiten und jetzt das Praktikum dort machen zu dürfen, also eineinhalb Jahre wirklich Vollzeit durchgängig. Macht superviel Spaß, gerade mit der Schwester und dem Vater. Also wir verbringen superviel Zeit miteinander. Gerade das ist schön, weil ich die halt die letzten fünf Jahre gar nicht so oft gesehen habe. Ich könnte es mir schon vorstellen auch mal in diesem Bereich zu arbeiten, aber ich möchte vorher noch ein paar andere Dinge ausprobieren.

Holger: Das ist ja zu schön, um wahr zu sein eigentlich, wenn ihr das so erzählt. Also ein Traumpaar sozusagen. Und dann stelle ich mir den Vater vor, also ich habe ja auch drei Kinder, aber leider nur eine Tochter, so aus Vaterssicht muss ich sagen: Wahnsinn! Und gerade mit der Verwandtschaft, da ist es ja oft nicht so einfach. Da gilt ja der Grundsatz in der Regel: Du musst nur die gratulieren, die du magst, und die Verwandten. Und wenn wir mal den Kindermund hier zu Wort kommen lassen wollen. Aber so wie ihr das erzählt, ich glaube es euch sogar.

Janina Crowder: Ja. Es gibt ja auch viele Vorteile so gerade was Personal betrifft. Wir hatten auch schon mal andere Mitarbeiter, also so Aushilfen auf 450-Euro-Basis, das war auch immer schön. Aber es ist noch was anderes, mit Familienmitgliedern zusammenzuarbeiten, weil da halt dieses Grundvertrauen da ist. Und das fällt einem als Geschäftsinhaber dann auch viel leichter Verantwortung abzugeben, wenn man einfach dieses Vertrauen von vornherein hat.

Holger: Wirklich klasse! Markus, das sind traumhafte Zustände. Aber die sind halt da oben im Norden, weg von Bayern, und das ist die Frage. Kann man deshalb Bayern verlassen? Was meinst du?

Markus: Naja, ich denke grad schon drüber nach. Zumindest ist es jetzt mal eine Option. Weil ich meine, so der gebürtige Franke, der überlegt sich ja schon, ob er den Main nach Norden überquert. Also so ähnlich wie der gebürtige Bayer sich überlegt, ob er die Donau nach Norden überquert, so sind das eben so geistige Barrieren und alles da drüber ist ja sowieso Niemandsland. Aber jetzt ist das eben Jemandsland und das finde ich auf jeden Fall total schön. Wenn ihr mal ein bisschen aus dem Nähkästchen von jemandem plaudert, der eben so einen Laden hat, also was sind vielleicht so die schrägsten Biere, was sind so die Ladenhüter und wie geht man mit diesem Thema Mindesthaltbarkeitsdatum um? Also wenn ihr darüber reden wollen würdet. Wäre was, was mich interessieren würde, wenn ich jetzt einen Bierladen habe, weil ich hatte neulich erst wieder ein Gespräch mit meinem Steuerberater, dem ich erklären musste, dass ich zwar ganz viele Bockbiere in meinem Keller habe, aber dass die alle abgelaufen sind, dass wir sie aber trotzdem nicht abschreiben können, weil ich die noch für Veranstaltungen verwenden will. Das war eine Riesendiskussion. Also insofern bin ich mal gespannt, wie das für euch so ist. Wenn man so einen Laden hat, gibt‘s bestimmt tolle Herausforderungen.

Janina Crowder: Tatsächlich! Das Thema MHD ist immer sehr spannend. Mittlerweile haben wir das sehr gut im Griff. Ich weiß auch noch, in meiner Anfangszeit, da hatte ich ja noch nicht so viel Ahnung, ich habe halt Biere bestellt, wo ich dachte, dass sie gut sein könnten und dann kamen sie doch nicht so gut an. Und dann wurde viel zu viel Bier leider stehengelassen, dann abgelaufen und dann habe ich es halt immer kurz vor MHD reduziert verkauft. Das machen wir auch immer noch, dass die Biere, die kurz vor MHD sind, die kann man dann zum halben Preis kaufen bei uns. Ist zum Glück weniger geworden. Oft sind es tatsächlich, muss man sagen, Biere, die ein nicht so ansprechendes Äußeres haben. Das ist eigentlich gemein, weil das Bier oft eine tolle Qualität hat. Und durch unsere Beratung versuchen wir, auch dieses Bier zu verkaufen, auch wenn es nicht so schön aussieht. Aber so von sich aus wird es dann natürlich nicht so oft gekauft. Oder ja schon so sehr spezielle Biere mit wilden Hefen und so, das ist jetzt auch nicht jedermanns Sache. Die sind aber zum Glück ja auch meistens sehr lange haltbar.

Chiara Crowder: Mhm (bejahend).

Janina Crowder: Was häufig gekauft wird, ist natürlich Mashsee, alle anderen regionalen Sorten. Und das kann man eigentlich gar nicht so sagen. Die Leute sind wirklich sehr offen und probieren sich einfach durch, egal welche Bierstile.

Chiara Crowder: Ja.

Janina Crowder: Selbst Rauchbiere werden bei uns gekauft.

Markus: Selbst Rauchbiere. Holger, hast du das gehört? Sensationell! Ich bin begeistert.

Holger: Ja. Ich hab‘s gehört, ich hab‘s gehört. Und hab mir vorgestellt, was das bei dir auslöst. Das ist ja schon bei der Muttermilch mit drin gewesen beim Markus, das müsst ihr ja wissen. Und Rauchbiere polarisieren auf jeden Fall. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, wenn man den Leuten natürlich auch erzählt, was das für Biere sind, wo die herkommen, was das für eine lange, lange Tradition hat und so, und dann macht dieses Storytelling auch Geschmack. Das habe ich schon oft erlebt. Also auch bei Sauerbier, wo jetzt jemand, der gar nicht an die Hand genommen wird und einfach eben eine Erwartungshaltung hat und das dann trinkt, total erschrocken ist und es dann auch sofort ablehnt. Aber wenn man den so hinführt und ihn so ein bisschen auch vorbereitet, was dann ihn erwartet, dann klappt das eigentlich gut, oder? Also das stellt ihr doch sicher auch fest bei euch mit den Norddeutschen da oben.

Janina Crowder: Ja, da sind wir zu 100 % bei dir. Deshalb sind ja auch die Bier-Tastings so wichtig. Wir sind glücklich und dankbar über jeden, der ein Bier-Tasting bei uns macht, weil es einfach so viele erklärungsbedürftige Biere gibt. Die Leute, wenn sie die einfach blind im Supermarkt kaufen würden, sich zu Hause aufmachen, dann würden sie nie wieder, glaube ich, so ein Bier anrühren. Oder manche sagen ja dann so, ah, dieses Craftbier, das schmeckt alles nicht. Habe ich auch schon oft gehört.

Holger: Ja. Was meinst du, wie ich das hier oft höre in München. Und in meinen Augen, das ist eigentlich die Hauptaufgabe des Sommeliers, so sehe ich es zu mindestens, also gar nicht so sehr, dass der Sommelier der, wie soll ich sagen, der Übersensoriker ist, sondern für mich ist der Biersommelier so ganz klassisch jemand, der die Welten verbindet. Also was hat der Brauer sich überlegt und was will er transportieren? Und der Verbraucher, der dann interessiert ist, auch mal was anderes zu probieren. Und da ist dann das Bindeglied wirklich der Biersommelier. Und ich glaube, wenn man das gut kann, die Leute auch so abholen kann und dann auch wirklich Lust macht auf das Probieren und so, dann ist das so eine tolle Sache, weil man nur mit glücklichen Menschen zu tun hat, die auch richtig dankbar sind, dass sie das erleben dürfen. Das macht mir immer so wahnsinnig viel Spaß an der Aufgabe. Bringing people together. Und das ist fast ein Hobby geworden. Also das muss ich ehrlich sagen. Und da ist Bier der Stoff. Und jetzt gehen wir noch zu euerm dritten Bier.

Janina Crowder: Aber das hast du sehr schön gesagt. Also genauso ist es.

Chiara Crowder: Das sehen wir auch so. Ja.

Holger: Ja danke schön.

Janina Crowder: Das dritte Bier ist jetzt …

Holger: Und jetzt noch ein Heimatbier.

Chiara Crowder: Genau!

Janina Crowder: Also Mashsee, gerade was ihr vorhin schon angesprochen habt, das Beverly Pils und das TrainingsLager, das sind so unsere Go-To-Biere. Wenn wir einfach mal Lust auf ein Bier haben, dann ist es das meistens. Aber die haben natürlich ganz viele andere spannende Sorten, zum Beispiel das Xoco. Das ist ein Bier, das die Mashsee Brauerei im Jahr 2015 schon mal gebraut hat, ich glaube 2014, 2015, als sie gerade noch relativ neu waren. Und zwar war es damals ein IPA mit Kakaobohne, jetzt ist es mehr so Brown Ale mit Kakaobohne. Das war damals aber glaube ich zu früh. Da war, also vor allem in Hannover, das Thema Craftbier noch überhaupt nicht salonfähig. Also eigentlich wusste keiner, was das ist. Und die Leute waren schon überfordert, wenn sie so ein bisschen Aromahopfen im Bier hatten. Und dann war halt so ein Bier mit Kakaobohnen natürlich echt hart. Das Bier hatte zwar damals auch schon Liebhaber, aber sie haben es dann tatsächlich Ende 2015 eingestellt und dann gab’s das nicht mehr. Und im letzten Jahr hat Kolja das dann endlich wieder auf den Markt gebracht und es kommt einfach echt gut an. Und das ist ein Bier mit 6,2 Volumenprozent, hat 42 Bittereinheiten, ist mit richtig schönen echten Kakaobohnen gebraut. Und jetzt probieren wir‘s mal. Ja, man schmeckt sie sehr doll raus. Also das ist grad eine ganz frische Charge tatsächlich.

Chiara Crowder: Das stimmt, die unterscheiden sich auch immer wirklich. Ich finde zum Beispiel, dass die neue Charge viel kakaoiger schmeckt jetzt als die davor. Das mag ich zum Beispiel ganz gerne. Also im Moment sind so Brown Ales, auf jeden Fall gehören die zu meinen Favoriten.

Markus: Ich bin schon wieder fürchterlich neidisch, muss ich (unv. #00:28:31.3#). Unglaublich!

Chiara Crowder: Das Bier ist jetzt aber auch kein Dessertbier oder so, das hat immer noch so eine schöne Bittere im Nachtrunk. Also ist total gut trinkbar.

Janina Crowder: Wie eigentlich alle Mashsee Biere. Und einfach mal was Besonderes. Mashsee übrigens, vielleicht hast du das auch gesehen, Holger, du hast ja schon auf den Maschsee vorhin angespielt. Und der Maschsee ist ja sogar im Logo der Brauerei versteckt.

Holger: Der ist quasi oben ob auf der Pfanne so abgebildet in seiner Form.

Janina Crowder: Der untere Teil ist das.

Holger: Ach so! Okay.

Janina Crowder: Das ist die Silhouette des Maschsees.

Holger: Ah ja!

Janina Crowder: Mhm (bejahend).

Markus: Mal wieder was gelernt. Nicht schlecht! Mein Lieblingsbier aus dieser Schoko- und Gewürzecke ist ja nach wie vor das Xocoveza. Aber ich werde trotzdem mal das jetzt auch probieren. Das kannte ich noch nicht. Also früher habe ich es einfach nicht probiert, und wenn es das jetzt wieder gibt, werde ich mal schauen, dass ich da rankomme. Klingt auf jeden Fall sehr, sehr spannend.

Chiara Crowder: Mach mal, also schmeckt ganz anders als das Xocoveza. Aber vielleicht magst du es ja.

Markus: Ich befürchte es.

Janina Crowder: Kennst du eigentlich von Stone oder kanntest du damals das Pataskala Red IPA?

Markus: Ich glaube nicht, ehrlich gesagt. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich war bei Stone immer ein bisschen vorsichtig, weil ich habe am Anfang mal so ein Tasting mitgemacht, da haben sie irgendwie zehn Biere serviert, offiziell waren das von den Bierstilen her alle möglichen, die man kennt, also vom Rauchbier über die Berliner Weisse, über ein Export, über ein Dunkles. Und sie waren aber alle so stark gehopft, dass es eigentlich fast egal war, was es für ein Bierstil war. Und deswegen habe ich dann irgendwann mich einfach auf das Xocoveza zurückgezogen und habe wenig anderes probiert. Aber was war das denn für ein Bier?

Janina Crowder: Das Bier, was du jetzt grad von BrewDog getrunken hast, dieses Red Lager, das klingt nämlich total so von der Beschreibung wie dieses Pataskala RED IPA. Das war damals einfach fantastisch. Das war schon extrem, also auch recht bitter und so, aber es hat von der Beschreibung her genauso sich angehört wie das von BrewDog.

Markus: Vielleicht haben sie irgendwo in diesen Gemäuern das alte Rezeptbuch gefunden und …

Janina Crowder: Ja genau!

Markus: … jetzt einfach nur umgelabelt und fertig. Könnte ja sein. Ich habe noch eine Frage. Wir haben ja unter den Craftbier-Leuten schon viele Nerds dabei und viele, die sich schon sehr auch nur mit dem Bier beschäftigen und vielleicht ein bisschen Schwierigkeiten haben, so ins echte Leben, reale zwischenmenschliche Leben rüberzukommen, das irgendwie auch zu tun. Was würdet ihr denn so dem typischen deutschen männlichen Craftbier-Nerd empfehlen? Womit kann er eine Dame beeindrucken, die gerne ein Bier trinkt?

Janina Crowder: Was für eine Frage. Das wurden wir (unv. #00:30:53.6# noch nicht?) gefragt.

Holger: Finde ich auch. Was für eine Frage. Aber das ist halt Raupach, ein ganz besonderes Tierchen.

Janina Crowder: Das Thema ist gut. Ich liebe es immer, wenn jemand fragt so, was ist denn hier so das typische Frauenbier und so. Es ist eigentlich so schwer zu beantworten, weil es einfach immer auf die Frau ankommt. Was die Männer dann meistens meinen, wenn sie diese Frage stellen, ist ja ein Bier, was einfach überhaupt nicht herb schmeckt, was auf keinen Fall Pils ist und was halt eher so fruchtig süßlich ist. Da hat man dann schnell so ein belgisches Bier in der Hand, irgendwie so ein Kirsch- oder Himbeer-Bier. Aber tatsächlich kennen wir auch sehr, sehr viele Frauen, die es sehr hopfig mögen, die es auch bitter mögen, die es auch stark mögen. Das ist gar nicht mal so leicht. Da müsste man dem Mann mal noch ein paar Fragen stellen zu der Frau, die er da beeindrucken möchte.

Chiara Crowder: Aber ich denke, mit so einem schönen, fruchtigen New England IPA kann man nicht so viel falsch machen.

Janina Crowder: Ja genau. Das stimmt, das kommt meistens auch sehr gut an.

Holger: So, jetzt Markus, welche Frau möchtest du denn gerne beeindrucken? Sag doch.

Markus: Ich bin grad noch am Überlegen. Ich habe gerade überlegt, das mit dem New England IPA, da würde man ja auch mich irgendwie rumkriegen. Also insofern ist es alles gut. Ich erinnere mich an so Szenen, ich habe ja auch über die Berliner Bierkultur schon ein paar Bücher geschrieben und war dann immer recherchieren, und da gab’s halt schon so einschlägige Locations, wo dann in der Mitte so der bärtige Barkeeper ist und drum herum sind so 20 Männer irgendwo zwischen 19 und 27 oder so, haben dann alle ihre Zettelchen und Heftchen oder Handys mit Untappd oder so und probieren ein Bier nach dem anderen und schauen nicht rechts und links. Und da fragt man sich immer so ein bisschen, ist das der einzige Lebensinhalt, da jetzt zu sitzen und dieses Bier zu trinken? Da habe ich mir eben überlegt, was kann man denen an der Stelle, weil die einen oder anderen hören ja vielleicht auch unseren Podcast, mal so als Tipp geben, wenn sie da eben sehen, da sind vielleicht zwei junge Damen so wie ihr, sitzen da und trinken auch Bier. Wie kann man da mal eine Connection starten irgendwie, dass man aus diesem Nur-Bier-Trink-Thema rauskommt. Aber ihr müsst es natürlich nicht beantworten. War nur so eine Idee, wenn wir euch schon mal dahaben.

Holger: Aus meiner Sicht haben sie es ja beantwortet. Sie haben ja gesagt, es kommt auf die Frau an. Und das ist dann ja in deiner Situation, die du jetzt gerade beschreibst, ganz kompliziert, weil man kennt die ja nicht. Also na ja. Aber wann haben wir uns kennengelernt? Wir haben uns kennengelernt über Clubhouse. Und da würde ich ganz gern auch nochmal mit euch darüber sprechen. Was haltet ihr denn jetzt da von diesem neuen Scheiß? Ist das einfach nur ein neuer Zeitfresser oder ist das interessant, oder? Wie seht ihr das?

Chiara Crowder: Ich finde es nach wie vor ganz spannend. Ich habe noch nicht so viel Zeit in der App verbracht, obwohl es ja durchaus leicht passieren kann, dieser niemals endende Podcast, den diese App quasi darstellt. Ist schon verlockend. Mir hat es Spaß gemacht, wenn man in so kleinen Runden war, in denen man selber auch mitreden konnte. Das war eigentlich immer bis jetzt das Schönste für mich und hatte auch den größten Mehrwert, als wenn man da in so einem Raum mit 500 Leuten ist, wo dann gerade Leute miteinander reden zu einem Thema oder gerade eine bestimmte Frage stellen, die einen persönlich gar nicht betrifft oder interessiert. Ich finde es gefährlich, weil man da schnell seine Zeit mit verschwenden kann, aber ich sehe auch sehr viel Potenzial. Gerade solche Bier-Räume, wie wir da eröffnet haben bislang, das war schon immer schön, auch mit anderen Bier-Liebhabern in Kontakt zu treten. Und auch in anderen Bereichen, wenn du dich für irgendein Thema interessierst, dann eröffnest du einfach einen Room unter dem Namen und dann triffst du Gleichgesinnte. So gesehen ist das schon schön. Man muss halt aufpassen, wem man folgt und in welche Räume man geht und dann kann man da auch ein sehr positives Erlebnis haben, finde ich.

Janina Crowder: Ja, da gebe ich dir auf jeden Fall recht. Viele vermissen ja auch diese Interaktion mit verschiedenen Menschen, die sie vielleicht in einer Bar oder sowas gehabt hätten. Und dann ist da Clubhouse halt der perfekte Ort für. Sonst wären wir vielleicht auch jetzt nicht so schnell ins Gespräch gekommen.

Chiara Crowder: Genau!

Janina Crowder: Und so muss man das ja auch sehen. Und gerade ich habe auch durch Clubhouse in sehr, sehr kurzer Zeit richtig viele neue Bier Connections machen können. Und viele wissen jetzt auch, wer ich bin. Ich kenne viele neue Leute und das macht natürlich Spaß.

Markus: Mir ist was ganz Witziges aufgefallen, jetzt schon den halben Podcast lang. Weil bei Clubhouse ist es ja so, wenn man jemandem zustimmt bei dem, was er gerade sagt, dann drückt man relativ schnell auf das Mikrofonsymbol und signalisiert damit so eine Art Klatschen oder Beifall. Und das ist mir jetzt schon bestimmt fünf-, sechsmal während unseres Podcasts passiert, dass ich entweder euch oder dem Holger gerne Beifall gespendet hätte und mir überlegt habe, macht das jetzt Sinn auf den Mikrofonknopf zu drücken? Insofern, man kommt tatsächlich da irgendwie so ein bisschen rein. Und ich glaube auch, … ah, ihr habt die Suchfunktion, sehr gut, genau. Also für die Hörer, die es jetzt nicht sehen können, die Damen haben sehr clever natürlich bei Zoom, mit dem wir den Podcast aufzeichnen, die Klatsch-Symbolik entdeckt und gedrückt. Stimmt! Das hätte ich auch machen können. Wie gesagt, ich finde auch, es ist eine tolle Geschichte. Ich bin völlig bei euch, dass diese sehr vollen Räume relativ wenig Mehrwert haben und dass es schon Spaß macht in so kleinen Gruppen zu sein. Und auch, dass man sehr schnell intensiv Kontakt aufnehmen kann. Ich bin mal gespannt, wohin da die Reise geht. Das ist eine schöne Ergänzung irgendwie. Und man muss es aber, glaube ich, tatsächlich ein bisschen unter Kontrolle haben, sonst ist man da schnell auch ganz viele Stunden irgendwo versumpft. Holger, wo warst du denn überall schon auf Clubhouse außerhalb von unseren Räumen?

Holger: Bei mir ist es wirklich so, deshalb habe ich die Frage auch gestellt, ich werde da nicht so richtig warm mit. Vom Thema her bin ich dann doch immer irgendwie bei den Getränke-Podcasts, auch gerne bei den Wein-Sachen, weil man sich von den Wein-Leuten immer auch viel abschauen kann oder in dem Fall abhören kann. Aber so richtig erfasst hat mich das noch nicht. Also ich finde das zwar spannend und wir machen ja dann sonntags immer unsere Sendung und versuchen immer dann auch die Leute zu motivieren, uns Wünsche mitzuteilen, und haben jetzt letzten Sonntag zum Beispiel das Thema englische Biere gemacht, und das war ja auch ein Wunsch aus der Community. Ich fände zum Beispiel ganz toll, wenn man den BierTalk so nachbesprechen kann. Im Moment sind ja nur wir unter uns und irgendwann hören uns dann ganz viele Leute zu, also wir haben ja 30.000 Hörer schon jetzt im BierTalk. Und da wäre für mich Clubhouse so ein Format, das würde ich gerne irgendwie etablieren, dass man den BierTalk nochmal nachbespricht. Ich könnte mir jetzt vorstellen, jetzt gerade bei euch beiden auch, da sind jetzt ganz viele, die jetzt diesen BierTalk dann hören und sich denken, Mensch, warum haben die nicht diese Frage gestellt oder ich hätte jetzt gern noch mal da vertieft mit denen geredet oder so. Und da wäre Clubhouse so ideal in meinen Augen, so eine Nachbesprechung vom BierTalk zu machen, wo alle dann dabei sein können. Weil im Moment können eben nicht alle dabei sein, sondern nur zuhören. Und so finde ich Clubhouse spannend. Aber das ist uns noch nicht gelungen, das so in diese Richtung zu entwickeln.

Chiara Crowder: Hast du das auch schon gehört, dass einige Podcaster das ja auch so machen, dass sie ihre Podcast-Aufzeichnung, so wie wir jetzt gerade miteinander sprechen, dass die das live auf Clubhouse streamen, sodass die Leute quasi einen Live-Podcast haben. Und den Podcast an sich kann man dann später noch in der Podcast App sich anhören. Und danach könnte man diesen Talk ja öffnen für noch weitere Fragen. Das wäre eigentlich auch eine ganz coole Möglichkeit.

Janina Crowder: Mhm (bejahend).

Markus: Das stimmt, also das wäre eine coole Möglichkeit. Und vielleicht auch andersrum, das könnte man mit euch ja auch machen, also kann man jetzt mal vielleicht ganz offiziell den Aufruf starten, liebe Hörer, wenn ihr den Podcast hört – wir starten ja normalerweise immer samstags mit den neuen Folgen – dann wären wir jetzt am Sonntag danach sozusagen mit den beiden Damen nochmal im Clubhouse in unserem BierTalk Room und dort könntet ihr dann euch natürlich auch noch mal unterhalten und Fragen stellen und das Ganze ein bisschen nachbetrachten. Wenn ihr beide dazu bereit wäret, dann könnten wir das vielleicht einfach mal ausprobieren.

Janina Crowder: Ja sofort. Sagt uns einfach Bescheid.

Holger: Vor allen Dingen könntet ihr dann ja auch erzählen, wie ihr euch gefühlt habt. So nach dem Motto, um Gottes Willen, ihr könnt euch nicht vorstellen, was das bedeutet, da an diesem BierTalk teilzunehmen und so. Das könntet ihr ja dann alles sagen und uns da ganz furchtbar bloßstellen. Aber zum Glück haben wir dann ja ein Bierchen und können uns das alles schön trinken. Ja, jetzt sind wir schon zu Ende. Das ist schade. Man könnte jetzt so in einer Tour weitersprechen, aber wir haben ja so eine kleine Selbstbeschränkung, dass wir sagen, komm, wir wollen so bei maximal 45 Minuten, zwischen 30 und 45 Minuten sein. Und da sind wir jetzt. Ich kann mich nur bei euch wirklich ganz herzlich bedanken, das war ganz, ganz toll, was ganz Besonderes. Ich habe auch genossen, so richtig Hochdeutsch mal wieder zu hören, das war auch toll. Und ich glaube, der Markus hat sich auch richtig wohlgefühlt.

Markus: Oh ja, absolut! Zwei junge Damen, die Bier mögen, Rauchbier mögen, fränkisches Bier mögen und dann noch einen eigenen Bierladen haben, den man besuchen kann, also besser geht’s eigentlich gar nicht. Das war für mich ein ganz tolles Erlebnis. Und kann man nur allen Hörern ans Herz legen, wenn ihr aus Hannover oder Umgebung kommt, dann einfach unbedingt mal vorbeischauen. Und ansonsten gibt’s, glaube ich, auch mittlerweile virtuelle Tastings, wo man die beiden erleben kann und dementsprechend bleibt da also jeder Weg offen. Ich bedanke mich von meiner Seite, war ganz toll, hat mir viel Spaß gemacht, waren tolle Biere mit euch zusammen. Und ich freue mich dann auf unseren Clubhouse Talk, Sonntag, 17:45 Uhr. Wir werden das dann entsprechend auch noch in den Shownotes reinschreiben und ansonsten im Internet unter clubhouse.qa.

Holger: Aber das letzte Wort haben die Damen.

Janina Crowder: Danke für eure lieben Worte, eure guten Fragen, die schönen gemeinsamen Minuten, die leckeren Biere. Das hat uns sehr viel Spaß gemacht in unserem Podcast.

Chiara Crowder: Ja, es war sehr aufregend und es hat superviel Spaß gemacht.

Janina Crowder: Bis bald! Auf ein Bier!

Holger: Prost!

Markus: Auf ein Bier! Bis bald! Prost!

Janina Crowder: Prost!

Chiara Crowder: Prost!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk 56 – Interview mit René Kaplick von den Gastropiraten aus Letschin in Brandenburg

René Kaplick startete als Koch ins Berufsleben, entschied sich aber nach einigen geflogenen Pfannen für die Welt der Getränke und kam über Kaffee und Spirituosen schließlich zum Bier. Nach vielen Jahren in verschiedenen Brauereien sattelte der gebürtige Brandenburger nochmals um und berät seitdem mit seinen „Gastro-Piraten“ die Hotels und Restaurants im ganzen Land. Wir wollten wissen, welche Rolle das Bier dabei spielt und ob die Botschaft des Gerstensaftes in der Gastronomie auch gehört wird. Die Antwort ist spannend – und ein Auftrag für die Piraten und für uns…

Link für Apple/iTunes: https://podcasts.apple.com/de/podcast/biertalk/id1505720750

Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Holger: Herzlich willkommen zur Folge Nummer 56 des ehrwürdigen BierTalks. Auch heute wieder ein ganz spezieller Gast, René Kaplick von den Gastro-Piraten. Da sind wir natürlich ganz gespannt, weil erstens ist die Gastronomie in den Zeiten ein wirklich spannendes Thema und auch ein wahnsinniges Feld, wo man wahrscheinlich ganz schön ändern muss. Und da wollen wir mal sehen, wie so ein Pirat sich da dann auch bei hält. Am Mikrofon der Holger und wie immer …

Markus: … der Markus.

Holger: Wunderbar! René, herzlich willkommen bei uns im BierTalk! Vielleicht sagst du was zu dir, zu deiner Person und natürlich auch, wie wird man Pirat in der Gastronomie.

René Kaplick: Erstmal Moin da draußen an alle, die hier zuhören. Vielen Dank für die Einladung, Markus und lieber Holger, 1000 Dank. Wie wird man Pirat? Das ist eine ganz einfache Story. Ich habe mal eine Unternehmensberatung gegründet, die habe ich dann so wie die Großen mit meinem eigenen Namen betitelt, Unternehmensberatung René Kaplick. Die war nicht erfolgreich und ein guter Freund von mir aus Aschaffenburg, der hatte mir die Möglichkeit gegeben, eine Webseite zu bekommen, die er schon seit Jahren hat. Der sagte: Komm, die schenke ich dir. Nenne deine Firma so. Und daraus sind die Gastro-Piraten entstanden. Zu meinem Werdegang: Ganz normal aufgewachsen, eine Ausbildung gemacht als Koch, in der Welt unterwegs gewesen, tolle Läden kennengelernt. Aber irgendwann aufgewacht und gesagt: Nein, das ist es nicht. Du willst Geld verdienen, weil als Koch dieses Teilzeit-Arbeiten und so weiter und so fort, das war mir damals noch nichts, ich war zu jung. Meine Eltern in der Gastronomie, eigentlich hinterm Tresen im Maxi-Cosi sozusagen aufgewachsen. Und irgendwann schlug ich so das Berliner Abendblatt auf. Da war eine Stellenanzeige bei Darboven in Hamburg. Und die suchten jemand, der Kaffee verkauft. Dann habe ich gesagt: Total cool! Hat aber nicht geklappt. Ich wurde dann der Kaffee-Ausfahrer, was aber megaspannend war, weil ich ganz, ganz viele Menschen kennenlernen durfte. Ich verkaufte dann vom Auto mehr Zusatzprodukte als die jemals verkaufen hätten können. Und so hat man mich in den Verkauf reingebracht, in die nächsten Stationen, Borco-Marken-Import, die Spirituose, dann ging ich zur Flensburger Brauerei. Ich habe dann sozusagen die ersten Biereinführungen, die Experimente mit, ihr erinnert euch vielleicht, Catch the Cat mitgemacht. Dann ging‘s weiter zur Krombacher Brauerei, dann über eine Spirituosen-Firma. Und dann habe ich irgendwann gesagt: Jetzt möchte ich mein Wissen, was ich einfach über die Jahre aufgebaut habe, den Gastronomen zur Verfügung stellen und habe eine Unternehmensberatung gegründet, die Gastro-Piraten, die sich von der Existenzgründung bis hin zur Insolvenzabwehr, die Buchhaltung, die Lohnbuchhaltung, Küchenservice-Coachings, alles, was mit dem Thema erfolgreiche Gastronomie zusammenhängt, die wurde dann gegründet. Und wir sagen immer, wir sind der unfaire Wettbewerbsvorteil gegenüber allen anderen, die uns nicht haben.

Holger: Das war ja dann gleichzeitig auch der Werbeblock. Jetzt ist aber dann trotzdem spannend in so einer Zeit, also da ist jetzt beides möglich, du hast entweder so viel zu tun wie noch nie, weil du hast ja gerade von Insolvenzabwehr gesprochen. Oder gar nichts zu tun, weil deine Kunden auch nichts zu tun haben. Wie ist es denn jetzt grad?

René Kaplick: Wir haben Anfang des ersten Lockdowns ganz stark angefangen, uns mit den ganzen behördlichen Vorschriften zu beschäftigen. Und haben gesagt: Wir stecken jetzt die gesamte geballte Kraft, die wir haben mit der Manpower, in Informationssuche. Das heißt, wir haben von morgens um 8 bis abends um 22 Uhr Hotline geschaltet, wir waren für die Gastronomen bereit. Dann sozusagen Telefonhotline für Finanzierungsanfragen, wie gehe ich den Weg, über allgemeine Anfragen, und haben da richtig Gas gegeben. Arbeiteten, ich sag mal, im ersten Lockdown ganz, ganz stark daran, dass die Leute einfach wissen, wo müssen sie sich aufstellen. Das haben wir übrigens unentgeltlich gemacht, sondern einfach nur als Dankeschön für die jahrelange Zusammenarbeit mit der Branche. Und dann gab‘s den ersten Restart, dann haben wir natürlich so ein bisschen das Coaching gemacht. Und dann gab‘s die zweite Welle, dann ging‘s eigentlich schon in die Verzweiflungsphase der Gastronomie hinein: Wie geht’s überhaupt mal weiter? Und jetzt kämpfen wir ganz stark daran, den Leuten einfach eine Vision aufzustellen, sich auf den Restart vorzubereiten. Und ich hoffe, das wird auch der letzte sein. Und da kämpfen wir jetzt mit neuen Ideen, neuen Strategien, ganz stark die Gastronomie sozusagen wieder auf Kurs zu setzen.

Holger: Kannst du Beispiele nennen, also vielleicht so ein griffiges Beispiel von einem Gastronomen, der gerade einfach verzweifelt ist? Und was empfiehlst du denn: Was soll man gerade tun? Soll man sich konsolidieren, soll man neue Konzepte ausdenken, soll man Preise erhöhen? Was soll man machen grad?

René Kaplick: Das Allerwichtigste für jeden Gastronomen da draußen ist ja gerade nur eins: Ich muss mich mit meinen Zahlen beschäftigen. Ich muss mal überlegen, wo stehe ich eigentlich. Ich muss mir mal jemanden suchen, der mir meine Summen und Saldenliste erklärt. Ich muss meinen Betrieb mal anfangen zu verstehen. Weil es gibt natürlich Top-Betriebe, die brauchen darüber nicht nachdenken, weil sie machen es immer. Und dann sollte ich mir, ich sag mal, eine neue Strategie überlegen, indem ich mir einen Budgetplan baue. Das, was jeder Hotelier macht. Ein Hotel ohne Budgetplan ist unvorstellbar, aber in der Gastronomie haben wir noch nie über Budgetpläne vor zwei, drei, vier, fünf Jahren nachgedacht, wenn wir nicht schon in der Systemgastronomie waren. Das heißt, ich muss mich mit meinem Betrieb beschäftigen. Ich muss jetzt nicht neue Sachen erfinden, sondern ich muss mich einfach wirklich mal mit meinen Zahlen beschäftigen. Renner-Penner-Listen analysieren. Gucken, ist meine Speisekarte noch up to date? Kann ich in der Zukunft vielleicht neue Sachen entwickeln? Kann ich neue Produkte anbieten? Kann ich die Vision, die ich mit meinem Restaurant habe, vielleicht neu abbilden? Gehe ich weg von vegetarisch und gehe auf vegan? Weil jeder Veganer isst auch vegetarisch, aber nicht jeder Veganer isst vegetarisch. Muss ich mir da zusätzliche Felder aufbauen? Wie stelle ich mich in der Zukunft so auf, dass ich erfolgreich sein kann? Und vor allen Dingen: Was ist mein USP? Wenn ich meinen USP habe, habe meine Zahlen im Griff, dann kann ich erfolgreich in die Zukunft schauen.

Holger: Das Thema Digitalisierung in der Gastronomie, spielt das jetzt auch immer eine stärkere Rolle? Und was empfindest du in dem Zusammenhang?

René Kaplick: Es stagniert so ein bisschen. Wir haben vor drei, vier Jahren angefangen mit dem Thema Digitalisierung, haben uns damit beschäftigt, haben so round about 2500 digitale Tools weltweit uns angeschaut mit einem großen, starken Partner. Und da bin ich auch heute noch dankbar, dass ich diesen Einblick bekommen habe. Wir haben auch einen Testmarkt gemacht mit über 300 Kunden, die diese digitalen Tools einfach getestet haben, um zu gucken, ist das was für mich. Momentan sehe ich da aber, ich sag mal, eine leichte Bremse, weil wir bereiten uns auf einen Restart vor. Wir wissen noch gar nicht: Wo gehen wir einkaufen? Wieviel gehen wir einkaufen? Wie können wir in der Zukunft uns vernünftig hinstellen? Und ich finde es auch ein bisschen schade, dass wir nicht überlegen, wenn wir unsere Zahlen im Griff haben, wie können wir uns digital neu strukturieren, welche digitalen Lösungen passen eigentlich zu mir? Weil nicht alles, was digital angeboten wird, ist für mich machbar, umsetzbar, praktikabel. Und da muss ich mich halt auch noch beschäftigen. Also der Weg erstmal in die Zahlen, dann in den USP, in den Aufbau der Zukunft und wie können mir digitale Tools helfen, da muss ich mich ganz stark beschäftigen. Und da ist gerade gefühlt ein bisschen Ruhe eingekehrt.

Holger: Dieses Außer-Haus-Geschäft, also dass man über Seiten bestellt und dann die Dinge gebracht bekommt, ist das ein Thema, was noch weiter und stärker kommt? Oder erwartest du, wenn wir wieder in normale Fahrwasser hineinkommen, dass sich das wieder normalisiert und wir dann doch eher am Tisch sitzen? Oder ist das möglicherweise sogar ein Zusatzgeschäft, was dann neben dem normalen Geschäft weiterhin bleiben wird?

René Kaplick: Viele haben ja früher gar keinen Lieferservice gemacht und denken jetzt darüber nach oder haben darüber nachgedacht, das aufzubauen. Ich glaube, dass 20 bis 30 %, die jetzt einen Lieferservice haben, danach den Lieferservice einstellen werden, weil sie ihre Gäste wieder vor Ort bedienen möchten. Wo aber vielleicht ein Umdenken in den Köpfen passieren muss, ist: Wie biete ich diesen Lieferservice an? Gehe ich vielleicht mit eigenen Fahrern raus oder muss ich andere Plattformen reich machen? Kann ich nicht die Marge, die ich habe, bei mir so einkalkulieren, dass ich mir da selber eine Strategie aufbaue, um erfolgreich zu sein? Oder gehe ich nur aufs Abholgeschäft und werde das noch ein bisschen besser über einen Google-Button – man kann ja heutzutage, ohne dass man einen großen Partner braucht, bei Google seinen Liefer- oder Abholservice implementieren. Und das kostet mich kein Geld. Da muss ich überlegen: Was ist strategisch für mich richtig? Habe ich eine Auslastung? Kann ich mein Personal überhaupt dafür einsetzen oder brauche ich zusätzliches Personal? Das ist wieder die Frage, und das haben wir Holger ganz zu Anfang gesagt, eine Budgetplanung. Ich muss meine Zukunft so planen, dass ich weiß, ich habe vielleicht eine 60-prozentige Auslastung, vielleicht habe ich eine 80-prozentige Auslastung, vielleicht habe ich sogar 100 Prozent Auslastung? Wenn ich dann zusätzlich das Geschäft habe, was ich jetzt akquiriert habe, wie kann ich das überhaupt umsetzen? Schaffe ich das oder schaffe ich das nicht? Und dann muss jeder auch selber für sich entscheiden, ja, ich schaffe das oder ich stelle das erstmal wieder ein oder vielleicht sogar auf eine Sparflamme. Also da kommt eine Bestellung rein: Sorry, tut mir leid, heute ist der Gänsebraten aus. Sie können aber gerne morgen wieder bestellen. Da bereiten wir neu für Sie zu.

Holger: Eindeutig die Botschaft ist: Die Flaute, die wir jetzt haben, ganz egal, setzt schon mal die Segel und richtet sie aus. Und die könnt ihr nur richtig ausrichten, wenn ihr eine Transparenz auch im Thema Zahlen, Daten und Fakten habt. So habe ich das richtig vielleicht verstanden, oder würdest du das noch ergänzen?

René Kaplick: Vielen Dank für die Zusammenfassung!

Holger: Perfekt! Und bevor wir jetzt ins erste Bier einsteigen, Markus, dass jeder im BierTalk auch noch merkt, dass du da bist: Hast du denn eine Frage an den René, die ich jetzt so zur Eröffnung noch gar nicht gestellt habe?

René Kaplick: Ja, hallihallo! Also erstmal auch nochmal von meiner Seite aus, schön, dass wir zusammen sind. Und war ja schon ganz spannend, wir sind jetzt schon ganz tief in das ganze Thema eingestiegen. Auf der einen Seite habe ich tatsächlich auch Lust auf ein erstes Bierchen, aber stelle ich auch gerne noch einen Moment zurück. Ich glaube, ich würde einfach gerne den René noch ein bisschen mehr kennenlernen, weil das ja auch wichtig ist für unsere Hörer, dass sie sich ein bisschen mehr vorstellen können, wie unser Pirat denn zu dem geworden ist, was er ist. Du hast ja erzählt, du bist Koch, du warst bei verschiedenen Brauereien. Wie können wir uns das denn vorstellen? Da ist der kleine René da irgendwann mit seinem Schulranzen durch Hamburg gerannt und hat sagt, Mensch, ich mache jetzt mal irgendwie Gastro oder eben wegen der Eltern? Wie kam das? Wie waren so deine Erlebnisse als Koch? Was empfindest du, wenn du an diesen Beruf denkst? Ist das für dich immer noch was Spannendes oder wie gehst du mit Köchen um? Also das würde mich interessieren. Und vielleicht nach dem Bier dann natürlich auch ein bisschen was zu deiner Arbeit bei den Brauereien, ist ja auch spannend im BierTalk.

René Kaplick: Wie bin ich dazu gekommen? Ich habe übrigens nicht in Hamburg meine Karriere angefangen, sondern ich habe sie in Brandenburg angefangen. Für mich gab‘s eigentlich gar keine Alternative. Ich weiß gar nicht, warum, für mich stand immer fest, ich werde Koch. Früher wollte ich auch nicht Feuerwehrmann oder Müllmann werden, sondern ich wollte immer Koch werden, weil mich das schon immer fasziniert hat. Ich bin in der ehemaligen DDR groß geworden. Ich habe nicht ans große Reisen gedacht, sondern ich habe einfach immer dran gedacht: Okay! Ist cool. Wenn dein Vater abends nach Hause gekommen ist, der hat dir mal ein Baiser mitgebracht, der hat dann über seine Erfahrung aus seinem Job, er war in einem großen Hotel, es war einfach spannend. Ich fand den Umgang einfach auch immer toll, auch mit den Menschen. Dann bin ich in die Lehre gekommen und dann flogen die ersten Pfannen. Dann habe ich gedacht: Hey scheiße, wo bist du hier hingekommen? Ist das jetzt so cool? Weil du hast was nicht richtig gemacht, da wurde dann nicht mal „Du, du!“ gesagt, sondern dann kam gleich eine Pfanne geflogen und dann musstest du auf einmal, weiß ich nicht, den Speiseaufzug, den Schacht sauber machen. Und ich kann euch sagen, ich habe den Geruch immer noch in der Nase. Das war dann so der erste Weg. Und dann ging‘s über Berlin, die Mauer war weg, in Berlin gearbeitet, im InterConti, dann nach England gegangen. In Berlin dann wieder zurück. Das große Glück gehabt in einem großen Team dann den ersten Michelin-Stern mit zu erkochen. Ich war damals Gardemanger, also ich war in der Kalten Küche. Das war Wahnsinn, also dieses Feeling. Ich möchte das nicht missen. Ich koche heute noch leidenschaftlich gerne und ich werde das auch nicht aufgeben. Und ich habe das ganz große Glück, dass meine Frau Griechin ist. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie vielfältig dann auch wieder die griechische Küche ist und was da Spaß in einem aufkommen kann. Aber mich haben die Arbeitszeiten damals so ein bisschen getriggert. Also wenn du morgens angefangen hast um 9, dann hast du bis um 11 die Vorbereitung gemacht, dann hast du die erste Pause gehabt, dann hast du dein Mittagsgeschäft gemacht bis 14 Uhr und dann durftest du erst mal wieder Pause machen. Dann bist du wieder um 17 Uhr offiziell gekommen, dann durftest du die Abendschicht machen. Aber wenn du deine Arbeit nicht geschafft hast, dann hast du von morgens um 9 bis abends um 22:30 Uhr gearbeitet. Und da hat keiner auf irgendwelche Arbeitszeitschutzgesetze geschaut. Das war anstrengend. Das war aber auch cool, das hat mich geprägt, weil arbeiten ist wichtig. Und ich habe mich da auch selber diszipliniert und auch für die Zukunft ein wenig geformt. Und dann ging‘s in Richtung Hamburg. Weil in Berlin war keine Arbeit mehr, dann ging‘s in Richtung Hamburg. Und dann halt wie gesagt, Darboven, Spirituose und dann Brauereien. Als ich dann in die Brauerei kam, um jetzt auf den BierTalk zurückzukommen, war in Flensburg, es war wahnsinnig groß für mich. Das war eine Welt, vorher die Spirituose, das war klar, ich war in der Champagne, wurde ausgebildet als Champagner-Botschafter, in Mexiko als Tequila-Botschafter. Das war cool. Aber auf einmal kommst du in so eine altgediegene grummelige Atmosphäre. Das andere war vorher so roter Teppich und Party und wie man sich das so vorstellt. Und dann habe ich eine andere Blickweise der Branche kennengelernt. Weil dann ging‘s dann um diese ganzen Finanzierungen, wie kann ich so ein Objekt machen, die Hektoliter. Dann musst du ausrechnen, mit soundso vielen Sitzplätzen kannst du soundso viel Hektoliter machen. Und Sicherheiten. Das hat mich richtig, richtig stark geprägt. Und da war dann auch der Entschluss, dass ich in der Abendschule dann auch eine kaufmännische Ausbildung nebenbei noch mache und habe mich ausbilden lassen zum Handelsfachwirt. Und jetzt, Markus, kannst du die nächste Frage stellen.

Markus: Jetzt haben wir auf jeden Fall Durst. Und normalerweise fängt ja der Gast immer an. Vielleicht magst du kurz erzählen, was du dir für ein Bierchen genommen hast und magst es unseren Hörern vielleicht ganz kurz vorstellen und was es für eins ist.

René Kaplick: Ich habe in Gedenken an meine Zeit bei Bernhard Schadeberg mich für ein Krombacher Pils entschieden, ein sogenanntes Fernsehbier, wie man ja immer so schön sagt. Das Einfache bei diesem Bier, aber auch das Interessante ist, du hast eigentlich eine wahnsinnig einfache Möglichkeit, dieses Bier zu präsentieren, weil es schmeckt fast jedem. Das ist so der Mainstream. Ich habe eure Podcasts ja gehört, ihr habt ja ganz, ganz viele verschiedene Biere, so die auch gelagert werden und so weiter. Und beim Krombacher sage ich mir immer, kannst du nichts falschmachen. Ich hatte das Glück, dass mein Nachbar die mir gerade gebracht hat gestern. Weil ich hatte nichts mehr, ich lebe auf dem Land. Und die Feuerwehrkameraden, die müssen immer mindestens zwei Kisten Vorrat haben an Bier. Und er rief mich an, sagte: Du, ist im Angebot, 9,90 Euro die Kiste. Ich sag: Komm, pack ein! Und dann kam er gleich rüber. Und so habe ich jetzt ein schönes, leckeres Krombacher von Bernhard Schadeberg.

Holger: Helmut Schmidt, der hat mal gesagt, es könnte ein Klischee sein, aber es könnte auch wahr sein. Und wenn man dich jetzt so reden hört, dann passt das ja: Freiwillige Feuerwehr, Leber- und Pupillen-Dauertest mit Krombacher Pils.

René Kaplick: Ja und Nein. Punkt 1: Ich bin in die Feuerwehr spät eingestiegen und habe dann so meine Feuerwehrkarriere gemacht. Also du kommst ja dann irgendwie, wenn du das erste Mal da bist, das ist hier bei uns auf dem Land die einzige Kneipe auf dem Dienstag früher gewesen, wo du dann mal ein Bier trinken kannst. Ja, und dann tritt doch ein, tritt doch ein. Punkt 1 ist: In Brandenburg ist in der Feuerwehr, bei uns jedenfalls, also da trinkst du immer Berliner, das ist ganz fest. Und dann gibt’s immer, wenn wir uns dann mal treffen, so eine schöne Feuerwehr-Marmelade. Kennt ihr Feuerwehr-Marmelade?

Holger: Überhaupt nicht.

Markus: Nö!

René Kaplick: Das ist das Geilste. Da macht man übrigens Zwiebeln obendrauf.

Holger: Ach so! Das ist sozusagen ein Mettbrötchen mit Zwiebeln, oder?

René Kaplick: Jawoll! Jawoll! Die sogenannte Feuerwehr-Marmelade. Und das ist cool. So ein Mettbrötchen mit Zwiebeln, Salz und Pfeffer, ganz frisch gewolft, und dann ein schönes Pils dazu, das ist – ganz ehrlich – ich brauche nichts anderes.

Holger: Da stimme ich dir auch zu. Das kenne ich auch von zu Hause. Ich bin ja auch ein Kneipenkind. Also bei mir gab‘s noch keinen Maxi-Cosi, aber so ungefähr habe ich auch irgendwo gelegen. Das gab‘s bei uns auch. Also halbes Mettbrötchen mit Zwiebeln und dann noch Salz und Pfeffer und ein schönes KöPi. Oder eben von meiner Mutter selbstgemachte Frikadellen und die noch warm. Und die waren noch nicht ganz draußen, also quasi von der Küche an die Theke gestellt worden, da waren die weg. Da kommen jetzt Bilder hoch und Gerüche und Geschmäcker und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich glaube, ich brauche ein Bier.

René Kaplick: Holger, Frikadelle mit Senf oder mit Ketchup?

Holger: Bei mir immer Senf. Immer Senf und dann auch möglichst scharf. Also gerne auch dann so Löwensenf Extra strong, das mag ich gern. Manometer, also jetzt ist aber alles hier an Drüsen im (unv. #00:16:11.0#)

René Kaplick: Warte mal, wenn wir über das Barbecue reden und über die ersten Briskets und Spareribs, die ich immer super-gerne mache. Aber ich wollte noch eins ganz kurz reinwerfen. Natürlich lag ich in meinem Alter nicht im Maxi-Cosi, meine Tochter lag im Maxi-Cosi. Und ich habe dieses Maxi-Cosi sinnbildlich für die jetzige Generation, die uns auch hört. Also ganz ehrlich, ich weiß nicht mal, ob ich in einer Bierkiste lag oder in der Gemüsekiste. Also irgendwie war ich immer da.

Markus: Jetzt ist mein Kopfkino auch an. Ich muss auf jeden Fall jetzt mal ein Bier aufmachen, Holger. Ich komme dir jetzt einfach mal eiskalt zuvor, weil jetzt habe ich einfach mal Durst. Du kannst ja noch deine anderen Säfte, die gerade so wallen, verschlucken. Also ich mach mal hier auf. Und ich habe mir auch diesmal einen echten Klassiker ausgesucht. Und zwar habe ich mir gedacht: Gerade, wenn es eben darum geht, jetzt mal über den Zustand der Gastronomie auch zu sprechen und über die Zukunft und über die doch auch schwierige Zeit gerade, da macht es Sinn wirklich, sich vielleicht auch mal mit einem Bier zu beschäftigen, was man eben in den meisten Gastronomien auch antrifft. Ich bin halt ein bisschen weiter südlicher, deswegen ist es bei mir kein Krombacher Pils geworden, sondern ein schönes Augustiner Hell. Was ich wirklich auch immer wieder gerne mal trinke. Ich habe mir dafür jetzt sogar ein schönes spezielles Glas genommen, nämlich das Pilsglas von Spiegelau, wo das ganz besonders schön perlt und strahlt und man diese wunderschöne Farbe sieht. Und jetzt kommt mir auch der Geruch entgegen, wirklich so richtig schön ausgewogen, ein bisschen grasig vom Hopfen, und dann eben so ein bisschen Honig, Getreide. Vom Malz für ein Helles eigentlich sehr, sehr intensiv. Ich probiere mal ein Schlückchen. Ah! Wunderbar! Schön, ich freue mich auf den ersten Tag, wenn ich wieder in der Gastro sitzen kann. Habe ich schon mit Freunden ausgemacht. Also sobald die wieder aufmachen dürfen, da stehen wir um acht Uhr früh, wenn’s aufgemacht wird, vor der Tür, gehen rein und sitzen dann so lange, bis die wieder zumachen müssen. Um das einfach aufzuholen, was da jetzt alles stehengeblieben ist. Also auf jeden Fall ein tolles Bier. Ich stoße auf euch beide an, sage Prost und bin gespannt, Holger, was du jetzt dann hast in deinem Glas.

Holger: Mensch, das ist wirklich sehr ungewöhnlich. Ganz am Anfang haben wir ja immer uns auch so ein bisschen gegenseitig raten lassen. Und auf ein Augustiner Lagerbier Hell bei dir wäre ich jetzt echt nie gekommen. Das muss ich ganz klar sagen.

Markus: Auch ich kann dich noch überraschen. Schau!

Holger: Jetzt sind wir schon so lange verheiratet und du kannst mich immer noch überraschen. Das ist wirklich einmalig, wirklich einmalig. Und Augustiner ist auch einmalig. Also das muss man auch nochmal sagen, das ist ja hier in München der Mittelpunkt der Bierwelt. Und da will ich jetzt niemandem auf die Füße treten. Ihr wisst ja, ich bin auch großer Giesinger Fan, um das auch zu sagen. Und auch die anderen, alle machen tolle Biere, aber Augustiner Bräu München, das ist schon was Geniales. Und auch sowieso, alles, die Stiftung, kein Marketing, kein Trend irgendwie, sondern immer nur einfach sein Ding machen, gutes Bier raushauen und die Leute erfreuen. Und mittlerweile kriegst du ein Augustiner Hell selbst an irgendeiner Tanke in Hamburg. Da kannst du mal sehen, wie toll die Münchner auch sind, selbst für die Preußen tun sie was Gescheites. Aber jetzt zu meinem Bierchen. Also ganz anders und gibt’s jetzt auch überhaupt keine Herleitung. Und ich kann gar nicht erklären und ich habe jetzt das Bier genommen, weil … und auch ein weiterer Klassiker. Es ist ein weiterer Klassiker, aber ich habe mir eigentlich gar keine Gedanken gemacht, sondern ich habe mir das Bier einfach nur gegriffen, weil ich darauf grad Bock habe. Weil hier München ist gefühlt Frühling, also wir haben hier Frühling, also Wahnsinn, so ein tolles Wetter und warm. Also richtig schön. Und deshalb habe ich mich für ein Wit-Bier entschieden. Und zwar ein Klassiker, wie schon erwähnt, Hoegaarden Wit Blanche, in einer 0,25er Flasche. Ich habe mir ja gedacht, ich bin der Nächste, deshalb habe ich es schon aufgemacht. Aber ich nehme jetzt mal einen Schluck. Es ist ein trübes Bier, so eine schöne goldene Farbe, trübe goldleuchtende Farbe. Die Schaukrone, so richtig feinporig fest, voluminös. Und dann hat man, wie das sich für ein schönes Wit-Bier auch gehört, so eine Orangen- und Koriander-Note in der Nase. Also das ist das, was man wirklich rausriecht. Natürlich sind auch die Weizenbier-Aromen deutlich wahrzunehmen. Es gibt aber auch so eine Frucht-Aromatik. Man kann sich so an Zitrusfrüchte auch erinnern. Und dann hinterher im Antrunk kommt noch eine leichte Würze durch. Dann natürlich auch da der Koriander und die Orangenschalen sind deutlich raus zu schmecken. Ja, es ist ein Weißbier, Weizenbier, hat eine Trockenheit so im Nachtrunk. Macht in jedem Fall Lust auf einen zweiten Schluck. Und das ist es doch, oder? Also, wenn man jetzt sagt, was ist ein gutes Bier, dann ist die Antwort: Es macht Lust auf den zweiten Schluck. Also René, (unv. #00:20:49.7# trink?) nochmal einen Schluck Krombacher.

René Kaplick: Ich kann euch nur eins sagen. In der Zeit, wo ihr zwei Bier vorgestellt habt, habe ich die erste Halbliter-Flasche leer. Und ich weiß gar nicht, warum ihr so lange schnackt, weil Bier muss doch einfach nur schmecken, oder?

Holger: Kein Widerspruch. Ich bin ja in der Zeit der BierTalks sozusagen durch so eine Metamorphose gegangen. Ich musste ja anfangs immer sagen: Bitte, bitte Bier, Bier, Bier! Und er hat dann immer gelabert die ganze Zeit und hat dann also nur über irgendwelche Themen und so. Und ich habe mich da irgendwie wahrscheinlich zu stark angepasst. Du hast recht.

René Kaplick: Holger, ich biete dir jetzt was an. Du kommst zu uns in den Podcast und wir sprechen 3 Stunden über 200 Biere. Und ich möchte, dass du diese 200 Biere vor dir hast und sie alle hintereinander trinkst. Und ich bin gespannt, wie du dann bei dem 200. Bier die Beschreibung des Biers durchziehst.

Holger: Hahaha! Wahrscheinlich brauche ich dann nicht mal 200. Also ich kann einiges vertragen, würde ich jetzt behaupten, aber 200 Biere, die kann ich dann nur verkosten. Sowie der Markus das dann, der gibt da ja immer an, wenn er dann im Judge in irgendeinem Wettbewerb ist, dann sagt er immer: Also wir machen so am Tag 70 Biere. He-he! Natürlich schlucken wir auch, weil wir sind ja keine Wein-Fuzzis. Ha! Das sagt der immer. Oder, Markus?

Markus: Naja, ganz so sage ich es nicht, aber natürlich muss man jedes Bier probieren. Das ist ja logisch. Man muss sich ja irgendwie einen Eindruck davon verschaffen. Aber es geht halt auch um die Disziplin drumherum. Auf jeden Fall wäre das, glaube ich, dann zumindest für einige Zeit dein letzter Podcast. Und eurer, für René wahrscheinlich einer der beliebtesten, wenn man das so mitverfolgt. Aber vielleicht an der Stelle mal noch an dich die Frage, René, inwiefern spielt denn Bier in deiner Arbeit in der Gastroberatung eine Rolle? Also ist das, zum Beispiel, wenn man auf die Zahlen und Fakten schaut, ist das in der Gastronomie ein Punkt oder ist das eher so ein Durchlaufposten? Und erkennst du, dass es vielleicht Gastronomen gibt, die mit dem Thema Bier anders umgehen, da vielleicht auch mehr daraus machen oder eben nicht oder so? Das würde mich mal interessieren, ob du da irgendwie Entwicklungen absehen kannst oder wie man dem Thema Bier da begegnet in der Beratung.

René Kaplick: Rein theoretisch müsste ich ja sagen, Bier ist ein ganz wichtiges Thema für mich, weil ich komme aus der Bierbranche, ich weiß genau Bescheid, ich weiß, wie man Bier zapft, ich kenne die Hygienevorschriften, ich kenne dieses, wie gehst du damit um, was machst du mit den Leitungen. Aber ich kann euch sagen, in zehn Jahren, in zehn Jahren Gastro Piraten, also wir sind länger am Markt, aber trotzdem, die letzten zehn Jahre nicht ein einziges Mal hat mich jemand etwas über Bier gefragt, noch nie. Und ich glaube, auch in den nächsten zehn Jahren, außer der Podcast wird jetzt viel gehört, wird mich keiner fragen. Bier und das ganze Drumherum ist immer eine Kopfsache. Seid mir nicht böse, aber in der Gastronomie, wer zahlt die meiste Kohle? Und das finde ich wahnsinnig traurig, weil wir uns damit auch ein bisschen einschränken. Und das könnte mal zum Thema werden, dass wir sagen, wenn du nicht die Finanzierung der Brauerei brauchst, also lieber Herr Schadeberg, ich mag Ihr Bier und ich mag auch Ihre Finanzierung, aber trotzdem, dass man da mehr Freiheit bekommt, dann könnte es spannender werden auch in der Gastronomie-Landschaft. Aber solange es immer noch so, die Brauerei zahlt, ich nehme deren Bier, ist bei uns noch nie ein Thema das Bier gewesen.

Markus: Nur nochmal kurz als Nachfrage. Das heißt also, du erlebst es so, dass die Gastronomien sowieso an eine Brauerei gebunden sind und dass einfach durch Langfristverträge, durch Finanzierung so zementiert ist und dann müssen sie auch das Bier abnehmen, müssen es auch bezahlen zu den Preisen, die da vorgeschrieben sind, und deswegen ist das einfach ein unumstößlicher Faktor, an dem man dann auch nicht rüttelt, sondern da baut man dann halt drum rum?

René Kaplick: Ich sag mal, gut zusammengefasst. Aber nochmal, die Frage war ja, was ist bei dir in der Beratung das Thema Bier? Bei mir in der Beratung ist das Thema Bier null und nichtig, noch nie, wirklich noch nie jemals besprochen worden. Ich finde es sehr spannend, aber ich werde da auch nicht darüber sprechen, weil ich sag mal, bei einer Existenzgründung, da geht’s ums Konzept, da geht’s um die Speisen. Da geht’s natürlich auch um die Getränke, was brauche ich für Weine, vielleicht auch das Bier. Ich will das jetzt nicht nach unten nehmen, sondern man muss überlegen, was will ich darstellen. Vorhin ja auch mal gesagt, der USP. Aber es gab, nochmal, Markus, und ich denke jetzt auch gerade selber darüber nach, warum habe ich eigentlich in den letzten zehn Jahren nie über das Thema Bier gesprochen bei einer Beratung, vielleicht werde ich das jetzt durch euch, Markus und Holger, durch dieses Gespräch hier mal aufnehmen. Aber ich glaube, dass das in der Unternehmensberatung in der Wertigkeit ganz weit unten ist, weil wir beraten ja auch nicht, wie kriegst du das meiste Geld von einer Brauerei oder aus der Spirituose, sondern wir beraten ja, wie wirst du erfolgreicher Gastronom. Und da ist ja nicht das Bier das Ausschlaggebende, sondern die Vision desjenigen, der das Restaurant oder das Hotel aufmacht.

Holger: Aber das ist wirklich spannend, dass du das sagst. Und das empfehle ich sehr, dass ihr das aufnehmt aus verschiedensten Gründen. Also erstmal, glaube ich, nach wie vor in der Gastro spielt eine Rolle, wie wird der Gast angesprochen, wie fühlt er sich wohl, wie wird er willkommen geheißen, wie geht die Servicekraft mit dem Gast um. Und so wie du es beschreibst, sorry, dass ich das so sage, aber genau daran krankt die Gastronomie und schafft sich damit aus meiner Sicht auch selber ab. Weil es ist eigentlich nicht mehr, sage ich mal, die Kultur des Gastgebers im Vordergrund, sondern es ist im Vordergrund, wie hole ich am meisten aus dem Betrieb raus. Ich glaube, dass gerade das Thema …

René Kaplick: Nein, da möchte ich sofort widersprechen. Es geht nicht darum, wo hole ich das meiste Geld raus. Aber mal ganz ehrlich, machen wir die Diskussion auf, ist es egal, ob ich ein Paulaner oder ein Erdinger am Hahn habe oder ob ich ein Krombacher oder ein Warsteiner oder ein Flensburger oder ein Bitburger am Hahn habe, Radeberger? Das ist doch nachher nicht die Entscheidung des Gastes, ob er zu mir kommt. Die Entscheidung des Gastes ist doch, mein Interieur, mein Personal, meine Ausrichtung, meine Speisekarte, bin ich mediterran, bin ich Grieche, bin ich Italiener, bin ich Deutscher, das ist doch, was nachher entscheidet. Die Diskussion, die im Vorfeld entsteht, wer gibt mir das meiste Geld, bei der bin ich ja nicht dabei. Und die ist ja nicht ausschlaggebend, ob ich nachher Gäste bekomme. Und ich glaube nicht, dass das jetzt ein Thema ist, wo ich sage, dass wir dadurch die Gastronomie anders sehen oder anders wahrnehmen sollten.

Holger: Für mich ist es eine Haltungsfrage, René. Also das hat einfach mit einer bewussten Wahrnehmung zu tun. Und ich finde schon, das ist ein Unterschied. Wenn ich jetzt irgendwo reingehe und mir ein Bier bestelle, und da gebe ich dir auch recht, also ich will jetzt, weiß ich nicht, zu einem Chinesen gehen oder zu einem Griechen, und der hat halt das Bier am Hahn, wo er eben eine vertragliche Bindung hat, und dann gehe ich da rein, weil ich möchte gern griechisch essen. Aber wenn ich dann mein Bier wirklich in einem richtigen Glas mit der richtigen Temperatur, optimal gezapft und dann auch noch vielleicht beim Servieren das Logo nach vorne gedreht bekomme und eine Servicekraft sagt mir, Mensch, zum Wohl, und kommt vielleicht sogar auch noch mal nach drei Minuten und sagt, hey, schmeckt dir das Bier, oder kennt mich, weiß auch, ich trinke immer Pils, jetzt haben sie aber auch noch ein anderes Bier und vielleicht zwei oder drei andere Biere am Zapfhahn, und sagt, Mensch, Holgi, möchtest du nicht mal was Neues ausprobieren? Also ich möchte dir einfach mal einen Probeschluck servieren, weil wir haben da ein neues Weißbier bekommen und ich kenne dich und ich weiß ja auch, was du bestellst gleich zum Essen, und ich kann dir nur sagen, das ist eine Offenbarung im Food Pairing, dann gehe ich da raus und denk mir: Wow! Wow! Und das macht keiner mehr und das ärgert mich. Da müsst ihr als Gastro Piraten mal die Segel setzen in der Richtung.

René Kaplick: Ich stimme dir zu. Aber jetzt stellen wir uns doch mal folgende Situation vor. Ich trinke ein Krombacher, wir sind jetzt, ich sag mal, in Krombach, ein kleiner Ort. Jetzt stell dir doch mal vor, der – weiß nicht – „Hotel zum toten Hirschen“ mit einer kleinen Gaststube dabei, der bietet auf einmal Bitburger an. Was denkst denn du, was dann passiert? Kommen dann die ganzen Krombacher zu ihm, weil er dann auf einmal Bitburger hat, weil die sagen, ich will mal eine Alternative hier in der Gastronomie haben? Wir müssen ja schon wieder fünf Schritte weiterdenken. Wenn wir, ich sag mal, auf dem flachen Land sind, dann entscheide ich mir das. Aber wenn ich oben in Dithmarschen bin, will ich ein Dithmarscher Bier trinken. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich hier bei uns in der Region in Brandenburg ein Dithmarscher kriege, weil die Jungs in der Dithmarscher Brauerei, ich liebe die. Die haben wirklich ein wahnsinnig cooles Bier. Und vor allen Dingen haben sie es in der 0,33er Flasche und das ist bei der Feuerwehr verpönt. Da sagen die immer, das sind die Zündkerzen. Ich sage, dann trinkt doch 15 Zündkerzen mehr als so eine Halbe-Liter-Flasche, die dann, ich weiß nicht, nach fünf Minuten irgendwie abgestanden ist. Man muss doch immer auf die Regionalität gehen. Nicht jeder Bierkonsum ist ja in einem Restaurant gesteuert mit einer Vision des Bieres, sondern eher mit der Vision der Regionalität. Und wenn ich da jetzt reingrätsche und sage, nein, pass auf, du brauchst jetzt das wunderbare Bier mit Orangennote, (unv. #00:29:28.8# Flavor?) mit Kurkuma, das passt ja nicht überall. Also wir müssen schon die Kirche im Dorf lassen und sagen, es gibt wahnsinnig geile Biere, und eins, glaube ich, da sind wir uns darüber einig, jedes Bier in Deutschland ist nach dem Reinheitsgebot gebraut und dementsprechend eh mit einer Qualitätssicherung, in der wir sagen können, das schmeckt einfach nur okay, also wir müssen uns keine Gedanken machen, es gibt Biere, die schmecken mir nicht und es gibt Biere, die schmecken mir mega-gut, aber es gibt ja kein schlechtes Bier.

Holger: Aber das habe ich auch nicht gesagt. Ich habe auch nicht von irgendwelchem, sage ich mal, von einem Sommelier-Schnack gesprochen, sondern ganz einfach, wie zelebriere ich die Bierkultur in meinem Gasthaus, wenn ich Bier frisch gezapft anbiete und wenn ich auch dafür mit der Qualität einfach da einstehe. Weil auch in der Schankanlage kann man viel falschmachen und dann ist das nicht mehr das Bier, was die Brauerei da gemeint hat. Ich kann auch Absatzförderung machen. Wenn ich meine Bierleitungen und die Schankanlage entsprechend warte, richtig einstelle, dann merkt das der Gast und letzten Endes habe ich dann auch mehr Bierabsatz. Sondern das, was mir fehlt, und da appelliere ich dafür, ist eben, dass man auch das Bier in solchen Beratungsgesprächen, wie ihr das macht als (unv. #00:30:42.9#), einfach wiederentdeckt, um Kundenbindung zu schaffen, um ganz klar mit dem Gast in eine aktive Kommunikation zu treten. Und nichts genialer ist Bier, also Bier ist ehrlich, bodenständig, Bier ist get together. Wenn ich dieses Thema zelebriere in einer qualitativ guten und eigentlich selbstverständlichen Art, egal was ich da am Hahn habe, dann kann ich mich anders positionieren als andere. Und das Gute ist ja, es macht überhaupt keiner mehr, weil kein Mensch mehr drüber spricht. Also lasst doch die Gastronomen damit anfangen, fangt an darüber zu reden in eurem Beratungsgeschäft, weil darüber differenzieren die sich.

Markus: Ich glaube, man kann das vielleicht noch eine Abstraktion höher ziehen, weil ich glaube, letzten Endes geht’s doch den Gastronomen drum, wenn er den Gast binden will, dass er ihn im positiven Sinne überrascht. Also dass er ihm ein Erlebnis bereitet, das man sagt, wenn man da dort war, das war jetzt noch besser, als ich erwartet habe, das hat mir Spaß gemacht, da habe ich jetzt ein Erlebnis, das nehme ich mit, und da gehe ich gerne wieder hin und da lade ich auch meine Freunde ein, damit sie auch so ein schönes Erlebnis haben. Und ich glaube, was die Gastronomen so ein bisschen aus den Augen verloren haben, ist, dass auch das Bier ein Vehikel zu diesem Erlebnis sein kann. Also es ist sicher nicht das einzige, aber eben auch. Also so wie einen Gruß aus der Küche kann man auch mal einen Gruß aus der Theke servieren. Und man kann ja entweder sagen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe, ich habe ab und zu vielleicht mal irgendein besonderes Bier oder irgendein in irgendeiner Art und Weise halt anderes, als was ich normalerweise habe, und wenn mir das meine Brauerei oder mein Vertrag nicht gestattet, dann muss ich mich vielleicht mal innerhalb von einem Sortiment umschauen. Nehmen wir mal Krombacher, wenn du jetzt deinen kleinen Laden in Krombach hast, dann glaube ich, werden 99 % aller kleinen Läden in Krombach nicht das dunkle Hefeweizen von Krombacher haben. Und das wäre zum Beispiel eine Möglichkeit zu sagen: Dann gibt’s eben da mal 0,1 oder 0,2 als Gruß von der Theke, und ich versuche da mal ein bisschen dieses Thema zu spielen, die Gäste zu überraschen, beim Food Pairing zu sagen, ihr kriegt jetzt da den kleinen Lachs mit irgendwas als Begrüßungshäppchen und dazu gibt’s dann eben so ein kleines Bierchen oder so. Einfach, um das auch noch mal als Möglichkeit zu nutzen, wie ich Erlebnisse und damit auch Kundenbindung generieren kann. Und mit relativ wenig Aufwand, weil Bier im Verhältnis eher ein günstiges Mittel ist, was man da einsetzen kann.

René Kaplick: Ich würde gerne Holger mal die Frage stellen: Wenn du jetzt, ich nehme mal drei Großstädte Berlin, München und Hamburg, wo würdest du denn empfehlen hinzugehen, wo die Bierkultur noch so zelebriert wird, dass du sagst, wow, Bier ist hier ein absolutes Highlight und wird so dermaßen getragen, dass man merkt, die verstehen auch was von Bier?

Holger: In Hamburg, also würden mir mehrere Sachen einfallen, aber würde ich jetzt herausheben, ist es die Elbphilharmonie mit all dem, was Störtebeker da auf die Beine stellt und auch, was da der Chef-Biersommelier Dennis Spahn mit seinem Team auf die Beine stellt, wo es eben (unv. #00:33:34.0#) gibt, wo du die Bierstile erklärt bekommst, wo du herangeführt wirst einfach auch an Geschmäcker, wo vielleicht der ein oder andere sagen würde, Mensch, so habe ich noch nicht mal einen Wein irgendwann mal getrunken. Weil Bier kann ja viel komplexer sein als Wein. Das würde ich da in jedem Fall empfehlen. In Berlin würde mir Brauhaus Lemke am Hackeschen Markt oder am Alexanderplatz einfallen. Das ist auch vom Ambiente her Biererlebnis pur. In dem Zusammenhang, hast du jetzt nicht aufgezählt, aber würde ich auch Bayreuth nehmen, also Maisel‘s Brauerei, Liebesbier ist für mich der Ort in Deutschland vielleicht neben Berlin-Mariendorf BrewDog, wo man auch architektonisch und alles in Richtung Innenarchitektur und da stimmt ja wirklich von der Glühlampe bis hin zur Zapfanlage alles, was das Thema Hopfen und Malz und Hefe und Wasser zu bieten hat. Und dann hast du, was hast du noch gesagt, Hamburg, Berlin und was hast du noch gesagt?

Markus: München.

Holger: München. Gut, in München würde ich einfach ganz normal klassische Bierhalle aufsuchen. Nehmen wir meinetwegen die Augustiner Bierhalle auf der Neuhauser Straße, das ist in meinen Augen eine schöne Atmosphäre, wo man wirklich noch eine typische Bierhalle erleben kann, jeden Tag, die so auch vor 100 Jahren schon existiert hat. Oder nimm das Bier- und Oktoberfestmuseum, ist auch eine Augustiner Gastronomie drin in einem sehr, sehr schönen kleinen, wie soll ich sagen, also es ist eine Museumsatmosphäre. Und auch die Schank hat so ein Flair. Also da gibt’s so viele Sachen, wo ich sage, es gibt ganz, ganz viele Stellen, aber das Gros ist eben so, dass man Bier nicht wertschätzt, überhaupt nicht im Fokus hat, nebenbei laufen lässt, und die Chancen, die da drinstecken, überhaupt nicht entdeckt. Und das ist ein Feld, wo es auch so einfach ist zu überraschen. Ich gebe dem Markus zu 100 % recht, sondern es ist ja immer einmal die Erwartung zu treffen und dann gibt’s das Thema, die Erwartungen zu übertreffen. Und das Gute an dem Thema jetzt grad, was wir diskutieren, ist: Bei Bier hat kaum einer mehr überhaupt eine Erwartung. Also es ist auch total einfach, mit ganz kleinen Schritten die Erwartungen des Gastes zu übertreffen. Und da weiß ich überhaupt nicht, warum ihr das Thema nicht spielt. Überhaupt nicht.

René Kaplick: Danke dafür. Und vielleicht müssen wir auch ein bisschen daran arbeiten. Holger Eichele hat mir einen Weihnachtskalender geschickt mit ganz vielen verschiedenen Bieren. Und ich konnte dann über diesen Weihnachtskalender auch mal wieder ganz viele verschiedene Geschmäcker testen. Das war echt spannend. Vor allen Dingen, weil ich alle zwei Tage dann nur versucht habe, mal ein Bier zu trinken. Und mein Nachbar kam, sagte, oh, kenne ich nicht, kenne ich nicht, und wir haben immer die Wette gemacht, du trinkst eins, ich trink eins, also wir tauschen immer aus und wir packen das natürlich ins Glas, war ja zu Corona-Zeiten, wir haben uns auch am Zaun getroffen, also wir waren jetzt nicht zusammen, und wir probieren mal. Und das war so faszinierend, wie dann auf einmal andere Geschmäcker kamen. Da waren Biere dabei, seid mir nicht böse, die konnte ich nicht mal einen zweiten Schluck trinken, die schmeckten einfach nicht. Aber es waren auch Biere dabei, wo ich gesagt habe, wow, schade, dass ich die hier nicht kaufen kann. Ich glaube, wir müssen alle, der Markus, der Holger und ich, mal in der Zukunft vielleicht noch weiter nach draußen gehen und zu sagen, wir müssen mal eine Botschaft verkünden, wir müssen den Leuten mal erklären: Was ist Bier? Wo kommt Bier her? Und was kann Bier ausmachen für deine persönliche Zukunft, im privaten und im geschäftlichen Bereich? Das finde ich, ist, glaube ich, eine Aufgabe, die ich heute hier bei euch gelernt habe, lieber Holger, lieber Markus, und die ich mir garantiert zu Herzen nehme.

Markus: Wenn dieser Podcast gesendet wird, dann nehmen wir einfach den Sonntag drauf, da treffen wir uns sowieso immer in Clubhouse und machen um 17:45 Uhr eine Runde, so ein bisschen einerseits Nachbesprechung des Podcasts und ein bisschen auch Themen rund ums Bier, und da können wir auf jeden Fall entsprechend schon mal darauf hinweisen und sagen, da können wir dann auch erstens selber in eine Diskussion gehen und zweitens natürlich auch mit anderen in eine Diskussion gehen. Das ist jetzt ein ganz guter Auftakt, weil ich glaube, wir können sehr viel von dir lernen und du kannst vielleicht auch das eine oder andere von uns mitnehmen und das dann auch in deine Kundschaft mit weitertragen. Und ich glaube, da können wir dann auch vielleicht in der Zukunft wirklich von allen Seiten profitieren und dann eben in einem halben Jahr, in einem Jahr, wenn dann auch wieder geöffnet ist und die ersten Erfahrungen wieder gesammelt worden sind. dann machen wir mal ein Update und erzählen den Leuten, wie sich das so entwickelt hat und was wir an spannenden Dingen getan haben. Bevor wir jetzt ganz zum Schluss kommen, möchte ich noch eines erwähnen, weil ich es einfach ganz schön finde, das ist nämlich auch das, worüber wir uns intensiver kennengelernt haben: Auf Clubhouse gibt’s ja schon seit Anfang Januar jetzt eine große deutsche Community und du hast dort einen Hotel- und Gastro-Talk mitinitiiert. Und aus diesem Hotel- und Gastro-Talk heraus ist dann eine Initiative entstanden, die dann jetzt schon ein Schulprojekt finanziert hat in Togo. Und das finde ich eine ganz, ganz tolle Sache, also erstens, dass du dich da so reingehängt hast und auch die Energie hattest das durchzuziehen und dran geglaubt hast und die Leute auch entsprechend motiviert hast, und andererseits natürlich auch, dass wir jetzt wirklich da alle uns freuen, dass das entsteht und wir einfach gerade in so einer Notsituation sagen, gerade dann kümmere ich mich darum, auch anderen, denen es noch viel, viel schlechter geht, eine wirkliche Zukunft zu geben. Und da möchte ich mich einerseits bei dir bedanken und vielleicht auch nochmal kurz dir das Wort geben, dass du zwei Takte dazu sagst. Und dann können für heute, glaube ich, Schluss machen, aber eben nicht final, sondern die Leute einladen, dann jetzt am kommenden Sonntag einfach mal in Clubhouse vorbeizuschauen um 17:45 Uhr im dortigen BierTalk Q&A.

René Kaplick: Ich kann nur Danke sagen, aber ganz ehrlich, ich habe einen Kloß im Hals. Ich habe schon wieder Gänsehaut, weil das Thema, du weißt, das hat mich bewegt. Wir haben über 80 Stunden live moderiert, um diese Schule zu bauen, aus der Hospitality Branche, alle haben sich zusammengetan. Und wir werden auch eine zweite und eine dritte Schule bauen. Ich kann euch nur sagen: Wenn Ihr wissen wollt, um was es da geht, dann sprecht mit dem Markus, sprecht mit dem Holger. Ich will es hier gar nicht ausweiten, weil ich habe einen Kloß im Hals, sorry. Ich kann darüber gar nicht mehr sprechen, ich bin nur so glücklich, dass es geklappt hat.

Markus: Dann werden wir alle Leute, die da Interesse haben, auf jeden Fall informieren. Ihr findet bei Bierakademie-Website auch dazu unter unserer Seite „Unsere Verantwortung“ einen Eintrag, dort könnt ihr auch selber Spenden beitragen und das Projekt verfolgen, also insofern immer auf dem Laufenden sein und euch eben auch beteiligen. Das würde uns sehr freuen. An euch beide dann für heute auf jeden Fall vielen, vielen Dank für eure Zeit, für die Diskussion und die durchaus spannenden Gespräche rund ums Thema Bier und in der Gastro und die Beratung dazu. Und Holger, hast du dein Bier mittlerweile leer? Oder was möchtest du als Schlusswort verlieren?

Holger: Unbedingt! Wenn ich jetzt doch noch das letzte Wort haben darf, dann würde ich sagen: Jetzt weiß ich, warum ich mich heute für ein belgisches Bier entschieden habe, weil das ist auch noch mal ein schönes Beispiel, wie eben Bierkultur zelebriert werden kann. Also wenn man in Belgien in so ein schönes Bier-Café geht, dann weiß man, da ist mehr möglich. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Tschüss!

Markus: Tschüss!

René Kaplick: Tschüss und haut eine Delle ins Gastro-Universum!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk Spezial 21 – Interview mit Randolf Jorberg, Eigentümer der Beerhouse-Kette in Südafrika

Randolf Jorberg, geboren in Bochum, entschloss sich, nach einer Blitzkarriere im Digitalbusiness auf die richtige Seite im Leben zu wechseln und als Bierbar-Betreiber in Kapstadt ein neues Leben zu starten. Dort entstand das Beerhouse (beer.house), grellgelb angestrichen und mit über 100 Bieren am Hahn, schnell kamen zwei weitere Filialen dazu, bis ihn dann die organisierte Kriminalität und der äußerst strenge Lockdown inkl. sechsmonatigem Alkoholverbot auf eine schwere Probe stellten. Randolf ließ und lässt sich aber nicht unterkriegen, bewirtet seit einigen Wochen wieder seine Gäste und startete einen wohl einzigartigen Feldzug gegen die Mafia am Kap. Im BierTalk hört Ihr seine ganze Geschichte – und warum es im Beerhouse die beste Currywurst des Kontinents gibt…

Link für Apple/iTunes: https://podcasts.apple.com/de/podcast/biertalk/id1505720750

Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts BierTalk. Heute haben wir wieder ein Special, diesmal Nummer 20. Und die führen uns ja immer weit um den Globus und heute ist es so ein bisschen beides. Einerseits gehen wir nach Südafrika, andererseits gehen wir in den hohen Norden. Auf jeden Fall gehen wir zu Randolf Jorberg. Und das wird auf jeden Fall auch ein stammender BierTalk, wie immer mit mir dem Markus und …

Holger: … dem Holger.

Markus: Lieber Randolf, erstmal schön, dass du da bist. Toll, dass wir den Kontakt zu dir gefunden haben und heute deine spannende Geschichte hören. Vielleicht stellst du dich unseren Hörern einfach mal kurz selber vor, damit sie sich ein Bild machen können.

Randolf Jorberg: Ich bin Randolf Jorberg, Digital- und Bier-Unternehmer. Gebürtig aus Deutschland, im Ruhrgebiet geboren, an der Ostsee groß geworden und dann über Bochum endlich meine Heimat in Kapstadt gefunden. Dort betreibe ich, so es der Lockdown erlaubt, das Beerhouse. Das ist ein Biervielfalts-Experience-Bar-Konzept mit 99 verschiedenen Bieren, was ich seit 2013 führen darf. Da gibt es, glaube ich, ein, zwei, drei Geschichten, die ich aus dieser Zeit erzählen kann.

Markus: Wenn ich höre, 99 verschiedene Biersorten in Kapstadt und würde jetzt hier mit meinem Nachbarn in Franken darüber sprechen, dann würde der sagen: Wie, 99 verschiedene Biersorten? Das ist dann halt Becks und Heineken und Budweiser und sowas. Aber das glaube ich gar nicht, es gibt ja bestimmt spannende Biere in Südafrika. Wie hat es sich denn bei dir entwickelt und was kriege ich denn als Gast bei dir am Hahn?

Randolf Jorberg: Im Beerhouse gibt es tatsächlich the best of both worlds. Wir haben von Anfang an 99 verschiedene Biere gehabt und haben von Anfang an die Industriebiere wie auch die Craftbiere wie auch importierte Biere aller Art angeboten. Weil unser Anspruch ist, sehr inklusiv zu sein, nicht nur Craftbier und auch nicht nur World Beers anzubieten. Und wirklich den Gast dort abzuholen, wo er gerade ist, was ihm gerade schmeckt. Und dann Alternativen und neue Biere anzubieten, ohne aber jetzt den einen Freund, der vielleicht irgendwie auf das in Südafrika marktführende Black Label Bier schwört, vor den Kopf zu stoßen. Und im Endeffekt wirklich allen eine Möglichkeit zu bieten, sich im Beerhouse zu Hause zu fühlen.

Markus: Zum ersten Mal höre ich den Begriff Inklusion in Verwendung mit Bier. Aber ist spannend eben zu sagen, dann integrieren wir halt in eine breite bunte Palette auch so ein paar klassische Mainstream-Biere. Holger, du, Südafrika, ihr wart ja auch schon öfters mal zusammen sozusagen. Hast du da schon mal das Beerhouse gesehen, bist du schon mal drüber oder vielleicht sogar reingestolpert?

Holger: Ja. Also bin ich schon mal drin gewesen. Aber da haben der Randolf und ich uns noch gar nicht gekannt. Ich sag mal, Südafrika, das hat er ja gerade auch beschrieben, also Kapstadt hat ja eine unglaubliche Lebensqualität, die Lage der Stadt, auch die Stimmung innerhalb der Stadt, und man kann unglaublich viel erleben. In Südafrika sowieso, also muss man hinfahren. Wenn jemand die Gelegenheit hat das zu tun, unbedingt. Ich finde, das ist auch so ein toller Flug. Hier ab München geht’s abends weg, man fliegt zehn Stunden, es gibt keine Zeitverschiebung und ist einfach nur in der anderen Jahreszeit. Also wenn man jetzt quasi fliegen würde, hätte man Hochsommer. Ja, das wäre was. Also Corona ist halt scheiße, aber das wäre was, das auszuprobieren, was die Stadt zu bieten hat. Und der Randolf hat übrigens auch einen Blog gemacht und hat da verschiedene Reisetipps zum Besten gegeben, was man unbedingt machen muss, wenn man in Kapstadt und der Region ist. Und da lohnt es sich, auch rein zu schauen. Und ich habe die mal durchgelesen alle und das kann ich nur bestätigen. Dann hat er noch eine Cobra, also das ist so ein ganz tolles Auto mit einem Ford V8 Motor als Replika, in Lichtblau, glaube ich.

Randolf Jorberg: Mit gelbem Polster. Und ab 2021 wird es dann auch gelb umlackiert.

Holger: Also man kann es aushalten da, auf jeden Fall.

Markus: Klingt ein bisschen nach dem BVB oder nach einer Hummel. Ich weiß es noch nicht so ganz. Können wir ja gleich noch drüber sprechen. Vielleicht, Randolf, wir haben ja noch eine ganz tolle Premiere, weil wir haben zum ersten Mal einen BierTalk, in dem auch gegessen wird. Du bist, glaube ich, in den Endzügen deiner wohlverdienten Mahlzeit. Aber vielleicht lässt du uns kurz teilhaben, was du dir da rausgeholt hast, und vor allem, was du dazu trinkst.

Randolf Jorberg: Zum einen, weil es für mich einfach ein Standard mit Bier ist und zum anderen auch eine kleine kulinarische Liebesaffäre, habe ich heute mir eine Currywurst warmgemacht. Die ist jetzt zwar nicht so gut wie das, was ich gerne hätte, aber ich bin ja gerade nicht in Bochum oder in Kapstadt. In beiden Läden gibt es die aus meiner Sicht beste Soße, das Dönninghaus-Rezept, eine wirklich pikante Soße mit Wumms, die dann auch hervorragend zu einem IPA passen würde. Da ich heute jetzt aber so ein Supermarkt-Aufwärm-Ding hier habe, habe ich gedacht, kann auch ein etwas milderes Bier dazukommen. Und zwar ein Bier mit Geschichte, zu der ich emotionale Verbindungen in Südafrika gefunden habe, nämlich das And Union Sunday Pale. Bevor ich zur Currywurst komme, kurz zu And Union. Das ist eine Marke, die wurde vom absoluten Industriepionier Rui Esteves gegründet in Kapstadt. Er hat damals schon erkannt, dass Kaffee ein großes Ding wird und hat die heute größte Kaffeekette Vida e caffé gegründet, schon vor vielen Jahren. Und damit sozusagen den Markteintritt für Starbucks unmöglich gemacht, weil er schon das, was Starbucks ausmacht, viele, viele Jahre früher angeboten hat. Er war dann auch beim Thema Craftbier far ahead of the curve und hat wirklich mit in Deutschland in seinem Auftrag und nach seinen Rezepten gebrauten Bieren den Craftbier-Markt absolut vorbereitet und angeführt. Rui macht heute Mandelmilch, (unv. #00:06:12.7# Okay Jar?) oder so heißt die Marke. Und hat da, glaube ich, auch wieder einen guten Riecher. Ich muss ihm da einfach nur immer einen hohen Respekt zollen und aussprechen, da er doch tatsächlich den Markt in Südafrika vorbereitet hat und für mich auch in seinem Brew Pub zwei Blöcke von der Long Street entfernt gezeigt hat, dass es in Kapstadt in Südafrika Kunden gibt, die bereit sind, für besondere Biere mehr als doppelt so viel zu bezahlen wie für die Industriebiere von SAB. Hätte es das damals nicht gegeben, diesen Beweis, dass es Kundschaft für diese Biere gibt, hätte ich wahrscheinlich so etwas wie das Beerhouse damals nicht eröffnet. Dann kurz zu der Currywurst. Das hat auch viel mit meiner Geschichte zu tun. Bevor ich nach Kapstadt kam, bin ich von der Ostsee mit Ende der Schule nach Bochum gezogen mitten in das Partyviertel Bermudadreieck. Büro und WG waren über dem Café Konkret und über dem Union Kino. Und jeder, der sich da auskennt, weiß, das ist ein Weg von ungefähr 20 Metern. Genau dazwischen, auf dem Weg dahin befindet sich das Bratwursthaus. Und das Bratwursthaus ist die legendäre Currywurst-Bude, die von Herbert Grönemeyer in seinem Bochum-Song besungen wurde. Ich habe seitdem sicherlich in 80 verschiedenen Locations die Currywurst probiert, in vielen Ländern auf meinen Reisen, und ich habe auch bisher keine bessere Currywurst essen können. Von daher war es auch damals in der Aufbauphase vom Beerhouse so, dass, als ich den Leuten bei einem Braai, also einem Barbecue, einem Grillabend, von meinem Plan, das Beerhouse zu eröffnen, erzählt habe und dort Currywurst anzubieten, dass auf einmal jemand zu mir kam, die Gastgeberin, und meinte: Von dieser Dönninghaus hätte ich ja hier auch das Soßenrezept da. Und dadurch bin ich in den Besitz eines Scans von einem gestempelten Top-Secret-Rezept für die Original Dönninghaus-Soße gekommen, die auch heute sozusagen leicht abgewandelt so im Beerhouse noch angeboten wird. Was aus meiner Sicht natürlich so einen Teil meiner Liebeserklärung an die Currywurst ist. Aber jetzt soll’s doch um Bier gehen, denke ich.

Markus: Ja, auf jeden Fall! Trotzdem, sehr, sehr spannend. Und ich bin ja auch ein großer Freund der Currywurst und habe sie auch in verschiedenen Orten auf der Welt schon probiert. Zugegebenermaßen noch nie in Bochum, das werde ich nachholen. Bochum und Schwarz-Gelb, passt das zusammen?

Randolf Jorberg: Das Gelb habe ich nicht aus Deutschland mitgebracht, sondern das ist tatsächlich eine südafrikanische Geburt. Das war auch damals in der Aufbauphase des Beerhouses. Der Name stand, aber das Logo noch nicht. Und in dem Schaffensprozess war klar, wir brauchen eine Signalfarbe. Es war halt ganz einfach: Bier ist gelb. Damit war dann klar, dass das Gebäude, in dem wir sind, komplett gelb angemalt werden muss. Irgendwann hat es sich dann auch ergeben, dass meine Garderobe immer gelber wurde. Und mein allererster Anzug, den ich mir jemals gekauft habe, wurde auch ein gelber. Seitdem sich das eigentlich in meiner Garderobe befindet, hat die Farbe komplett überhandgenommen. Und ich habe jetzt, glaube ich, seit locker drei Jahren keinen Tag gehabt, wo ich nicht mindestens ein, zwei, drei gelbe Teile trage. Mein Auto ist gelb, mein Wohnhaus ist gelb angemalt worden. Das ist tatsächlich inzwischen zu einem dominierenden Thema meines Lebens geworden.

Markus: Das klingt ja nach dem Lieblingsort für Holger. Wie schaut’s denn bei dir aus mit einem Bierchen und welche Currywurst wünschst du dir jetzt?

Holger: Ich kann nur sagen, goldgelb im Glas. Ich weiß gar nicht, haben wir überhaupt schon auf die absolute Weltpremiere im BierTalk hingewiesen? Ich glaube, wir haben im BierTalk jetzt noch keine Speise mit Bier kombiniert. Da macht der Randolf jetzt den Anfang. Ich bin natürlich ein bisschen neidisch, dass ich jetzt keine hier habe, sondern eben nur das Bier. Aber das Bier ist natürlich was ganz Besonderes, was ich hier vor mir habe. Und zwar ist das mein Lieblings-Helles. Das ist nämlich ein Hohenthanner Tannen Hell. Es steht so richtig schön goldgelb im Glas, verbreitet schon so einen frischen, blumigen Duft und hat so eine feine Zitrusnote. Wenn man jetzt ein Schlückchen trinkt, dann ist das so eine richtig tolle Malz-Aromatik, wo es so eine milde Hopfung gibt, die wunderbar ausbalanciert ist. Ja, man denkt einfach an eine schöne Blumenwiese und ist so richtig schön in dieser Malz-Aromatik umarmt. Man könnte jetzt den Eindruck haben, wir haben es irgendwie abgestimmt, damit ich wieder über mein geliebtes Ruhrgebiet sprechen kann. Haben wir aber nicht. Ich habe das wirklich nicht gewusst. Für mich war der Randolf verortet in Kiel und in Kapstadt und Bochum und dann noch Bermudadreieck und so, Bratwursthaus. Das ist was ganz Besonderes. Hat ja auch so ein Herbert Grönemeyer in seinem berühmten Currywurst-Song besungen. Glückauf!

Randolf Jorberg: Prost! Und Bochum, …

Markus: Ja, dann!

Randolf Jorberg: … ich komme aus dir.

Markus: Na, dann Prost ihr zwei! Wunderbar! „Hoch die Tannen!“, kann man da nur sagen. Ich habe ja auch ein schönes Bierchen, ich schenke es mal ein. Und zwar habe ich mir ein bisschen was aus einer anderen Ecke ausgesucht, wobei ich euch quasi ein bisschen näherkomme, wenn man das von Franken aus sieht. Weil ich nämlich gedacht habe, ich nehme mir mal ein belgisches Bierchen. Und habe mir eine ganz klassische Oude Geuze von Boon eingeschenkt, die ganz tolle Apfel- und Birnen- und Most-Aromen hat. Man riecht auch so Apfelschale, so ein bisschen die derben Aromen, ein bisschen wilde Hefe natürlich, das gehört dazu, Holz-Aromatik, Zitrus, sehr frisch. Und wenn man das trinkt, sehr erfrischend, viel Kohlensäure, schönes Spiel zwischen so ein bisschen röstiger Süße und dann dieser Säure. Und am Ende dann der alte Hopfen, der eine schöne Bittere gibt. Also ein ganz, ganz hervorragendes Bierchen, sehr, sehr schön und sehr, sehr spannend. Dann würde es mich total interessieren, Randolf, wenn wir jetzt sagen, du bist in Deutschland, vielleicht wenn du da noch kurz erzählst, wie du dann von da so den Absprung geschafft hast. Du hast ja erzählt, du warst auch in der Software-Ecke unterwegs. Und wie ging das dann in Südafrika los? Warum macht man da ein Beerhouse auf und was erlebt man da?

Randolf Jorberg: Tja! Ich habe 98 Gulli.com gegründet, 2008 das recht erfolgreich verkauft. Dann in dem Jahr habe ich aus meiner Exit-Party heraus dann den OMClub gegründet, das ist einmal im Jahr eine Riesenparty für die gesamte Online-Marketing- und Digital-Branche in Köln. Und auch den 3gstore, also ein E-Commerce, wo wir das iPhone ohne Vertrag verkauft haben. Was ich beides von 2008 bis 2011 und darüber hinaus betrieben habe, um dann durch den OMClub festzustellen, dass mir das Thema „Menschen betrunken machen“ doch relativ gut liegt. Und dieser Kindheitstraum oder Jungen-Traum oder wie auch immer, doch meine eigene Bar zu haben, war immer irgendwie nahe am Herzen. Dann 2012 wurde ich Vater in Kapstadt und damit war auch klar, dass ich jetzt Vollzeit in Südafrika leben werde. Während ich davor immer so Sommer-Sommer gemacht habe, also immer mit den Jahreszeiten wie eine Schwalbe hin und her geflogen bin, war dann klar, jetzt baue ich vor Ort etwas auf. Da war es dann eben die Beobachtung, dass der Biermarkt sich signifikant verändert, die Bars und Restaurants vor Ort aber nicht damit Schritt hielten. Es gab nämlich in jedem Restaurant nur ein, zwei, drei Biere vom Fass und drei, vier Flaschen, und auf der anderen Seite gab‘s aber immer mehr Auswahl und auch ein gutes Angebot an Importbieren, nur eben nirgendwo unter einem Dach. Ich hatte damals dann in den USA bei Freunden mitbekommen, dass es jetzt eigentlich Mainstream ist, in Bars zu gehen, wo mindestens 40 Biere im Angebot sind. Und dann habe ich halt eben nur eins und eins zusammengezählt und gedacht, da müsste man doch ein Erlebnis drumherum schaffen, ein Tasting-Erlebnis, ein kuratiertes Bier-Erlebnis, wo eben den nicht so Bierkundigen diese große Bierauswahl schmackhaft gemacht wird. Dazu noch das passende Speisenangebot, also nicht nur Currywurst, sondern auch noch Pairings dazu und ähnliches. Damit stand das Konzept für Beerhouse und ist dann eben auch zusammen mit einem Team, was sich eingefunden hat, umgesetzt worden und am International Beer Day, dem 2. August 2013, eröffnet worden. Man kann wirklich sagen, vom Eröffnungstag an hatten wir Schlangen vor der Tür und es war wirklich ein Erfolg ab Tag eins. Und hatte eben die richtige Location direkt auf der Partystraße Long Street. Es hatte eine gute Marke, die die Menschen angezogen hat, die selbsterklärend war. Ich glaube, die häufigste Frage, die wir nur bekamen, war: Bietet ihr denn auch etwas für Nicht-Biertrinker an? Haben wir natürlich sofort gesagt, natürlich haben wir auch Softdrinks, Wein, Spirituosen, eben ein Standardangebot in dem Bereich. Haben es aber auch geschafft, unglaublich viele Südafrikaner und Südafrikanerinnen, insbesondere viele der Frauen trinken in Südafrika kein Bier, die zu überzeugen und Nicht-Biertrinkern und -Trinkerinnen zu Beer Lovern zu machen. Auch dadurch oder gerade dadurch, dass wir eben nicht nur die Lagerbiere, die Südafrikaner eben als Bier kennen, angeboten haben, sondern eben auch dieses weite Sortiment Weißbiere, belgische Fruchtbiere, IPAs, all diese Vielfalt, eben jetzt auch anzubieten und nicht nur nach dem Motto, hier ist die Karte, hier entscheide, sondern eben auch mit dem Training der Mitarbeiter, dass die eben verstehen, was man empfehlen kann, wenn der Kunde Typ X kommt. Die Kundin, die sagt, ich trinke nur Bubbly, also Prosecco, dann kann man der natürlich nicht irgendwie ein IPA empfehlen, aber ein Weißbier kommt sehr häufig gut an. Die Cocktail-Trinkerinnen, den bietet man die belgischen Fruchtbiere an und so weiter und so fort. Einfach das, was inzwischen, glaube ich, auch in Deutschland häufig in der Gastronomie angekommen ist, zumindest in der gehobenen, ist im Beerhouse eben von Tag eins an der Standard.

Markus: Ich habe mir das gerade geistig so ein bisschen vorgestellt, die Kamera ein bisschen angemacht, die so im Kopf das Ganze wiedergibt. Und macht mir richtig Lust, mal nach Südafrika zu fahren. Nun bist du jetzt aber hier in Deutschland. Hat sicherlich was damit zu tun, dass es ja in Südafrika auch einen Lockdown oder mehrere davon gibt und gab. Wie hast du denn diese Zeit erlebt und überlebt? Wo ist deine Familie? Und was passiert in so schwierigen Zeiten in so einem doch sehr zerrissenen Land wie Südafrika?

Randolf Jorberg: Da gibt es jetzt zwei Geschichten. Und das eine ist erstmal: Der Lockdown in Südafrika war wohl weltweit einer der härtesten mit den schwersten ökonomischen Konsequenzen. Zum Zeitpunkt des Lockdowns hatte ich ungefähr knapp unter 100 Mitarbeitern. Ich habe in Pretoria, also im Norden des Landes, noch einen Laden und hatte im November vor Lockdown gerade noch das Beerhouse im Tiger Valley, also 30 Minuten nördlich, eröffnet. Hatte daher eine schwache Kapitalisierung, wenig Cashflow und wusste mit der Ankündigung des Lockdowns, ich habe jetzt noch 14 Tage Cashflow. Das heißt, wie auch die Mehrzahl der Gastronomen in Land, ich musste eben alle Mitarbeiter also to lay off. Im Endeffekt das Pendant zur deutschen Kurzarbeit, nur dass das leider in Südafrika ein deutlich geringerer Betrag war, der dort bei den Arbeitnehmern ankommt. Und wir haben damals einen kompletten Shutdown gehabt. Wir durften nicht die Küche öffnen, wir durften nicht liefern, wir durften nicht zur Abholung anbieten. Es war komplett geschlossen. Und dazu noch: Es gab ein absolutes Alkohol-Verkaufsverbot. Und in mehreren Wellen von den letzten 11 Monaten, sechs Monate lang durfte keiner im Land Bier verkaufen. Das ist natürlich für einen Laden wie Beerhouse ein relativ katastrophaler Umstand. Wir sind jetzt seit einer Woche wieder geöffnet, seit genau letzten Freitag, und merken aber auch, dass mit fehlenden Touristen und einer unglaublich gestiegenen Arbeitslosigkeit, gesunkenen Nettolöhnen et cetera und natürlich auch einer gewissen Angst, die Menschen nicht mehr in die Gastronomie gehen. Sie haben sich umgewöhnt. Und wir blicken auf eine ungewisse Zukunft. Ich gehe davon aus, dass wir den Stammladen halten können. Der Vermieter in Tiger Valley ist unglaublich kooperativ, bisher. Aber sich aus diesem Tief zu erholen, das wird schwierig. Und ich bin deswegen auch vor einigen Monaten, und auch, weil es Winter in Kapstadt wurde und Sommer hier, bin ich rübergekommen mit dem Plan, drei Monate hier zu bleiben. Ich habe Europa bereist und viele Freunde zum ersten Mal länger wieder gesehen. Ich habe dann allerdings auch aus reiner Langeweile im Lockdown eine Kampagne begonnen gegen die organisierte Kriminalität in Südafrika. Dazu muss man nochmal kurz ausholen, und zwar zur Zeit der Eröffnung. Damals kamen sehr schnell, ich glaube, am ersten oder zweiten Tag nach der Eröffnung, die – man könnte sie Mafia nennen – in den Laden, um noch mitzuteilen, dass man Sicherheitsdienstleistungen anbieten würde und man sich doch gerne mit mir treffen würde. Das ging über mehrere Runden. Da wurde ein wenig Druck aufgebaut. Ich habe damals mir das Angebot von denen angeguckt und einfach nur gesagt: Jungs, ihr wollt Geld dafür, dass ihr wegbleibt, ihr bietet keine Leistung. Ich sehe das nicht ganz ein. Ich habe meine eigene Security, also ganz normal sozusagen, Türsteher, die draußen sind, die, die im Eingang stehen. Und dankend abgelehnt, freundlich, aber bestimmt. Das eskalierte langsam. Und dann auf einmal ging es ganz schnell, dass ich in einer Freitagnacht angerufen wurde und der Geschäftsführer nur sagte: Randolf, Joe is dead. Während ich auf dem Weg dorthin war, kam nur ein „Joe is dead“. In der Nacht ist Joe von vier Jungs, die einfach an die Tür kamen, gezielt abgestochen worden und ist dann wenige Minuten später im Treppenhaus des Beerhouses gestorben. Das war natürlich ein harter Schlag. Und damals war ich kurz davor, alles, was ich über diese Verbindung wusste, zu veröffentlichen, Mark Lifman, mit dem Finger auf ihn zu zeigen et cetera. Ich wusste aber auch, dass es leider zu nichts führen würde. Von daher fand damals eine Orientierung nach innen und auf unsere inneren Werte, die Beerhouse-Familie statt. Und es gab landesweit Presse und wir haben uns einfach auf Joes‘ Familie fokussiert und unterstützen seitdem seine Tochter, die damals vier Monate alt war. Das war im Juni 2015, 18 Monate nach der Eröffnung des Beerhouse. Seine Tochter hatte vor wenigen Wochen sechsten Geburtstag. Bei der Geburtstagsparty habe ich mich reingezoomt. Sie ist auf einer sehr guten Schule untergebracht und wir sind im engen Kontakt. Ich sehe mich so ein bisschen als einer ihrer Paten in der Zukunft. Und das war erst mal alles, was wir in dieser Sache machen konnten damals. Es gab interne Machtkämpfe in dieser Szene, die ich inzwischen relativ gut kenne. Während des Lockdown gab es einen Versuch diese Schutzgeld-Machenschaften aus dem Night Life, also aus den Bars und Clubs, darüber hinaus zu expandieren. Und auf einmal standen die gleichen Jungs, die sozusagen im Nachtleben versuchen, das Geld einzusammeln, auch bei einer befreundeten Brauerei und bei einer Kaffeehauskette und einer Daytime Restaurant standen die auf einmal auch vor der Tür und wollten doch jetzt da anfangen, ihr Abo sozusagen, ihre monatlichen Zahlungen einzutreiben. Und da habe ich die Gelegenheit genutzt, geplant war, dass ich noch vier, fünf Wochen in Europa bleibe, ich nutze doch diese Zeit und Phase der Sicherheit, wo auch meine Tochter nicht in Gefahr ist, da sie hier in Europa mit mir ist, ich nutze das doch, um jetzt mal eine Kampagne zu starten und die günstigeren politischen Umstände, einen neuen Präsidenten, der nicht in ähnlicher Form korrupt ist wie der alte, um da doch mal die Öffentlichkeit auf diese Umstände hinzuweisen. Das ist sehr schnell, hat das sehr weite Kreise gezogen. Ich war auf dem Cover der Sonntagszeitung, im Fernsehen, in der Deutschen Welle et cetera. Und es kam dann auch zur großen Überraschung aller Beobachter dazu, dass der Polizeiminister nach Kapstadt kam. Es gab einen großen Gruppen-Call und eine Pressekonferenz danach und danach eine Ortsbegehung, wo der Polizeiminister vor dem Beerhouse stand und sagte: Ja, der Herr Jorberg soll wissen, dass er in Zukunft hier sicher arbeiten kann und nicht mehr diese Erpresser bezahlen muss. Es gibt ein Spezial-Komitee. Und alle waren ecstatic, also begeistert, dass wir so etwas erreicht haben. Das einzige Problem ist, dass sich seitdem in Bezug auf die konkreten Ermittlungsarbeiten extrem wenig ergeben hat, also das Gegenteil eingetreten ist. Allerdings 24 Stunden später nach dem Polizeiminister stand genau dieser Mafiaboss, um den es erst mal ging, vor meinem Beerhouse und traf dort den Redakteur der Deutschen Welle, um ein 10-Sekunden-Interview zu geben und Suppe und Essen an die Bedürftigen auszuteilen. Was natürlich in Wirklichkeit nur der ausgestreckte Mittelfinger gegen den Polizeipräsidenten und mich war. Noch einen Tag später wurde der ermittelnde Polizeibeamte in diesem ganzen Verfahren vor seiner Haustür erschossen. Seitdem dreht sich sehr, sehr viel in der Öffentlichkeit um diesen gestorbenen Polizeibeamten. Es tut sich sehr viel in Sachen Aufklärung. Und gesteuert wird das unter anderem durch eine WhatsApp-Gruppe, die ich damals gestartet habe. In der ich Politiker, Medienschaffende, Polizeibeamte und Business-Menschen in einer WhatsApp-Gruppe zusammenbringe. Ich verbringe sehr viel Zeit mit diesem Thema, der Vernetzung der Menschen, Politik zu verstehen und zu lernen. Das ist eine unglaublich spannende Sache, allerdings auch eine gefährliche Sache. Es gab in diesem Kontext im Jahr 2020 und jetzt auch schon in diesem Jahr, ich glaube, so um die 12 Tote. Und ich habe beschlossen, dass ich nicht zu diesen Kollateralschäden gehören will und dementsprechend bin ich auf absehbare Zeit erstmal in Europa.

Holger: Das ist ja Wahnsinn! Das ist ja so eine richtige Mafia-Story. Ich meine, du hast aber doch auch ein laufendes Geschäft, du hast investiert, du kannst ja nie sicher sein, wenn du wieder zurückkehrst. Das ist ja Wahnsinn.

Randolf Jorberg: Das ist richtig. Aber wie ich schon gesagt habe, ich hatte nie so wenig Geschäft wie jetzt. Also meine Nichtanwesenheit konnte ich mir nie eher leisten als jetzt, da ja unser Geschäft bedingt durch das Ausbleiben von Touristen und so weiter sowieso weg ist. Und ich muss mir ganz einfach sagen: Ich werde nicht diesen kriminellen Elementen gegenüber klein beigeben. Lieber überlege ich mir andere Geschäfte, die ich machen kann, als dass ich in ein unsicheres Südafrika zurückgehe. Das heißt, ich gehe zurück, wenn diese Probleme gelöst sind. Und da gibt es glücklicherweise sehr positive Entwicklungen. Der Mörder meines Türstehers, Mister Mark Lifman, steht gerade tatsächlich vor Gericht. Nicht wegen Erpressung, nicht wegen dem Mord an meinem Türsteher, aber wegen einem anderen Mord, den er begangen hat. Einen der Mitangeklagten hat es jetzt vor fünf Tagen erwischt und der ist ermordet worden. Also er versucht natürlich auch Mitwisser und Zeugen aus dem Weg zu räumen. Aber generell ist das eine sehr positive Entwicklung, dass zum ersten Mal ein scheinbar vernünftig vorbereitetes Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet wird. Ich bin der Meinung, dass, sobald er rechtskräftig verurteilt wurde, dass ich dann auch wieder sicher zurückgehen kann. Da gibt es natürlich auch im Hintergrund dank der Gruppe, die ich dort weiterpflege, gute Indikatoren, dass auch noch andere Dinge passieren können. Ich glaube, das ist halt sozusagen auch das Spannende am Business in Südafrika. Als Unternehmer hat man ja immer Risiken, die man eingeht. Man hat immer das Risiko einer Pleite, immer das Risiko von gewissen Stressfaktoren. Und ich habe während meiner Geschäfte in Deutschland unglaublich große Frustration erlebt mit Anwälten, unnötigen Gerichtsverfahren, Kleinigkeiten, die zu riesigen Kopfschmerzen werden et cetera. Und ich persönlich kann für mich charakterlich, glaube ich, inzwischen feststellen, dass ich lieber ernste Probleme löse als irgendwelche Steuernachprüfungen, um am Ende irgendwie 10.000 Euro Kosten und 300 Euro Steuernachzahlung zu haben.

Holger: Gab‘s denn auch keine Vandalismusschäden dann in Richtung des Betriebs, sondern immer ging es nur um Personen?

Randolf Jorberg: Ja und Nein. Also es ist ja alles relativ. Das ist ein High Stakes Game, da gibt es Risiken. Natürlich hat Kriminalität in Südafrika eine andere Rolle. Natürlich hast du auch mal einen Einbruch oder ähnliches. Aber das ist jetzt nicht etwas, was aus meiner Sicht die Welt verändert. Du machst halt weiter. Africa is not for sissies. Du musst halt eine gewisse Stressresistenz haben und bereit sein, gewisse Probleme lösen zu wollen. Wenn du das kannst, dann bist du in der Lage, dort ein Business aufzubauen. Und wenn nicht, dann bleib in Deutschland und mache es dort. Und löse halt die Probleme, die es dort gibt. Ich glaube nicht, dass du weniger Probleme hast in Deutschland, du hast nur andere Probleme. Ich muss halt feststellen: Ich weiß, dass ich nicht der durchschnittliche Unternehmertyp bin, will ich auch gar nicht sein. Ich habe kein Problem damit, ein bisschen heraus zu stechen und Dinge anders zu machen und werde mir halt dementsprechend auch weiterhin meine Herausforderungen suchen.

Holger: Jetzt müssen wir irgendwie nochmal zum Bier wieder zurückkommen.

Markus: Also Herausforderungen suchen ist natürlich ein gutes Argument. Und eine Herausforderung ist natürlich auch immer das nächste Bier. Nur sind wir jetzt, glaube ich, mit unserer BierTalk-Zeit schon ganz schön am Ende. Ich würde aber vorschlagen, dass wir hoffentlich vielleicht dich dann mal wirklich in Südafrika besuchen, wenn du wieder da sein willst und sein kannst. Und dann trinken wir da mal ein Bierchen gemeinsam und zeichnen einfach unseren nächsten BierTalk auf und erzählen dann von einer Erfolgsgeschichte. Also für heute auf jeden Fall schon mal vielen, vielen Dank! Das waren ganz spannende Einblicke in eine ganz andere Welt. Und ein toller Einblick, glaube ich, für den Holger wieder mal zurück zur Currywurst.

Randolf Jorberg: Das sicherlich. Und vielleicht noch, ich habe mir, während wir schon am Sprechen waren, noch ein wahnsinnig tolles Bier, was ich hier vor wenigen Wochen gefunden habe, geöffnet, und zwar von Welde, Himburgs Braukunstkeller das Pepper Pils. Und da muss ich sagen, das sind so diese Biere, die mich wirklich begeistern. Natürlich trinke ich gerne ein gutes IPA, brewed according to style und sonst was, aber so richtig geht mir inzwischen mein Herz auf, wenn ich in Südafrika wie auch hier vor Ort wirklich besondere Biere finde, wo ich sagen kann, das schmeckt. Das ist vielleicht nicht etwas für jeden Tag oder fünf davon, aber das ist wirklich etwas, was für den einen Moment so hundertprozentig das richtige ist. Und so ein Pepper Pils mit rosa Pfefferbeeren, das sind so Biere, wo ich denke, wow, das überzeugt mich, das begeistert mich. Und das sind auch die Biere, die ich weiterhin gerne den Menschen näherbringen will, egal ob es jetzt irgendwie in Südafrika oder in Deutschland ist oder im Rest der Welt. Und wo ich denke, dass meine Aufgabe auch noch lange nicht beendet ist.

Markus: Unsere auch nicht, aber für heute. Also insofern vielen, vielen Dank für den Insight. Und ich fühle mit dir, also so ein Pepper Pils ist ein wahnsinnig interessantes und spannendes Bier, das ich selber auch gerne trinke. Holger, ich denke, du kennst das auch. Du darfst jetzt ein schönes Schlusswort finden.

Holger: Das war eine unglaubliche Reise und mal was ganz anderes. Wir haben ja einmal das Thema Food Pairing im BierTalk eröffnet, das kann man weiterspinnen das Thema. Und wir haben einfach aus einem fernen Land Gepflogenheiten kennengelernt, die ja jeder auch schon mal gehört hat. Aber ich denke, so ein Augenzeugenbericht hat eine andere Qualität und man konnte auch raushören, wie dich das beschäftigt. Also ich wünsche dir viel Kraft dabei, das alles durchzustehen und dass du da nicht zu Schaden kommst. Und vielen Dank, dass du so offen berichtet hast. Das ist ja auch nicht selbstverständlich. Also im Ruhrgebiet würde man jetzt einfach nur sagen: Glückauf!

Randolf Jorberg: Ja, ich glaube, das ist auch etwas, was ich definitiv im Ruhrgebiet gelernt habe, offen zu sprechen, mit offenem Visier in die Auseinandersetzung auch zu gehen, wenn es notwendig ist. Und gerne auf ein weiteres Mal, wenn es sich denn so ergibt.

Markus: Ciao! Und auch euch, liebe Hörer, auf Wiederhören!

Randolf Jorberg: Glückauf!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk 55 – Interview mit Dr. Martin Zarnkow, Brauer, Mälzer und Forscher an der TU München in Weihenstephan

Der gebürtige Franke Martin Zarnkow verwirklichte seinen Jugendtraum mit der Ausbildung zum Brauer und Mälzer in der Schwabacher Brauerei Leitner. Daran schloss sich ein Studium in Weihenstephan an, dem kurz nach dem Abschluss ein Ruf an den dortigen Lehrstuhl folgte. Seitdem forscht er über 20 Jahre rund ums Bier, sucht in allen Ecken der Welt nach neuen alten Hefen und veröffentlichte bereits zahlreiche Publikationen, unter anderem mit Prof. Dr. Franz Meußdoerffer das Standardwerk „Das Bier“. Im BierTalk räumt er mit allerlei Bier-Mythen auf und berichtet vom aktuellen Forschungsstand zur Herkunft der untergärigen Hefe, die nun doch nicht von einem vor Jahren in Patagonien gefundenen Mikroorganismus abstammt. Ein BierTalk, der Lust auf mehr macht, nicht nur mehr Bier, sondern auch mehr Wissen davon und darüber…

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Holger: Herzlich willkommen zum 55. BierTalk. Und bei so einer Schnapszahl haben wir natürlich wieder einen ganz besonderen Gast, ein promovierter Diplom-Brauer, Martin Zarnkow. Am Mikrofon ist der Holger und der …

Markus: Markus.

Holger: So, Martin, schön, dass du dir Zeit nimmst. Vielen Dank! Sag doch mal was zu dir. Stell dich doch mal kurz unseren Hörern vor.

Martin Zarnkow: Vielen Dank, ihr zwei! Auch vielen Dank, dass ihr mich ausgerechnet zu der Schnapszahl sprechen lasst. Und ich freue mich jetzt auf die kommende dreiviertel Stunde mit euch. Ich bin Brauer, Mälzer, und das schon ziemlich lange. Ich wusste das schon in der Schule zum Ende zum Abitur, dass ich das werden will. Das war für mich vollkommen klar. Und ich habe eine Lehre gemacht in einer sehr kleinen Brauerei im Frankenland, dort komme ich auch her. Das war die fantastischste Zeit überhaupt. Das war die Brauerei Leitner in Schwabach, die heute immerhin noch als Name existiert. Ich habe anschließend in Weihenstephan studiert, habe als FH-Ingenieur aufgehört. Ich bin dann wieder in die Brauerei, in die Industrie und nach etwa einem Jahr bin ich an den Lehrstuhl in Weihenstephan gegangen für Technologie der Brauerei I, wo es hauptsächlich um die Malz- und die Würze-Bereitung gegangen ist, aber natürlich auch mit den anderen Themenfeldern. Ich bin dort in Weihenstephan seit 23 Jahren, habe währenddessen meine externe Promotion in Irland gemacht, an der University College Cork, bei der Frau Prof. Arendt, über glutenfreie Bierherstellung mit der Rispenhirse. Ich habe mich ziemlich viel mit diesen alternativen Getreiden beschäftigt, also bei weitem nicht nur mit der Gluten-Freiheit, und bin seit sechs Jahren jetzt am Forschungszentrum in Weihenstephan, das eine sehr, sehr große Routine-Laborabteilung hat. Wir sind annähernd 100 Leute hier und wir machen aber auch ganz viel Forschung. Und wir gehen hier mit der Forschung deutlich stärker in die Fermentationsbereiche. Wir machen ganz spannende Projekte, indem wir auf Hefe-Jagd gehen, indem wir Pflanzen, große Bäume zum Beispiel, beproben, dort nach fermentierenden Mikroorganismen suchen. Wir gehen auch in Brauereien. Wir sind in alte Bierkeller schon gegangen und haben einen Riesenfundus an solchen Mikroorganismen, die also ganz tolle, phantastische Biere produzieren der unterschiedlichsten Art, mit viel, mit wenig Alkohol, mit ganz besonderen Aromen. Da passiert richtig viel und ich genieße diese Verknüpfung. Und dort an dem Forschungszentrum leite ich seit sechs Jahren die Abteilung für Forschung und Entwicklung und bin eben mit diesen Themenfeldern, die ich gerade genannt habe, betraut und auch mit vielen, vielen anderen Sachen. Ich bin auch weltweit unterwegs als Betriebsberater und hatte das Glück mit sehr vielen tollen Leuten hier schon zusammenzutreffen und da auch schöne Sachen zu machen. Ich war zum Beispiel viele Male schon in Syrien vor dem Bürgerkrieg, ich habe dort archäologische Experimente gemacht in Bezug auf Bier. Und habe mir das nicht vorstellen können, dass Forschung, Universität so verflucht viel Spaß machen kann. Denn eigentlich wollte ich als Bierbrauer in einer schönen, kleinen, fränkischen Brauerei und dort mein Bier machen und dann mit irgendeinem Veteranen-Fahrzeug ausfahren. Das war eigentlich mein Ziel.

Holger: Das hätte ich dich jetzt auch gefragt. Wenn man im Abitur schon weiß, man wird Brauer und Mälzer, und dann denke ich einfach, ja Mensch, das ist dann auch so dieser handwerkliche Prozess, der einen dann da anzieht. Und was fasziniert einen dann so sehr an dem universitären Prozess und diesem universitären Leben der Lehre, wenn man doch aus Franken kommt und schönes Kellerbier machen kann? Da bleibt eine Frage eigentlich. Du hast sie ja gerade schon ein bisschen beantwortet, aber so richtig zufrieden bin ich nicht.

Martin Zarnkow: Das ist schon richtig. Ja, also deswegen habe ich das jetzt gerade auch schon so ein bisschen angeschnitten. Das ganz ursprüngliche Ziel war das so nicht. Ich wollte wirklich eine eigene kleine Brauerei, wirklich was Eigenes. Ich wollte mein eigener Herr sein. Ich wollte auch nicht die Sachen machen, die einfach meine Altvorderen gemacht haben. Da kam nie ein Brauer drin vor, ganz andere Sachen. Das war mir auch echt ein Stück weit wichtig. Und das ist ein bisschen schizophren, da waren immer wieder mal auch Lehrer dabei bei meiner Verwandtschaft, und ausgerechnet das wollte ich wirklich nicht werden. Ich fand Lehrer auch immer doof. Aber was bin ich heute? Ich bin unter anderem ein Hochschullehrer. Und das habe ich mir nicht träumen lassen. Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, Hochschullehrer haben den Vorteil, dass die Leute, die sich dein Zeug anhören, freiwillig drinsitzen. Und die können auch einfach wieder rausgehen. Heute mit den virtuellen Geschichten klicke ich mich einfach weg oder ich gehe aus dem Hörsaal einfach raus. Und die, die drinbleiben, die sind wirklich interessiert. Das ist was ganz anderes wie in der Schule, wo ja eine Pflicht da ist. Ich hab‘s mir nicht erträumen lassen, einfach, dass ich an einer Universität lande. Ich weiß noch genau, dass ich dann damals fertig wurde mit dem Studium und dann habe ich einen getroffen, mit dem habe ich auch schon die Lehre zusammen gemacht, und er hat auch hier studiert, und er sagte dann so: Ja, er könnte sich vorstellen, dass er hier noch promoviert. Und ich habe gesagt: Du bist verrückt. Ich bin so froh, wenn ich jetzt weg bin von der Uni. Ich will unbedingt arbeiten, ich will meinen Traum verfolgen. Und Promovieren, was ist denn das überhaupt? Ich hatte überhaupt keine Ahnung, ich wollte mich überhaupt nicht damit beschäftigen mit diesen Sachen. Und wie ist die Situation heute? Ich bin promoviert und er nicht. Er macht mit Mineralwasser. Ich habe echt Glück gehabt. Also da ist echt Zufall dabei. Das konnte mir auch keiner erklären vorher. Weil ganz ehrlich, selbst wenn du den Wunsch gehabt hättest, also die Wahrscheinlichkeit ist so gering, dass du so eine Stelle bekommst.

Holger: Mir fällt da ein Spruch ein von John Lennon, der gesagt hat: Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst.

Martin Zarnkow: Ja, auf (unv. #00:06:16.3#) Fränkisch hätte ich gesagt: Mit den Dummen ist Gott.

Holger: Das hört sich so an, als hättest du da recht. Ja, Kellerbier, Markus, das ist doch ein gutes Stichwort. Hast du was auf dem Tisch stehen?

Markus: Ich habe was auf dem Tisch stehen. Wollen wir wirklich unseren Gast erst später was trinken lassen? Können wir auch.

Holger: Ich wollte ja nur überprüfen, ob du auch was dabeihast.

Markus: Aber auf jeden Fall.

Martin Zarnkow: Anständig vorbereitet, ne.

Holger: Ja, anständig vorbereitet. Das ist ja beim Markus meistens der Fall, also meistens. Was hast du denn auf dem Tisch stehen?

Martin Zarnkow: Ich?

Holger: Ja.

Martin Zarnkow: Ich habe eine Auswahl hier stehen. Ich habe eigentlich was ganz Besonderes hier stehen: Berliner Weisse.

Holger: Oh!

Martin Zarnkow: Und zwar habe ich einen wirklich sehr, sehr netten Kollegen von der VLB Berlin, den Christian Richter. Mit dem teile ich auch ein Hobby, und zwar im Veteranen-Fahrzeug-Bereich. Also ich restauriere und sammle und fahre alte Motorräder. Und der Christian, der sammelt nämlich die alten Nummernschilder dazu. Und der Christian war so nett, mir, bevor dieses alte Gebäude der VLB, wo sie jetzt den Neubau draufgebaut haben, bevor der komplett abgerissen worden ist, mir Biere dort zu schicken, die da irgendwo noch verscharrt waren, und zwar alte Berliner Weisse Biere, die noch von der Hochschulbrauerei in Berlin waren. Und das ist auch ein ganz besonderes Faible von mir, dass ich also diese alten Biere mir anschaue, und wir haben auch die schon untersucht, was sind da für Hefen noch drin. Da kommen also wirklich ganz spannende Sachen dabei raus. Wir haben zum Beispiel auch mal ein Bier gehabt, da lasst mich jetzt nicht lügen, das war von 1885 sowas. Das war in einer Firma in einem Safe eingesperrt, und der Safe wiederum war in einem Zimmer eingemauert, von einer Firma, die heute noch existiert und wo der alte Patriarch das so verfügt hat in den 30er Jahren. Und dann irgendwann 40, 50 Jahre später hat also die Firmenleitung festgestellt, dass mit dem Grundriss was nicht stimmt, also diese eine Mauer, da stimmt was nicht. Und dann haben die die Mauer eingerissen und dann fanden die also das alte Büro darin vor, nicht (unv. #00:08:27.5# klar?), dass die Zigarette noch glimmte da drin oder Zigarre in dem Fall. Und da war dieser Safe. Dann wurden sie ganz fickerig und nervös und dann haben die also einen Knacki geholt und haben den Safe öffnen lassen, in der Hoffnung, dass vielleicht ein paar Apple Aktien oder irgendwas da drin sind oder Bitcoins, keine Ahnung. Funktioniert von der Zeit nicht ganz, aber trotzdem. Da war aber dann offensichtlich das Wichtigste für diesen Herrn da drin, und das war eine Pulle der Brauerei aus der Stadt, wo die sich befanden. Das war Dank des Etikettes nachweislich, ich sag nochmal, ich glaube 1885. Wir hatten das Glück, ganz kleine Tropfen da abziehen zu dürfen, sie untersuchen zu dürfen. Es war also ein echter Korken obendrauf, da konnte man also mit einer Nadel durch. Wir durften das auch verkosten. Das war ein fantastisches Bier. Das war eigentlich laut Etikett ein Pilsener Bier, aber das war, nach heutigen Gesichtspunkten würden wir sagen, ein sehr schönes, dunkles Festbier. Immer wieder haben wir solche Proben und solche Muster, und die verkosten wir natürlich auch. Und so ein Bier habe ich hier.

Holger: Sehr gut! Dann mach‘s doch mal auf und lass uns teilhaben, was du da herausfindest bei dem Bier.

Markus: Ich träume von der Berliner Weissen. Also ich wäre jetzt total gerne bei Martin, weil ich ja auch ein großer Fan bin gerade von dem Bierstil und auch schon viele alte Flaschen mir besorgt habe – ich kam aber selten weiter zurück als die 70er Jahre – und immer wieder erstaunt war, wie großartig und toll diese Biere eben noch schmecken, in welchem Zustand sie noch sind und wie sich das eben alles so entwickelt. Ich habe zuerst gedacht, du hast es vielleicht von Kurt Marshall, den kenne ich nämlich auch bei der VLB, aber das ist natürlich noch viel spannender, wenn da so alte Flaschen irgendwo gefunden worden sind. Also ich bin jetzt schon ganz gespannt und bin auch ganz leise.

Martin Zarnkow: Das dürfte auch 70er Jahre sein, das kann ich nicht genau sagen. Also Hochschulbrauerei Berlin, grundsätzlich ein gelbes Etikett. Das ist eine 0,33er Steini-Flasche. Und aufgrund der Fundstelle total verrosteter Kronkorken, Berliner Weisse steht drauf. Hinten Rückenetikett existiert alles nicht und daher habe ich auch keine Informationen von wann genau. Allerdings erlaube ich mir jetzt mal den Boden anzuschauen, weil manchmal steht an den Flaschen ein Jahr. Dem ist aber nicht so. Kann ich nicht beurteilen. Ich würde sagen, 70er Jahre auch. Ein bisschen später hat dann die Hochschulbrauerei auch aufgehört zu produzieren. Wenn man mit Bier konfrontiert wird, sprich, von Konsumentenseite, wird dir erst mal so klar beigebracht, Bier muss frisch sein und das war’s. Das ist einfach nicht die ganze Wahrheit. Ja, es gibt Biere, die sollten frisch sein, und dann machen die auch richtig Spaß. Und da ich ja eine Brauerlehre habe, haben wir natürlich auch Biere gezwickelt. Dann haben die den Lager-Schwefler noch. Und das ist alles ganz toll und wunderbar. Das sind also wirklich ganz tolle Biere. Aber es sind einfach auch Sorten da und dazu gehört auch so eine Berliner Weisse, die können also durchaus Jahrzehnte ab und werden dann immer noch spannender. Ich habe zum Beispiel auch zu Hause durch Zufall auch eine Art Safe, weil der Vorbesitzer bei mir, der hatte einen Waffenschrank und das nutze ich nicht dafür. Dort habe ich ein paar Kästen weggesperrt, und zwar dunkle Bockbiere und dunkle Weizen-Bockbiere. Und die werden da alt. Die sind schon viele Jahre alt. Und ab und zu hole ich mir halt einfach mal eine Flasche. Das ist ultraspannend diese Entwicklung da nachzuvollziehen. Das ist ein besonderes Glück auch, dass man in dem Fall den Platz auch dafür hat. Und das kann ich nur jedem empfehlen, einfach sowas mal, wenn man die Möglichkeit hat, einfach so einen Kasten mal nehmen und wegtun, wegsperren, und dann nach Jahren wieder rausholen. Es gibt ja Brauereien, die machen inzwischen da auch schon ein kleines Geschäft daraus. Und das ist auch wirklich absolut in Ordnung, denn die Biere können das ab. Die haben also wirklich ganz viel tolles Potenzial. Und wenn du dir das ja auch anschaust, was hast du für Attribute, die dann bei der Alterung kommen? Da sind ganz viele Attribute dabei, wo du erst mal sagen musst, brotartig, Cracker-artig, süß, Toffi-artig, Whisky-Sherry-artig. Was war denn da jetzt negativ? Das ist doch alles positiv. Das mögen wir doch eigentlich alles. Cardbord, den Pappdeckel, auf Fränkisch dem Papperdeckl, den mögen wir tatsächlich nicht. Weil das ist auch was, was ganz besonders in hellen Lagerbieren vorkommen wird. Das wird nach einiger Zeit kommen. Aber das ist tatsächlich so, dass sehr, sehr viele Alterungsattribute eigentlich positiv sind. Und das passiert bei solchen Bieren und die Berliner Weisse gehört da auch dazu. Der steht das. Da sowieso die Berliner Weisse mit diesen sehr, sehr, sehr spät fermentierenden Brettanomyces-Hefen ja dann auch noch nach Monaten überhaupt erst ein Aroma erzeugt, wie es eigentlich sein sollte. Ja, das habe ich vor mir.

Holger: Dann trink mal.

Markus: Wir sind ganz gespannt, wie das jetzt genau schmeckt.

Holger: Ich bin auch ganz gespannt. Der Herr Raupach, der hat ja mehrere Garagen in Bamberg angemietet und hat da seine Jahrgangsräume.

Martin Zarnkow: Editionen.

Holger: Genau! So stelle ich mir das in Freising dann auch vor. Aber jetzt lass uns teilhaben, also jetzt trink mal einen Schluck und lass uns doch mal teilhaben. Also ich bin auch schon ganz aufgeregt.

Martin Zarnkow: Es ist einfach ein fantastisches Bier, das muss ich einfach sagen. Und es ist immer noch einfach ein schönes Bier und das ist ein deutliches Bier, klare (unv. #00:13:51.0#), es hat eine schöne Frische, was eigentlich sehr, sehr typisch für die Berliner Weisse auch ist. Und das liegt auch viel an der Milchsäure, das ist gar nicht mal hoch kohlensäurehaltig. Ist aber immer noch angenehm frisch und trotzdem sind da viele schwere Aromen auch mit dabei, die im Laufe der Jahrzehnte gekommen sind. Ich find’s ein total schönes, harmonisches Bier. Ich weiß nicht, ob ich es auf Anhieb erkannt hätte. Man hat ja nicht oft solche Biere, dass man also sagt, ja, das ist jetzt aber ganz typisch Berliner Weisse. Das liegt aber auch ein bisschen daran, dass wir heute nicht mehr so viel an eine echte Berliner Weisse rankommen, die also auch tatsächlich mit Brettanomyces nachvergoren wurde. Und in dem Fall weiß ich es nicht, das haben wir noch nicht so analysiert, durchanalysiert, ob denn da auch eine drin war. Aber es ist einfach ein klasse Bier, muss man echt sagen. Sehr erfrischend, immer noch.

Holger: Wir haben eine Zoom-Sitzung, eine Spezial-Zoom-Sitzung gehabt mit der Ulrike Genz, die ja die Berliner Weisse in Berlin hochhält. Und die hat sogar einen Berliner Weisse Salon eröffnet hat.

Martin Zarnkow: Hm!

Holger: Aber Markus, nicht, dass du dann jetzt ganz austrocknest. Dann gehen wir doch mal zu dir rüber. Du hast ja gesagt, du bist vorbereitet. Was hast du denn vorbereitet? #00:15:06.1#

Markus: Ich mach einfach mal einen Quickie, ist ja auch ganz schön. Ich habe natürlich auch ein Bierchen vorbereitet. Es ist ja eigentlich noch Nachmittag. Deswegen habe ich jetzt mal was genommen, was eher weniger Alkohol hat. Ihr habt‘s gehört, es war eine Dose. Jetzt ist das auch schon im Glas. Es ist ein sehr helles, leicht getrübtes Bier mit einem schönen weißen Schaum obendrauf. Wenn man reinriecht, kommen so leichte zitrusfruchtige Aromen, ein bisschen vielleicht auch Grapefruit, ein bisschen auch so kräutrige Noten. Probieren wir das mal. Wunderbares Mundgefühl. Sehr schön, sehr erfrischend auch. Leider nicht so sauer wie die Berliner Weisse, aber in dem Fall ist es ja auch völlig okay. Es handelt sich um ein BrewDog Bier. Das nennt sich Lost AF und ist ein alkoholfreies Lager. Das habe ich in letzter Zeit ganz oft schon, weil ich gerne alkoholfreie Biere trinke. Und das ist wirklich ein schönes erfrischendes Bier, so auch für zwischendurch ist, und macht mir richtig viel Spaß. Vielleicht, bevor der Holger sein Bier aufmacht, an der Stelle mal eine Frage, die mir schon gekommen ist, als du dich eingeführt hast vorhin. Du hast gesagt, ihr seid unterwegs und sucht Hefen und seid da auch auf der ganzen Welt und seid so ein bisschen wie die Hefe-Doktoren, die da irgendwo in den Holzüberresten so rumwühlen. Hattet ihr auch was zu tun mit der untergärigen Hefe aus Patagonien? Habt ihr da auch mit zu tun gehabt oder das auch mal nachvollzogen?

Martin Zarnkow: Darf ich ganz kurz was dazu sagen, dass da kein Missverständnis aufkommt? Ja, wir sind auch weltweit unterwegs, aber da holen wir uns nicht einfach so Hefen oder andere Mikroorganismen. Das ist uns nicht erlaubt. Das machen wir immer in Zusammenarbeit mit anderen Universitäten. Das ist also wirklich ganz wichtig. Und deswegen beantworte ich deine Frage mit Diego Libkind, auch mit einem Ja. Das ist nämlich derjenige, der diese Eubayanus in Patagonien gefunden hat. Wir hatten da also schon Forscheraustausche und wir haben auch eine gemeinsame Publikation mit ihm zusammen. Und wir sind auf jeden Fall mit ihm in der Diskussion. Es ist ein nicht so ganz einfaches Thema, was die tatsächlichen Ursprünge der untergärigen Hefe betrifft. Es ist auf jeden Fall wissenschaftlich absolut korrekt, was er gemacht hat, absolut in Ordnung. Die Rückschlüsse, dass das tatsächlich das eine vermisste Elternstück ist, um die untergärige Hefe zu haben, denn die ist ja ein Hybrid, die hat also, sprich, ein Elternpaar, und eins davon ist eine sogenannte Eubayanus und das andere ist eine obergärige Hefe. Die Situation ist die, dass wir die heute also immer noch nicht kennen, beide nicht. Die Eubayanus in Patagonien kommt der Sache sehr, sehr, sehr nahe, aber sie ist es nicht. Und ich habe mich ja sehr viel mit der Historie auch beschäftigt und habe da ja mit dem Prof. Franz Meußdoerffer auch ein kleines Büchlein dazu geschrieben. Wir haben das schon erwähnt, aber es ist schon allein historisch nicht nachvollziehbar, wie das funktioniert haben soll. Denn die Hybridisierung wird wahrscheinlich in der Region passiert sein, wo das Untergärige eigentlich zum ersten Mal so richtig hochgekommen ist. Und das war in der Region Franken, Oberpfalz, Egerland, Tschechien. Dort in dieser Region, dort ist es kalt genug gewesen zur richtigen Zeit. Die Zeit, von der ich spreche, ist etwa vor 700, 800 Jahren, als die eigentlich große Revolution in der Bierherstellung stattgefunden hat. Denn in der Zeit wurden die Biere also in bestimmten Regionen selektiv immer untergäriger. Es wurde ab da reproduzierbar der Hopfen verwendet. Es wurde dazu gekocht, das war auch nicht selbstverständlich. Deswegen hast du auch feste Töpfe verwenden müssen, hast du Herde gebraucht. Die Häuser mussten entsprechend gemauert sein wegen des Feuerschutzes. Das sind alles so Sachen, die da passiert sind. Die Brauer wurden männlich, davor waren sie zum größten Teil weiblich. Und man hat in der Zeit von dem Hafer umgeschwenkt auf die Gerste. Und ehrlich gesagt sind da jetzt so ein paar Stichwörter gefallen, die eigentlich dann 1516 in dem Reinheitsgebot niedergeschrieben worden sind: Gerste, Wasser, klar, Hopfen. Und was dort nicht steht, weil das auch nie wichtig war, ist die untergärige Hefe, die man zu dem Zeitpunkt aber gekannt hat. Die kalte (unv. #00:19:33.0# Gür?), wie sie zum Teil beschrieben worden ist, die ist schon viel früher beschrieben worden. Es wird immer wieder berichtet, die haben das damals nicht gewusst, die waren blöd oder sonst was auch immer. Das stimmt alles überhaupt nicht. Wenn die irgendwas nicht waren, dann ist, dass die blöd waren. Die haben unglaublich viel gewusst, nur die zwei Herzöge, das waren zwei, nicht immer nur der eine, die zwei Herzöge haben das nicht für nötig gehalten, dass darnieder zu schreiben, weil darum ging‘s gar nicht. Es ging nur darum zu sagen, diese Rohmaterialien habt ihr zu verwenden. Und die Hefe wurde da als Rohmaterial gesehen. Es ging auch nur um den heißen Bereich, und deswegen stehen diese Inhaltsstoffe drin. Es ging auch nicht darum, dass man da schreiben musste, dass es Gerstenmalz ist. Das war selbstverständlich. Aber das Getreide, die Gerste, die wurde festgelegt. Diese gnadenlos tolle Revolution, die ja zu unserem Bier heute geführt hat, wenn wir in die Welt gucken und 85 % der Biere, die weltweit hergestellt worden sind, dann ist das das untergärige helle, kühl getrunkene Lagerbier. Und diese Keimzelle, die war in dieser Region da oben und dort hat das gestartet. Und jetzt, wenn ich mir das mit der patagonischen Hefe, der Eubayanus, überlege: Wie soll die, kurz nachdem Kolumbus Amerika wiederentdeckt hat – ja, ja, da waren schon ein paar andere davor, aber die Wikinger oben in Neufundland und vielleicht ist ein irischer Mönch auch mal rübergekommen, ziemlich sicher waren die Araber auch drüben – aber da war nichts in dem großen Austausch, der Austausch, der fand erst statt mit Kolumbus. Und das war 1492. Und das soll so schnell dann ausgerechnet mittendrin von Europa gekommen sein? Warum hat so eine Hybridisierung nicht dann in einem portugiesischen, spanischen, italienischen Hafen stattgefunden? Also das ist aus historischer Sicht schon schwierig und aus wissenschaftlicher Sicht ist es auch einfach nicht ganz tragbar. Aber ehrlich, das ist super-super-spannend und man guckt weiter und es ist auch eine kleine Motivation für uns, dann hier auf Bäume eben zu gucken, weil Bäume langlebige Pflanzen sind. Wir suchen jetzt nicht Bäume, die einfach 500 Jahre alt sind, sondern das reicht, also wenn die einfach älter sind, denn da halten sich dann einfach solche Mikroorganismen. Und dann kommt noch was anderes dazu, denn die Hefen haben eine Eigenschaft, einen Zucker zu vergären, den die Würze gar nicht hat. Das ist die Raffinose. Die Würze hat sowas nicht. Und warum können die das denn so? Das mag vielleicht auch daran liegen, dass das Holz vielleicht der Träger mal dieser Hefen auch war, dass dieses Holz aber auch eine große Rolle als Gebinde gespielt hat und dass dadurch da eine Interaktion stattgefunden hat. Und das war ja übrigens auch was total Spannendes. Diese Erfindung des Gebindes, sprich, des Fasses, das war so wichtig für unser modernes Bier, weil erst durch dieses Gebinde konnten die Biere überhaupt erst auf Druck kommen und Kohlensäure anreichern. Und deswegen haben die neben Milchsäuren und so haben die ihre Spritzigkeit bekommen. So sehen wir heute unser modernes Bier, aber manche Sachen sind vielleicht gar nicht so alt. Wobei die Erfindung des Fasses also schon 350 vor Christus war durch die Kelten. Aber das war erst mal ein Transportfass für Wein. Also das war lange Zeit nur ein Transportfass und erst später wurden die Wandungen dicker und dann konnten sie auch Druck aushalten. Und dann konnte man tatsächlich da drin noch eine Nachgärung fahren. Diese Punkte, die finde ich so spannend, da mal zurückzugehen in der Zeit und sich zu überlegen, gut, so schaut unser Bier heute aus. Also das, was wir unter Bier erst mal verstehen, getrunken haben wir beide jetzt gerade wunderbare andere Sachen. Das ist ja nicht der Punkt. Aber das kann ich ja davon ableiten dann, solche Sachen. Was musste eine Erfindung da sein, dass das Bier heute das ist, was es ist? Sachen, die wir für völlig selbstverständlich sehen. Die Gebinde, der Kronkorken oder der Bügelverschluss und all solche Sachen. Das Trinkglas, sowas von wichtig, das Trinkglas. Wann war denn das? Wann kam da auf? Und was hat das gemacht, inwieweit hat das eigentlich unser Produkt verändert? Und das sind echt total spannende Fragestellungen.

Holger: Und das steht alles da in dem Buch drin, „Das Bier – eine Geschichte von Hopfen und Malz“?

Martin Zarnkow: Ja. #00:23:54.8#

Holger: Wahnsinn! Ich bin auch davon ausgegangen, genau wie der Markus auch, dass eben die untergärige Hefe ihr Zuhause, dieser Mutter-Mikroorganismus aus Patagonien stammt. Und dann gibt’s meines Erachtens zwei Thesen. Also einmal Dornbusch sagt, das kommt eben mit Winden zu uns über den Atlantik. Und dann gibt’s die andere Thematik, eben über die Beringstraße und über Menschen, die da einfach gewandert sind. Und jetzt höre ich, nee, es ist wahrscheinlich nicht derselbe Organismus oder man kann das nicht wirklich darauf zurückführen.

Martin Zarnkow: Es ist definitiv nicht dieser Organismus. Der genetische Abgleich passt nicht. Er kommt verflucht nah, aber er passt nicht. Also diese ganzen Theorien, die kannst du dir sonst wohin, was auch immer du damit machen willst. Die sind immer spannend diese Theorien, wobei das mit den Winden, hui-hui-hui, da würde ich eher auf Vögel tippen, aber bestimmt nicht auf Winde. Weil, ganz ehrlich: Diese Mikroorganismen sind sehr, sehr schwer. Zum Beispiel: Man spricht ja immer von dieser sogenannten spontanen Gärung in Brüssel, von diesen fantastischen Bieren mit den Lambics und dem (unv. #00:25:06.0#) gemischten Geuze und so weiter. Fantastische Biere, wirklich wahr. Und man spricht davon, dass die spontane Gärung auch deswegen nur in Brüssel so funktioniert, weil die Luft so voll ist mit diesen Mikroorganismen. Das ist Quatsch. Das hat man schon alles mal untersucht. Hefen, Hefen sind Bierbrauer. Also Bierbrauer, sind das leichte Leute? Nein. Das sind schwere Leute. Und die Bierhefen sind auch schwer im Vergleich zu, ich meine das jetzt echt ernst. Also eine Hefe, die kann ich schon mal in die Luft blasen, aber in kürzester Zeit wird die da auch wieder verschwinden. Das kann ich ganz einfach in einem anderen Medium sehen, nämlich in einem Hefeweißbier. Wenn ich ein wirkliches Hefeweißbier habe, wo ich Hefe drin habe, werde ich erkennen, dass diese Hefen nach einiger Zeit auf den Boden absinken und dass mein Bier obendrüber klar wird. Weil diese Hefen so schwer sind. Jetzt ist natürlich eine Flüssigkeit wie Bier was anderes wie die Luft. Aber die Flüssigkeit wie Bier hat mehr Widerstand als die Luft. Und jetzt reden wir von Patagonien bis hierher, von 20.000 Kilometer Direttissima? Vielleicht sind es 15 bloß. Ich weiß es nicht genau. Also da wird‘s schwierig, da wird‘s echt schwierig. Und das hilft auch alles nichts, wir brauchen uns gar keine Gedanken machen, weil die genetisch nicht zusammenpassen. So, dass man sagt, nur die kann es sein. Interessant ist aber doch Folgendes: Dass man weitgehend nur auf der südlichen Halbkugel diese Eubayanus bis jetzt gefunden hat. Es heißt zwar nochmal, in Tibet hat man auch noch mal was gefunden. Da kann man sich ja über die Seidenstraße ein bisschen was vorstellen, wie da ein Austausch stattgefunden hat. Also das ist durchaus möglich. Aber auch die passt nicht zusammen. Das ist die einzige, die man auf der nördlichen Halbkugel mal gefunden hat. Also das ist schon spannend. Und ganz ehrlich, diese ganzen Saccharomyces-Hefen sind sowieso nicht so häufig in der Natur. Das ist ein superspannendes Thema. Da haben wir noch ein paar Jahre dran zu grübeln und wir haben Proben zu nehmen ohne Ende, um da vielleicht wirklich mal was zu finden. Und wir hybridisieren ja auch schon nach und gucken, ob da was dabei rauskommt. Da kommen wir aber noch nicht an diese tolle untergärige Hefe, so wie wir sie kennen. Ich könnte mir das vorstellen, dass diese Hybridisierung, also diese Verschmelzung einer Eubayanus-Hefe mit einer obergärigen, ständig stattfindet, vielleicht auch jetzt gerade. Das könnte ich mir vorstellen.

Markus: Da müssen wir auf jeden Fall auch noch ein paar mehr BierTalks mit dir machen, um da nachzufühlen und so weiter. Aber ich denke mal, der Holger will unbedingt noch ein Bierchen trinken, oder wie schaut‘s denn bei dir aus?

Holger: Ganz ehrlich gesagt, man darf ihn gar nicht unterbrechen sozusagen. Mir kommt jetzt einfach nur: Was macht eigentlich die Virologen heutzutage so sicher? Und eine Erkenntnis von Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das kommt mir jetzt so in den Sinn. Aber wenn ich jetzt unbedingt auch noch mein Bier aufmachen soll, und ich glaube, das war noch nie da, dass ich so lange stillgehalten habe. Martin, also da kannst du dir jetzt was drauf einbilden. Ich mach das mal auf. Und ich habe halt einfach gedacht: Gut, zwei Franken und dann einfach ein typisch bayerischer Bierstil oder in meinen Augen ist der hier zu Hause. Auch geschmacklich gibt’s ja so Sachen wie Kollektivgeschmack. Und deshalb habe ich mich für ein dunkles Lager entschieden. Und zwar heißt das Bier ETA, von Mahrs-Bräu in Bamberg. Ich schütte es ein.

Martin Zarnkow: Das klingt doch gut.

Holger: Das ist eines meiner absoluten dunklen Lieblingsbiere. Das muss ich wirklich sagen, ein absolutes Highlight. Und wenn man da jetzt so reinriecht, natürlich die Malz-Aromatik voll im Vordergrund, auch so ein bisschen Schokolade rieche ich da raus. Also so Zartbitterschokolade, vielleicht so mit 44 % Kakao-Anteil. Ich probier‘s mal.

Martin Zarnkow: Kolumbianisch.

Holger: Wenn ich jetzt reinschmecke, dann muss ich dir fast widersprechen. Ich glaube, es ist eher aus Peru die Schokolade.

Martin Zarnkow: Okay, okay!

Markus: Also jetzt ist euch die Hefe zu Kopf gestiegen.

Martin Zarnkow: Die kann man leicht verwechseln. Ja.

Holger: Das ist jetzt halt so ein Scheiß-Gelaber von so einem Biersommelier. Aber lass uns wieder zurückkehren zu deinen spannenden Themen.

Martin Zarnkow: Wenn ich dir eine Frage vorwegnehmen darf. Wenn man diese Lagerbiere betrachtet, dann wird natürlich das Pilsener Bier hervorgehoben, dann wird Wien-Schwechat, der Herr Dreher hervorgehoben, der Sedlmayr in München, oder der Lederer in Nürnberg oder wie auch immer. Das waren einfach Leute, die diesen Bierstil wirklich bekanntgemacht haben, kommerziell erfolgreich. Also die sind Teil der zweiten großen Revolution. Dazu gehört dann auch ein Herr Carlsberg oder der Herr Hansen vielmehr von der Carlsberg Brauerei. Und natürlich auch ein Herr Heineken. Denen haben wir viel zu verdanken. Aber die Münchner, die kamen ja eigentlich vom dunklen Lagerbier. Und das lag an diesem Wasser. Das war immer ganz selbstverständlich. Ja, die Münchner haben hartes Wasser. Und das haben sie, sehr kalkhaltig. Und das eignet sich für ein dunkles Bier einfach besser. Okay. Aber plötzlich kommt dieses helle Lagerbier. Das kommt übrigens – das ist auch ganz spannend – diese hellen Lagerbiere kommen echt dann auf den Markt, als das Trinkglas, also das Glas für die Trinkbehälter, günstig wurde. Vorher war Glas, uralte Erfindung, 2500 Jahre ist es schon her, so ungefähr plus-minus 100 Jahre. Das Glas war immer teuer, war immer nur für reiche Leute vorbehalten. Aber 1823 herum hat in den USA jemand eine Erfindung gemacht, um Glas billig herzustellen. Er hatte einfach Glas gepresst. Und seitdem das Glas billig wurde und man Glas dann als Trinkbehälter verwenden konnte, hat dann der Kunde plötzlich das Produkt gesehen. Und dann wurden zwei Sachen nach und nach immer mehr von dem Produkt verlangt. Dass es nämlich heller wurde und dass es auch nicht mehr so trüb sein sollte. Also die Filtration kam dann auch. Erstmal eine ewig lange Lagerung und dann die Filtration kam auf. Die Frage für mich war dann auch immer, jetzt komme ich zu dem Dunklen zurück, das Wasser war ja immer noch dasselbe in München. Sie mussten eine weitere Erfindung machen, nämlich Wasser zu entkalken. Da bin ich auch immer noch nicht so ganz durch, was da in München passiert ist, oder nicht nur in München, sondern auch in anderen Braustätten. Wie haben die das hinbekommen? Die Pilsener Leute, Brauleute, die haben das nicht gemusst, die haben ein ganz weiches Wasser. Da hat sich schon immer ein helles Bier einfach geeignet. Und nicht umsonst heißt das helle Malz ja auch Pilsener Malz. Und das dunkle heißt Münchner Malz. Und das da mittendrin, das war das Wiener. Also es hat schon alles gepasst. Aber die haben dieses Wasser dann irgendwie entkalkt. Und das kannst du natürlich durch Aufkochen machen und das kannst du auch mit Hilfe von Kalkmilch, also da kann man was machen. Und das ist ganz spannend, der Herr Professor Narziß, der hat mir noch erzählt, dass einfach die Biere, wo die das Wasser vorher aufgekocht haben, also energetisch ein Wahnsinn, dass das aber ganz besondere, tolle, helle Biere waren. Und das wollte ich eigentlich auch immer mal nachvollziehen, ob ich das auch so rausschmecken kann. Also ich wollte diese Biere mal nachbrauen. Das muss ich bloß zu Hause machen, weil das kann ich hier finanziell gar nicht richtig vertreten. Vorher das ganze Wasser aufkochen, das ist schon echt heftig. So hat jede Sorte einfach so viele spannende Fragestellungen. Und immer wieder stolpere ich darüber, dass ich feststelle, dass einfach da gewisse Sachen schon niedergeschrieben sind, wo sich Leute schon Gedanken gemacht haben, aber vielleicht nicht bis in die letzte Konsequenz. Und leider sehe ich auch immer wieder mal, dass einfach Sachen immer wieder abgeschrieben werden, abgeschrieben werden, abgeschrieben werden und nicht richtig hinterfragt werden. Das haben damals der Franz Meußdoerffer und ich, wir haben es versucht, so weit wie möglich irgendwie zu eliminieren. Und vielleicht dann auch sogar mit – und da haben wir viele gemacht – mit Experimenten das nachzuvollziehen. Also das Buch war sehr aufwendig.

Holger: Wir müssen noch einen BierTalk machen mit dir. Da reicht jetzt einer nicht aus. Man könnte sogar, der neue heiße Scheiß ist ja Clubhouse, da könnte man einen ganzen Sonntag mal mit dir philosophieren. Markus, wie geht’s dir denn damit?

Markus: Ich würde auf jeden Fall super-gerne mindestens noch eine weitere Folge machen, weil es einfach so viele spannende Dinge gibt. Ich würde auch gerne über Irland reden oder über eben seine anderen Reiseerfahrungen. Und es gibt natürlich immer viel über die Biergeschichte und über Leitner und über Schwabach und überhaupt. Also da gibt’s so viele Punkte, können wir gerne tun. Können wir auch bei Clubhouse tun. Da können wir einfach noch mal drüber reden und dann unseren Hörern Bescheid sagen.

Martin Zarnkow: Ich bin für viele Schandtaten bereit.

Holger: Martin, herzlichen Dank! Das war wirklich so kurzweilig und so unglaublich interessant. Der 55. BierTalk ist ein ganz besonderer geworden. Also das muss man sagen, oder Markus? Mach mal ein schönes Schlusswort.

Markus: Ja, es war mir eine ganz, ganz, ganz große Ehre, weil ja zugleich ein Franke, ein Bierwissenschaftler, mit dem ich sehr, sehr viele, sowohl Biervorlieben als auch historische Vorlieben teile. Und das hat mir ganz, ganz viel Spaß gemacht. Ich freue mich, wie gesagt, total, wenn wir das demnächst weiterführen.

Martin Zarnkow: Hat mir auch echt viel Spaß gemacht, war wirklich super-angenehm. Ich würde mich freuen, wenn das vielleicht auch mal in Präsenz stattfinden kann. Das hat ja dann doch ein bisschen mehr da auch eine etwas andere emotionale Bindung, die bei dem ganzen Thema ja auch wirklich guttut. Aber es hat echt viel Spaß gemacht. Und wenn da noch was kommen sollte, ich habe Zeit, ich werde mir die Zeit nehmen und ich bin für die verschiedenen Schandtaten durchaus bereit.

Holger: Also bis zum nächsten Mal!

Martin Zarnkow: Alles klar!

Markus: Yo! Bis zum nächsten Mal! Ciao!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk Spezial 20 – Interview mit Ulrich Wappler, dem Erfinder des modernen deutschen alkoholfreien Bieres

Ulrich Wappler gehörte zu der Generation, die den Kriegswirren altersbedingt gerade noch entkommen war, aber dann ohne echten Abschluss und Perspektive trotzdem einen schweren Start ins Leben hatte. Für ihn und seine beiden Brüder blieb nur eine Wahl: Entweder Büttner oder Brauer werden. Nachdem sie sich lieber um den Gerstensaft kümmern wollten, heuerten sie in Wernesgrün bei der Günnel-Brauerei an, die beiden Brüder flohen später in den Westen, Ulrich aber hatte bereits Familie, blieb und machte eine für einen Nicht-Genossen erstaunliche Karriere, deren Höhepunkt die Geburt des ersten modernen deutschen alkoholfreien Bieres 1972 war. Doch auch danach blieb er am Ball, konstruierte Brauereien auf der ganzen Welt und kann sich zurecht als „Vater“ vieler Brauer in Ost und West bezeichnen. Im BierTalk mit Markus Raupach gibt er einen spannenden Einblick in sein Leben und gibt interessante Insights in ein Brauerleben hinter dem Eisernen Vorhang.

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Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen BierTalk Spezial. Heute wagen wir den Sprung an die Spree, also sozusagen ein ganz besonderer Ausflug, und zwar auch wegen unseres Gastes. Wir sprechen nämlich mit Ulrich Wappler, der von vielen als Erfinder des alkoholfreien Bieres gehandelt wird. Was sich so genau dahinter versteckt, werden wir jetzt gleich ein bisschen zusammen ergründen. Herr Wappler, vielleicht stellen Sie sich einfach mal selber kurz den Hörern vor, damit sie sich schon mal ein Bild machen können.

Ulrich Wappler: Sie haben es gesagt, ich heiße Ulrich Wappler. Ich bin am 15.4.1936 in Zwickau auf die Welt gekommen und habe mit meinen beiden Brüdern in Wernesgrün im Vogtland das größte Bierdorf Europas damals meine Kindheit bis zum 18. Lebensjahr verbracht. Mein Vater war auch in der Brauerei und 1949 kam mein Vater aus russischer Gefangenschaft nicht mehr zurück und wir drei Jungs mit unserer Mutter, das Haus steht heute noch 200 Meter neben der Brauerei, so haben wir als Nachkriegskinder natürlich gelitten und konnten keine große Berufswahl wählen, es gab Böttcher oder Brauer. Nun war das Böttcher-Handwerk eigentlich auch ziemlich trocken, so haben wir Brauer gelernt, mein Bruder vorher. Ich war der Mittelbruder und der kleine hat dann auch noch Brauer gelernt. Wernesgrün ist ja ein Dorf, wie gesagt. Der Wernesbach fließt durch das Dorf rechts und links der Brauerei, einmal die (unv. #00:01:41.9#) Brauerei Aktiengesellschaft und auf der anderen Seite die Brauerei Hermann Günnel, die Grenzquell Brauerei. Die Grenzquell Biere waren ja sehr bekannt. Die haben das Bier durch die ganze Welt gefahren. Heute ist es ja anders, heute baut man die Brauereien dahin, wo man das Bier trinkt und fährt das Wasser nicht mehr spazieren. Wir hatten ja in Wernesgrün ein super Wasser, deshalb haben die Brauereien sich da angesiedelt. Wir haben das Wasser aus dem Gebirge genommen. Das würde nur über Kies rüber gejagt und da war das fertig. Meine weitere Entwicklung war dann, dass ich mit 18 Jahren nach Berlin kam und über Bürgerbräu habe ich dann die Engelhardt Brauerei gewählt auf der Halbinsel Stralau in Friedrichshain. Die Brauerei war 75 % ausgebombt und ich habe aber da trotzdem angefangen, weil mich das interessiert hat, bei einem Aufbau einer Brauerei mitwirken zu dürfen. Und so habe ich da 38 Jahre inklusive fünf Jahre Institut, Forschungsinstitut da verbracht. Es wurden damals in dieser Gesellschaft alle Betriebe im Osten die Brauereien nur noch aufrechterhalten, wo das Kesselhaus und die Kälteversorgung nicht zerbombt waren, und alle anderen wurden geschlossen. Und so war Engelhardt schon ganz gut mit der technischen Leitung und alles so. Ich habe alle Funktionen da gemacht.

Markus: Das heißt aber, so die sächsische Herkunft Wernesgrün ist für Sie schon immer noch im Herzen, oder? Oder sind Sie mittlerweile eher Berliner?

Ulrich Wappler: Ja, Wernesgrün geht mir nicht aus dem Kopf. Ich habe auch noch meine Schulfreunde da. Wir telefonieren, die noch übriggeblieben sind, am Leben sind. Das ist so, wir waren 42 zu 50 zur Schule. Und Wernesgrün war damals zum Kriegsende Niemandsland. Oben standen die Russen und unten die Amerikaner. Das hat sich dann nur verschoben, dass in Wernesgrün zur russischen Seite hin wie in Berlin die Grenzen verändert wurden und wie das alles geklärt wurde. Da hat sich dann die Grenze auch verschoben und wir wurden nun die russische Einheit. An sich, meine Schulfreunde, die noch leben, wie gesagt, die Wernesgrüner, es gibt ja nur noch eine Brauerei da, ich habe sehr gute Erinnerungen. Und wenn ich nach Wernesgrün kommen sollte wieder mal, ich kann jetzt nicht, weil meine Frau vor fünf Jahren einen Schlaganfall hatte und ich pflege sie, wir sind 63 Jahre, jetzt 64 Jahre dieses Jahr verheiratet, haben auch zwei Kinder großgezogen, und ich muss sagen, ich wollte eigentlich beruflich was anderes werden. Aber ich bin trotzdem nicht böse darüber, ich liebe den Beruf Brauer. Auf der ganzen Welt, was ich erlebt habe, kann mir keiner mehr wegnehmen. Und ich muss sagen, der Brauerberuf, die Leute sind ehrlich zueinander und eine gute Gesellschaft.

Markus: Ja, das stimmt. Und Sie haben ja eben auch ein drittes Kind quasi großgezogen. Können wir vielleicht schon mal kurz vorziehen, wo wir eben am Anfang auch schon drüber gesprochen haben, das alkoholfreie Bier. Wie kam es denn da überhaupt dazu? Haben Sie da in Ihrem Werdegang als Braumeister schon von Anfang an gedacht, dass das mal ein Projekt werden könnte? Oder kamen Sie da quasi wie die Jungfrau zum Kind?

Ulrich Wappler: In Berlin haben wir damals in der Engelhardt Brauerei nur Pupe hergestellt, das sogenannte Karamellbier und alles, weil das technisch gar nicht ging. Und durch die Entwicklung der Brauerei habe ich dann nicht an alkoholfreies Bier gedacht, sondern wir haben immer versucht natürlich, helle Biere, (unv. #00:04:54.6#)-Biere zu machen. Wir waren ja mächtig beschäftigt mit den Rohstoffen. Da auch die Auslastung der Betriebe ganz groß, weil die Rohstoffe wurden ja immer enger. Das war Wernesgrüner (unv. #00:05:05.6#) kein Vergleich. Die Betriebe haben die besten Rohstoffe gekriegt, weil sie eben exportiert haben, auch Lübz gehört dazu. Man hat ja immer mehr Getränke gebraucht. Es hat ja das alkoholfreie Getränkelager gar nicht mehr ausgereicht, um die Versorgung zu sichern. Und dann hat man dann gesagt, also an den Grenzen, wenn die Leute hier rüberfahren, die Lkws, die laden immer auf. Da stand dran, hier Pirelli tanken, in der DDR strengstes Alkoholverbot. Und dann kam man in den 70er Jahren zu uns in die Brauerei und dann haben die natürlich gesagt: Naja, was wollt ihr weitermachen? Wir waren wirtschaftsgeleitete Industrie und das Getränkekombinat Berlin bestand aus vier Großebetrieben. Und dann hat man gesagt: Na sag mal, kennt ihr sowas nicht? Ihr Braumeister, seid ihr zu dusselig dazu? Und da muss ich dazusagen, eigentlich kann jeder Braumeister das machen, aber die hatten ja gar kein Interesse daran. Die Kapazitäten waren überfordert an Bier. Und deshalb war auch die Qualität so schlecht. Wir mussten mit Rohgerste arbeiten, wir hatten ja kein Reinheitsgebot. Wir haben (unv. #00:06:05.9#) Hopfen verwendet aus der Tschechei, bis dann selbst welcher angebaut wurde. Und so hat sich das alles schon entwickelt. Und ich habe mir Gedanken gemacht, weil ich ja eigentlich fünf Jahre im Forschungsinstitut war. Ich habe erst in 1957 zu 58 den Braumeister gemacht, Brau- und Malzmeister, in einer Fachschule in Friedrichshagen. Und 62 dann habe ich in Dippoldiswalde fünf Jahre lang ein Fernstudium zum Getränkeingenieur gemacht. Ich musste aber die 10. Klasse nachholen, denn in der Schule bei uns waren nur acht Klassen. 45 wurden die Altlehrer entnazifiziert, die Neulehrer kamen. Wir haben eigentlich wenig gelernt. Die Schule hatte keine Kohlen und so weiter und da habe ich das gemacht. Eigentlich war das ein Lauf. Ich bin dann ins Getränkekombinat schon als Braumeister gut behandelt worden und alles, aber es ging darum, alkoholfreies Bier herzustellen. Und da habe ich gesagt, das geht bei uns auch nicht. Aber ich muss sagen, nach 58 hat man die Schnapspreise erhöht in der DDR. Und da wurde natürlich unsere Schnapsfabrik in der Engelhardt Brauerei, die die Russen damals den Braumeister Zappe gezwungen haben mit dem Revolver auf der Brust: Wenn du Bier machen kannst, kannst du auch Schnaps machen. Und dann musste der Schnaps machen. Aber nur keine Brennerei, sondern nur eine Schnapsherstellung mit Rohsprit und so weiter. Da haben sie Rohsprit gemacht, aber die Schnapsabteilung hat sich eigentlich ganz gut entwickelt. Aber 58 haben sich die Preise erhöht und dann hat man gesagt, machen wir das zu. Und da wurde plötzlich die halbe Brauerei, der halbe Gärkeller, der halbe Lagerkeller leer. Und nachdem die Schönhauser Allee Schultheiss geschlossen wurde aus technischen Gründen, haben unsere schlauen Schlosser, die waren wirklich gut, die zusammengeschraubten Tanks aus dem Lagerkeller noch herausgeholt und bei uns aufgebaut und zusammengeschweißt. So hatten wir eine Kapazitätserweiterung. Und da habe ich gesagt, natürlich können wir auch alkoholfreies Bier herstellen. Aber ich muss sagen, das hat einen langen Weg gedauert. Um alkoholfreies Bier zu erstellen, war es notwendig, erst mal eine Patentrecherche zu machen. Aber es war schwierig an die Patente ranzukommen. Wir haben doch als normale Menschen weder eine westdeutsche Literatur bekommen noch Patente. Aber man hat mir das dann zugespielt, ein Patent nach dem anderen. So habe ich eben ein halbes Jahr dran gebraucht, um die Patente erst mal zu erforschen. Es gibt ja bei der alkoholfreien Bierherstellung einen physikalischen Weg und einen biologischen Weg. Und der physikalische Weg ist ja die Verdampfung, Membranfiltration, ich brauche das nicht alles aufzählen, Extraktion, Absorption, alles. Aber wir hatten ja gar keine Anlagen dazu. Ich durfte auch keinen Erfahrungsaustausch machen, weil ich nun nicht dazugehörte, war kein Genosse und meine Brüder sind nach Westdeutschland abgehauen damals und haben das Land verlassen. Und durch meine Familie natürlich konnte ich nicht und hab’s auch nicht gemacht, ich war meiner Familie treu. Wir haben erst mal ein Kollektiv gegründet. Ich muss dazu sagen, bei uns wurden Patente und Neuerungen in der Not geboren. Man hat sich Gedanken gemacht, wie kannst du das verändern. Und außerdem gab’s auch noch Geld dafür, wir haben das nicht umsonst gemacht. Und so wurde eben das alkoholfreie Bier, wir haben eine Kleinanlage aufgebaut und haben das versucht. Es war ja nicht so einfach, wir wollten ja ein biologisches Verfahren machen mit Angären. Und im Ostblock gab‘s das nicht.

Markus: Bei uns im BierTalk trinken wir auch immer gemeinsam ein Bierchen. Jetzt ist für mich so ein bisschen die Frage: Was haben Sie sich für eins aufgemacht? Ist das eins mit oder ohne Alkohol? Was lassen Sie sich schmecken?

Ulrich Wappler: Ich trinke meistens gepilstes Bier mit einer starken Hopfennote, weil ich liebe die Hopfennote. Die Lehrbrauerei, wo ich war, war das bittere Bier, die andere Brauerei, die (unv. #00:09:49.6# Meinel?)-Brauerei hat das milde Frauenbier gemacht und ich habe die Bittere immer noch bei mir. Die muss natürlich angenehm sein, aromamäßig und auch im Hals kein kratziges Bitter sein. Und ich trinke gerne ein Pilsner, das ist zum Beispiel das Jever Bier.

Markus: Und das haben Sie jetzt auch gerade bei sich im Glas?

Ulrich Wappler: Ja, das habe ich jetzt da und habe es aufgemacht und habe schon mal angestoßen, weil ich Durst hatte. Und ich muss immer wieder sagen, dieses bittere Bier bringt einen guten Appetit mit und regt zum Weitertrinken vor allem an. Man trinkt dann nicht nur ein Bier. Man soll von Bier nicht satt werden. Denn Bier war ja früher Nahrungsmittel. So ist es in der Mongolei gewesen, wo ich da war. Die haben das als Nahrungsmittel aufgenommen und Alkohol war bei denen Nebensache.

Markus: Dann mache ich mir auch eins auf. Ich habe mir auch ein untergäriges Bier genommen. Moment! In dem Fall aber tatsächlich ein alkoholfreies. Das kommt jetzt aus Schottland von der BrewDog Brauerei. Würde Ihnen bestimmt gut schmecken, weil ist ordentlich Hopfen drin, hat eine schöne Bittere. Und durch den Aromahopfen, durch das Hopfenstopfen auch ein bisschen so eine fruchtige Zitrusnote. Also auch was sehr Schönes. Prost! Schön, dass wir zusammen sein können.

Ulrich Wappler: Sehr zum Wohl!

Markus: Danke schön! Sie haben ja gesagt, das war alles sehr knapp. Lag ja auch ein bisschen daran, dass einfach durch diese relativ willkürliche Grenzziehung auf einmal die DDR-Brauwirtschaft abgeschnitten war von den Rohstofflieferanten vom Hopfen, aber auch von den Braumaschinen-Herstellern und so weiter. Das heißt, da war viel Improvisation angesagt. Und ich habe mir auch erzählen lassen, dass es zum Beispiel sowas gab wie einen Liefervertrag mit Kuba, weil die einfach nur Zucker exportieren konnten und alle Ostblockländer eben gesagt haben, wir müssen Kuba unterstützen. Und so die DDR auch jede Menge Zucker eingekauft hat. Und man dann eben sogar beschlossen hat, das Bier zum Großteil mit Zucker zu brauen. Haben Sie denn von diesen Engpässen und auch von dieser Zuckergeschichte auch was mitbekommen?

Ulrich Wappler: Ja, ja. Natürlich, reichlich. Wir haben erst mal grundsätzlich das Malz bekommen, was man nicht für den Export, die Brauereien, die exportiert haben, nicht für den Export (unv. #00:11:47.2#), unser gutes Malz hat man exportiert und die Brauereien, die eher exportiert haben, haben ja (unv. #00:11:52.9#) gekriegt und die haben auch das gute Malz gekriegt. Denn bei uns war die Malzwirtschaft, man hat zwar ein Gersteninstitut gehabt und hat daran gearbeitet, aber die DDR oder die Bauern, die haben für die Gerstenherstellung, eine gute Gerste, die zu vermälzen waren, es mussten ja gleichmäßige Körper sein, die gleichmäßig keimen und alles, haben wir eigentlich keinen besonderen Aufschlag gekriegt. Die haben für die Gerste nach (unv. #00:12:18.3#) Menge gekriegt, die haben natürlich Stickstoff in den Boden hineingehauen als Düngemittel. Und da wurde die Gerste eiweißreich. Und über 10 % Eiweiß konnte man das kaum verwenden. Und dadurch ist natürlich die ganze Malzindustrie etwas zurückgegangen, auch durch den hohen Anstieg des Bieres. Sie müssen sich vorstellen, wir haben 1945 34 bis 40 Liter pro Kopf-Verbrauch. Und 1982 waren das 147 Liter pro Kopf der Bevölkerung, obwohl die Bevölkerung um 1,5 Millionen abgenommen hat für diesen Zeitpunkt getrunken. Es war unmöglich. Und der Zucker aus Kuba, der Rohrzucker war zur Verfügung. In der DDR hatten wir auch selbst, Nauen war eine Zuckerfabrik, ich durfte da mal ein paar Monate arbeiten. Da wurde der Rübenzucker verarbeitet. Zucker war in Hülle und Fülle da. Aber wir haben nur 10 % Zucker eingesetzt. Der Zucker ist natürlich als Sacharose ein (unv. #00:13:15.2#) fressender Hefe. Und wir haben dann in die heiße Würze unsere Aufstockung nur 10 % einsetzen dürfen. Und ich muss sagen, das war eigentlich gar nicht schlecht. Die Vergärung wurde angeregt. Denn unsere Maltose, da mussten ja Enzyme hinein, (unv. #00:13:31.7#) vergärt ja nicht. Die war ja nicht aufgeschlossen.

Markus: Wir haben ja vorhin über das Thema Alkoholfrei schon gesprochen. Und Sie haben angesprochen, dass es ja das Birell Bier gab, was im Westen, das war, glaube ich, eine Schweizer Marke, ursprünglich relativ präsent war, und man dann eben gesagt hat, wir wollen auf jeden Fall ein alkoholfreies eigenes Bier haben für uns. Und wie hat sich das dann bei Ihnen entwickelt, dass Sie das umgesetzt haben? Und wann kam dann so dieses erste Bier raus, das man dann auch wirklich trinken konnte?

Ulrich Wappler: Das Bier nannte sich (unv. #00:13:59.5# auch?) wie unser Bier. Und nachdem ich da anderthalbes Jahr mit einer Arbeitsgemeinschaft von vier Personen, aber das waren nur die, die im Patent getragen waren, sondern der ganze Betrieb musste mit mir mitziehen. Und da muss ich sagen, die guten Brauer und auch die Laborantinnen, wir hatten ja keine Messgeräte groß. Das gab’s ja alles nicht. Wir haben dann das Bier vorbereitet mit einer Kleinanlage, alkoholfreies Bier in (unv. #00:14:24.5# metabiologischen?). Aber da gab’s ja Probleme. Wir hatten keine Sonderhefe, wir mussten also erst mal eine Anlage bauen, dass wir die Würze unterkühlen können, dass wir die Gärung stoppen können, dass wir nicht über 0,5 % Alkohol haben, dass wir das zugelassen bekommen. Leider habe ich nachts um halb eins einen Anruf gekriegt von der Leipziger Messe, die wussten, da hat wahrscheinlich einer abends irgendwie in der Gesellschaft da angegeben, was wir alles schon in Arbeit haben. Da habe ich einen Anruf gekriegt, morgen früh müssen da zwei Kästen von dem Bier, was erst in 14 Tagen, drei Wochen fertig gewesen wäre, nach Leipzig schicken. Und die haben das alles für so gut gefunden, (unv. #00:15:01.6#) mir heute noch anstinkt, wenn mir einer sagt, ein älterer Herr, ja früher hast du (unv. #00:15:06.4#), das konnte man ja nicht trinken. Deshalb habe ich es später in Pilot umbenannt und so weiter. Aber diese Biersorte haben wir dann vor allen Dingen erst mal gebracht in die Hitzebetriebe. Wir haben die Betriebe beliefert, erstmal die ganzen Raststätten in der DDR. Und da hat man einfach gesagt, dass wir kein Wasser transportieren müssen, weil auch (unv. #00:15:27.1# Sprit?) für die Aktion negativ war. Wir haben kein Benzin gehabt für die Autos. Und da hat man gesagt, also macht doch folgendes: Fahr in den Bezirk Gera in die Brauerei Neustadt an der Orla und rüste die einfach um und dann könnt ihr alkoholfreies Bier machen. Und da könnt ihr Hermsdorfer Kreuz, Mischendorf und was weiß ich, alles, was da unten an Raststätte liegt, wir können Weißwasser, die Glaswerke, wir können Leuchtenbau Dresden, wir können alles, die Schwerindustrie, alle, die Durst hatten und während der Arbeit. Der Gewerkschafsbund war ganz hart. Der hat ja den Alkohol dann in den Betrieben grundsätzlich verboten. Und da haben die das ausgeglichen eben mit alkoholfreiem Bier. Unser Bier war ja billiger als das Birell, ist ja klar, aus der Schweiz, das kleine. Wir haben 75 Pfennig pro halben Liter. Das war ja an sich kein Preis. Das normale Pilsener hat 91 gekostet, der halbe Liter. Und die Spezialbiere gingen dann von 1,25 bis 1,50 hoch, der halbe Liter. Und mir wurde gesagt, die Fahrer nehmen das reichlich mit in ihre Autos rein und das hat denen gefallen. Die hatten alkoholfreies Bier.

Markus: Und haben sich auch die Mitarbeiter in den Glaswerken gefreut? Wie war das so?

Ulrich Wappler: Ja, natürlich! Die Glaswerke, natürlich haben wir einen Fehler gemacht. In Weißwasser war ich da, das einheimische Bier war ja kaum trinkbar. Und wir sind mit unserem unetikettierten Bier dahingekommen, haben eingegossen und haben da schöne Gläser mitgehabt. Die Mundblasgläser haben hauptsächlich für Export gearbeitet. Und das war natürlich (unv. #00:16:53.3#) für die. Die haben Bier getrunken, die konnten so viel holen. Da waren so Lehrlinge, die haben dann eine Kanne Bier gebracht. Da hat der geschluckt und dann haben die sich gegenseitig auch mal verbrannt und ein Unfall passiert. Und wie wir da ankamen, haben das Bier verkostet, haben gesagt: Das ist ein schönes Bier. Das hätten wir auch gerne. Und unser Betriebsleiter, der war dann so, hat gesagt, ihr könnt noch so viel trinken, wie ihr wollt, ist alkoholfrei. Da gingen die an die Decke. Die haben Schnaps noch nebenbei getrunken. Ist ja klar. Und dann sind wir nach Leuchtenbau Dresden gefahren und da haben wir natürlich gar nichts gesagt und haben die erst alle unterschreiben lassen, ob sie das Bier haben wollen. Und dann haben die gesagt, das möchten wir haben. Die hatten sogar Deputat-Bier gekriegt, um den Durst zu löschen. Die sind der Meinung, zur Speichelbildung braucht man Bier.

Markus: Das heißt aber, letzten Endes haben sie es dann doch genommen, oder war es dann tatsächlich …

Ulrich Wappler: Ja, ja. Ja, ja. Die haben genommen, auch die Hitzearbeiter, die Stahlwerker. Ich habe sie jetzt nicht alle aus dem Kopf hier. Wir haben reichlich beliefert. Und das hat natürlich auch dann (unv. #00:17:49.1#) spitzgekriegt und die Länder vor allem im Ostblock. Es gab ja schon Biere, die aber waren alle über 1 % Alkohol. Und diese Biere in der Tschechei und in Bulgarien über 1 %, und geschmeckt haben sie eben auch nicht. Aber wir haben uns da wirklich große Mühe gegeben und ich habe dann auch schon mit Hopfen-Öl gearbeitet. Ich habe für die Forschung mitgearbeitet. Und das Hopfen-Öl haben wir dann auch im Bier mit angewendet und so weiter. Aber mit allen Tricks und allen Mitteln haben wir eigentlich dann ein ganz gutes Bier. Das wurde immer besser und auch der Anstieg des Absatzes wurde immer besser. Und wir hatten dann schon 11.000 Hektoliter, das ist schon eine ganze Menge. An sich wurde die Anlage gebaut auf 100.000 Hektoliter. Das wäre der DDR-Bedarf gewesen. Aber die Wirtschaftlichkeit ist damit ja abgesunken, das ist klar, vom Preis her, hatte ich ja gesagt. Heute wäre das schon kein Problem. Ich meine, man muss immer berechnen, das war 1972, wo wir das Patent eröffnet haben.

Markus: Wann war die erste Präsentation von dem Bier?

Ulrich Wappler: Das Bier ging soweit zur Messe und nachdem man dann gemerkt hat, dass das in der Qualität immer besser wurde und wir haben ja zusammengearbeitet mit dem Forschungsinstitut, was auch hier auf Stralau stand, das nannte sich WTEZ, Wissenschaftlich Technisch Ökonomisches Zentrum der DDR. Und die haben das verkosten lassen mit Bieren aus dem Ausland und bis zum zweiten Platz haben wir das geschafft und standen also sehr gut dar. Und dann hat man gesagt, na, dann müssen wir auch das exportieren können als Exportbier. Nach Amerika Michigan ging das dann unter Foxy Light. Dann haben wir (unv. #00:19:29.4#) gekriegt und konnten uns Verpackungsmaschinen kaufen. Und so hat sich das immer weiterentwickelt. Auch nach England, die wollten den Namen Berolina draufhaben. Wir sind dann schon 87, 88 bei 18.000 Hektoliter Ausstoß gewesen. Die Anlage wurde ja noch nicht voll genutzt, wir hätten weit mehr machen können. Und dann habe ich das natürlich, da ich mal ein Meister für Pilotanlagen war, habe ich es auf Pilot umgetauft unser einheimisches Bier. Und dann sind wir zur Messe gefahren, eingeladen worden, da wurde unser Bier Foxy Light nach Amerika an der Ausstattung und im Geschmack mit der Goldmedaille der Leipziger Messe ausgezeichnet. Das war 1986. Und da wurden natürlich noch mehr Betriebe aufmerksam. Da wollten jetzt noch viele haben. Dann war nach Ukraine, Ukraine in der Brauerei, dann war ich in Weißrussland in einer Brauerei, und viele andere wollten das auch haben. Und das war eigentlich eine ganz gute Entwicklungsphase, die wir hatten. Aber leider hat man das dann zunichte gemacht, nachdem das Brauen (unv. #00:20:29.5# verboten?) wurde, hat man ja die Betriebe zugemacht. Die Engelhardt Brauerei wurde ja am 30.11.1991 geschlossen. Und damit war auch diese ganze Idee und alles gestorben.

Markus: Vielleicht da noch mal kurz zurück zur Wende. Wie haben Sie denn diese Zeit erlebt? Also vielleicht 88, 89 und was direkt danach passiert ist. Und wie ist es Ihnen denn in dieser Zeit ergangen?

Ulrich Wappler: Na ja, mir eigentlich hat man nichts angetan. Ich war durch meine fachliche Arbeit und ich war ja überall mit beteiligt in sämtlichen Neuerungen und Ideen und alles, was auf den Markt kam, ob das nun alkoholfreies Bier war oder reduziertes Bier, alkoholreduziertes Bier oder zur 750-Jahr-Feier ein Köpenicker Moll und so weiter, hat man da natürlich mich als Produktionsleiter, ich war ja auch 15 Jahre stellvertretender Betriebsdirektor, eigentlich ganz in Frieden gelassen. Nur das alkoholfreie Bier, ich habe das gemerkt, dass der Wirtschaftsrat von der geleiteten Industrie etwas gebremst hat. Je mehr wir alkoholfreies Bier hergestellt haben, obwohl das einen höheren Aufwand hatte, aber dafür weniger Prozent, hat ja nur 7 % Stammwürze, aber es hatte einen höheren Energieaufwand, kältetechnisch und auch Energie. Weil wir mussten ja Kochmaischeverfahren fahren, wir haben mehr Springmaischeverfahren gemacht und so weiter, mehr Hefe zugegeben und Arbeitsaufwand, war das also eigentlich etwas teurer in der Herstellung. Und wenn man das für 75 Pfennig die Flasche verkauft, wir haben ja alles mit Pilsener Bier gemacht. Sie müssen sich mal überlegen, wir haben 1972 eine große Idee durchgesetzt, und zwar, Tankanlagen aufgebaut. Wir hatten zur Wende 1989 350 Tankerstädten, jede Gaststätte vom Palast der Republik bis zur Ostsee hoch, die neu konzipiert wurde, waren Tanks eingebaut, und wir haben nur per Pipeline unser Pilsator dahin geliefert. Das war so ein ökonomisch wirtschaftliches Verfahren. Wir haben 200.000 Hektoliter Pilsator, das ist das unpasteurisierte Berliner Pilsener, das haben wir geliefert in Tankerstätten. Das wurde ja unheimlich viel getrunken.

Markus: Wie ging‘s dann mit Ihnen persönlich in der Wendezeit weiter?

Ulrich Wappler: Man hat mich nicht entlassen. Ich bin dann mit (unv. #00:22:44.0# Brehm?) als letzter raus und habe die Tür abgeschlossen. Und man hat mich immer hochgehalten, weil ich ja, ohne jetzt überheblich zu wirken, eine gewisse fachliche Fähigkeit hatte, denn ich habe mein ganzes Studium nach Feierabend gemacht und habe nie die Praxis unterbrochen. Ich war in der Lage, jedem in der Brauerei die Arbeit vorzumachen vom Flaschenkeller bis zum Lagerkeller bis zum Sudhaus. Selbst das Kesselhaus hatte ich beherrscht, habe da einen Lehrgang gemacht, und konnte, wenn der Heizer besoffen kam, habe ich ihn nach Hause geschickt und habe alleine weitergeheizt. Und diese ganze Situation war natürlich für mich sehr gut. Man hat uns dann auch mehr Geld gegeben und hat, wo ich sehr stolz drauf war, anfangs, man hat in die Brauerei noch mal 5 Millionen reingesteckt in die Brauerei 89. Und dann hat man 91 gesagt, jetzt machen wir zu und ich wollte den Füller anlaufen lassen und da hat man gesagt, nein, das ist nicht. Und dann war eine Versammlung und Polizei stand vor der Tür. Und ich saß dann da und da haben die Leute gefragt zum Betriebsdirektor, der hat gesagt, ich habe gar nichts dazu zu sagen. Nach dem Untergang, das war dann, Brau und Brunnen kam dann aus Dortmund. Und dann hat man den technischen Leiter gefragt, hat gesagt, was sagst du dazu? Der hat auch bloß den Kopf geschüttelt und hat nichts gesagt. Und dann haben die gefragt, Produktionsleiter, Oliver (unv. #00:23:57.7#), was sagst du dazu? Und dann bin ich aufgestanden und habe unter Tränen dann natürlich den Leuten gesagt, dass sie zufrieden sein sollen, dass sie eine gute Abfindung kriegen, und dass unsere Technik und unser Betrieb eigentlich dem Stand der westdeutschen Brauereien weit zurück waren. Das muss ich zugeben. Wir waren technisch und in allem weiter zurück. Ich habe meine Arbeitskräfte dann in Westberlin untergebracht in den Brauereien, die Brauer. Und da habe ich die Brauereien gesehen, also da muss ich mal sagen, da waren wir weit zurück. Wir hätten ein völlig neues Sudhaus gebraucht, neuen Flaschenkeller und alles. Aber das musste man den Leuten beibringen und das war das Entscheidende. Und ich selbst wurde nicht entlassen, ich wollte aber auch kein Bierverkäufer werden, sondern habe mich dann auf Grund, dass ich die Kleinanlage für das Forschungsinstitut gemacht habe, für die Hopfenforschung, habe ich Blut geleckt und habe mich den Hausbrauereien gewidmet. Und dann bin ich als erstes nach Gommern, das ist 15 Kilometer vor Magdeburg, da habe ich eine Brauerei aufgebaut in einem Wasserschloss für einen Millionär, und habe da auch selber Bier gebraut. Das ist das ja, was ich konnte. Ich habe nicht nur als Sonderbrauleiter gewirkt, sondern ich habe dann auch vorgemacht, wie man Bier braut. Und dann habe ich mir das Bier gebraut, dann war natürlich schon das Reinheitsgebot da, wir hatten da bessere Malze und auch guten Hopfen, also alles kein Problem. In Görlitz war ich bei einer Susanne Daubner, die hat in Berlin studiert, aber nicht die Rundfunksprecherin, sondern in der Obermühle. Die haben mir ein Lied geschrieben und viel geschrieben über mich. Da habe ich ein Mühlengose gebraut für die. Und die waren ganz begeistert, die haben vieles getan für mich dann. Und da war ich auch stolz darauf. Und dann war ich in Rathenow, habe denen eine Brauerei konzipiert und aufgebaut. Dann habe ich natürlich auch eine Brauerei gemacht am Alexanderplatz. Da hat mich dann einer von Gommern zurückgeholt und hat gesagt: Du musst bei uns hier anfangen. Und ich wohnte ja da in der Nähe. Da habe ich dann das Alexbräu, das ist eine Brauerei mit einem Sudhaus von 15 Hektoliter, die habe ich als Sonderbrauleiter aufgebaut mit und war dann zehn, elf Jahre da, habe da mit Lehrlinge ausgebildet, die die Hausbrauereien heute noch machen, und auch ausländische Ingenieure. Ich habe auch für Beraplan gearbeitet, was heute BrauKon ist in München. Und so weiter. Dann kam auch das Heldenblut im Karolinenhof. Dann habe ich eine Brauerei gebaut, und zwar 2015 in Altlandsberg mit Brennerei. Das war, wo ich mir das letzte Denkmal gesetzt habe. Ich muss mal sagen, ich war auch stolz, ich habe 63 bis 67 im Fernstudium meinen Getränke-Ingenieur gemacht und habe dann 62 vom Staatsministerium aus Dresden den Diplom-Ingenieur (FH) Fachhochschule zugesprochen gekriegt aufgrund meiner langen Praxis.

Markus: Also quasi ehrenhalber, könnte man ja fast sogar noch sagen, oder?

Ulrich Wappler: Ja, ja. Ja, ja. Ich muss Ihnen aber sagen, es hat keiner bis jetzt gefragt, was ich gelernt habe und was ich gemacht habe oder irgendwie was. Die haben immer gewusst, kann er Bier brauen oder nicht. Und entscheidend war das, was die Leute getrunken haben und wie man Bier braut. Und ich kann sagen, also ich habe wirklich sehr viel Bier gemacht und sehr viele Namen. Ich habe damals ein rotes Bier gemacht, damit die Tankerstätten, damit da keine fremden Firmen reintanken können. Ich habe mit dem Reif-System gearbeitet. Reif ist, wenn man in den Lagertank einen Beutel reinmacht und dann reinschickt und über die Uhr. Wir haben nach Volumen ausgeschenkt das Bier. Also ich muss Ihnen sagen, es war schon eine ganz gute Geschichte. Ich hatte Angebote, muss ich sagen, in West-Berlin, aber ich habe das nicht gemacht. Ich habe gedacht, wenn du mal hier auf dem Arbeitsamt sitzt und es trifft dich einer von den alten Brauern von früher, dann sagen die, guck mal, da sitzt der Idiot, der uns hat sitzen gelassen. Das habe ich nicht gemacht, sondern ich bin meiner Gesellschaft treu geworden und werde heute noch geehrt und geachtet von Leuten, die eben Brauereien machen. Ich kann mich in Altlandsberg gerne sehen lassen, die sind mir dankbar, dass ich ihnen eine Brennerei vorgeschlagen habe. Und die brennen jetzt ihr Bier ab, was sie nie verkaufen und machen Schnaps draus. Und das ist schon sehr gut. Es gibt ja viele Hausbrauereien.

Markus: Ja, auf jeden Fall! Und ich habe ja auch schon viele, viele Brauer besucht. Und in der Tat ist es so, ob das jetzt die Jungs von Heldenblut waren oder zum Beispiel auch die Frau Daubner, überall ist immer wieder Ihr Name gefallen. Und das merkt man einfach, dass da einfach viel Respekt und viel Anerkennung da ist und einfach viele Leute von Ihnen, mit Ihnen gelernt haben und in die Branche auch gefunden haben. Also ganz großartig. Vielleicht zum Abschluss noch eine Frage: Wie denken Sie denn aktuell die Zukunft der Branche? Was denken Sie, wird so dieses Jahr, das nächste Jahr bringen? Und worauf sollten sich vielleicht Brauereien auch ein bisschen konzentrieren?

Ulrich Wappler: Ich spreche ja mit sehr vielen Kumpels, die alle aus der Getränkebranche stammen, ob Wein, Sekt oder Bier, hauptsächlich Bier. Und ich habe wirklich sehr viele gute Kontakte. Ich muss sagen, die Brauereiwirtschaft hat sich unheimlich in den letzten 50, 60 Jahren entwickelt, also sagenhaft. Wenn ich noch daran denke, wie wir in Wernesgrün in Holzfässer reingeklettert sind und wie wir gepicht haben und alles sowas, und heute das alles gesteuert wird. Die sitzen ja nur noch da. Heute braucht man normalerweise gar keinen Brauer mehr. Heute braucht man einen Computertechniker, der sitzt drin und kann das alles schalten und walten. Also es wird für die Brauereien sehr schwer sein. Viele wandern ja deshalb aus, das habe ich gesehen. Ich war, wie gesagt, sechs Jahre in der Mongolei und da habe ich das gesehen, dass da fast alles deutsche Braumeister sind, die da arbeiten und die noch Bier brauen können. Oder die Hausbrauereien, die Craftbier-Brauereien, ist ja auch weiter nichts wie handwerklich gebrautes Bier, und auch gutes Bier, muss ich sagen. Viele gehen natürlich jetzt kaputt durch die Gastronomie. Ich weiß nicht, wie es mal wird, wenn dieser Krankheitszustand jetzt mal eingeengt ist und wieder frei in eine Kneipe gehen können. Wahrscheinlich wird das kommen, dass man geimpft sein muss, sonst kommt keiner rein. Aber viele sind ja schon kaputt und müssen ihre Gaststätten verkaufen. Das geht alles den Bach runter. Die Zukunft wäre so, es hat sehr nachgelassen, habe ich gelesen, der Bierabsatz zurzeit, und die Leute, die ich kenne, die jungen Leute, die ja da als Sommelier und so weiter da arbeiten in der Brauerei, nur noch halbtags oder zwei Tage in der Woche. Da kriegen sie natürlich auch nicht volles Gehalt. Und wer eine große Wohnung hat und alles und sich nichts beiseitegelegt hat, der geht auch den Bach runter. Aber eins steht fest, die Leute merken, dass viele Sorten alkoholfreies Bier da sind, aber die Geschmäcker oder die Geschmacksunterschiede so groß sind, dass man manche Biere gar nicht trinken kann. Und das liegt an der Verfahrensweise und dann sind die auch noch elend teuer. Da kostet manche Flasche Bier alkoholfrei bis einen Euro und wenn man’s nimmt, 7 % oder 6,5 % Stammwürze und Alkohol null, den haben sie rausgezogen und haben Schnaps draus gemacht. So schlau waren wir damals auch, bloß wir hatten keine Möglichkeit, den verdunsteten Alkohol wieder zurückzugewinnen. Da hatten wir keine Anlage dazu. Sonst hätte ich das auch gemacht. Das macht heute (unv. #00:31:03.4# Dingsleben?) und stellt damit auch Bier her. Patent ist ja weg. Ich habe natürlich sehr viele alte Leute, mit denen ich zusammenkomme, die trinken alkoholfreies Bier, zum Beispiel alkoholfreies Weizen. Ein Kumpel von mir, der kippt sich Bananensaft rein, dann schmeckt er den Würzegeschmack nicht. Wohl dem, der das nicht braucht, alkoholfreies Bier. Ich trinke gerne ein gutes Pilsener, das bekommt mir auch gut, aber wenn es eben nicht mehr geht aus gesundheitlichen Gründen oder aus beruflichen Gründen, und die Leute, die nicht auf Bier verzichten wollen, die sollten dann, bin ich der Meinung, schon auf alkoholfreies Bier zugreifen. Bloß, man müsste da schon den kleinen Unterschied zwischen der (unv. #00:31:40.7# Preislage?) machen. Und das wird auch kommen.

Markus: Dann bedanke ich mich bei Ihnen ganz, ganz herzlich für die Zeit und für die vielen spannenden Einblicke in Ihr langes Brauerleben. Ich wünsche Ihnen natürlich noch viele, viele schöne Jahre und Tage und viele gute Biere, die Sie trinken können. Und ich freue mich, wenn wir uns dann demnächst vielleicht bald auch mal wiedersehen.

Ulrich Wappler: Ja. Ich bedanke mich bei Ihnen auch fürs Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute. Bleiben Sie uns erhalten, bleiben Sie gesund!

Markus: Das mache ich. Ich versuch’s zumindest. Danke schön!

Ulrich Wappler: Alles Gute, Herr Raupach! Wir hören voneinander.

Markus: Das machen wir, auf jeden Fall.

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk 53 – Interview mit Günther Thömmes, Bierzauberer und Autor aus Brunn in Niederösterreich

Geboren in Bitburg, startete der frisch gebackene Brauergeselle Günther Thömmes nach Bayern, um dort neben dem akademischen Braumeistertitel in Weihenstephan auch noch die bierologischen Weihen der legendären Schwester Doris zu erlangen. Anschließend zog er aus in die weite Welt, um überall auf dem Globus Brauanlagen zu verkaufen und einzurichten. Mit dem Umzug nach Österreich kamen die Liebe und das Verlangen, endlich eine eigene Brauerei einzurichten: Die „Bierzauberei“ war geboren. Nebenbei fand Günther Thömmes auch einen Verlag für seine Bierzauberer-Romanreihe und schaffte es, im ZDF 100.000 Euro bei einer Quiz-Show abzuräumen. Im BierTalk erzählt er seine Geschichte, ein wirklicher Podcast-Höhepunkt…

Link für Apple/iTunes: https://podcasts.apple.com/de/podcast/biertalk/id1505720750

Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Holger: Herzlich willkommen zum 53. BierTalk, auf den ich mich persönlich besonders freue. Am Mikrofon ist der Holger und der …

Markus: Markus.

Holger: Unser Gast ist eigentlich unbeschreiblich. Vom Namen her Günther Thömmes, also da gehe ich davon aus, dass viele der Hörer den Günther kennen, vielleicht persönlich sogar. Aber sicher haben sie schon mal von ihm gehört. Was kann man zu ihm sagen? Eben zwei Dinge sind voll im Vordergrund: Braumeister und Autor. Wer jemals schon mal vom Bierzauberer gehört hat, der Günther ist derjenige, aus dessen Kopf der Bierzauberer entsprungen ist. Und: Was man auch noch sagen könnte, er hat sogar mal in der TV-Sendung „Der Quizz-Champion“ 100.000 Euro gewonnen. Das finde ich auch bemerkenswert. Günther, also herzlich willkommen und schön, dass du Zeit für uns hast. Sag doch mal was zu dir, stell dich selbst einfach mal unseren Hörern vor.

Günther Thömmes: Hallo! Danke Holger, danke Markus! Es ist schön, mit euch hier mal zu plaudern. Ich freue mich über die Einladung. Kurze Vorstellung, und wie gesagt Günther Thömmes ist mein Name, ich bin 1963 im schönen Kreis Bitburg auf die Welt gekommen. Bitburg ist natürlich jetzt auch für Bierfreunde auch ein Begriff. Ich bin auch in Bitburg dann aufgewachsen, habe da nach dem Abitur und Wehrdienst eine Brauerlehre in der Bitburger Brauerei gemacht. Und habe dann in Weihenstephan weitergemacht, habe dann meinen Abschluss als Diplom-Braumeister gemacht. Ich bin dann ziemlich viele Jahre in der Zulieferindustrie unterwegs gewesen in der ganzen Welt. Ich habe also für Ziemann und für GEA, für zwei wirklich große Anlagenbauer in der ganzen Welt Projekte gemacht, zuerst in der Projektierung und dann im Vertrieb. Ich war also wirklich in Ländern, wo man normalerweise brautechnisch nicht hinkommt, wie Usbekistan, Vietnam, hinteres Sibirien, Eritrea, Rumänien, Bulgarien, habe ich damals viel gemacht und in Ex-Jugoslawien. Ich bin dann für die GEA drei Jahre nach Amerika gegangen, zuerst an die Westküste und dann an die Ostküste. Ich habe da meine ersten Erfahrungen mit Craftbier gemacht, also mit dem amerikanischen Craftbier. Das war 1997. Da habe ich dann mein erstes Sierra Nevada Pale Ale getrunken, das war mein persönliches Erweckungserlebnis. Ich habe mir sofort eine Hobbybrauanlage zugelegt beziehungsweise selber gebaut und habe dann angefangen, selber meine Pale Ales, IPAs und so weiter zu brauen. Also zu einer Zeit, da hat in Deutschland eigentlich niemand mit dem Begriff IPA was anfangen können. Ich bin dann 2000 zurück erst nach Deutschland und dann knapp zwei Jahre später nach Österreich, wo ich dann geheiratet habe. Ich habe dann weiter in der Zulieferindustrie gearbeitet. Wir haben die Regionalvertretung gehabt für meine früheren Arbeitgeber Ziemann und GEA. Da war ich viel in Ex-Jugoslawien unterwegs. Und ich habe dann aber beschlossen, ich will mir den Traum meiner eigenen Brauerei erfüllen. Ich habe Ende 2009 mein Geld zusammengekratzt und habe mir meine Bierzauberei gebaut mit einem kleinen 2-Hektar-Sudwerk. Was damals in Österreich so ziemlich das erste echte Craftbier-Projekt war. Also sprich, kleine Brauerei, nur Flaschenbier, spezielle Biersorten, die erste rein obergärige Brauerei war ich ja auch noch. Ich habe als erstes ein IPA in Österreich auf den Markt gebracht, als erster auch eine Gose dann gemacht im 2-Hektar-Sudwerk ohne Gastronomie. Und das war ziemlich heftig. Danach gingen leider ein paar Sachen schief. Deswegen habe ich 2013 die eigene Brauerei wieder verkauft, trotz voller Auslastung. Ich bin dann noch drei Jahre als Wanderbrauer durch die Welt gezogen, habe also in Salzburg gebraut, in (unv. #00:03:41.1#), habe in Budapest viel gebraut, sogar mal in Brasilien eine Gose. Ich habe auch in Deutschland gebraut in der Nähe von Bamberg beim David Hertl. Mit dem habe ich zusammen Biere gebraut. Ich bin dann noch mal in die Zulieferindustrie gegangen hier in Österreich, habe aber letztes Jahr endgültig beschlossen, ich möchte mich als Autor selbstständig machen, weil das ist, was mir am meisten liegt. Das macht mir am meisten Freude. Und die Auftragslage ist auch gut, mit dem Autor, hast du vorhin schon angesprochen. Oder rede ich jetzt zu viel?

Holger: Es ist auf jeden Fall so, die kurze Vorstellung ist jetzt einfach zu einer etwas längeren geworden. Aber in deiner Biografie gibt’s ja auch wirklich so viele spannende Stationen, da reicht wahrscheinlich ein BierTalk sowieso nicht aus. Aber was für mich wirklich immer schon eine Frage war, die ich dir schon immer stellen wollte, ist: Wie hat man sich als Brauergeselle bei der Schwester Doris aus der Klosterbrauerei Mallersdorf eigentlich gefühlt?

Günther Thömmes: Das war eigentlich eine recht lustige Geschichte. Da war ich in Weihenstephan und wollte natürlich in den Ferien auch jobben gehen. Und ich hatte ja schon einen Gesellenbrief in der Hand, im Gegensatz zu vielen anderen Studenten, die ja eher Praktika gemacht haben. Und dann wollte ich in der Freisinger Brauerei arbeiten, bin dann damals zu dem Herrn Mühlbauer gegangen, der war da Chef-Braumeister. Ich habe ihn gefragt und er sagt, bist du in einer Verbindung? Sage ich, Nein. Sagt er, dann ist es schwierig, weil wir nehmen Leute von unserer Verbindung von Bavaria oder so, wo auch der Professor Narziss drin ist. Aber, sagt er, ich weiß, meine gute Freundin, Schwester Doris, sucht eine Urlaubsvertretung. Die hat noch nie Urlaub gemacht, seit sie in der Brauerei arbeitet. Das war 1988. Dann bin ich dahingegangen und habe bei der Schwester Doris mal angerufen. Sagt sie, ja, komm mal vorbei. Da bin ich halt hingefahren. Dann sind wir zur Schwester Oberin gegangen und dann hat sie mich mit den Worten vorgestellt: Ich habe hier einen Brauer für Urlaubsvertretung, er ist zwar ein Preiß, aber Hauptsache, er ist katholisch.

Markus: Musstest du da was unterschreiben, dass du nicht die ganzen Nonnen irgendwie abspenstig machst?

Günther Thömmes: Nein, nein, das nicht. Aber es war dann insofern eine recht lustige Einführung. Dann war das so, dass die Schwester Doris mich zwei Wochen eingewiesen hat und dann ist die tatsächlich mal für vier oder sechs Wochen verschwunden auf Urlaub. Und die hatte wirklich noch niemals Urlaub gehabt vorher. In der Brauerei, mittlerweile ist sie ja recht modern und neu, damals war die wirklich, die hatte noch ein altes Kupfer-Sudwerk, die Austreberung hat auch nicht mehr funktioniert. Das heißt, ich musste zum Austreben dann in diesen kleinen Bottich reinklettern. Was mit meinen 2 Meter plus ja nicht ganz einfach ist. Und da war es heiß und es war eine Herausforderung.

Holger: Normalerweise ist Schwester Doris da reingeklettert? Nein?

Günther Thömmes: Ja genau, genau!

Holger: Echt?

Günther Thömmes: Normal ist Schwester Doris da reingeklettert. Es ging ja nicht anders, weil die beiden anderen Nonnen, die da noch geholfen haben, die waren schon viel, viel älter. Das waren der Schwester Doris ihre Vorgängerinnen. Eine war damals schon 80 Jahre alt fast. Die hat mir dann geholfen bei der Arbeit, ist dann morgens zum Beispiel, damit ich nicht um vier Uhr aufstehen muss oder in der Brauerei sein muss. Ich habe dann da nebenan im Gasthof übernachtet. Die ist dann morgens um vier Uhr gegangen und hat schon mal die Schroterei angeworfen und so weiter. Und wenn ich dann kam, lief die Maische schon. Und musste ich schon im Sudhaus noch weitermachen. Und zum Beispiel beim Schlauchen, die Tanks musste man auch von Hand schrubben und die haben auch nur kleine Satteltanks gehabt, 20-Hekto-Tanks. Das war auch sehr knifflig, da reinzukommen. Aber da habe ich gelernt den alten Brauerspruch: Wenn du mit dem Kopf reinpasst oder mit den Schultern drin bist, dann geht der Rest auch. Und da bin ich dann wirklich in dem Tank, wo ich mich kaum bewegen konnte, habe ich mich dort hingesetzt mit einer Bürste und habe die Tanks geschrubbt. Das war eine Art von Brauen, die ich halt in der Bitburger so nicht gelernt hatte, aber es war eine wirklich spannende Zeit.

Holger: Sehr schön!

Günther Thömmes: Da habe ich wirklich handwerkliches Brauen gelernt.

Holger: Das ist doch wirklich eine sehr schöne Geschichte. Und darauf jetzt ein Bierchen. Günther, was hast du auf dem Tisch oder was hast du in der Flasche?

Günther Thömmes: Ich habe ein Weißbier auf dem Tisch. Ich trinke eigentlich im Moment nur Weißbier. Das ist irgendwie mein Lockdown-Bier. Das läuft am besten.

Holger: Selbst gebraut, oder?

Günther Thömmes: Nein, nein! Das ist ein gekauftes.

Holger: Dann berichte doch mal. Was ist es denn und wieso?

Günther Thömmes: Ich trinke Weißbiere quer durch die Bank eigentlich. Anfang Dezember war ich noch mal in Deutschland und da ist mein Lieblings-Getränkemarkt und da hole ich mir immer ein Weißbier-Sortiment mit. Hier habe ich jetzt im Moment ein Huber Weisses aus Freising. Das sind Biere, die kriege ich in Österreich im Handel nicht. Da habe ich mir so ein bisschen quer durch mal gekauft. Und das hier sind jetzt noch Restbestände. Ich habe nicht mehr viel vom Huber Weisse. Sehr gerne trinke ich halt Weihenstephaner, das ist ein sehr schönes. Und auch das Benediktiner finde ich auch ganz okay, was die Bitburger jetzt da vor ein paar Jahren angefangen haben. Ich kaufe mir aber immer auch mal so ein bisschen ein Sortiment durcheinander und probiere bei Weißbieren eigentlich immer alles durch. Und ansonsten, wenn ich mal ein Pale Ale zum Beispiel möchte, so ein richtiges Craftbier, bin ich im Moment von der Schiene ein bisschen weg. Das Atlantik-Ale vom Störtebeker mag ich sehr gerne, weil das für mich so ein Benchmark Ale aus deutscher Produktion ist. Und ab und zu mal ein schönes Pils oder ein böhmisches oder Budweiser oder so trinke ich auch mal ganz gerne.

Holger: Sehr (unv. #00:08:36.4#)

Günther Thömmes: Aber so richtig Craftbier ist bei mir im Moment eher nicht so. Also das würde ich gerne bei dem Craftbier-Fest noch mal machen. Wenn man älter wird, dann lassen die Geschmacksnerven einen da auch ein bisschen im Stich. Mir sind viele Sachen einfach zu intensiv, die sprechen mich nicht mehr an.

Holger: Das ist ja wirklich interessant, einfach mal zu erfahren, was der Bierzauberer trinkt. Wenn man dann Holger Hahn heißt und der Protagonist, der ja dann 1248 in dem schönen Ort Hahnfurt geboren ist und dann Niklas von Hahnfurt heißt, dann ist das natürlich was Besonderes. Wie bist du denn da drauf gekommen?

Günther Thömmes: Der erste Entwurf ist schon uralt. Das war so, ich habe immer eigentlich schon sehr viel gelesen, ich habe auch sehr viele Romane, historische Romane gelesen. Und mir ist dann irgendwann aufgefallen, es gibt über jeden althergebrachten Beruf irgendeinen historischen Roman, sogar über Physiker, Mathematiker, Wanderhure, Steuerberater der Wanderhure, der Anwalt der Wanderhure, die Hebamme und allem möglichen Scheiß halt. Und da habe ich gedacht, müsste man doch auch mal was über Brauer schreiben. Ich habe aber angefangen mit dem schon in den, ich glaube, Anfang der 90er Jahre. Da gab‘s noch nicht mal Word, da habe ich das noch in dem alten WordPerfect in der DOS-Shell geschrieben, die ersten Textfragmente. Dann lag das mal wieder, dann habe ich mal wieder weitergeschrieben. Und Anfang der 2000er Jahre habe ich mich dann ernsthaft mit dem Thema befasst, habe gesagt, jetzt ist die Textverarbeitungs-Software so gut, da kann ich auch mittlerweile als Laie da mal weiterschreiben. Man konnte auch besser recherchieren, weil es im Internet auch immer mehr gab. Ich bin am Anfang wirklich noch in die Orte gefahren, um mir das anzuschauen, auch für den zweiten und dritten eigentlich, weil es wahnsinnig schwer war, wirklich im Internet früher noch die Sachen zu finden. Das ist mittlerweile überhaupt kein Problem mehr. Ich habe dann die Geschichte weiter ausgewalzt und mir ausgedacht, die Protagonisten habe ich mir ja ausgedacht, und das Drumherum habe ich gedacht, das sollte aber so ziemlich handfest recherchiert sein. Also auch mit ein paar Prominenten, die es damals wirklich gab, wie den Albertus Magnus zum Beispiel und so. Aber für mich war es wichtig, die Brauereisachen authentisch darzustellen. Da hat mir natürlich schon mein Hintergrund, meine Ausbildung so geholfen, über Sachen, über Hopfen und Malz zu schreiben, wie die damals behandelt wurden, wie man damals das weiterentwickelt hat. Der Sprung halt vom Heimbrauen, wo damals die Frauen gebraut haben zu Hause, weil das erste Kapitel heißt ja auch „Bier brauen ist Weibersache“. Und wo dann die Männer übernommen haben praktisch und das in ein Gewerbe überführt haben. Das war ja so die Zeit 12., 13. Jahrhundert. Und das fand ich sehr spannend, weil da gerade die Klöster und die Städte angefangen haben, das halbwegs professionell zu betreiben. Und habe mir die Geschichte dazu ausgedacht. Ich habe das dann fünf Mal, zehn Mal überarbeitet, weil immer noch was nicht gepasst hat. Irgendwann hat mir jemand gesagt, der Gmeiner Verlag hat da eine neue Reihe, historische Romane, historische Krimis. Schau mal, ob das passt. Denen habe ich das Manuskript angeboten und die haben auch gleich zugeschlagen, obwohl es von meinem Konzept her kein Krimi war. Aber die haben es als historischen Krimi anfangs mal vermarktet. Es gab ein paar Leichen, es gab ein bisschen Ärger, und ja, hat denen gereicht für einen Krimi. Und das wurde dann für den Gmeiner Verlag ein wirklich irrer Erfolg. Wir sind jetzt bei der 10. Auflage mittlerweile beim Bierzauberer. In den ersten zwei Jahren bin ich auch kreuz und quer durch Deutschland gefahren und habe Lesungen gemacht. Weil das war für die Brauereien wirklich eine tolle Sache, dass sie gesagt haben, endlich mal ein Buch über einen Brauer. Ich habe zum Beispiel allein dreimal hintereinander beim Krimifestival in Braunschweig gelesen, in der Wolters Brauerei. Wo die mir in der Verladehalle ein richtiges Amphitheater aus Bierkisten gebaut haben. Richtig schön mit Sitzplätzen und Freibier dazu und einer Bühne und Ton und Licht, alles ganz perfekt. Das war 2009, 2010 und 2011 oder so habe ich da gelesen. Ausverkauftes Haus jedes Mal, das war echt toll. Ich habe dann halt den zweiten und dritten relativ schnell nachgeschoben, weil die Rechercheunterlagen hatte ich da. Weil ich habe gedacht, ich mache dann immer Sprünge von 200 Jahren, weil das meiner Meinung nach die wichtigen Epochen sind, wo da was passiert ist. Also der erste war halt der Übergang zum gewerblichen, der zweite war die Entstehung der diversen Gesetze bis zum Reinheitsgebot im 14., 15. Jahrhundert bis Anfang 16. sogar, also Spätmittelalter. Und dann halt in der Barockzeit im 17. Jahrhundert der Niedergang des Bieres über 30-jährigen Krieg und neue Getränke wie Kaffee, Tee, Kakao, die halt das Bier nicht mehr attraktiv gemacht haben. Und außerdem waren die Hopfenfelder und die Getreidefelder ja alle zerstört. Danach habe ich ein paar Jahre Pause gemacht, andere Sachen geschrieben. Und dann jetzt 19. Jahrhundert wieder draufgelegt mit dem Wiederaufstieg des Bieres als Volksgetränk in der Industrialisierung. Da habe ich einen zweibändigen gemacht, ein Duell der Bierzauberer. Und das aktuelle ist jetzt letztes Jahr rausgekommenen im Herbst, „Tage des Hopfens, Tage des Zorns“. Über im Prinzip den Sedlmayr Spaten-Brauerei und englische Brauereien, eine Rivalität. Da habe ich mit dem Sedlmayr zum ersten Mal eine Figur genommen, die es wirklich gegeben hat. Ich habe den aber fiktiv ausgewalzt, weil es ist Roman, da darf ich das.

Holger: Der Markus und ich, wir sind ja wirklich sehr bier- und brauhistorisch begeistert. In allen Verkostungen ist das ein Thema, auch in allen Ausbildungen ist das ein Thema. Markus, was hast du dir denn jetzt für diesen Termin für ein tolles Bier ausgesucht?

Markus: Werde ich gleich lüften, dieses Geheimnis. Vorneweg noch, ich freue mich natürlich, wenn du jetzt dein nächstes Buch schreibst, weil dann gehen wir ja in die Zukunft. Und das könnte durchaus spannend werden, wenn wir dann im 21., 22. Jahrhundert sind und du vielleicht dann den brauenden Raumschiffkapitän durch die Gegend fliegen lässt, der den Aliens dann mit Bier den Hintern versohlt. Oder irgendwie so.

Günther Thömmes: Na, so weit, also wenn ich jetzt noch einen sechsten schreibe, dann würde der im 20. Jahrhundert spielen. Weil da ist so viel passiert. Ich habe aber jetzt grad noch einen anderen in Arbeit, jetzt auch fertiggestellt, gerade ein Krimi, der nichts mit Bier zu tun hat. Der erscheint im August. Das ist ein Wien-Krimi. Und jetzt habe ich gerade einen historischen Roman in Arbeit, der aber mit Bier jetzt soweit nichts zu tun hat. Aber ich komme wieder zurück auf das Thema.

Markus: Okay! Oder wir machen das dann zusammen. Das fände ich ja auch mal lustig. Auf jeden Fall habe ich mir natürlich ein besonderes Bier ausgesucht und ich habe eine besondere Flasche einer besonderen Brauerei, auch die letzte Flasche und vielleicht überhaupt die letzte Flasche, weiß ich gar nicht. Und zwar ist das eine relativ junge Brauerei aus Nürnberg, den Brauer kennst du, glaube ich, den Felix. Es ist …

Günther Thömmes: Vom Orca?

Markus: Genau! Vom Ocra Brau.

Günther Thömmes: Ja, ja.

Markus: Ganz genau! Er hat ein schönes Bier gemacht, wo ich mir gedacht habe, das passt gut zu dir. Da steht nämlich drauf: Es ist alles Gold, was glänzt. Besonderes Bier. Da drin ist dann eben nicht nur Wasser und Gerstenmalz und Hopfen, sondern auch Kakaobohnen und Orangenschalen und Zimt und Ingwer. Also im Grunde ein sehr, sehr spannendes, vielfältiges, vielschichtiges Bier. Das habe ich gedacht, passt gut, wenn wir mit dem Günther reden. Und das mache ich jetzt mal auf.

Günther Thömmes: Ihr seid ja politisch Bayern. Wird man da nicht gesteinigt?

Markus: Nein, in keinster Weise. Also erstens ist es ja da. Grundsätzlich, was in einer Flasche käuflich erwerbbar ist, das darf auf jeden Fall getrunken werden.

Günther Thömmes: Der Felix ist ja ein unglaublich mutiger und auch kreativer Typ und vor allen Dingen seine Begeisterungsfähigkeit, das finde ich immer wieder klasse. Er ist so ein netter Kerl, der lässt sich ja nicht unterkriegen, egal was dem da an Widrigkeiten missfallen, mal unterkommen kann. Und das finde ich wirklich bewundernswert.

Markus: Das finde ich auch total klasse. Er ist ja nicht immer der, der alle Herzen im Sturm sofort erobert, aber er hat es tatsächlich geschafft, jemanden zu finden, der eben mit ihm da jetzt gemeinsam streitet und auch ein bisschen investiert hat. Und sie haben jetzt eine Kaspar-Schulz-Anlage, ein richtig nobles Teil dastehen.

Günther Thömmes: Ja, ja. Ich habe abgesehen, (unv. #00:15:51.4#)

Markus: Macht tolle Biere. Und er hat es wohl auch geschafft, seinen zuständigen Behördenmenschen davon zu überzeugen, dass seine besonderen Biere eben besondere Biere sind und deswegen auch sein dürfen. Also zumindest ist der aktuelle Stand der Dinge, dass da vieles geht. Und wenn ich mir das Ganze anschaue, was ich jetzt hier im Glas habe, dann habe ich so ein richtig, ja, schon fast kaffeebraunes Bier. Es ist nicht ganz blickdicht, ein bisschen sieht man noch. Also richtig schön braun, leichter rötlicher Schimmer. Obendrauf steht auch ein ziemlich schöner etwas grobporiger brauner Schaum, der also auch relativ dunkel ist. Es bildet schon so ein bisschen Schlieren im Glas, da merkt man, mit 6,5 oder so ähnlich ist das schon ein etwas kräftigeres Bier. Und wenn man reinriecht, dann kommen einem tatsächlich die Orangenschalen und der Ingwer und so ein bisschen malzige Noten entgegen. Probieren wir das mal. Also sehr, sehr schön. Das ist ganz moussierend auf der Zunge. Der Zimt kommt dann auch richtig schön raus, bleibt auch lange, lange da. Und dazwischen kommen dann so diese Kakaobohnen. Das schmeckt fast ein bisschen auch wie Tonkabohne, also eine ganz schöne erdige Note mit dabei.

Günther Thömmes: Also ein richtig schönes Winterbier, oder?

Markus: Richtig schönes Winterbier, auch ein bisschen frisch. Also das gefällt mir richtig gut. Wenn ich schon mal jetzt das Mikrofon quasi in der Hand habe, dann nutze ich die Gelegenheit, dich auch was zu fragen. Wir hatten ja jetzt gerade drüber gesprochen oder du hast erzählt, dass du ja bei unserem lieben David warst. Da denke ich mir immer, der David ist ja so einer, der hat auch viele Worte und sagt die auch alle. Ist ein ganz lieber Mensch.

Günther Thömmes: Schön gesagt. Ja.

Markus: Aber wie läuft das? Du hast mit ihm einen Collaboration Brew gemacht. Also ihr beide an einem Braukessel stelle ich mir interessant vor auf jeden Fall.

Günther Thömmes: Wir haben schon zwei gemacht, schon zwei.

Markus: Ah ja! Dann sogar schon zwei gemacht, umso besser. Ich habe das English Burton Ale noch im Kopf. Das weiß ich …

Günther Thömmes: Genau, genau! Das war von meiner Bierzauberei, denke ich, mein bestes historisches Rezept. Das war einfach ein unglaubliches Bier. Als ich dann aufgehört habe mit meiner Brauerei, habe ich gedacht, mit dem David machen wir das mal. Es ist nicht ganz so gelungen, wie das Original war. Das höre ich immer wieder von Leuten, die das aufmachen. Aber heute hat noch einer auf Facebook gepostet, dass er noch eine Flasche von der (unv. #00:17:49.8# Herzog?) Koproduktion aufgemacht hat, sagte: Der Hopfen ist ein bisschen weg, aber sagt er, immer noch, auch nach fünf Jahren oder ich weiß gar nicht mehr, wann wir das gemacht haben, vier, fünf Jahre ist das schon her, sagt er, immer noch ein tolles Bier, sehr schön zum Trinken. Da lief dem David seine Anlage nicht ganz rund, weil das Burton Ale ist vom Maischen und Läutern und Kochen ein sehr anspruchsvolles Bier. Das haben wir nicht ganz so hingekriegt. Er hat mittlerweile, glaube ich, aufgerüstet, da geht das besser. Und wir haben danach noch eine Quitten-Gose gemacht. Da habe ich ein Rezept gemacht und der David hat damals, ah komm, das besondere Bier, das kriegen wir jetzt durch, wir lassen uns einfach nicht erwischen. Das haben wir 2016, glaube ich, gemacht. Das war auch ein sehr spannendes wirklich tolles Bier, habe ich noch ein paar Flaschen da. Das haben wir in so Prosecco-Flaschen abgefüllt.

Markus: Da hatte ich damals auch ein Fläschchen, das fand ich auch total genial. Zumal Quitte auch eine meiner absoluten Lieblingsfrüchte ist. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal dank des Lockdowns Zeit gehabt, also letztes Jahr genauer gesagt, Zeit gehabt, eine Quitten-Marmelade selber zu machen, was mir echt viel Spaß gemacht hat. Tolle Geschichte! Aber ich glaube, wir müssen unbedingt den Holger noch zu seinem Bier kommen lassen, sonst wird der noch ganz vertrocknet.

Holger: Ja, unbedingt! Und vor allen Dingen muss ich sozusagen mir die Moderation wieder zurücknehmen. Das ist ja immer sehr gefährlich, wenn man mit dem Herrn Raupach quasi in einem Podcast steckt.

Günther Thömmes: Ja, die Gefahr läufst du bei mir aber auch, Holger.

Holger: Ja. Ja, ja. Aber ich bin dem, glaube ich, gewachsen. Jetzt ist ja auch noch mal das Quizzen ein Thema. Jetzt hast du in der ersten Lockdown-Phase ein Quizz-Buch quasi kostenlos zur Verfügung gestellt im Internet. Und jetzt gibt’s da also eine Frage, die heißt: Woraus besteht die Nudel in Loriots (unv. #00:19:24.6#) Nudel-Sketch?

Günther Thömmes: Ja!

Holger: Jetzt ist für mich natürlich die Frage: Warum beschäftigt diese Frage so einen Menschen wie dich so unglaublich? Sag das doch mal.

Günther Thömmes: Das ist nicht unglaublich, aber ich quizze halt gerne. Also das heißt, aber nicht organisiert, nicht im Club oder so. Aber ich schaue gerne Quizsendungen und ich denke mir auch selber gerne Fragen aus. Meine Familie nervt das schon ein bisschen, wenn da irgendwas läuft. Eine Zeit lang habe ich auch immer „Wer wird Millionär?“ geschaut. Mich beschäftigen einfach so Trivia-Fragen und ich merke halt auch, dass es viele Leute gibt, denen das auch Spaß macht. Deswegen habe ich gedacht, jetzt ist Lockdown, jetzt schreibe ich das mal zusammen. Und habe da gar nicht vorgehabt, da ein Buch daraus zu machen. Ich habe nur mal Fragen einfach aufgeschrieben und irgendwann waren es so viele, dass es genug war, wo ich gedacht habe, ich mache da jetzt ein PDF und stelle das mal zur Verfügung, wer Lust hat. Es freut mich aber, dass du dich damit beschäftigt hast. (unv. #00:20:13.6#)

Holger: Wir können ja den Markus, und Markus, das ist jetzt quasi eine Ansage an dich, du darfst jetzt eine Antwort formulieren und danach geht es wieder zurück an mich. Also woraus besteht die Nudel in Loriots legendärem Nudel-Sketch? Erstens, aus einer echten Nudel, aus gedrehtem Papier oder drittens, aus Kartoffelstärke? Bitte sehr.

Markus: Da würde ich sagen, aus der Kartoffelstärke.

Günther Thömmes: Falsch, falsch! Die Nudel besteht …

Holger: Die war wahrscheinlich dann aus gedrehtem Papier, oder?

Günther Thömmes: Die Nudel besteht aus Papier. Ja.

Holger: Ja.

Markus: Da war ich aber nah dran. Ich hatte es zuerst gedacht. Dann habe ich doch gleich mal eine Frage an euch.

Holger: Das gibt’s doch gar nicht. Also jetzt …

Markus: Doch!

Holger: Du bist ja wie ein ungezogenes Kind.

Markus: Jetzt darf ich auch eine Frage …

Holger: Jetzt muss man dich doch wirklich mal zurechtweisen. Das geht doch nicht. Das geht doch nicht. Außerdem habe ich noch nicht mal mein Bier aufgemacht, du unverschämter Kerl.

Günther Thömmes: Ja, Bier. Mach mal dein Bier zuerst jetzt.

Markus: Also gut!

Holger: Unglaublich! Ich sage ja immer, der Raupach, ein ganz besonderes Tierchen. Ich mache jetzt mal mein Bier auf.

Markus: Voran, voran!

Holger: Was habe ich jetzt hier für ein Bierchen? Ich habe mir jetzt gedacht, was trinke ich jetzt, wenn ich jetzt mit dem Günther Thömmes da so sprechen darf und zusätzlich noch einen Oberfranken habe? So habe ich ganz viele Dinge einfach miteinander vereinbart. Erstens habe ich gedacht, wir reden jetzt natürlich über Historie und Bierhistorie und über den Bierzauberer und wir gehen total in die Moderne. Also möchte ich jetzt fast behaupten, das modernste Craftbier, was es im Moment gibt in der Dose. Das ist das erste Thema. Dann habe ich gedacht, es muss natürlich ein Bier aus Oberfranken sein. Und das dritte Thema ist: Es muss natürlich von jemandem sein, mit dem der Günther schon mal ein Collaboration Brew gemacht hat. Jetzt ist doch klar: Was habe ich in der Dose?

Günther Thömmes: Impfstoff.

Holger: Ganz genauso ist es.

Günther Thömmes: Doppelt oder einfach?

Holger: Es ist ja noch nicht ganz so spät, ich muss ja irgendwie meinen Abend gestalten. Deshalb habe ich jetzt einfach gedacht, nein, einfach, ganz normal einfach.

Günther Thömmes: Und kann das was? Ich höre nur, dass das ausverkauft ist, dass die Leute so begeistert sind.

Holger: Innerhalb von drei Stunden war alles ausverkauft. In dem Fall ist es ja ein Collaboration Brew mit Munich Brew Mafia, das Einfache und das Doppelte. Ich finde sie beide ganz großartig.

Günther Thömmes: Was ist das für ein Bierstil? Da wird nämlich nie darauf eingegangen. Ich lese immer nur Impfstoff hier, Impfstoff da.

Holger: New England IPA.

Günther Thömmes: Ein NEIPA. Okay!

Holger: Ja, genau! Ein NEIPA. Und dann auch in der modernen Dosengröße 0,44 Liter. Auch nochmal so ein Phänomen, finde ich. Was habe ich jetzt also hier schon in der Nase? Auf jeden Fall ist es eine totale Fruchtbombe, die man da mitbekommt. Also Maracuja und Mango, ein bisschen Erdbeere sogar, finde ich. Und wenn man dann trinkt, dann bestätigt sich eben dieser fruchtige Körper. Es kommt dann auch noch so eine Vanillenote dazu. Im Abgang feine Gewürze, finde ich. Es ist auch ein richtig schönes komplexes Bier. Er hat einen relativ neuen Hopfen, Aromahopfen verwendet, der so gerade, oder was heißt so neu ist der gar nicht, aber der wird gerade so modern, Motueka.

Günther Thömmes: Motueka. Ja, der Motueka ist aber nicht so neu. Den habe ich vor sieben Jahren oder so bei meinem Jahrgangsbier schon verwendet.

Holger: Nein, nein. Deshalb sage ich ja, der ist gar nicht so neu, aber er ist gerade so im Kommen. Also der wird jetzt oft verwendet und man hört ihn immer an jeder Ecke. Und das war früher nicht so oder ich habe nicht genug aufgepasst, das kann sein.

Günther Thömmes: Wir müssen ja, jeden Monat muss die Craftbier-Szene ja eine neue Sau durchs Dorf treiben. Das ist ja leider so.

Holger: Die Craftbier-Szene, die hat ja auch viel bewegt und hat letzten Endes auch dazu beigetragen, dass wir hier so wunderbar über Bier sprechen können. Also das haben die ja hoffähig gemacht. Und ich muss dir recht geben, klar, ich bin jetzt auch jemand, der immer wieder, auch gerade so in der letzten Zeit, immer wieder predigt, vergesst mir die Klassiker nicht. Aber heute war das für mich ideal. Also einfach so ganz hochmodern eben dieses Thema Impfstoff, dann der Härtl und dann noch Oberfranken. Und mir schmeckt‘s wirklich hervorragend.

Günther Thömmes: Das ist schön. Ja, ich würde es auch mal gerne probieren. Aber ich habe das nicht als Kritik an den Brauern gemeint mit der Sau durchs Dorf treiben. Die Brauer sind ja im Prinzip die armen Schweine. Das war eher Kritik an den Craftbier-Fans, die einerseits nicht genug kriegen können von den Neuerungen. Und wie du sagst, vergesst mir die Klassiker nicht, dann kommen die zum Händler und fragen so den Händler: Was gibt’s Neues? Der Händler sagt: Ja, das. Das hatte ich ja letzten Monat schon. Ich will was richtig Neues. Das ist beim Craftbier schon seit Jahren aber ein Dilemma, aus dem ich da im Moment nicht sehe, wie wir da rauskommen sollen.

Holger: Wie kommen wir da raus?

Markus: Da kommen wir gar nicht raus. Weil ich denke, das sind kommunizierende (unv. #00:24:48.2# Röhren?). Ich meine, auf der einen Seite ist es eben so, dass die Brauer das natürlich auch nähren und fördern dadurch, dass sie ständig neue Biere raushauen. Und dann hat man auch das Problem, dass es immer die Bubble ist. Also das heißt, man hat diesen Craft-Brauer, der hat dann seine 20 Jünger. Denen gibt er dann sein neues Bier. Die sind total begeistert. Er denkt, er ist der Größte. Und dann wird er animiert, das nächste zu machen, zeigt das wieder seiner Bubble. Die Bubble ist natürlich wieder entsprechend begeistert. Und so ist das ein Teufelskreislauf, der einfach dazu führt, dass dieses Rad sich immer weiterdreht, so lange, bis halt kein Geld mehr da ist. Das ist sehr, sehr schade, weil da eben auch viele gute Leute so ein bisschen in die Falle tappen und (unv. #00:25:22.2#)

Günther Thömmes: Ja, die verheizen sich selber und die werden verheizt.

Markus: Genau! Weil das Problem ist ja, du musst als Brauerei irgendwann mal Geld verdienen.

Günther Thömmes: Ganz genau!

Markus: Und mit dieser Geschichte, dass du immer mal wieder was Neues raushaust und das dann immer nur deinen besten Freunden am besten noch umsonst oder zum Sonderpreis gibst, davon wirst du sicher nicht überleben können. Aber ich habe mal eine Frage an euch beide, wenn wir schon beim Quizzen sind. Bin ich mal gespannt. Was passierte am 1. Oktober 1907 in Bamberg?

Günther Thömmes: Am 1. Oktober 1907?

Markus: Ganz spektakuläre Angelegenheit.

Holger: Ach so! Ah, ich weiß. Ich weiß doch. Das ist der Bamberger Bierkrieg.

Markus: Hat damit zu tun. Aber was passierte an diesem Tag?

Günther Thömmes: Da gab’s eine Bierpreiserhöhung, oder?

Markus: Genau! Richtig! Da wurde der Bierpreis erhöht von 10 auf 11 Pfennig, zum ersten Mal seit über 200 Jahren. Muss man sich das vorstellen und da gingen natürlich die Bamberger auf die Barrikaden. Also so viel nur mal kurz zum Thema Quizz. Ich bin da leider nicht ganz so drin, finde das aber auch immer ganz spannend und muss sagen: Ich habe auch die Sendung wirklich eifrig verfolgt, also wurde ja erst ausgestrahlt, nachdem sie ja schon abgedreht war. Aber trotzdem wusste ich ja in dem Moment noch nicht wirklich, wie es endet. Und das war sehr, sehr spannend. Vielleicht mal so aus erster Hand von dir erzählt: Wie fühlt man sich da und wann hattest du Lust auf das erste Bier?

Günther Thömmes: Das war eine ganz großartige Erfahrung. Ich war ja vorher schon mal dagewesen im November, war schon fix und fertig verkabelt und wäre als nächster Kandidat drangekommen. Dann der Kandidat vor mir aber hat so lange gebraucht und der hat dann auch die Show gewonnen. Da haben sie mich wieder unverrichteter Dinge nach Hause geschickt und haben gesagt: Darfst du im Frühjahr wiederkommen. Da hatte man schon mal ein bisschen Erfahrung. Deswegen war dann im Frühjahr die Nervosität nicht mehr ganz so groß, als ich dann drankam. Und es hat einfach an dem Tag alles gepasst. Es hilft ja nichts, wenn du selber denkst, du weißt alles. Es muss alles passen. Die sind unglaublich nett da beim ZDF, auch die Produzentenfirma. Du arbeitest ja mit mehreren Firmen. Die einen machen den Imagefilm, dann gibt’s einen Veranstalter, gibt’s eine Casting-Firma, ZDF ist die Hülle drumherum. Und dann die Promis dabei. Und sind alle total nett zu den Kandidaten und machen dir das Leben wirklich leicht. Als ich dann dran war, war die Nervosität eigentlich relativ schnell weg halt mit dem ersten Bier. Ich durfte als einziger Kandidat vorher schon ein Bier trinken. Da war ich wirklich nervös. Und der Casting-Chef hat gesagt, der ist Braumeister, der darf ein Bier trinken. Die anderen haben nur einen alkoholfreien Kühlschrank in unserem Casting-Zimmer. Mir hat er zwei Flaschen Becks hingestellt, die ich dann trinken durfte. Und sagte, sag’s aber nicht weiter. Das hilft dann schon ein bisschen. Und es war abgemacht mit dem Kerner, dass, wenn ich es nicht zu plump mache, dass ich ein Bier bekomme während der Show. Es war ja auch unüblich. Aber da hat’s halt zum Thema gepasst. Und weil dann auch der Horst Lichter noch da war, mein entfernter Verwandter, haben wir da halt das Ganze ein bisschen klamaukig aufgezogen. Das war also ein bisschen scripted schon mit dem ersten Bier, aber danach ist das bei den anderen Shows leider eingerissen, dass jeder nur noch Alkohol gefordert hat. Und deswegen haben sie das dann wieder eingestellt. Am Schluss wollten die ja sogar Wetttrinken mit den Promis machen. Das war dann schon ein bisschen daneben. Aber ich fand das sehr, sehr schön, war ein ganz toller Tag, also hat einen Riesenspaß auch gemacht. Und in der nächsten Folge im Herbst bin ich ja nochmal hin. Da habe ich ja einen Bekannten gecoacht, mit dem ich früher zusammen in der Schule war. Und der hat ja auch gewonnen. Das war ja wirklich dann besonders klasse.

Markus: Richtig! Das habe ich auch gesehen. Letzte Frage zu dem Thema, von mir zumindest: Wie ist das dann, wenn man auf sein Konto guckt und da ist so ein Zahlungseingang von 100.000?

Günther Thömmes: Wahnsinn, Wahnsinn! Total geil! Ich habe mir den Kontoauszug auch ausgedruckt und mit einem Bild zusammen eingerahmt, diesen Zahlungseingang. Das war schon irre, echt geil.

Holger: Wann machen wir noch einen BierTalk mit dir? Man könnte jetzt sagen, wir machen den 106., also einfach verdoppeln wir, oder ist das zu mutig, Markus? Ich weiß nicht. Kommen wir auf 106 BierTalks? Keine Ahnung.

Markus: Ja, warum nicht? Also ich habe genügend Bier im Keller, sagen wir mal so.

Holger: Ich glaube, das trifft für den Günther und für mich dann auch zu. Günther, wärst du damit einverstanden, dass wir dich …?

Günther Thömmes: Ja, natürlich! Gerne! Macht ja Spaß. Bierkeller ist bei mir auch kein Problem.

Holger: Sehr gut! Dann tragen wir das in die Tabelle ein: Der BierTalk 106 ist dann Günther Thömmes Teil 2. Die abschließende Frage, die ich an dich habe, ist: Was ist eigentlich dein Lieblingsbuch?

Günther Thömmes: Jetzt von allen oder (unv. #00:29:25.1#)

Holger: Ach, du kannst dir das aussuchen. Du kannst jetzt (unv. #00:29:27.4#) generell …

Günther Thömmes: Oder von den Büchern, die ich geschrieben habe, welches gefällt mir da am besten?

Holger: Das kannst du dir jetzt aussuchen. Das lasse ich offen.

Günther Thömmes: Oh, das ist schwierig. Ich habe eigentlich viele Lieblingsbücher, weil ich halt wahnsinnig viel auch querbeet lese. Aber ich sag mal, zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört oder erst mal als Autoren, John Irving lese ich wahnsinnig gerne. Und da war mein erstes von ihm „Garp und wie er die Welt sah“. Das war ein Buch, was ich, glaube ich, dreimal hintereinander gelesen habe, so fasziniert war ich davon damals. Ist ja auch schon ziemlich lange her. Dann ist eins meiner absoluten Lieblingsbücher auch von Harry Mulisch „Die Entdeckung des Himmels“. Sprachlich ganz toll, auch ein bisschen ein philosophisches Buch. Spielt in Holland, der Harry Mulisch ist ja Holländer. Ich finde das total irre, also von der Idee her. Ich weiß nicht, ob jemand von euch das kennt?

Holger: Ich kenne es nicht.

Markus: Nein, ich auch nicht.

Günther Thömmes: Vor einigen Jahren gab‘s mal so eine Samstagabend-Serie, „Die beliebtesten Bücher der Deutschen“ oder so. Da ist es tatsächlich in den Top 10 gelandet. Also da war ich ganz überrascht, dass das wirklich so erfolgreich war. Im Moment lese ich so ein historisches Lesebuch, ein bisschen flapsig von einem Engländer über Deutschland geschrieben, das ist recht lustig, von Simon Winder. Da hatte ich gerade das vorher „Herzland“ gelesen. Von meinen eigenen Büchern mag ich mir kein Urteil erlauben. Ich empfehle halt nur, wenn jemand mich fragt, wenn es nichts mit Bier zu tun hat, empfehle ich den „Limonadenmann“, weil ich denke, dass der von der Story vom Plot, weil da auch eine Liebesgeschichte drin ist, dass der eher Leser erreicht, die nicht bieraffin sind. Der Bierzauberer war natürlich für mich der große Türöffner. Und insofern hänge ich an dem Buch persönlich halt sehr, weil das für mich die Eintrittskarte war, als Autor zu arbeiten.

Holger: Ich habe ihn auch geliebt und liebe ihn auch immer noch. Vielen, vielen Dank für deine schöne Art zu berichten und die tiefen Einblicke in deine spannende Biografie. Und ich freue mich schon auf den 106. BierTalk.

Markus: Ich freue mich da auch sehr drauf. Dann gibt’s bestimmt bis dahin auch noch mal ganz spannende Geschichten. Und wer weiß, vielleicht machen wir das dann ja sogar live, besuchen entweder dich in Österreich oder du bist gerade mal hier irgendwo zwischen Bamberg und München. Auf jeden Fall hat mir auch viel Spaß gemacht und ich freue mich immer von dir zu hören, mit dir zu sprechen. Und das war heute wirklich ein ganz besonders schöner BierTalk.

Günther Thömmes: Danke schön! Hat mir auch großen Spaß gemacht. Dann macht’s gut, Jungs! Bleibt gesund!

Holger: Ja, tschüss!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk Spezial 19 – Interview mit Gui Hollanda vom Griesbräu in Murnau

Er ist schon einmal komplett um die Welt gereist, von seinem Heimatland Brasilien über Kanada nach Europa, wo Gui Hollanda schließlich an der VLB in Berlin in der Braumeisterklasse landete. Beseelt von der Mission, gutes Bier für die Deutschen zu brauen, zog es ihn an den Rand der bayerischen Alpen ins Blaue Land, wo er den Braukesseln der Murnauer Griesbräu neues Leben einhauchen sollte. Doch dann kam der erste Lockdown – und es sollte noch ein paar Tage dauern, bis der Brasilianer endlich das Brauerpaddel in die Hände nehmen und ans Werk gehen konnte. Das Ergebnis konnte sich sofort sehen und vor allem schmecken lassen – und ist wegen des zweiten Lockdowns mittlerweile auch aus der Dose in Münchner Spezialitätenläden zu bekommen. Im BierTalk erzählt Gui seine Geschichte und von seinem neuen Alltag an der Wirkungsstätte von Gabriele Münter und Wassily Kandinski…

Link für Apple/iTunes: https://podcasts.apple.com/de/podcast/biertalk/id1505720750

Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres BierTalks. Diesmal wieder ein Special, Nummer 19. Ein ganz besonderes, weil wir gleichzeitig in Deutschland sind und ein bisschen auch in Brasilien und uns über viele unterschiedliche Aspekte dieser beiden Welten natürlich unterhalten wollen. Wir, das sind wie immer der Markus und …

Holger: … der Holger.

Markus: Genau! Und wir haben uns diesmal den Gui eingeladen, wobei das ein sehr kurzer Name ist. Eigentlich hat er einen sehr viel längeren Namen, den wird er uns wahrscheinlich gleich noch mal kurz verraten. Gui, vielleicht magst du dich unseren Hörern mal ganz kurz vorstellen.

Gui Hollanda: Servus zusammen! Wie gesagt, mein Name ist Gui. Den ganzen Namen, kann fast kein Deutscher sagen. Deswegen gehe ich immer mit Gui. Der ganze Name ist Guillermi.

Markus: Du bist jetzt in Murnau gelandet, an den Alpen, wo es kalt ist, also ganz anders. Und vielleicht erzählst du mal kurz, wie du als Brauer überhaupt dahin kommst und was dich so bewegt.

Gui Hollanda: Wie ich zum Bierbrauen gekommen bin, das war so 18. Dann bin ich eigentlich nach Europa gekommen, um einen Monat Backpacking durch Europa zu machen. Dann habe ich eigentlich echt gutes Bier hier getrunken in Deutschland, in Belgien, in Niederlanden, in Dänemark. Und ich wollte dieses Bier auch in Brasilien trinken, aber sie waren auch sehr teuer. Und habe ich einen Kollegen von mir gefragt, der (unv. #00:01:25.4#) war, hat gesagt, hey, weißt du, wie man Bier braut? Und ich habe gesagt, eigentlich nicht, aber ich habe schon einen Wochenendkurs für Hobbybrauer gefunden. Willst du mitmachen? Dann haben wir angefangen, so zusammen zu brauen. Ich habe mich entschieden nach dem Gymnasium, dass ich nach Deutschland kommen wollte, um Bierbrauen zu lernen. Dann ich habe so erstmal ein Jahr Deutsch gelernt hier, dann habe ich mein Abi geschrieben, dann war ich sechs Monate in Berlin in der VLB. Da habe ich in der Versuchsbrauerei gearbeitet. Danach habe ich erst mal mit Bierprozess-Technologien angefangen. Dann habe ich zum Brauwesen und Getränketechnologie gewechselt. Und in den letzten zwei Semestern von dem Studium habe ich gewechselt zum Diplom-Braumeister, weil ich bemerkt habe, dass ich kein Brauingenieur sein wollt. Ich wollte eigentlich Bier brauen, in einer Brauerei arbeiten als Baumeister. Und dann habe ich diesen Job hier kurz nach dem Studium gekriegt.

Markus: Das ist ja ganz spannend. Also einsteigen an den Alpen sozusagen. Holger, was sagst du? Traum-Lebenslauf?

Holger: Unbedingt! Ich finde immer toll, wenn man sich aus seiner Komfortzone rauskatapultiert. Und das ist ja hier absolut passiert. Also ihr müsst euch jetzt vorstellen, so ein Land wie Brasilien, vollkommen anders als Deutschland, dann die Sprache hier zu lernen, einfach dieser Wille, hier gutes deutsches Bier zu brauen und das dann einfach auch noch durchzuziehen, ist schon sehr beeindruckend. Du hast ja gesagt, ins kalte Deutschland. Damit meinst du ja jetzt den Winter, aber eigentlich ist ja Murnau eine ganz tolle Gegend, also das blaue Land am Staffelsee. Die Menschen sind ja alles andere als kalt, sondern sind ganz großartig. Du weißt ja, ich bin begeisterter Exil-Oberbayer sozusagen. Meine Eltern wohnen ganz in der Nähe von Murnau und ich bin oft eben auch da in der Region und liebe das. Und Gui, liebst du das auch? Also liebst du auch da diese schöne Landschaft und die Leute? Wie geht es dir jetzt hier bei uns?

Gui Hollanda: Ich (unv. #00:03:25.2#) eigentlich super gerne, dann hier eigentlich in der Mitte von den Alpen und neben dem Staffelsee zu sein, das ist echt voll schön. (unv. #00:03:33.4#) ziemlich entspannten Stammtisch zu setzen mit ganz vielen von unseren Stammgästen zu reden. Und manche von denen kann ich auch nicht so gut verstehen, weil sie eben echt bayerisch reden. Aber ab und zu habe ich dann die Kellner und die Kellnerinnen zum Übersetzen da für mich, weil Bayerisch habe ich noch nicht gelernt.

Markus: Ist die Frage, ob man das überhaupt lernen kann. Gute Frage. Aber bevor wir weiterreden, du hast uns natürlich auch drei tolle Biere geschickt, alle aus deiner Feder schon. Also du bist ja schon über ein halbes Jahr beim Griesbräu. Für alle Hörer, die das noch nicht kennen, es gibt in Murnau zwei Brauereien, das eine ist die Karg Brauerei, die sich eben auf Weißbier spezialisiert, und das andere ist das Griesbräu. Auch eine alte Brauerei, die war zwischendurch mal geschlossen, ist jetzt seit einiger Zeit wieder offen. Eine schöne historische Brauerei, heute eine Gasthaus-Brauerei. Viel natürlich mit Touristen und Wanderern, man kann da auch toll übernachten. Aber eben auch eine ganz spannende Bierpalette und viele Bier-Veranstaltungen, Seminare und Verkostungen und so. Und das ist immer ganz toll, dort zu sein. Du hast uns drei Biere geschickt. Mit welchem wollen wir denn anfangen, Gui?

Gui Hollanda: Ich glaube, erst mal mit dem Grünhopfen-Pils, oder?

Markus: Das können wir gerne tun. Dann machen wir es doch mal auf. Jetzt werden sich die Hörer schon gewundert haben. Das klingt anders, als man das so kennt. Genau, das ist nämlich eine Dose. Aus der fließt allerdings ein wunderschönes Bier ins Glas. Ich nicht, Holger, magst du es uns beschreiben oder wollen wir dem Gui den Vortritt lassen? Das war das erste Grünhopfen-Bier von Griesbräu. Das habe ich mit dem Kollegen von mir von (unv. #00:05:02.6#) organisiert. Wir haben Grünhopfen Diamant gekriegt. Wir sind eigentlich die erste Brauerei überhaupt, um ein Grünhopfen-Bier mit Diamant kommerziell zu machen. Weil ich habe es sofort von dem ersten Bauer, der das letztes Jahr geerntet hat. Das ist ein ganz einfaches Pils mit so ganz leichtem Körper, leicht fruchtig und bitter. Ich habe 11 Kilo Diamant-Hopfen benutzt für die 1000 Liter.

Markus: Und Grünhopfen heißt, ihr habt das direkt vom Feld geholt, oder wie kam das zu euch?

Gui Hollanda: Ja, wir sind erst um 7 Uhr von Murnau losgefahren, sofort zum Hallertau, kurz vor neun waren wir da. Wir haben die 11 Kilo abgeholt und sofort wieder nach Murnau gefahren und gebraut.

Holger: Man muss vielleicht auch noch mal erklären für die Hörer, Grünhopfen-Bier oder in dem Fall Grünhopfen-Kellerpils, was ist da eigentlich los? Wenn man mit Grünhopfen arbeitet, dann holt man den Hopfen ganz frisch vom Bauern direkt vom Feld und bringt den dann so schnell wie möglich in die Brauerei. Und der Schritt der Darre, also die Hopfendolden werden ja geerntet und dann werden die ja getrocknet, und dieser Trocknungsschritt, der fällt weg. Und dadurch, dass man das eben dann von der Pflückung her direkt in die Brauerei bringt, hat man natürlich noch diese ganz frischen, grünen Aromen, die in so einem Grünhopfen eben auch drin sind. Und das ist ein saisonales Bier, gibt’s natürlich immer nur zur Erntezeit. Und dann natürlich mit der Reifung und so, dann ist es meistens so, dass die Biere dann ab November zur Verfügung stehen. Also vielleicht noch mal ganz allgemein erklärt, was ist jetzt so ein Grünhopfen-Bier.

Markus: Danke Holger für diese Erklärung von Grünhopfen. Das ist schon ganz wichtig, das überhaupt mal auf dem Schirm zu haben, wie das funktioniert. Und ich finde, das hat man hier auch sehr schön in der Nase. Das heißt, wir haben eben so richtig schöne grasige, grüne Aromen wie man sich so chlorophyllige Aromen vielleicht auch einfach vorstellt. Und wie man es auch, wenn man andere Grünhopfen-Biere kennt, von denen eben auch kennt. Und spannend ist natürlich der Diamant-Hopfen als neuer Hopfen, der ja so ein bisschen auf dem Spalter-Hopfen basiert. Hat sehr viel Zitrus-Aroma und verstärkt auch nochmal diesen grasigen Eindruck. Sehr, sehr schön umgesetzt. Gui, wieso ausgerechnet dieser Hopfen? Wie kamt ihr darauf?

Gui Hollanda: Mein erster Vorschlag war ein Grünhopfen-Pils mit (unv. #00:07:13.7# Perle?) zu machen. Weil das ist ein traditioneller, ich war nicht ganz sicher, wie würden die Bayern auf ein Pils reagieren, besonders mit dem neuen Hopfen oder so. Aber dann hat der Johann mir so vorgestellt den Diamant und ich fand das Aroma so geil. Und habe ich gesagt: Okay! Das ist ein perfektes Hopfen dafür.

Markus: Und das hat auch ordentlich Bittere, oder Holger? Das macht dir doch Spaß?

Holger: Unbedingt! Das macht mir sehr viel Spaß. Und das Tolle ist ja, dass es schon dazu beiträgt, dass das Bier so richtig schön trocken ist. Aber es beißt eben nicht. Also der Diamant-Hopfen hat eben so eine fruchtige Note, so vor allen Dingen auch eine Zitrusnote. Und der Hopfen beißt aber in der Bittere nicht, aber macht trotzdem das Bier so schön schlank, so wie wir es hier auch im Glas haben. Und es macht natürlich bekanntlich Lust auf den zweiten Schluck. Und Pils, ihr wisst es ja alle, also das ist mein Bierstil. Absolut!

Gui Hollanda: Ist mein liebster Bierstil, besonders Grünhopfen.

Markus: Gibt’s denn in Brasilien Grünhopfen-Bier? Nein, oder? Gibt’s da irgendwo Hopfen?

Gui Hollanda: Brasilien, so die großen Teile von Brasilien ist außerhalb der Region, wo Hopfen eigentlich wachsen kann, vielleicht ganz, ganz im Süden Brasiliens kann man schon, aber soweit ich weiß, es wird nicht gebraut da. Meistens Brauereien in Brasilien können das nicht, kriegen weniger als 24 Stunden, sonst hat schon der Grünhopfen schon sein Aroma verloren, wenn er das nicht (unv. #00:08:32.9#) ist.

Markus: Gui, vielleicht erzählst du uns noch kurz, wie das war. Also du kommst im Juli nach Murnau, dort ist die Brauerei, du musst überlegen, was du für Biere machst. Und wie war das? Hast du einfach losgelegt oder war da schon ein Rezept fertig gelegen und du hast es einfach nur gebraut? Oder hast du ganz neue Sachen entwickelt? Wie müssen wir uns das vorstellen?

Gui Hollanda: In den ersten drei, vier Wochen habe ich nicht gebraut, ich habe es erst mal organisiert, wie ich die Brauerei wollte, so dass ich mich damit verstehen kann. Weil ja der alte Brauer, der war erst mal krankgeschrieben, weil er hat sein Knie verletzt. Ich musste alles dann allein machen. Dann wollte ich erst mal alles in Ordnung haben, wie ich wollte zum Arbeiten. Und dann ein Mitarbeiter von Kaspar Schulz ist zu uns gekommen, hat mir gezeigt, wie die Anlage läuft. Dann habe ich mit ihm (unv. #00:09:17.6#) ein paar Mal gebraut. Und so die Kleinigkeiten von der Lage zu lernen. Ich habe erst mal die alten Rezepte befolgt, weil die Zutaten und Sachen waren ja schon da. Aber ich habe schon das Rezept von allen Hauptbieren schon ein bisschen gewechselt von, was meiner Meinung nach ein bisschen besser schmeckt. Und was ich gehört von unseren Gästen auch, meine Änderungen sind ziemlich gut gekommen für unsere Gäste auch.

Markus: Das hat natürlich dann den Michael und die Barbara, das sind die beiden Chefs, sicherlich auch gefreut, oder?

Gui Hollanda: Ja.

Markus: Dann wollen wir vielleicht das nächste Bier in Angriff nehmen, oder?

Gui Hollanda: Ja, gerne!

Markus: Okay! Dann jetzt das Helle, oder?

Gui Hollanda: Ja.

Markus: Perfekt! Wunderbar! Also auf zu dieser Dose. Na wunderschön! Die Farbe schon mal gefällt mir ganz gut. Das ist so ein, ja, wie soll man sagen, so ein reifes Getreide. Das ist so ein Goldbraun.

Holger: Ich würde sagen, ein sattes Goldorange, oder?

Markus: Ja, oder Goldorange. Genau! Also sehr tolle Farbe. So ein bisschen leicht trüb, sehr geheimnisvoll, leichter Rotstich. Obendrauf schöner, fester, weißer Schaum. Also steht wie eine Eins. Wunderbar! Riechen wir mal rein. Und riecht wie ein ganz klassisches Helles, schön ausgewogen. Auch wieder so leicht grasige Aromen, aber dann kommt auch so ein bisschen Malziges rüber, ein bisschen brotig.

Holger: Ich habe fast so eine kleine Honignote auch, die ich wahrnehme so ganz hinten dran.

Markus: Und im Mund ist auch der Honig noch mal ganz intensiv, finde ich.

Holger: Ja.

Markus: Hm! Ich glaube, auch wieder verhältnismäßig viel Bittere, aber sehr schön mit diesem malzig, Karamell, Honig ausbalanciert, so dass es dann am Ende wieder rund ist. Und sehr angenehm vom Mundgefühl her, sehr weich, samtig. Spannend! Also ein ganz anderes Helles, als man es sich vielleicht vorstellt, aber ein sehr leckeres.

Holger: Unfiltriert. Das muss man vielleicht auch noch mal sagen. Ja, ganz anders, so wie du sagst. Also so eine leichte Hopfenbetonung ist da. Und es ist nicht ganz so langweilig süß, also wenn ich das jetzt sagen darf. Wir flüstern es nur, weil ja das der absolute Bierstil hier ist in der Region, Helles, ne. Und muss ja immer ganz malz-aromatisch und fast süß sein. Aber hier haben wir eine total schöne ausbalancierte Zitrus- und Malzaromen-Kombination. Also mir taugt das sehr. Lecker!

Markus: Wie kam es zu dem Rezept? Ein neues oder gab’s da auch eine Basis?

Gui Hollanda: Ich hatte erst mal ein Rezept von dem Bierstil in der Brauwelt durchgeschaut. Und dann, ich habe so ein bisschen mir auch überlegt, was für ein Malz ich bestellen könnte. Da habe ich von der Liste von den besten Malzen ein bisschen gelesen, (unv. #00:11:47.2#) von dem Geschmack so. Und dann habe ich ein paar neue Malze gewählt. Das ist ein bisschen mehr leicht, aber karamellig. Und dieser (unv. #00:11:55.5#) da sind, weil ich war für meine Meinung nicht so ganz zufrieden mit dem alten Rezept. Das war mir ein bisschen erst mal zu dunkel, ein bisschen zu süß für mich. Ich wollte ein bisschen bitterer haben, weil ich bin so ein (unv. #00:12:07.5#) von Bittere, deswegen das Pils ist mein liebstes Bier.

Markus: Das kann man nur bestätigen, weil ich kenne die Biere ja ziemlich gut. Und das waren vorher im positiven Sinne klassische Gasthaus-Brauerei-Biere. Also ein sehr rundes helles Kellerbier, würde man vielleicht sagen. Und dasselbe dann in einer etwas dunkleren Variante, also gut trinkbar, und natürlich auch für die Touristen und sowas alles schön. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass du als Braumeister gesagt hast, Mensch, da muss ein bisschen eine eigene Note, ein bisschen anderer Charakter rein. Das hast du wirklich gut hinbekommen, weil ich glaube, auf der anderen Seite ist eben diese Drinkabilty, wie die Amerikaner zum Beispiel dazu sagen, immer noch sehr schön erhalten geblieben. Also man hat jetzt einen eigenen Charakter, aber trotzdem eben ein Bier, was sehr schön trinkbar ist. Gerade im Sommer im Biergarten in Griesbräu gibt’s auch eine große Theke mit ganz vielen so frisch gegrillten Sachen und so, und da schmeckt das natürlich wunderbar dazu. Also sicherlich eine ganz spannende Geschichte. Holger, du bist doch so ein Etiketten- und überhaupt Dosen-Aussehen-Spezialist. Was mir auffällt, wenn ich mir die Dose anschaue, da steht ja oben der Begriff Bier in ganz vielen verschiedenen Sprachen drauf, und die zweite Sprache, da steht Manna. Kannst du dir vorstellen, zu welcher Sprache das gehört?

Holger: Manna ist halt Brot, flüssiges Brot. Manna heißt Brot.

Markus: Ach so! Du meinst, da hat man dann praktisch einfach mal das vorweggenommen. Weil ich dachte, so Bayern, Oberbayern, Grundnahrungsmittel Bier, dass man da vielleicht einfach mittlerweile vom Manna spricht. Könnte ja sein.

Holger: Ja, kann sein. Ich kenne Manna, also ich kenne es nur aus der Bibel. Das ist ja das Himmelsbrot. Das war sozusagen die Nahrung der Israeliten, wenn sie auf der Wanderschaft durch die Wüste waren. Ich kenne es nur aus der Bibel eigentlich. Und ich finde es eigentlich cool.

Markus: Gui, vielleicht noch eine Frage: Wie ist es denn, als du in Brasilien erzählt hast, dass du jetzt in Murnau anfängst, wie haben denn so deine Leute, deine Familie, deine Freunde reagiert? Hattest du schon Besuch vielleicht?

Gui Hollanda: Ich bin jetzt in Murnau seit Mitte von der Pandemie, also bis jetzt hat keiner von meiner Familie hier mich besucht. Momentan geht’s nicht.

Markus: Aber hast du ihnen erzählt, wie es ausschaut und wo du jetzt da so bist und vielleicht Fotos geschickt oder so? Wie finden die das?

Gui Hollanda: Ja, das mache ich. Ich gehe ziemlich oft wandern hier. Also ich mache schon viele schöne Fotos von der Region hier und von der Stadt. Das habe ich schon meinen Eltern und meinen Großeltern schon geschickt.

Markus: Und aus welcher Ecke von Brasilien kommst du überhaupt?

Gui Hollanda: Ich komme von der Stadt, die heißt Curitiba. Das ist im Süden, circa 500 Kilometer südlich von São Paulo.

Markus: Ziemlich Richtung Uruguay ist das dann schon fast, oder?

Gui Hollanda: Na ja, zu Uruguay fehlen noch 2000 Kilometer.

Markus: Liebe Hörer, das ist auch so ein Thema. Brasilien, wenn man sich anschaut, das ist so groß wie ganz Europa. Also dementsprechend ist etwas, was da um die Ecke ist in unserer Beziehung, sind gleich ein paar tausend Kilometer.

Gui Hollanda: Ein Bundesland in Brasilien ist ungefähr so groß wie Deutschland.

Markus: Und jetzt schneit’s gerade in Murnau. Ihr habt bestimmt eine Tonne Schnee. Kanntest du das aus Brasilien?

Gui Hollanda: Heute bin ich aufgestanden, das war 30 oder 40 Zentimeter Schnee heute. Alles weiß hier jetzt.

Markus: Das hast du in Brasilien noch nicht erlebt?

Gui Hollanda: Ich habe in Kanada gewohnt, als ich noch im Gymnasium war für ein Austauschjahr. Da habe ich doch viel Schnee schon gesehen. Aber seitdem habe ich auch fast keinen Schnee hier in Deutschland gesehen.

Markus: Nun haben wir noch ein drittes Bier, das ist in einer ganz großen Flasche. Das sind so die Literflaschen, die es auch vom Griesbräu früher schon gab. Da ist ein Weizenbock drin. Vielleicht kurz bevor wir den aufmachen: Wie kam es dazu, dass du den Bock gemacht hast? Oder wann hast du den eingebraut?

Gui Hollanda: Das Weizenbock habe ich Ende Oktober, Anfang November gebraut. Es war eigentlich geplant, unser Weihnachtsbier zu sein, aber wegen dem Lockdown konnten wir das Restaurant nicht aufmachen. Dann habe ich so ganz viel davon in Flaschen abgefüllt, dass wir Weißbier verkaufen konnten. Griesbräu hat pro Jahr circa 14 verschiedene Biere, die gebraut werden. Die drei Klassiker: Helles, Dunkles und Weißbier. Und dann es gibt schon unser Braunbier und Weizenbock, Maibock, Starkbier und Pale Ale, IPAs. Es gab schon früher auch ein (unv. #00:16:08.1#) Stout. Sie haben schon ganz großes Menü da für Bier.

Markus: Wunderbar! Dann lass uns doch den Weizenbock mal aufmachen. Und Holger, magst du vielleicht mal dich dem Bier nähern?

Holger: Ich habe ihn jetzt schon geöffnet und eingeschenkt. Wenn man jetzt so reinriecht und auch sieht, was man im Glas hat, dann ist das natürlich so eine naturtrübe Schönheit. Der Schaum ist feinporig und ist also so ein bisschen beige, würde ich sagen. Also passt sehr gut zur Bierfarbe. Und wenn man reinriecht, dann hat man so schöne fruchtige milde Aromen. Ich würde sagen, auch so ein bisschen Dörrobst da drin, Rosinen ganz stark. Ich trinke mal einen Schluck. Ah ja! Wunderbar! Ein ganz, ganz tolles schönes cremiges Mundgefühl. Wir haben hier eine ganz feine Rezenz. Und natürlich jetzt auch mit 7 % Alkohol gibt das so ein warmes Aroma, vollmundig, ein bisschen habe ich vielleicht sogar eine Lakritz-Note im Hintergrund und so kräutrige Noten. Die machen das Geschmackserlebnis so richtig komplex. Also ich bin verliebt, also wirklich verliebt in diesen Weizenbock. Ganz toll! Gui, also herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Bier.

Gui Hollanda: Danke schön! Wir haben jetzt dieses Jahr, seit ich angefangen habe, ich habe mit meinem Chef schon geredet, ich habe schon (unv. #00:17:30.8#) der zweite Lockdown Ende des Jahres kam, ich habe gesagt, Sie müssen dann mindestens unser Hauptbier in Dosen haben, damit wir das weiter verkaufen können während des Lockdowns. Weil Getränkemärkte sind noch offen im Lockdown, genau wie Craftbier-Shops. Ich habe gedacht, wir können schon mindestens unser Bier weiter verkaufen, dass das nicht einfach in unserem Lager bleibt, weil wir nicht offen sind. Weil ich finde schade, dass besonders mit dem Grünhopfen-Bier, das war genau fertig, als der Lockdown angefangen hat. Und das Weizenbock war ein bisschen später gebraut, dann haben wir die Etiketten noch nicht dafür gehabt. Die Dosen sind schon in München zu finden bei Biervana und Bierothek.

Markus: Das ist sehr gut zu wissen. Also lieber Hörer, da könnt ihr dann gleich schon mal die Bierothek kontaktieren. Da ist natürlich auch die Möglichkeit, dann das Bier auch zu bekommen. Beim Weizenbock finde ich, stört mich die Flasche gar nicht unbedingt, weil das ist ja dann auch so die Portion, die man braucht, um dann damit schön über einen Abend zu kommen. Ich finde auch das Mundgefühl wirklich grandios, also ganz weich, ganz samtig, dann eben Karamell, Rosine, sehr, sehr rund, sehr angenehm. Und auch ein bisschen gefährlich, weil den Alkohol merkt man wirklich erst so, na ja, so nach dem zweiten, dritten oder vierten Schluck. Ich habe auch das Gefühl, du hast da auch wieder mit Hopfen ganz schön gearbeitet, um das hinten raus ein bisschen trockener zu machen. Also gefällt mir sehr gut. Einerseits könntest du kurz was dazu sagen, wie du da den Hopfen im Weizenbock verwendest. Und andererseits vielleicht, wie kommt ihr denn dazu, überhaupt die Dose abzufüllen? Das gab‘s ja früher noch nicht.

Gui Hollanda: Von dem Hopfen-Weizenbock, da sind Brewers Gold als Bittere genutzt und der Tradition als Aroma (unv. #00:19:05.9#)-Hopfen genutzt. Ich wollte so ein bisschen mehr von dieser würzigen Tradition, wie der Name schon sagt, die traditionellen Bieraromen, die ich von früher gewohnt war. Weißbier war nie so mein liebstes Bier. Ich hatte vor meiner Arbeit auch nicht so viel Erfahrung damit zu brauen. Ich habe ganz viele Brauer angerufen und Tipps gefragt und ganz viel darüber gelesen. Dann habe ich mir echt extra Mühe gegeben besonders so ein Weißbier zu entwickeln. Etwas, das echt gut war. Besonders hier in Murnau, wenn die Karg schon hier haben mit einem der besten Weißbiere in Deutschland. Ich war ein bisschen so nervös und da zu Karg zu gehen.

Markus: Und du hast dann dein eigenes Rezept entwickelt da draus sozusagen?

Gui Hollanda: Ja. Dann habe ich so (unv. #00:19:51.7#) Weizenbock habe ich mir ganz viel Mühe gegeben, um ein tolles Rezept zu machen. Weil das von allen unseren Stammgästen und auch unserer Mitarbeiter der liebste Bierstil. Dann habe ich mir extra Mühe gegeben, dass ich ein echt geiles Weizenbock brauen könnte.

Markus: Ja, ist ja auch vollends gelungen. Und wie kam’s zur Dose?

Gui Hollanda: Die Dosen habe ich gedacht, die sind besser für das Bier erst mal, besonders für hopfenbetontes Bier wie das Grünhopfen. Die sind länger haltbar, sie haben keinen Sauerstoff, kein Licht. Und die sind auch schon besser für die Umwelt, weil die Dosen sind schon recyclebar, meistens. Weil die Dosen, die wir gekauft haben, sind schon aus 70 % recycleten Aluminium. Auch zu transportieren, ist auch leichter. Deswegen auch weniger CO2-Emissionen, wenn das transportiert wird.

Markus: Also durchaus auch der Nachhaltigkeitsgedanke. Holger, es ist eine 440-Milliliter-Dose. Das ist jetzt auch so ein neuer Trend. Wie ist denn da so das Echo in München, dass es jetzt keinen halben Liter mehr gibt, sondern 0,44?

Holger: Ich glaube, die meisten haben das noch gar nicht so richtig gecheckt, dass das so ist. Aber die Dose, die kommt immer mehr. Und nach wie vor habe ich den Eindruck, also hier ist es schon so, dass die Dose immer noch so ein bisschen ein Imageproblem hat. Und ich arbeite natürlich dagegen und sage halt auch, was sind die Vorteile der Dose. Aber ich glaube, hier in München ganz speziell mag man es doch so wie man es kennt. Also die Dose ist noch nicht so richtig, hat sich noch nicht richtig durchgesetzt.

Markus: Wobei ich mir denken kann, langsam aber sicher wird einfach die Qualität und der Inhalt überzeugen. Habt ihr selber eine Dosenabfüllung oder macht ihr das bei jemandem, Gui?

Gui Hollanda: Wir haben die Dosenabfüller von True Brew gemietet. Die Jungs sind zu uns gekommen mit einer Palette Dosen und einem mobilen Dosenabfüller. Die haben für uns 2500 Dosen abgefüllt während dem Tag.

Markus: Das ist eine coole Geschäftsidee. Lustigerweise kamen wir da drauf schon, ich glaube es war 2014, in den USA und da haben wir auch Hopfen-Anbaugebiete im Yakima Valley besichtigt und auch einige Brauereien. Und da haben die uns eben erzählt, dass so die ersten anfangen, mobile Dosenabfüller zu haben und fahren dann mit einem Lkw von einer Brauerei zur nächsten und füllen dort vor Ort ab. Da haben wir uns so ein bisschen aus Spaß gedacht, Mensch, das müsste man doch eigentlich in Deutschland machen, müsste funktionieren. Und jetzt irgendwie scheint es jemand umzusetzen. Das finde ich schon eine ziemlich coole Sache. Konntet ihr auswählen, was für Dosen oder hatten die nur diese 440-Milliliter-Dosen?

Gui Hollanda: Die ersten Gedanken von meinem Chef war eine Halbe-Liter-Dose, aber die Jungs von True Brew hatten diese Dose noch nicht im Keller. Dann haben wir uns entschieden für die (unv. #00:22:28.7#) Dosen.

Markus: Ist dann praktisch eine Zwei-Schluck-Dose, könnte man so sagen. Aber nein, ich finde es wirklich eine gute Sache und vor allem, man hat halt einfach immer frisches Bier. Das finde ich auch gut. Das heißt, man kann ja einfach, wenn die Lose lehr ist, die nächste wieder aufmachen. Und es ist ja wie ein kleines Fass. Also deswegen ist das Bier da drin ja auch so gut aufgehoben, weil es da einfach lichtgeschützt ist und sauerstoffgeschützt ist und gut gekühlt und gelagert werden kann. Und das macht natürlich viel, viel Gutes.

Gui Hollanda: Außerhalb (unv. #00:22:54.6#) kriegen wir ganz viel Touristen hier. Und mit dieser Literflasche wie die Literflasche von Weizenbock ist es ein bisschen kompliziert. Wenn sie sie nach Hause nehmen wollen, weil die Flaschen haben schon 3 Euro Pfand drauf und die kann man nicht irgendwo anders zurückgeben, nur bei uns. Und mit den Dosen, sie können schon dann nach Hamburg, nach Berlin fahren und bei ihrem Supermarkt zurückgeben. Das war auch der Vorteil von den Dosen, wir gedacht haben.

Markus: Das stimmt, das ist auf jeden Fall ein großer Vorteil. Dann hoffe ich doch, dass da in diesem Jahr jetzt, wenn der Lockdown dann hoffentlich rum ist und die Saison wieder losgeht und dann vielleicht auch im März, April, Mai die ersten Gäste wieder bei euch im Biergarten sitzen, dass die dann auch ein schönes Erlebnis mit deinen Bieren haben. Dann werden wir dich sicherlich auch mal besuchen und persönlich dann das Ganze verkosten. Auf jeden Fall vielen Dank, dass du uns ein bisschen erzählt hast, einen kleinen Einblick gegeben hast in deine neue Welt. Und wir wünschen dir noch da viel Freude und eine schöne Zeit. Und grüße die beiden Inhaber von uns, die kennen wir gut.

Gui Hollanda: Danke!

Holger: Alles Gute! Und vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Berichte. Mach’s gut!

Gui Hollanda: Danke schön! Hat mich gefreut.

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk 52 – Interview mit Christof Pilarzyk vom Braugasthof Grosch aus Rödental

Christof Pilarzyk ist der erste Gast, der zum zweiten Mal bei einem BierTalk dabei ist – und das aus gutem Grund. Der Vollblut-Gastronom und Geschäftsführer der Privaten Braugasthöfe zieht eine bittere Corona-Zwischenbilanz, sowohl für seinen eigenen Betrieb, als auch für die Branche. Er rechnet mit gut 25% Geschäftsaufgaben in der Gastronomie und findet auch klare Worte für die Gründe, die dazu führen werden. Dennoch gibt es auch Lichtblicke für den Gastro- und Eventprofi – gemeinsam mit seinem Sohn plant er ganz antizyklisch den Neubau seiner Brauerei. Ein BierTalk der besonderen Art, der vielleicht in der Zukunft einmal als Zeugnis der aktuellen Geschehnisse dienen wird, doch hören Sie einfach selbst…

Link für Apple/iTunes: https://podcasts.apple.com/de/podcast/biertalk/id1505720750

Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen BierTalk! Heute Folge 52. Und insofern etwas ganz Besonderes, als wir bei Folge 26 unserem Gast versprochen haben, wenn wir es bis 52 schaffen, dann laden wir ihn wieder ein. Und so haben wir es auch getan. Deswegen Hallihallo lieber Christof! Vielleicht stellst du dich trotzdem nochmal den Hörern vor, damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben. Und dann schauen wir mal, wie das heute so wird.

Christof Pilarzyk: Hallo, guten Abend! Ich bin der Christof Pilarzyk, Wirt des Brauereigasthofs Grosch in Rödental. Gleichzeitig bin ich auch geschäftsführender Vorstand von unserem privaten Braugasthöfen und in sonstigen Medien unterwegs. Meine Hauptaufgabe ist es zurzeit, und da freue ich mich jetzt riesig drauf, mit euch heute Abend ein bisschen bierzutalken und vor allen Dingen auch ein bisschen Bier zu trinken.

Markus: Das ist doch wunderbar. Und den Holger habe ich fast ein bisschen vergessen, der ist natürlich auch im Boot, oder? Hallo nach München!

Holger: Ich bin auch wieder dabei, auf jeden Fall, und freue mich auch sehr. Und der Christof ist ja jetzt schon mein Freund, weil er hat ja schon das Biertrinken angesprochen, dann muss ich es nicht tun.

Markus: Genau! Aber vielleicht, bevor wir das erste Bier aufmachen, die Frage an Dich, Christof, vielleicht bringst du uns mal kurz auf den Stand der Dinge. Wir haben jetzt zum Zeitpunkt der Aufnahme Mitte Januar 2021, wir haben uns letztes Mal im Sommer 2020 unterhalten. Damals waren eben die ganzen Corona-Maßnahmen gerade in vollem Gange, jetzt sind sie es wieder. Wie ist es euch denn ergangen und wie seht ihr aktuell in die Zukunft?

Christof Pilarzyk: Wir haben das große Glück oder auch Pech, was auch immer, gehabt, dass wir im April dann einen schönen Kredit aufnehmen durften, der uns dann erst mal über das Schlimmste hinweggeholfen hat. Die Sommermonate sind in der Relation zu Corona, muss man sagen, sehr gut gelaufen. Gut nur zu den Monaten vorher, die natürlich sehr schlecht waren. Wir haben im Sommer so um die 60 % des Vorjahresumsatzes gemacht. Da könnt ihr euch vorstellen, was gut bedeutet in dieser Zeit. Und haben das große Glück gehabt, in zwei Monaten mal kein Minus zu schreiben. Aber es ging im September schon los, also die Leute sind gern nach draußen, die Biergärten waren voll, auch unsere. Aber sobald dann das Wetter umgeschlagen hat beziehungsweise kühler geworden ist, ist dann schon der Besuch weniger geworden. Und naja, und dann kam es, wie es fast kommen musste, dass wir im Oktober schon einen richtigen Abschwung hatten, so ähnlich wie letztes Jahr Anfang März. Als dann klar war, dass wir wieder schließen müssen, da war erst mal bei uns großes Unverständnis, das muss ich sagen. Wir haben also den ganzen Sommer über das geübt, gemacht, getan mit unseren Gästen. Wir haben keinen einzigen Corona-Fall auch nur in Ansätzen in unserem Betrieb gehabt, weil wir uns natürlich auch an diese Vorlagen gehalten haben. Und dann war es natürlich ziemlich frustrierend, als Erster wieder geschlossen zu werden. Das erschließt sich uns auch jetzt nicht so ganz, aber wir sind ja auch keine herausragenden Politiker, sondern nur Bierbrauer und Gastronomen. Und jetzt geht’s uns eigentlich nicht wirklich gut. Das Geschäft ist zu seit jetzt zweieinhalb Monaten, das heißt, zweieinhalb Monate nur rudimentäre Umsätze. Das heißt, ein bisschen Bierverkauf, sonntags ein bisschen Außer-Haus-Verkauf, wobei der tendenziell jetzt auch stark nachlässt. Also das heißt, bis zur Weihnachtszeit war das noch eine halbwegs solvente Einnahmequelle. Aber auch da mal ein Hinweis, also wir, unser Betrieb hat im November und Dezember 15 % des Vorjahresumsatzes gemacht. Das macht das vielleicht klar. Vielleicht in Worten: Jeden Monat 250.000 Euro weniger als das Jahr zuvor.

Markus: Habt ihr denn überhaupt einen Anspruch auf diese November- und Dezember-Hilfen und habt ihr schon was bekommen?

Christof Pilarzyk: Unser Betrieb jetzt hat „Riesenglück“, in Anführungszeichen, weil unsere Brauerei so einen kleinen Anteil hat. Weil nämlich unser Gastro- und Hotelanteil so hoch ist. Wir sind mit 18 % knapp an der Grenze vorbei. Aber ich habe viele, viele Kollegen bei uns bei den Braugasthöfen, aber auch sonst hier in Oberfranken, die haben halt eben 22, 23 oder 24 % des Umsatzes und fallen da vollkommen aus dieser Förderung raus. Und das ist vollkommen unverständlich. Ein Unding. Also, dass da die Politik nicht sofort nachgesteuert hat, lässt doch tief blicken. Und ehrlicherweise, das ist Verzweiflung pur für viele Kollegen. Aber wir haben auch beantragt und haben tatsächlich schon 20.000 Euro bekommen von eigentlich 100.000, die kommen müssten. Und die würden auch grad mal die Kosten decken.

Markus: Trotzdem denke ich, sollten wir jetzt dem Holger folgen und zumindest mal ein Bier aufmachen.

Holger: Jetzt haben wir auf jeden Fall einen Grund sich zu betrinken, sozusagen man sich ja betäuben. Wenn man das alles hört, wenn ich auch hier durch München gehe, im Hacker-Pschorr, Stammhaus, in der Fußgängerzone, da Sendlinger Straße, da ist halt ein Schnelltest-Zentrum jetzt drin. In meinen Augen ist ja Kneipenkultur, Gasthauskultur deutsches Kulturgut. Und ich bin auch sauer, also ich bin wirklich mittlerweile sauer auf diese pauschalen Lösungen. Es war nicht so, dass die Gastronomie ein Herd des Ansteckens war. Die meisten zumindest der Gastronomen haben sich doch viel überlegt auch, dass das verhindert wird. Also ich bin wirklich sauer. Und jetzt kann man sich nur noch besaufen. Absolut! Ich mache jetzt das erste Bier auf.

Markus: Lass uns doch mal teilhaben.

Holger: Ach! Das ist ein widerspenstiger Kronkorken. Wahnsinn! Also wenn ihr euch jetzt vorstellen könntet, was ich hier habe, wie das schon riecht. Also da springt mich die Rosine aber nur so an. Jetzt lassen wir es mal einlaufen. In der Tat, ich habe mir heute ein besonderes Bier aufgemacht und habe einfach geschaut, was hat am meisten Alkohol bei mir im Schrank. Und dann bin ich auf ein Bier gestoßen mit 11,5 % Alkohol. Ist aber nur 0,33, also ihr müsst jetzt da nicht irgendwie euch fürchten vor mir, dass ich jetzt dann irgendwann noch viel lauter schimpfe. Sondern bei mir handelt es sich um ein Barrel One Stock Ale …

Markus: Oh!

Holger: … von BraufaktuM. Wenn man da so reinriecht, dann kommen schöne Vanillenoten, Karamellnoten. Es ist aber auch klar, dass es ein holzfassgelagertes Bier ist. Und in einem Whiskyfass, also das ist auch sofort in der Nase. Also es gibt eben dieses süßliche, fruchtige Aroma und auch diese leichte Whiskynote. Ich genehmige mir jetzt mal einen Schluck. Prost!

Markus: Prost!

Christof Pilarzyk: Prost!

Holger: Und das ist eben wahnsinnig harmonisch und umarmt einen fast. Wenn die Zunge jetzt aus dem Mund käme und könnte mich umschlingen, würde sie es tun. Das ist wahrer Genuss. Das ist wirklich so ein komplexes und schönes Bier. Ich glaube, das ist jetzt für den Anlass, den wir heute besprechen, genau richtig. Mindesthaltbarkeitsdatum ist übrigens am 1.9.2019 abgelaufen. Und ihr wisst ja, diese holzfassgelagerten Biere, auch bei solchen Alkoholgehalten, die kann man durchaus auch noch übers Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus lagern und immer wieder probieren, wann sie im Zenit sind. Und hier möchte ich jetzt wirklich fast behaupten, so viel Harmonie und Malz-Aromatik in Verbindung mit diesen fruchtigen Aromen und Whiskynoten, besser geht’s fast nicht. Jetzt bin ich aber auch fertig.

Markus: Ich glaube, ich kann mich sogar erinnern, wann du diese Flasche bekommen hast. Ich glaube, das war 2016 oder sowas bei den Hopfentagen in der Hallertau, wo dieses Bier überhaupt auch kreiert worden ist von BraufaktuM. Und da haben wir so ein paar Flaschen bekommen. Das Haltbarkeitsdatum klingt für mich ein bisschen so, als wäre es vielleicht eine von denen. Aber wer weiß. #00:07:18.0#

Holger: Du hast recht. Du hast recht. Wahrscheinlich hast du recht. Ich weiß es selber nicht mehr ganz genau, aber auf jeden Fall habe ich mir das lange aufbewahrt für besondere Momente. Und jetzt ist ja so ein Moment. Der Christof ist ja der erste, der jetzt zum zweiten Mal im BierTalk ist. Wir haben ja was zu feiern. Wir haben gesagt, Mensch, schaffen wir überhaupt 52 BierTalks und so? Und wenn man jetzt die Specials noch dazu zählt, dann sind wir, weiß ich gar nicht, bei 68 oder 69 oder so. Wer hätte das gedacht? Das hat ja auch Corona mehr oder weniger angerichtet. Das ist ja daraus entstanden, dass wir gesagt haben, komm, was kann man machen, um weiter eben auch über Bier zu sprechen.

Markus: Apropos über Bier sprechen, vielleicht sollten wir dafür sorgen, dass auch der Christof nicht zu lange auf dem Trockenen sitzt. Magst du deins auch aufmachen?

Christof Pilarzyk: Ich habe eigentlich zwei mir gleich mitgebracht, zufälligerweise natürlich auch etwas größeres Kaliber, ein Bockbier, was auch sonst in dieser Jahreszeit eben (unv. #00:08:15.3#). Als ich zu meinen Kisten im Keller gegangen bin, ist mir dann zufällig noch ein zweiter Bock noch in der alten original Plop-Flasche, mittlerweile sind wir wieder auf unsere schönen alten Euro-Flaschen zurück. Haltbarkeitsdatum ist der 11.7.2014. Während unser schöner Bock vorneweg immer so eine Honignote hat, eine wirklich schöne Honignote, leuchtet auch so schön rotgoldig, hat einen schön feinporigen Schaum, aber nicht zu viel Kohlensäure, also wie die ganzen Biere von Grosch. Wir machen eigentlich unsere Biere mit relativ wenig Kohlensäure. Heißt natürlich, die haben einen guten Lauffaktor, sie laufen richtig schon hinaus. Da kommen so die Karamellnoten dann raus und auch die Hopfennoten, die man schön riecht bei diesem Bock, die kommen vor allen Dingen ausgewogen daher, also mit Karamell und Hopfen verbinden sich so in der Mitte wunderschön zu einer Harmonie. Und ich erzähle das nicht, weil es mein Bier ist, sondern weil es wirklich so geil schmeckt. Und ganz ehrlich, das ist so das Getränk, was wir fast täglich abends zu uns nehmen, meine Frau und ich, so als Betthupferl sozusagen. Weil es einfach schön schmeckt, in die Zeit passt so zum knisternden Kamin. Gestern haben wir so einen kleinen Schokokuchen ausprobiert, also zum Dessert, Schokodessert, auch super gepasst. Das ist unser Bock, unser normaler Bock, mit gut 7 %. Und jetzt mach ich mal diese andere Flasche auf noch. Ich hoffe, ihr gebt mir die Zeit.

Markus: Du kannst gerne zweimal trinken. Wir hatten mal eine Bekannte, die hat das immer Double Fisting genannt.

Christof Pilarzyk: Ach so! Ha-ha! Okay! Dann werde ich jetzt nicht die Faust, aber die zweite Hand dazu nehmen. Ah ja! Erwartungsgemäß ist natürlich die Klarheit nicht mehr so gegeben. Das schöne Rotgold, was wir haben, ist auch mehr ein schönes Braun geworden, hellbraun. Da hat die Oxidation doch schon ein bisschen was gewirkt. Aber wenn man da reinriecht, das ist brutal, wie sich so ein Bier verändert. Und zumindest dem Geruch nach ist es noch super trinkbar. Der Honig ist jetzt praktisch so zum Metgeruch, also der so ein bisschen intensiver ist. Pflaumen, Feige, kommen dann da entgegen. Nochmal, 11.7.2014. Ich bin richtig stolz, dass er noch so riecht. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das ist ein Sherry. Kohlensäure ist faktisch rudimentär noch vorhanden, aber auch hinten raus einen wunderbaren Abgang nach so Trockenfrüchten. Also so ein bisschen Feige hat man auch noch. Und ganz zum Schluss hat man im Mund immer noch diese schöne Hopfennote. Also ich bin richtig stolz, dass der noch so gut gehalten hat. Aber er ist der vorletzte seiner Art, einen habe ich noch im Keller. Den werden wir dann nächstes Jahr verkosten, oder?

Markus: Auf jeden Fall! Aber dann persönlich. Sind wir jetzt auch schon sehr neidisch. Aber vielleicht an der Stelle mal die Frage, du hast ja gerade gesagt, ihr macht jetzt öfter mal so einen Feierabend-, Kaminbierchen, wie auch immer. Würdest du denn sagen, eure Trinkgewohnheiten oder vielleicht auch einfach eure Lebensgewohnheiten haben sich jetzt in diesem letzten Jahr deutlich verändert?

Christof Pilarzyk: Ja, sie haben sich wirklich sehr deutlich verändert. Es ist so, dass wir im Betrieb selbst Arbeiten wieder machen, die wir schon jahrelang aus den Augen verloren hatten. Weil als Chef hattest du ja einen Betrieb zu führen. Jetzt gibt’s quasi niemand mehr, den du groß führen kannst, du machst die meisten Arbeiten selbst. Das heißt also, stundenmäßig ist es gar nicht so viel weniger geworden. Aber was uns am meisten abgeht, sind unsere Gäste. Wir haben Glück, dass wir noch so einen Bierverkauf haben und sonntags so einige dann doch das Essen abholen. Aber das fehlt uns am meisten. Das hat unser Leben wirklich verändert, weil wir sind so Menschen, die mit anderen Menschen gern zusammen sind. Und jetzt haben wir so die Zeit gehabt, uns wieder mal zu finden. Das war auch schön, muss ich sagen. Wir haben einfach mal über Sachen gesprochen, die vorher gar nicht denkbar waren, weil man da eine Million andere Sachen im Kopf hatte. Jetzt unterhält man sich einfach so über, wie schön die Natur ist, wie das letzte selbstgekochte Essen war. Wir haben zum Beispiel früher fast nur im Betrieb gegessen. Und nur, wenn wir Gäste mal zuhause hatten, zuhause gekocht. Jetzt ist es genau umgedreht, wir essen nur noch zuhause. Und probieren auch neue Sachen aus. Das kann ich jetzt nur allen Kollegen empfehlen, das ist genau der Punkt, einfach mal neue Sachen ausprobieren, an die man früher nicht so gedacht hat. Wir sind da total experimentierfreudig geworden. Und da wird sicher in der neuen Grosch-Karte, da sind wir fest von überzeugt, wenn wir dann wieder aufmachen dürfen, einige Ergebnisse von auf der Karte wiederzufinden sein.

Markus: Wird das Leben auch langsamer?

Christof Pilarzyk: Ja, definitiv! Es wird langsamer, aber ich sage jetzt mal, positiv langsamer. Ihr hört auch an meinem Lachen, wir entdecken einfach Sachen, die so im normalen Geschehen untergegangen sind. Ich sag mal, was für andere Menschen vielleicht Normalität ist. Also so ein schönes Spazierengehen ohne Zeitdruck. Ein Telefon, was nicht permanent klingelt. Irgendwelche Verwaltungstätigkeiten, die sowieso keinen Bock gemacht haben, jetzt einfach mal wegfallen. Das sind so die positiven Seiten. Es ist langsamer geworden, aber angenehmer, also ich finde es angenehmer. Wenn denn wieder aufgemacht wird, werden wir sicher neu durchstarten, aber wir werden auch achtsamer mit unserer eigenen Zeit (unv. #00:13:01.5#) sein.

Markus: Das ist doch auch ein Stichwort, Holger, oder? Kannst du der Situation auch in gewisser Weise was Positives abgewinnen, gerade im Hinblick auf die Achtsamkeit?

Holger: Auf jeden Fall ist das natürlich ein Thema, wo Corona viele Dinge hervorbringt. Vieles, was so unter der Decke geschlummert hat, kommt ja plötzlich hoch. Und dass man die Dinge wieder etwas bewusster macht, weil man sich zwangsläufig wieder mehr Zeit nimmt, weil man einfach auch mehr Zeit hat und die Dinge vielleicht ein bisschen mehr zelebriert, auch mehr Zeit hat für die Familie, für die ganz engen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist mit Sicherheit so. Aber Christof, mich würde wahnsinnig interessieren, private Braugasthöfe, da bist du der Geschäftsführer dieses Zusammenschlusses, und wie geht’s den anderen Betrieben, was hörst du da? Was gibt’s vielleicht auch für innovative Dinge, Ideen, wo du sagst, Mensch, also da ist was entstanden auch, da muss man hingucken, das könnten wir alle so machen?

Christof Pilarzyk: Was es prinzipiell bei allen gibt, ist dieses Zusammenrutschen der Familie. Also Familie war noch nie so wichtig wie jetzt in dieser Zeit. Das, was die Braugasthöfe ja eigentlich ausmacht, dieser Familiensinn, der wird wahnsinnig gestärkt. Was eigentlich alle toujours gemacht haben, sie haben die Zeit genutzt, um so wie wir so nachzuschauen: Wie aktuell ist denn unsere Speisekarte? Was gibt’s da an neuen Sachen? Manche arbeiten an neuen Bierideen. Dann haben wir natürlich alle daran gearbeitet, irgendwie noch Umsatz zu generieren. Wir machen jetzt zum 29.1. Bierkulinarium to go, also zuhause. Wir probieren das einfach mal aus. Viele Kollegen haben Bierverkostungen auch schon direkt gemacht, mit Kunden, mit Gästen, haben dann Bier verschickt und dann gemeinsam über Zoom, Teams und wie diese Programme alle heißen, das durchgeführt. Und das sind so Sachen, die bleiben bestimmt auch hängen in Zukunft. Nämlich für alle Menschen, die vielleicht nicht so viel reisen können oder so, aber dann kann man diese neuen Sachen vielleicht mitintegrieren. Das ist die gute Seite.

Holger: Markus, jetzt mach doch mal schnell dein Bier auf. Ich würde direkt hinterherschieben wollen, also wir hatten ja unsere Weihnachtsfeier sogar auch online gemacht über Zoom innerhalb der Bierakademie und hatten dann vom Brauereigasthof Drei Kronen in Memmelsdorf, die haben den Gasthof daheim entwickelt, und da konnten wir uns entweder Gans oder Roulade bestellen. Ich war ja sehr gespannt, wie das dann hier in München ankommt und so. Aber ich muss sagen, das war hervorragend. Also wirklich mit Rotkraut und mit Kartoffelklößen und die Roulade. Also da läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Das fand ich auch richtig toll, wie die das gemacht haben und wie das umgesetzt war. Also von der Verpackung bis wirklich zur Speise, das war wirklich ganz professionell. Aber Markus, du musst jetzt auch mal. Sonst mach ich mir Sorgen.

Markus: Ja, allerdings, muss ich wirklich sagen. Aber bevor ich es aufmache, ganz kurz zu dem noch einen Satz. Ich fand das auch ganz toll. Und ich glaube, da sieht man auch, das ist auch was, was man dir Christof vielleicht auf den Weg mitgeben kann, auch für die anderen, dass die, die das einfach gut machen und gut können, sich dann eigentlich auch relativ gut auf solche Sachen einstellen können. Weil der große Unterschied war, das, was wir da bekommen haben vom Braugasthof und wie wir es dann für uns relativ einfach mit dem Wasserbad warmmachen konnten, war qualitativ absolut top und besser als alles, was man sonst so als „to go“ landläufig immer so zuhause bekommt. Ich glaube, das ist wirklich ein Punkt, wenn mehr das für sich entdecken, es ist zumindest eine Option. Aber gut, jetzt machen wir mal erst noch ein Bierchen auf. Ich muss ja sagen, es tut mir ja fast leid, ich habe eins, was noch haltbar ist. Also bei mir steht zumindest noch drauf „bis Mitte 22 haltbar“. Aber natürlich schon auch ein bisschen was Kräftigeres und ich habe auch in den Kühlschrank geschaut und mir gedacht: Hm! Was wäre was für uns zusammen? Dann habe ich gesehen, ich habe da noch eine alte Flasche, die ich mir aus Belgien mitgebracht habe. Und zwar steht da drauf Vleteren Alt. Das ist ganz lustig, weil das ist jetzt nicht die von vielen bekannte Brauerei in Westvleteren, sondern eben eine andere Brauerei, die in dem Ort Vleteren eben auch ist. Die heißt Deca. Und dort gibt es ein Ehepaar, die eben seit vielen Jahren als Familie, Nicolas und Katrien heißen die, eine Brauerei machen. Und haben auch verschiedene Bierstile. Und das, was ich jetzt habe, ist das Vleteren Alt mit 8 % Alkohol, und ich mach‘s jetzt mal auf. Ganz grundsätzlich glaube ich, dass es nicht unbedingt ein Alt ist, sondern wahrscheinlich eher das, was die Belgier unter Duvel verstehen oder unter Bruin. Aber jetzt gucken wir mal. Also im Glas schöne rotbraune Farbe mit so einem leichten Schimmern und wirklich einem sehr, sehr schönen Rotstich, der gefällt mir richtig gut. Obendrauf dann der Schaum, feinporig, viel Schaum, und auch schön getönt, so ein bisschen karamellfarben, ganz fein. Jetzt riechen wir mal rein. Im Vordergrund karamellig, röstig, dann kommen so weinige Noten. Geht tatsächlich auch schon ein bisschen in Sherry. Und sehr frisch, also die Kohlensäure ist auch sehr präsent. Probieren wir das mal. Sehr, sehr fein. Also schöne Mischung. Es hat relativ viel Süße auch. Und die geht dann aber schön über in tatsächlich richtige Weinaromen. Also wirklich so eine Reise durch diese beiden Getränke, durch Bier und Wein fast, muss man sagen. Hintenraus wird es relativ schnell trocken. Auch schön, weil dadurch sind die 8 % nicht so massiv. Und es bleibt ein ganz schöner Eindruck, schönes, rundes Bier. Es ist fast ein bisschen schnell weg für seine 8 %, aber gut und da kann ich jetzt mit euch schön weitertrinken. Genau! Holger, du hattest ja unsere Weihnachtsfeier erwähnt, das war zum Beispiel eine Aktion, dass es eben da diesen Braugasthof daheim sozusagen gibt, wo man sich das bestellen kann. Übrigens, also Mini-Werbeblock, das kann man über die Bierakademie auch buchen. Wir machen dann das entsprechende Bierpaket dazu und dann kann man das zuhause eben mit uns verkosten. Aber es gibt ja auch andere, die haben zum Beispiel einen Monster-Bierkasten entwickelt, ein anderer Mitgliedsbetrieb von euch in Adelsdorf. Das fand ich auch ganz spannend. Ich weiß gar nicht, 100 Flaschen Bier gehen da rein. Gab’s denn noch so andere ganz verrückte Sachen, Christof?

Christof Pilarzyk: Ganz verrückte Sachen vielleicht nicht, aber einfach besondere Sachen, die immer damit zu tun haben, dass wir keinen direkten Kontakt mit unseren Gästen haben. Also die verrückteste Idee bei Bier, zumindest was die Verkaufsgröße angeht, ist nicht zu toppen, garantiert nicht. Ich habe mir dann überlegt, wie man so einen Kasten überhaupt rumhievt, das haben die Jungs dann auch geschafft. Was es aber gebracht hat, ist einfach diesen Blick auf unsere kleinen Brauereien. Das ist eigentlich das, was mich immer stolz macht, ganz gleich, wer das von unseren Kollegen bringt. Dass da einfach so ein Innovationsgedanke auch immer da ist. Also wir haben auf der einen Seite natürlich diese traditionellen Biere mit traditioneller Verpackung, aber dass dann so Sachen da wieder passieren. Also wir haben ein bisschen sogar zu Dosen, ist ja ganz was Neues, wo dann einfach mal einer gesagt hat, weißt du was, mein Problem ist es, die so weit zu verschicken. Ich probiere das mal aus. Der hat das dann mit Dosen ausprobiert, auch das war in Ordnung. Also diese Grenzen verwischen auch immer mehr. Und es ist vielleicht auch gar nicht verkehrt, wenn man sich dem einfach mal öffnet und nachschaut. Diese reine Lehre zwar für sich nimmt, aber trotzdem auch mal auf positive Abwege geht, wenn die denn laufen. Was, wie gesagt, ganz innovativ war, war eigentlich einfach diese Bierverkostung, wo Weihnachtsfeiern gemacht wurden. Da haben Kollegen ihre Biere dort verschickt und dann diese Verkostung zusammen gemacht. War ultra-lustig. Und die Sache aus Memmelsdorf haben viele andere Kollegen ähnlich gemacht und mit dem gleichen Ergebnis. Aber es ist ja auch so, wenn du ein gutes Essen kochst, dann verpackst und wegschickst und wieder regenerierst, dann wird das immer noch gut sein. Aber ich muss jetzt auch sagen, es ist natürlich kein Vergleich mit dem, was man normalerweise bei uns erleben kann. Das Kommen, sich hinsetzen, bedient werden, diese Atmosphäre schnuppern, das fehlt natürlich. Und das können wir leider, leider nicht mitliefern. Wir können nur das Appetithäpple verpassen und sagen: Kommt. Jetzt sobald es wieder aufgeht, kommt ihr zu uns und dann bekommt ihr 100 Prozent.

Markus: Das hast du schön gesagt. Ich glaube auch, das Gefühl, dort zu sitzen und das zu erleben, das wird uns sicher hoffentlich bald wieder das Herz erwärmen, aber das fehlt momentan, das schon. Holger, was sagst du denn? Bier in Dosen, gute Sache, oder?

Holger: Auf jeden Fall! Ich bin ja schon immer ein Freund der Dose. Das hat verschiedenste Gründe. Also erst mal habe ich so schöne Erinnerungen an bestimmte Dosenbiere, die man an der Tankstelle sich gezogen hat, um sich in einen Zustand zu versetzen. Ihr wisst ja, ich komme aus dem Ruhrgebiet. Aber natürlich, ich sag mal, Dosenbier hat vielleicht in Deutschland oftmals einen etwas schlechten Ruf, aber zu Unrecht. Bier hat ja das Thema Licht und Sauerstoff, ist da immer ein Thema, und die Dose ist einfach lichtdicht, und auch als Transportgut, es kann nicht kaputtgehen, es kann nicht zerbrechen, es ist leicht, leichter als die Glasflasche und so, also auch ökologisch eine ziemlich sinnvolle Sache. Ich bin ein sehr großer Freund der Dose, muss ich wirklich sagen.

Markus: Ja, bin ich mal gespannt, wir werden ja demnächst noch einen BierTalk machen, wo wir auch eine Braugasthof Dose verkosten, nämlich vom Griesbräu, die vorher ja noch gar keine richtige Abfüllung eigentlich hatten. Also da bin ich gespannt, werden wir dann natürlich auch davon berichten. Das wird ein Special werden, weil der Brauer dort nämlich aus Brasilien kommt. Aber vielleicht noch, Christof, an dich die Frage. Ein Thema ist ja der Umsatz, das Essen, die Getränke und so weiter, aber das andere Thema ist ja irgendwie auch das Personal. Und da habe ich so ein bisschen Befürchtung, dass selbst, wenn das jetzt im Sommer oder Frühling, wann auch immer, wieder aufgemacht wird, dass viele Gastronomen einfach ein Problem haben werden, ihre Leute wieder zu kriegen. Habt ihr da Erfahrungen damit, oder?

Christof Pilarzyk: Jeder macht’s da ein bisschen anders. Ich muss dazu sagen, die „Privaten Braugasthöfe“ ist eine Werbegemeinschaft. Also alles das, was ich jetzt da von mir gebe, ist weit über das hinaus, wo ich eigentlich für zuständig bin. Aber ich mache das auch gerne, weil das gehört auch dazu. Und Mitarbeiter halten, Mitarbeiter-Pflege ist ein ganz großes Thema schon seit Jahren bei uns. Und dem einen gelingt’s halt eben richtig gut und dem anderen weniger gut. Wir haben da auch die extremsten Erfahrungen. Wir haben sehr positive Erfahrungen, das ist aber auch deshalb so, weil wir permanent Kontakt halten. Also wir haben eigene WhatsApp-Gruppen. Wir haben jeden Tag auf, um den Bierverkauf zu machen, und der wird dann immer wieder mit anderen besetzt. Das heißt, immer zwei aus der Mannschaft kommen. Das rechnet sich zwar nicht unterm Strich, aber was sich rechnet, ist, dass einfach die Beziehung zum Betrieb, zu den Kollegen, auch nur in kleinem Ausmaß, bleibt. Und vor allen Dingen immer, dass einer der Chefs da ist, dass wir da Kontakt halten. Und das haben wir ganz gut umschifft. Wir haben natürlich sofort auch für unsere Mitarbeiter versucht, Jobs zu finden, 450 Euro Jobs. Dann ist es natürlich dramatisch. Also das muss man ganz klar sagen, nicht nur für uns als Unternehmer, die ohnehin kein Kurzarbeitergeld bekommen und auch keinen Gewinn machen. Aber wo die von leben, das fragt sich keiner. Aber ist ja wurscht. Aber was auch dramatisch ist oder mindestens genauso dramatisch, das sind unsere Mitarbeiter, die wie wir auch schuldlos in diese Situation geraten sind. Und das sind Menschen, die arbeiten wollen. Und jetzt dürfen die nicht arbeiten, Nummer eins, also Berufsverbot sozusagen. Und Nummer zwei, dann bekommen sie lächerliche 68 % ihres letzten Nettogehalts. Jeder, der in der Gastronomie arbeitet, weiß, ein Gehalt, und das ist nicht schlecht, aber es ist halt auch nicht on the top, ist aufgefüllt durch Trinkgelder, die zum Beispiel in unserem Laden die Mitarbeiter untereinander teilen. Also da bekommt auch die Küche was und die Mädels vom Hotel bekommen was. Und das fehlt ja total. Das ist ja total weg. Das heißt, die haben nicht nur 32 % weniger, sondern mehr wie 50 % weniger Geld. Und das über Monate. Und das ist einfach ein Ding, das geht gar nicht. Also wir werden alle für Solidarität aufgerufen, aber den Preis zahlen die Gastronomen und die ganzen Mitarbeiter. Wir sind die, die solidarisch sein sollen. Wir werden dazu gezwungen, aber bitte, wo ist der Ersatz dafür, woher kommt der? Der kommt gar nicht.

Markus: Und eine Frage war für mich eben auch, also ihr habt jetzt die glückliche Lage wenigstens, dass ihr die Leute halbwegs halten könnt. Aber ich kenne auch einige, die die Leute einfach ausstellen oder entlassen mussten.

Christof Pilarzyk: Ja.

Markus: Oder die haben sich einfach andere Jobs gesucht, weil sie gesagt haben, ich komme mit diesen 40 % unterm Strich nicht klar und sind irgendwo im Supermarkt an der Kasse jetzt oder so. Und dann ist halt die große Frage, ob die dann wieder freudig aufspringen im Mai und sagen, hurra, ich gehe zurück in meinen Braugasthof? Weil das wird, glaube ich, noch ein ernsthaftes Problem werden.

Christof Pilarzyk: Ich sag mal, wenn wir über Probleme reden, wird das eines der wesentlichen sein. Die Motivation wieder hinzubekommen, in unserem Beruf zu arbeiten, ist halt der schönste und geilste Beruf der Welt, ich kann mir gar keinen schöneren vorstellen. Aber wenn sich jemand mal einen 8-Stunden-Tag von früh um 7 bis mittags um 16 Uhr gewöhnt hat, dann wird das durchaus schwierig sein, den zurückzugewinnen. Ich meine, die Gastro-Tante und der Gastro-Onkel, die kommen immer wieder zurück, aber die anderen nicht. Ich habe durchaus Kollegen, da ist die Hälfte der Mannschaft schon weg. Und das wird natürlich fatal. Wir sind Dienstleister, das heißt, unsere Dienstleistung besteht darin, dass wir Dienst verrichten. Und das ist mehr wie nur kochen und ein bisschen Essen austragen. Und den können wir nicht verrichten, wir können keinen Umsatz machen, wenn wir keine Leute haben.

Markus: Und das sind ja auch das Wissen und die Verhaltensweise, solche Sachen. Also mein Schwager zum Beispiel, der hat einen Messebau sozusagen, und der sagt halt, sein größtes Problem ist, dass die Leute mit einem Jahr haben die ganz viel vergessen. Also wie man manche Sachen zusammensteckt, aufbaut, macht und tut, wenn man das einfach nicht regelmäßig macht, dann geht das raus. Und wenn ihr halt neue Leute einstellen müsst oder die Leute wirklich jetzt erstmal geistig weg waren, dann dauert das auch, bis die sich überhaupt wieder auf dieses Thema Gast einstellen können.

Christof Pilarzyk: Wir haben ja schon eine Erfahrung aus dem letzten Lockdown. Der war ja wesentlich kürzer wie der, der jetzt ist. Und da haben wir anderthalb Monate gebraucht, um die Mannschaft wieder zu der Leistung zu bringen, die wir vorher hatten. Also das ist Fakt. Wir werden am Anfang mit mehr Mitarbeitern arbeiten müssen, weil die Leistungsfähigkeit einfach geringer sein wird. Und das ist genau das, was wir tun. Wir sind ja letztendlich auch Handwerker, das sind Handreichungen, das sind Verhaltensweisen. Und wenn du diesen Umgang nicht täglich probst, das ist wie ein Künstler, wenn der nicht jeden Tag an seiner Gitarre übt, dann klingt sein Gitarrenspiel nicht gut. Wenn ein Zirkuskünstler nicht jeden Tag an seinem Trapez arbeitet, dann fällt der da ziemlich schnell runter. Und so ist es bei uns auch. Und das wird eine große Arbeit und Mühe werden. Und das Fatale daran ist, dass wir da in der Politik überhaupt kein Verständnis für finden.

Holger: Was glaubst du, Christof, wieviel bleibt auf der Strecke? Gibt’s da einen Prozentsatz, wo du sagen könntest, da würde ich mich trauen, das zu sagen? 20 %, 30 %, 50 %?

Christof Pilarzyk: Realistisch gesehen wird Minimum 20 bis 25 % auf der Strecke bleiben. Und zwar noch nicht mal so, dass jetzt bei der nächsten Öffnung die alle gleich aus der Kurve fliegen. Aber man muss sich einmal vorstellen, was man für Schulden aufgebaut hat in der Zeit. Viele Kollegen, die in Miete irgendwo sind, die haben ja das nur gestundet bekommen. Das heißt, die haben da Schuldenberge. Und wenn da nur ein Booster kommt, bist du weg vom Fenster. Dazukommt, dass überhaupt keine positive Unterstützung von den Banken kommt. Das muss man mal sagen. Die sind mit dem Mundwerk ganz groß, aber wenn es um die Fakten geht, sind die ganz klein. Also wenn du heute in Gastronomie irgendwas machen willst, dann ist die Unterstützung deiner Hausbank mager – ich will es einfach mal mager nennen – und unheimlich schwer. Das liegt allein schon daran, dass diese unseligen Mittel ja nicht fließen. Das geht weiter mit diesem KfW-Darlehen. Wie kann das sein, dass ein gesunder Betrieb wie wir, ich kann‘s ja sagen, 400.000 Euro aufnehmen mussten zu unverschämten 3 %. Ich frag mich, der Staat richtet hier einen Schaden an und ich muss ihn bezahlen. Das ist doch vollkommen irre. Und es geht nicht nur ums Geld, es geht auch um die Menschen, von denen wir es grad hatten. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Für unseren Betrieb bin ich sehr optimistisch, für andere mediaoptimistisch, und es gibt auch viele Kollegen, die ich unheimlich gut kenne und auch wertschätze, aber die einfach überhaupt keine Chance haben, dass jemals wieder reinzuholen, wenn da nicht massive Unterstützung von der Wirtschaftsförderung kommt.

Markus: Ein anderer Punkt müsste eigentlich auch sein, dass man sich so ein bisschen da jetzt auch schon damit auseinandersetzt und darauf einstellt, was ja dann letzten Endes bedeutet, dass man nicht mit denselben Preisen wieder aufmachen kann, die man vor anderthalb Jahren hatte, sondern man muss ja eigentlich sich jetzt anpassen. Einerseits, es wird am Anfang sicher nochmal Einschränkungen geben, irgendwelche Schutzmaßnahmen und so weiter, die was kosten und die Umsatz kosten. Und dann gibt’s eben all die Kosten, die jetzt aufgehäuft worden sind, die ja auch alle zu zahlen sind. Das heißt also, eigentlich müssten doch konsequente Gastronomen sagen: Wenn ich jetzt aufmache und mein Bier hat vorher, sagen wir mal, 3,50 gekostet, dann kostet es jetzt eben 4,50, weil sonst macht‘s einfach keinen Sinn. Glaubst du, die haben da den Mut das zu tun?

Christof Pilarzyk: Es ist einfach so: Wer den Mut nicht haben wird, der wird die längste Zeit Wirt gewesen sein. Es sind ja keine Reserven mehr da. Das ist ja ein Zustand, den eigentlich keiner kennt. Also keiner, der ordentlich gewirtschaftet hat, kennt diesen Zustand. Aber das wird jetzt der Standardzustand sein, wir fangen alle bei null oder teilweise minus an. Das heißt, wir dürfen uns keinen Monat mehr erlauben, der im Minus läuft, wir können uns keine Besonderheiten mehr leisten, weil sie einfach nicht finanzierbar sind. Und das über die nächsten vier, fünf, sechs Jahre. Wir haben ausgerechnet, mit optimistischster Schätzung, werden wir Minimum sechs Jahre brauchen, Minimum sechs Jahre brauchen, um überhaupt wieder einen Gewinn zu verzeichnen, also um das Minus, was wir jetzt machen. Wir aktuell liegen mit 500.000 Euro zum Vorjahr, eine halbe Million, zurück. Also nicht Umsatzverlust, Gewinnverlust, eine halbe Million weniger. Und den musst du ja auch erst in Zukunft wieder erwirtschaften. Wir sind jetzt ein großer Betrieb, aber für einen kleinen Betrieb sind es halt eben dann 50.000 Euro. Aber die sind genauso fatal. Und da müssen wir zusammen, und ich bin voll bei dir, die Preise müssen angepasst sein. Und ich glaube auch, ich glaube auch fest, dass die Menschen mittlerweile mitbekommen haben: Wenn wir das jetzt nicht tun, werden wir die letzten Gastronomen auch noch verlieren. Haben wir viel Spaß bei McDonald’s und das war’s dann.

Markus: Das glaube ich auch. Meine Angst ist so ein bisschen, dass ein paar unbelehrbare Gastronomen das nicht machen und damit die Leute denken, na ja, es ist ja weiterhin so billig. Und wenn die dann verschwunden sind, weil sie nach zwei Jahren zugemacht haben, dann wird es für die anderen natürlich erst richtig schwer. Aber gut, wir werden sehen. Holger, wie ist denn so dein Ausblick jetzt auch für München? Was hörst du denn? Hast du ein bisschen Kontakt zu irgendwelchen Gastronomen oder Brauern?

Holger: Doch, doch, also habe ich. Im Prinzip deckt sich das mit dem, was der Christof sagt. Alle sehnen sich nach Gästen. Das muss man ganz klar sagen, das ist der größte Wunsch überhaupt von allen. Alle sagen: Wir möchten gerne wieder einfach unserer Leidenschaft nachgehen. Und hier kommt ja noch dazu, dass die Mieten in der Stadt, also wenn man jetzt eine gute Lage hat, die sind ja exorbitant hoch. Und die meisten Gastronomen sind dadurch natürlich auch nochmal doppelt herausgefordert. Ich mache mir einfach Sorgen, weil München ist ja einfach eine Bierhochburg auch, also ich sage jetzt ganz bewusst nicht die Bierhauptstadt Deutschlands, weil ich spreche ja mit Oberfranken, da muss man vorsichtig sein. Aber für den Rest der Republik hat ja da München schon auch eine Bedeutung. Ich finde das dramatisch, also wirklich absolut dramatisch. Ich wohne ja jetzt ziemlich nah am chinesischen Turm, am Biergarten, und wenn ich da jetzt durch den Garten laufe und auch schon in der Zeit zwischen den Lockdowns, also mit diesen Absperrungen, mit diesen Begrenzungen, wenn ich mir den Biergarten vorstelle, wir sind also regelmäßig, als wirklich regelmäßig, man kann sagen, mindestens einmal die Woche, aber meistens zweimal die Woche als Familie Abendessen gegangen. Also haben unsere Brotzeit einfach selber mitgebracht, wie man das hier so tut. Und wir haben uns dann das Bier dazugekauft und so und hatten einen sehr schönen Abend einfach mitten im Englischen Garten. Und all das ist weg. Das ist unvorstellbar. Jetzt ist Hofbräu natürlich ein staatlicher Betrieb. Aber ich bin so traurig, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen. Ich bin ja auch ein Kneipenkind und meine Eltern hatten eine Gaststätte, meine Großeltern hatten eine Gaststätte im Ruhrgebiet, und für mich ist das eben dieses Thema dieser Zwischenmenschlichkeit, der Begegnung, dieses Get Together, dass auch das war, was mich an Bier so begeistert, warum ich quasi nur Wein trinke, wenn es unbedingt sein muss, also Heiligabend, um den Schwiegervater nicht zu verärgern oder so. Aber sonst gibt’s ja keinen Grund. Bier ist doch so toll und dann auch noch in der Geselligkeit das zu erleben. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, 25 % der Gastronomen hier in München gehen über die Wupper. Das ist nicht gut. Und das stimmt mich sehr traurig.

Markus: Nun sind wir trotzdem langsam, aber sicher am Ende unserer BierTalk-Zeit angelangt. Und ich fände es schön, wenn wir es noch mit ein bisschen wenigstens einem positiven Gedanken beenden könnten. Christof, habt ihr vielleicht irgendwelche Pläne, irgendwelche Ideen, wo ihr jetzt gesagt habt, gerade weil wir jetzt Zeit hatten, drüber nachzudenken, Dinge mal anders anzugehen, werden wir uns da verändern und hoffen, dass wir so eben dann wieder zu einer Erfolgsspur zurückkommen?

Christof Pilarzyk: Unser großes Glück war, dass der Joshua, unser destinierter Nachfolger, der eigentlich schon längst in der Welt unterwegs jetzt wäre und sein Studium machen könnte, zuhause bleiben musste. Und er zu uns gesagt hat: Wisst ihr was? Wir drehen das jetzt alles um. Wir bauen jetzt eine neue Brauerei, dann bringe ich die zum Laufen und dann gehe ich zum Studium. Ich muss sagen, mehr Zukunftsoptimismus kann man nicht ausdrücken. Meine Hausbank weiß von der Idee noch gar nichts. Nach dem BierTalk vielleicht dann schon eher. Aber ich fand das, also auch meine Frau, so erfrischend, dass wir gesagt haben, er hat recht. Ja, wir greifen noch mal richtig an. Wenn der so einen Mut hat, in so einer Scheißsituation daran zu denken, dann stehen wir natürlich zusammen und machen das. Also wir planen den Neubau einer Brauerei. Einer kleinen natürlich, nicht eine Riesenbrauerei, einer kleinen Brauerei, wo wir weiter unsere tollen, traditionellen Biere machen können. Wo aber auch der Joshua dann seine neuen Ideen, was Bier angeht, verwirklichen kann. Das ist eigentlich unser Ausblick in die Zukunft, unser positiver.

Markus: Das stimmt mich doch auch schon etwas positiver. Ich denke, das ist auch ein bisschen so der Punkt, dass natürlich bei dem einen oder anderen, wo Veränderungen vielleicht schon länger angestanden wären, es jetzt ein bisschen mehr kanalisiert wird, ein bisschen mehr auch letzten Endes die Notwendigkeit, und am Ende vielleicht auch der Mut dazukommen, dass es dann auch umgesetzt wird. Also auf jeden Fall sehe ich es ja auch bei uns: Auch wir hatten erst mal als Bierakademie natürlich komplett rote Zahlen vor Augen. Und es ist immer noch nicht rosig, aber wir haben auch an vielen Stellen einfach uns wieder ein bisschen neuerfunden, neue Ideen, neue Formate, vielleicht auch neue Ansprache an Leute und so weiter gefunden. Und müssen natürlich jetzt auch schauen, weil die Gastronomen natürlich eine unserer Hauptzielgruppen sind, und wenn es denen schlechtgeht, geht‘s zeitversetzt natürlich uns auch schlecht. Also auch da werden wir sehen. Aber wir schauen auch irgendwie doch positiv in die Zukunft, weil wir zumindest Ideen haben, Pläne haben, Wünsche haben und ein bisschen darauf hoffen, dass ihr liebe Hörer eben den Gastronomen und uns einfach die Stange haltet und weiterhin dann, wenn es wieder möglich ist, in die Gasthöfe geht, euch euer Bier kauft und euch von uns natürlich auch ein bisschen dazu erzählen lasst.

Holger: Wisst ihr eigentlich, wer André Kostolany war?

Christof Pilarzyk: Ja. Live erlebt in meiner Hochschulzeit.

Holger: Das war jemand, der noch in der Monarchie Österreich-Ungarn geboren wurde und war Finanzexperte und Börsenexperte. Der hat immer gepredigt, sich antizyklisch zu verhalten. Also wir dürfen jetzt gar nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern müssen genauso wie euer Sohn da vollends positiv in die Zukunft gucken und auch mit einem „Jetzt erst recht!“ der Sache begegnen. Der hat auch mal in irgendeinem Interview bei irgend so einer Krise dann die Frage gestellt bekommen, warum er denn da immer noch wieder Hoffnung schöpft? Dann hat der Kostolany gesagt: Junger Mann, Sie müssen bedenken, beim Börsencrash 1929 war ich schon 23 Jahre alt. Den haben wir auch überlebt und haben da eigentlich auch gelernt daran und die Chancen ergriffen, die auch sowas bringt. Genauso müssen wir es auch machen. Ganz einfach. Egal wer uns welche Steine in den Weg legt oder so, wir wissen, was wir können. Die Leidenschaft, Gäste zu empfangen, Gäste zu bedienen, Gästen einen schönen Moment, ein schönes Erlebnis zu bereiten, das ist doch so viel Motivation, da kann doch nichts dagegenhalten. Das ist meine Meinung.

Markus: In diesem Sinne, ich habe nur noch einen ganz winzigen Schluck in meinem Glas, also so schnell habe ich, glaube ich, auch noch kein Bier ausgetrunken beim BierTalk, aber es ist einerseits lecker und andererseits ist es heute auch wirklich mal gut. Insofern vielen Dank an euch beide, an dich vor allem Christof natürlich für die Zeit und für die offenen und ehrlichen Worte. Und an euch, liebe Hörer, dass ihr wie gesagt uns die Stange haltet, dem Bier die Stange haltet und wir uns hoffentlich bald wiedersehen. In diesem Sinne: Prost an euch beide!

Holger: Prost!

Christof Pilarzyk: Prost, ihr Lieben!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

BierTalk 51 – Interview mit Dario Stieren von der Munich Brew Mafia aus München

Zwei Praktika und ein Hopfenfund – so könnte man die Geschichte von Braumeister und Biersommelier Dario Stieren aus München zusammenfassen. Über zwei Praktika bei der Giesinger Brauerei fand er schließlich den rechten Weg zur eigenen Brauerei, den er 2016 mit der Gründung der Munich Brew Mafia krönte. Dazwischen arbeitete er unter anderem im Taphouse und im Biervana. Mit der Münchner Bierothek betreibt Dario mit seinen Geschäftspartnern mittlerweile auch seinen eigenen Bierladen. Besonders bekannt ist die Bierikone „Don Limone“, die Dario zusammen mit fünf anderen edlen Gerstensäften der Munich Brew Mafia und Markus und Holger im BierTalk verkostet…

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Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres BierTalks. Wir haben eine neue Zeitrechnung, Folge 50 hatten wir letztes Mal, jetzt sind wir bei Folge 51. Und natürlich muss man da auch wieder besondere Wege gehen und wir haben uns gedacht: Warum nicht mal in eine weitere Bierhauptstadt gehen, diesmal aber in den Süden, nämlich nach München, und dort eine neue, spannende Brauerei mit einer interessanten Geschichte uns anzuschauen. Und dafür haben wir uns den Mario eingeladen. Erst mal, am Mikrofon wie immer ich, der Markus, und …

Holger: … der Holger.

Markus: Und unser Gast natürlich. Dario, stell dich doch vielleicht mal ganz kurz unseren Hörern selber vor, damit die sich so ein bisschen vorstellen können, wer da jetzt am Mikrofon sitzt. Dann steigen wir ein.

Dario Stieren: Servus! Grüß euch beide! Ich bin der Dario Stieren, ich bin Diplom-Braumeister, bin Diplom-Biersommelier und habe irgendwie sechs Jahre in Weihenstephan verbracht, fünf hätten auch gelangt, aber wir Brauer machen das ja immer ein bisschen gemütlicher. Nein, tatsächlich habe ich etwas länger auch gebraucht, weil ich Tap-House in München gearbeitet habe fünf Jahre, erst als Minijobber, dann als Werkstudent. Ich habe da meine Begeisterung für Craftbier kennengelernt. Unter anderem muss man ja auch so verschiedene Praktika machen auf dem Weg zum Diplom-Braumeister. Die habe ich beim Giesinger Bräu gemacht. Das erste war also noch in der Garage unten in ganz klein und das zweite Praktikum war dann schon im ersten Werk in Obergiesing. Und jetzt haben sie ja gerade das zweite aufgemacht. Also ich konnte das alles irgendwie mitverfolgen und habe mich da irgendwie von dieser Begeisterung anstecken lassen. Ich habe mich auch von der Begeisterung für Craftbier im Tap-House anstecken lassen, dann eben nebenbei meinen Sommelier gemacht. Und irgendwie kam es dazu, dass wir zum zweijährigen Bestehen vom Tap-House ein Homebrew gemacht haben als Welcome-Bier. Das war also ein Bier, das jedem schmecken sollte. Dieses Bier hieß Don Limone und das hat irgendwie dann auch vielen Menschen geschmeckt. Und die haben dann alle gesagt: Warum machst du es denn nicht auch mal in groß? Und so bin ich also in meinem letzten Semester dazu gekommen, eine eigene Firma aufzumachen, die Munich Brew Mafia damals noch. Jetzt mittlerweile haben wir schon umfirmiert. Ich habe also angefangen, da irgendwie im Lohnbrauverfahren Biere herzustellen und nebenbei Seminare zu machen. Und das Ganze mache ich jetzt seit fünf Jahren und bin immer noch sehr zufrieden damit.

Markus: Ja, das hört man und das klingt auch super. Ich muss sagen, das Don Limone haben wir damals palettenweise in Veranstaltungen gehabt. Holger, ich glaube, du kannst dich noch gut erinnern.

Holger: Unbedingt! Pils sowieso immer gut.

Markus: Fantastisch! Werden wir auch gleich verkosten. Es gibt ja mittlerweile eine Brauerei und es gibt einen Laden, also alles ganz spannend. Aber vielleicht, bevor wir da tiefer einsteigen, sollten wir vielleicht ein Bierchen dazu aufmachen. Und du hast uns sechs ganz tolle Biere geschickt. Und mit welchem würdest du gerne anfangen?

Dario Stieren: Dann würde ich sagen, fangen wir mit was Klassischem an, oder? Einfach mal mit einem Hellen, wenn wir schon sagen, Bierhauptstadt München, würden wir fast beim Hellen anfangen, würde ich sagen.

Markus: Gerne! Das ist dann die große Flasche.

Dario Stieren: Das ist dann die große Flasche.

Markus: Auf der draufsteht: Das Kriminelle. Holger, was erwartest du da?

Holger: Erstmal muss ich dich ja loben. Du hast heute scheinbar einen richtig guten Tag erwischt. Du hast schon richtig gerechnet, nach 50 kommt 51. Da war ich ja schon sehr stolz auf dich. Und dass du jetzt sofort so einsteigst und wir sofort trinken dürfen, das ist unglaublich. Ich erwarte natürlich ein besonderes Helles. Die Tante da, die da auf dem Bierfass steht mit dem Schwert in der Hand und dann hat die auch noch die Augen verbunden. Ja, das ist natürlich, also das baut schon eine gewisse Spannung in mir auf. Da habe ich fast ein bisschen Angst. Aber ihr seid ja bei mir, ihr seid bei mir. Ich mach‘s mal auf.

Markus: Ja, mach doch mal auf.

Holger: Ich schütte sogar ein. Ich habe jetzt was schönes Goldgelbes im Glas, also naturtrüb, Schaum gut, sehr schöne Schaumbildung. Man hat so eine fruchtige Note, ein bisschen Florales auch. Was erwartet einen dann im Trunk? Also im Trunk hat man eine Fruchtigkeit, eine Frische, sehr schön ausbalanciert, harmonisch. Man hat ein ganz schönes, weiches Mundgefühl, finde ich. Ja, ich bin gespannt, welcher Hopfen verbaut ist. Kann ich jetzt gar nicht so richtig sagen. Also Dario, da musst du schon fast helfen. Da ist ja auf jeden Fall auch Aromahopfen mit im Spiel, aber nicht so die typischen. Wenn man jetzt so die hellen, die dann so ein bisschen kaltgehopft auch interpretiert werden, aber so richtig die typischen Aromahopfen, die man so kennt, ist da nicht drin. Was ist denn da drin?

Dario Stieren: Tatsächlich sind zwei ganz typische Aromahopfen drin, der Hersbrucker, der auch im Augustiner verbaut ist. Wir haben dann Hallertauer Tradition drinnen. Wir haben aber auch zwei freche drin, also da liegst du schon ganz richtig. Wir haben einmal den Mistral aus Straßburg verbaut. Der hat so ein bisschen grasiges Zitrusaroma. Um regional zu bleiben, haben wir auch den Callista mit reingetan. Und ganz wichtig bei dem Bier ist: Wir wollten ja irgendwie ein Helles entwickeln, das quasi noch einen typischen Hopfengeschmack hat, trotzdem ein bisschen frecher und moderner ist wie das Übliche, was man so kennt. Deshalb ja auch kriminelles Helles. Und deshalb ist es eben ein Mix aus traditionellen Hopfensorten und modernen Hopfensorten. Und dieses Bier ist nicht gestopft, das muss ich gleich dazu erwähnen.

Holger: Ah ja! Und was hat das jetzt mit der Dame da im Gewand und mit verbundenen Augen und Schwert auf sich?

Dario Stieren: Das ist die Justitia, die da vorne drauf ist. Die zum kriminellen Hellen irgendwo mit dazu passt. Die richtet über den Biertrinker.

Markus: Was ich sehr schön finde, ist sowohl vom Geruch als auch vom Geschmack erinnert mich das tatsächlich sehr an ein typisches Kellerbier. Das finde ich echt gut. Also richtig schön diese grasigen Hopfennoten, die Malznote drunter, diese leichten Zitrustöne. Natürlich sind die noch mal intensiver, also der französische Hopfen kommt da auch richtig schön durch. Es ist sehr typisch, aber kantig. Also man hat auch eine schöne Bittere dabei. Und es bleibt auch lange im Mund, ein sehr angenehmer Trunk, sehr vollmundig. Damit beschäftigt man sich auch.

Holger: Ihr habt da ja beim (unv. #00:05:46.9# Meiningers?) sogar eine Goldmedaille gewonnen. Dann auch wirklich im Bierstil Helles oder in welchem Bierstil?

Dario Stieren: Wir durften ja lange nicht mitmachen bei diesen ganzen Wettbewerben, weil die Biere alle nicht reingepasst haben. Jetzt gibt’s aber diese neue Kategorie „New Style Helles“. Weil beim normalen Hellen, das muss filtriert sein, da hätten wir nicht reingepasst. Ein Kellerbier darf nicht zu hopfenintensiv sein. Und dieser neue Style „New Style Helles“, der lässt eben auch ein bisschen mehr Hopfigkeit zu.

Holger: Jetzt hast du ganz am Anfang, da muss ich auch noch mal darauf zurückkommen, gesagt, also wir haben jetzt umfirmiert. Für mich ist das halt nach wie vor ein Munich Brew Mafia, ganz klar. Aber die Umfirmierung, damit meinst du jetzt MBM Braugesellschaft mbH?

Dario Stieren: Genau! Wir haben uns praktisch vermehrt, wir sind jetzt mittlerweile zu dritt. Und haben also den Alex noch mit reingeholt, noch einen erfahrenen Brauer, der also auch beim Giesinger war. Den habe ich da oft kennengelernt beim ersten Praktikum. Und dann auch beim zweiten Praktikum und so weiter und so fort. Dem hat es sehr gut bei uns gefallen und hat gesagt, er hätte auch gerne was Eigenes. Und deshalb hat er dann zu uns gewechselt.

Markus: Und seit wann habt ihr dieses „Kriminelle Helle“ im Angebot?

Dario Stieren: Das „Kriminelle Helle“, das haben wir auch ziemlich zeitgleich dazu gestartet. Das gibt’s jetzt seit 2018, Anfang 2018.

Markus: Tatsächlich ein bisschen an mir vorübergegangen. Sehr schön! Und ihr habt ja jetzt mittlerweile auch eine eigene kleine Brauerei, oder?

Dario Stieren: Ja, Jain! Es ist schon immer noch eine Art Lohnbrauen, aber ich bin durch Zufall draufgekommen und wurde gefragt, ob ich in der Brauerei Holzhausen, das ist da zwischen Hochlohe und Kaufering, auf der Autobahn gar nicht mal so weit weg von mir, weil ich wohne in Laim, ob ich dort einen Braumeister spielen möchte. Das hat sich ganz gut angeboten, weil wir waren ja davor in der Camba, in der Old Factory, wo dann auch Frau Gruber angefangen hat zu brauen. Der hat dann so viel gebraut, dass er irgendwann jetzt diese Brauerei übernommen hat. Das ging sich eigentlich ganz gut aus, dass er quasi in die Brauerei gewechselt ist und ich mich verzogen habe und jetzt die Biere in Holzhausen braue. Also ich mache eben für die Gasthaus-Brauerei da ein schönes Landbier, ein Dunkles, ein Doppelbock, ein Weißbier. Und nebenbei habe ich meine vier eigenen Kessel, wo ich quasi die verrückten Biere drin habe.

Markus: Aber es gibt auch Braukurse bei euch?

Dario Stieren: Genau! Braukurse bieten wir auch an. Das mache ich jetzt mittlerweile auch seit Firmenbeginn eigentlich. Also ich habe 2016 den ersten Braukurs damals im Biervana noch gehalten. Wo es dann irgendwann ein bisschen zu eng geworden ist für den Braukurs. Mittlerweile arbeite ich zusammen mit Bier (unv. #00:08:10.1#) und bin da also für München zuständig.

Markus: Spannend! Das ist ein guter Freund von uns. Aber vielleicht wollen wir zum nächsten Bier übergehen, um uns dann noch tiefer hinein zu versenken. Was würdest du uns denn jetzt vorschlagen?

Dario Stieren: Dann würde ich sagen, gehen wir rüber zum Pils.

Holger: Ja. Ja. Ja. Ja.

Markus: Da freut sich einer.

Holger: Aber wirklich, wer es nicht kennt, der hat die Welt verpennt. Das kann ich nur sagen. Also Don Limone ist geiler Shit. Unbedingt!

Markus: Also auf damit!

Holger: Prost!

Dario Stieren: Mich würde da natürlich interessieren, wir sind ja umgezogen und so ein Umzug von einer in die andere Brauerei birgt ja auch immer Risiken. Gerade wenn man eben sein Hauptbier oder seine wichtigste Biersorte mit umzieht, ist man immer gespannt, ob es dann genauso wieder wird oder so ähnlich wieder wird und ob die Leute das nicht merken oder ob es sich irgendwie verändert. Und nachdem ihr das ja schon ein paar Mal getrunken habt, könnt ihr es wahrscheinlich auch ungefähr bewerten, ob es eine ähnliche Qualität hat.

Holger: Schwierige Frage. Ich trinke es regelmäßig, aber jetzt auch nicht so regelmäßig, dass ich immer jetzt sofort das Geschmacksbild im Kopf habe, was ich beim letzten Mal getrunken habe. Aber ich würde jetzt eigentlich sagen, das ist schon das Don Limone, so wie ich es kenne. Müsste ich einen Unterschied feststellen? Habt ihr was verändert?

Dario Stieren: Es ist tatsächlich ein bisschen mehr Hopfen drin. Wir haben ja auch eine offene Gärung jetzt und wir haben keinen Hauptgang mehr. Also haben wir jetzt andere Stopftechniken. Also eigentlich ist das jetzt zweimal kalt gehopft und nicht einmal, so wie früher. Aber so richtig den Unterschied habe ich eben auch nicht gemerkt. Also ich bin eigentlich recht zufrieden mit dem Umzug in die neue Brauerei.

Markus: Für mich kommt‘s auch so rüber, als wären die Hopfennoten noch mal intensiver, und zwar an beiden Ecken. Also einmal dieses wirkliche Zitrusaroma, was eben wirklich Richtung Limone erinnert, das auf jeden Fall ganz intensiv, kommt mir noch schneller in die Nase. Und aber auch auf der anderen Seite dieses grüne Grasige. Es ist auf jeden Fall super-intensiv und das finde ich also nach wie vor, das begeistert einfach, weil das noch mal eine ganz andere Idee in Richtung Pils ist, die auch, glaube ich, Leute überzeugen kann, die mit dem Bierstil vielleicht vorher noch nicht so viel anfangen konnten. Ist es denn eure Hauptsorte?

Dario Stieren: Mittlerweile ist es das Helle. Also mengenmäßig machen wir auf jeden Fall mehr vom Hellen. Aber von den Crafties ist das schon immer noch die Nummer eins. Wir haben eigentlich auch momentan nur drei Biere, die wirklich dauerhaft im Sortiment sind. Da sollen jetzt dieses Jahr noch ein paar dazukommen. Und das ist eben das Helle, das Don Limone, und das ist unser Harakiri. Die sind eigentlich permanent verfügbar. Und die anderen Sorten brauen wir entweder nur einmal oder wir machen sie eben als saisonale Biere.

Markus: Da muss ich mich gleich mal bei dir bedanken, weil das Harakiri hatte ich neulich mal wieder in einer Verkostung und das ist einfach so sensationell. Das ist ein richtig schönes Saison mit richtig schönen weinigen Noten. Das macht richtig Spaß. Und ich habe schon ein bisschen Angst gehabt, dass es das vielleicht nicht immer gibt, weil es jetzt in unserer Selektion ja nicht dabei ist. Aber das ist super-schön. Also auch an euch Hörer, wenn ihr die Biere euch nachkauft, dann nehmt auf jeden Fall das Harakiri auch mit. Jetzt hast du gerade so schön gesagt, die Crafties, das bezieht sich vielleicht ein bisschen auch auf diese kleine Flasche. Also auch das war ja so ein Erkennungsmerkmal von Anfang an. Wie seid ihr da drauf gekommen?

Dario Stieren: Tatsächlich hat ja auch der Giesinger die Flasche erfunden sozusagen. Die hat uns einfach gut gefallen. Wir haben natürlich aber auch in den Brauereien, die wir eben kannten, in diesen Strukturen gearbeitet, die eben gut zusammengepasst haben. Und deshalb haben wir auch da gefüllt, wo früher der Giesinger gefüllt hat. Da ging dann eben auch diese Flasche. Das war die einzige Füllerei damals in Bayern, die diese Flasche füllen konnte, der Aitinger. Wir haben gesagt, wir wollen eine Münchner Marke sein und das soll eben auch klar erkennbar sein an der Flasche. Und auch immer so ein bisschen mit dem Ziel, erstens regional zu sein, aber natürlich auch zum Beispiel in Städten wie Berlin Anklang zu finden, die eben vielleicht auch dieses Münchner Lebensgefühl mal probieren möchten.

Markus: Holger, jetzt hat er gesagt, in München angekommen, vor Ort regional. Du bist ja in München. Wie hast du das denn wahrgenommen und wie hast du die Leute wahrgenommen, die dann mit dem Bier zum ersten Mal konfrontiert worden sind? Wird das als Münchner Bier mittlerweile akzeptiert?

Holger: Ja schon. In der Szene auf jeden Fall. Wenn ich jetzt hier auf die Straße gehe und so einen normalen Münchner anhaue und sage, hier, komm, trinken wir mal einen Don Limone zusammen, dann haut der mir natürlich eine runter. Also das schon. Aber wenn man jetzt hier in die Szene rein hört, dann ist Munich Brew Mafia total etabliert, kennt auch jeder. Auch die Verbindung zu Giesinger ist klar. Ich sag mal, die Jungs, also jetzt dann mit dem dritten Mann in Ergänzung, das ist jetzt auch neu, aber ihr als Team, als Zweier-Team wart auch immer auf den Messen, wart immer im Sichtbaren, wart in der Bierothek eben ganz häufig und natürlich auch im Biervana mit den Braukursen. Und ich meine, ich mache dann ja im Biervana auch Verkostungen. Also insofern hat man sich da quasi die Klinke in die Hand gegeben. Ich finde eben jedes Bier wirklich unglaublich spannend, auch interpretiert in den jeweiligen Bierstilen. Also es gibt nichts Langweiliges. Wenn man dann so ist, wie ich bin, und so sind ja auch einige hier in München, Freude daran hat, immer auch wieder was auszuprobieren, wo man morgens beim Aufstehen noch nicht daran geglaubt hat, dass man es abends erleben darf, dann ist die Munich Brew Mafia immer ein Tipp, würde ich sagen.

Markus: Wie kamt ihr auf diesen Namen? Das ist ja auch eine lustige Geschichte. Also siehst du dich so ein bisschen als Pate oder wie kann man sich das vorstellen?

Dario Stieren: Es ging erst mal darum, etwas zu finden, was sozusagen plakativ ist, einfach ist. Weil man glaubt es nicht, in der Zeit im Tap-House haben wir herausgefunden, dass man den Namen Camba auf so viele Arten falsch aussprechen kann, dass wir irgendwas gebraucht haben, was Menschen eben aussprechen können. Munich kennt jeder, Mafia ist einfach, das Wort Brew, da hakt‘s manchmal ein bisschen tatsächlich, ich weiß nicht warum. Aber Brew ist anscheinend ähnlich zu Crew, deshalb wurden wir anfangs oft mit CREW Republic verwechselt. Wenn irgendwo Giesinger draufsteht, also Leute kommen zu unseren Stand und meinen, wir gehören irgendwie zum Giesinger dazu, weil wir eben unsere Firma in Giesing angemeldet haben. Mafia klingt erst mal böse oder irgendwie skrupellos oder wie auch immer. Ist so ein bisschen dieses Operieren aus dem Untergrund. Es ist auch ein kleiner Stoß in Richtung der sechs großen Brauereien. Die wurden zum Beispiel vom König Ludwig sehr gern als Mafiosi bezeichnet, weil er eben nicht auf die Wiesn durfte, weil es hieß, dass sie Preisabsprachen machen und dass sie sich quasi die ganze Bierlandschaft unterm Nagel gerissen haben. Der dritte Teil ist eigentlich so dieses Kratzen am Reinheitsgebot. Mittlerweile ist das ja alles legitim und ist quasi fast zu Ende diskutiert sozusagen, aber damals, wo wir angefangen haben, da war ja Hopfenstopfen noch ein sehr heiß diskutiertes Thema. Da war Fassreifung noch ein heiß diskutiertes Thema. Mittlerweile sind wir schon ein Stückchen weiter, aber es gibt ja immer noch viele Themen in der Brauwelt, die man diskutieren kann.

Markus: Es ist auf jeden Fall noch kein Italiener mit Kanone bei dir aufgetaucht und hat irgendwie so Markenrecht streitig gemacht oder so?

Dario Stieren: Das kam noch nicht vor. Aber es gibt tatsächlich manche Italiener, die sich da angegriffen fühlen. Aber das war mir davor auch noch nicht so bewusst.

Markus: Na ja, gut, ich meine, es ist natürlich, es hat auch eine ernsthafte Komponente und wir können eigentlich froh sein, dass wir das relativ locker sehen können. Aber ist ja auch, ich meine, letzten Endes ist es okay. Und was ihr sehr schön macht, finde ich, ist, mit dem Thema ja trotzdem so ein bisschen zu spielen, auch auf den Etiketten und mit den Namen. Und das ist ja alles so kriminell sympathisch. Und das ist ja eigentlich auch ganz schön und passt vielleicht auch deswegen ganz gut nach München. Mit welchem Bier wollen wir denn weitermachen? Ich habe ein Green Business hier stehen und ein Space Gun und dann noch das Gintasia und den Schlagring. So schaut’s aus.

Dario Stieren: Dann würde ich sagen, nehmen wir das Yellow Space Gun als nächstes.

Markus: Okay! Ein DDHNEIPA. In der schönen neuen deutschen Craftbier-Sprache. Also ein Double Dry Hop New England IPA. Spannende Geschichte. Holger, was erwartest du? Du sagst, eine Enttäuschung kommt von Erwartung. Was erwartest du dir bei diesem Bier?

Holger: Ein DDHNEIPA erwarte ich mir.

Markus: Okay! Na dann! Machen wir es auf.

Dario Stieren: Machen wir es auf.

Holger: Ja, also es muss schon eine Hopfenkanone sein. Schon alleine mit dem Motiv hier, also so „Star Trek“-mäßig.

Markus: Das stimmt! Das wünschen wir uns eigentlich alle, so eine Kanone, mit der man Hopfendolden verschließen kann. Also wo man dann praktisch irgendein Bier nehmen kann, schießt da drauf und „Boom!“ hat man das Hopfenaroma da drin. Das wäre natürlich für die ein oder anderen Brauer gar nicht so schlecht, sowas zu haben. Generell bin ich ein großer Freund von dem Bierstil. Und zwar nicht allein deswegen, weil das jetzt grad so im Trend ist, sondern weil ich das schon sehr gerne mag. Diese intensiven, fruchtigen Noten, das sind einfach Biere, die mir ganz viel sagen. Und das macht mir viel mehr Spaß als, was weiß ich, das zehnte Helle oder so, was zurzeit ja oft auf dem Biermarkt kommt. Das schaut auf jeden Fall auch schon spannend aus. Also sehr, so etwas mystisch, aber sehr hell trotzdem, ein schöner, fester, dicker weißer Schaum obendrauf. Und dann habe ich ja in der Tat jede Menge fruchtige Noten. Geht so ein bisschen Ananas, ein bisschen Zitrus natürlich wieder, aber auch Pfirsich, bis hin zur Honigmelone. Also sehr spannend. Ein bisschen was Frisches auch, also fast minzig oder so. Interessant! Probieren wir mal. Ja, sehr schön! Also so ein bisschen wie ein Fruchtsaft mit 7 %. Das ist ja eigentlich, was Besseres kann einem gar nicht passieren. Also auch so ein bisschen der Ladykiller unter den Bieren. Also sehr, sehr schön. Wie habt ihr euch das zusammengebraut? Wie seid ihr auf die Rezeptur gekommen?

Dario Stieren: Man muss erst mal vorwegnehmen, wir wollten ja schon immer sehr viel experimentieren, haben aber in der Brauerei, in der wir angefangen haben, auf 20 Hektoliter gebraut am Anfang. Das heißt, in den ersten Jahren konnten wir gar nicht so kreativ sein, wie wir das vielleicht hätten gerne wollen. Und mit der neuen Brauerei haben wir halt immer nur zehn Hektoliter, also immer nur 1000 Liter. Damit kann man natürlich einfach doppelt so viele Sorten machen, deutlich mehr Biere rausbringen, hat immer frischeres Bier auch bei den klassischen Sorten. Macht einfach mehr Spaß, sich da auszutoben. Dieses Bier im Speziellen ist entstanden zur vorletzten Braukunst Live!. Haben wir einen Hopfen bekommen, der hieß Fantasia. Da gab’s also so einen Brauwettbewerb und da gibt’s von Barth Haas eine Hopfenmischung, die heißt Fantasia. Eigentlich war das, glaube ich, so als mehr oder weniger Kleinsud-Wettbewerb gedacht, aber wir haben uns da mal 20 Kilo bestellt und hätten nie gedacht, dass die ankommen. Und tatsächlich sind sie aber angekommen. Und haben da also eine vogelwilde Mischung dann gemacht damit. Haben also einen klassischen IPA Hopfen genommen, den Citra, haben diese Hopfenmischung, dieses Fantasia, der irgendwie so Karamell und Pfirsich verspricht, mit rein und haben das Ganze aufgepimpt mit einem Polaris-Hopfen, mit einem bayerischen. Und dieser Polaris, der soll ja angeblich so dieses Eis-(unv. #00:18:23.7#) widerspiegeln. Oder wie du schon gesagt hast, vielleicht sowas Mentholartiges, Minziges. Das klang für uns nach einer schönen frischen Mischung, also nach einer Mischung aus fruchtig und irgendwie gut trinkbar, frisch. Ich glaube, das ist auch im Bier so angekommen.

Holger: Ich meine, das macht ja ein New England IPA auch aus, also diese wenigere Bittere im Vergleich jetzt mit den normalen IPAs, weil ja die Hopfung auch ganz spät erst erfolgt. Und ist hier genau umgesetzt. Also man hat so einen Fruchtcocktail. So wie der Markus schon sagt. Ja. Die Bittere, die ist so im Hintergrund. Aber es ist trotzdem so eine schöne trockene Frische da, die auch wiederum Lust auf einen zweiten Schluck macht. Und wenn die Leute mich ja immer fragen, was ist ein gutes Bier, sage ich ja immer, macht Lust auf einen zweiten Schluck. Ganz einfach.

Markus: Ja. Und das macht‘s auf jeden Fall. Ich finde auch, das nimmt vielleicht diesen Trend vorweg, den es ja jetzt gerade bei den ganzes Smoothies gibt. Also da wird auch immer ganz gerne jetzt so ein bisschen Minze drunter gemischt, um dem Ganzen noch so einen frischen Touch zu geben. Weil das ja oft so sehr süße und sehr volle Aromen sind, die da rüberkommen. Und das macht das ein bisschen leichter. Und ich finde, das ist hier auch schön, also weil es auch den Mund noch mal ein bisschen kühlt. Also habe ich zumindest den Eindruck, vielleicht liege ich da jetzt auch falsch. Aber mir geht’s jedenfalls so und das gefällt mir sehr, sehr gut. Und es ist wirklich erstaunlich leicht.

Holger: Ja.

Markus: Es ist fast gefährlich leicht. Nicht schlecht! Holger, Erwartungen also erfüllt.

Holger: Unbedingt! Also das ist ein ganz typischer Vertreter dieses Bierstils. So wie du schon richtig sagst, das ist so ein schönes Bierchen, da kann man sich auch mit abschießen. Oder noch besser, aber das bleibt total unter uns, also wenn man jetzt dann auch mal Damen hat, die man von Bier begeistern möchte, könnte ich mir also sehr gut vorstellen, dass das damit richtig gut geht. Dann haben die ja Lust zu trinken und hat man dann noch ein bisschen mehr Alkohol. Und dann hat man einen schönen Abend.

Markus: Allerdings so weit sind wir noch nicht. Wir haben ja noch ein paar Bierchen.

Holger: Holger, es kommt eine Happy Hour.

Markus: Stimmt! Aber bevor wir zum nächsten Bier kommen, vielleicht noch die Frage, der Holger hat es, glaube ich, gerade gesagt, die Bierothek, das ist jetzt mittlerweile eurer Laden sozusagen.

Dario Stieren: Genau! Also jetzt zum 1. Oktober. Das kam sehr überraschend für mich. Ich dachte eigentlich, der Anruf vom Christian käme bezüglich einer Kooperationsanfrage zwischen der Munich Brew Mafia und ihm. Dabei ging es ihm um was anderes. Es kam etwas überraschend und plötzlich, aber gar nicht so ungelegen, weil eigentlich sind wir ja jedes Wochenende auf einem Festival, und das ist dieses Jahr ausgefallen. Und dann dachte ich mir, so schlecht wird uns so ein Bierladen gar nicht stehen. Wir haben eigentlich immer geliebäugelt mit einer eigenen Gastronomie, aber die frisst natürlich auch wahnsinnig viel Zeit. Und so ein Laden, wo man eben sowohl beraten kann, tolle Biere anbieten, seine eigenen Biere noch verkaufen und dann auch noch Seminare drin machen kann, das war eigentlich die Gelegenheit sozusagen, die man da ergreifen musste.

Markus: Vielleicht kannst du da für die Leute noch mal ein bisschen Einblick geben. Wie ist es denn, wenn man auf einmal so einen Bierladen aufmacht? Also worauf muss man achten? Habt ihr vielleicht am Anfang auch Fehler gemacht oder so? Wie geht das?

Dario Stieren: Die Fehler, ob wir die gemacht haben, das sehen wir dann vielleicht später. Das Schöne an der Bierothek war ja, die gab‘s ja schon dreieinhalb Jahre und der Richard hat das ja auch liebevoll gemacht. Das heißt, der hat eben schon gewisse Stammkunden dagehabt, das war gut geführt. Und der hat einfach das aus persönlichen Gründen weitergegeben. Lustig war halt, wir haben quasi an einem Tag die komplett leeren Regale übernommen, haben unsere Bestellungen gemacht, wir haben nicht einen einzigen Tag zugehabt. Wir haben quasi am 1.10. in der Früh einmal alles geputzt, haben die Regale vollgemacht und um Punkt 12 aufgesperrt. Haben da ein kleines bisschen vielleicht getrickst, indem wir mehr Biere hatten, als es eigentlich aussah. Also wir haben manche Bier nur zwei, drei, vier Mal dagehabt, die haben wir eben von woanders schnell noch geholt, damit die Regale voller ausschauen. Und jetzt mittlerweile haben wir uns das alles selbst erarbeitet. Wir haben auch so eine Art kleines Crowdfunding dann noch mitgemacht, wo man eben quasi Mitglied werden konnte in der Bierothek. Also es gibt da verschiedene Kundenkarten, wo man dann seinen Gutschein kriegt, und je nach Wert kriegt man dann einen Bonus mit dazu in Form von einem dauerhaften Rabatt. Das wurde also gut angenommen. Da gab’s viele Leute, die das gern unterstützt haben – und denen möchten wir natürlich danken – und konnten also diesen Laden da eröffnen. Ich denke, man muss sich eben natürlich einmal sein Sortiment, das ist ja kein kleines Sortiment, also wir haben gleich mal mit 350 Biersorten gestartet. Jetzt mittlerweile stehen über 450 im Laden drin. Muss man sich irgendwie ein bisschen strukturieren im Kopf, muss sich überlegen, was man denn gerne dahätte. Und ich denke, das ist uns jetzt deshalb vielleicht relativ einfach gefallen, erstens, weil wir uns natürlich in der Bierszene auskennen. Aber wir hatten ja auch im Tap-House schon über 300 Biere, die wir quasi blind im Schlaf auswendig kannten. Insofern ist uns das relativ einfach gefallen, das einzurichten. Aber ich denke, damit muss man sich eben gut beschäftigen, muss sich überlegen, welche Biere eben gefragt sind, was man eben dann auch weiter bringt. Weil im Endeffekt zeigt dann irgendwann nach sechs Monaten, ob die ganzen Biere ablaufen, ob man also da falsch eingekauft hat oder nicht. Noch sehen wir es leider nicht, ob wir was falschgemacht haben.

Markus: Wir wünschen euch auf jeden Fall natürlich alles, alles Gute dabei. Und vielleicht, wenn wir das nächste Bier aufmachen, dann könnte einer von euch beiden mal kurz noch eine Wegbeschreibung machen. Für alle die, die München kennen, aber die Bierothek dort noch nicht kennen, wie man zu euch dann am besten hinkommt. Aber welches Bier wollen wir denn jetzt noch aufmachen?

Dario Stieren: Genau! Ein hopfiges haben wir noch. Wir machen weiter mit dem Green Business.

Markus: Dann auf, auf!

Holger: Ich kann das vielleicht ganz kurz übernehmen. Es gibt ja so verschiedene In-Viertel in München und ein Thema ist natürlich absolut Glockenbachviertel und dann noch heftiger sozusagen ist dann Gärtnerplatz. Und da gibt’s dann ins Glockenbach hinein halt die Fraunhoferstraße und auf einer Verbindungsstraße, nämlich die Reichenbachstraße zum Gärtnerplatz, liegt dann, wenn man also von der Fraunhoferstraße kommt, linker Hand die Bierothek. Da könnte man jetzt zum Beispiel sich ein schönes Bierchen ziehen und geht dann einfach vor zum Isarstrand und setzt sich dahin und überlegt sich mal, wie viel Glück man hat.

Markus: Und das am besten mit so einem Bier wie diesem hier. Denn das ist ja jetzt wirklich ganz, wie soll man sagen, naturnah, das heißt, wir haben jetzt Doldenhopfen, Frischhopfen da drin. Und der Grundbierstil ist ein Export. Das ist ja auch wieder was, Holger, was dir sehr liegt, oder?

Holger: Unbedingt! Export ist ja Dortmunder Bierstil und absolut Ruhrgebiet, ihr wisst ja, volles Programm und so, das liegt mir. Aber mir liegen ja ganz viele Bierstile.

Markus: Ich finde auch dieses Frischhopfen-Thema immer ganz spannend, weil man einfach noch mehr von der ganzen Pflanze hat. Was ja eben beim verarbeiteten Hopfen logischerweise wegfällt. Also der wird getrocknet und dann teilweise gehen eben noch pflanzliche Substanzen weg. Und wenn ich den ganz frisch nehme, dann habe ich eben alles noch drin, also den Pflanzensaft und die Blätter und so weiter. Damit ist es einfach sehr viel grüner, kriegt dann eben auch so natürlich den grasigen, aber bis hin zu so, ja, was soll man sagen, so wie grüne Paprika, irgendwie in so eine Richtung mit dazu. Und das ist wirklich hier auch ganz, ganz schön und spannend zu schmecken. Also ganz unnormaler Geruch und Geschmack, denke ich mal, für ein Bier, was man so normalerweise hat, aber eben sehr spannend. Und was man auch merkt, ist, dass Hopfen eben eine Hanfpflanze ist. Also die typischen Hanfaromen habe ich hier auch sehr, sehr deutlich. Und das wird ja auch ein bisschen symbolisiert durch diese Päckchen da auf dem Etikett. Dario, wie kam es denn da dazu? Und warum ausgerechnet ein Export und warum ausgerechnet Hallertauer Blanc?

Dario Stieren: Export ist einfach ein cooler untergäriger Bierstil. Ich habe am Anfang, wo ich die Brauerei eröffnet habe, sehr viel Spaß dran gehabt, einfach Bierstile zu nehmen, die sonst niemand bisher gepimpt hat. Deshalb gab’s auch nichts, irgendwie eine Kategorie. Ich glaube, mittlerweile gibt’s auch immer noch keine Kategorie bei irgendwelchen Wettbewerben für diese Art von Bier. Das hat mir einfach Spaß gemacht, da so ein bisschen Pionierarbeit zu leisten. Und so habe ich dieses Export genommen und habe das mal ein bisschen umgemodelt. Und das Export ist ja normalerweise ein Bier, das ein bisschen malzbetonter ist als das Helle, das ein bisschen kräftiger ist, das auch eine gute Portion Karamellmalz verträgt. Und ich dachte mir, wenn man dann einen ordentlichen karamelligen Körper hat, dann passt da auch ein bisschen mehr Hopfen in das Bier rein. So haben wir also ein Gegengewicht da geschaffen mit diesem Hallertau Blanc. Blanc hat mich schon immer irgendwie begeistert, weil er total anders riecht wie alle anderen Hopfen. Der ist einfach anders wie die anderen Kinder sozusagen. Der hat dieses total funkige stachelbeergrüne Paprikaaroma.

Holger: Das ist wirklich krass. Also die grüne Paprika, die ist wirklich krass, finde ich.

Dario Stieren: Das kommt auch extrem an. Also wir haben das Bier jetzt schon fünfmal gemacht und wir haben den Hopfenbauern, wir arbeiten ganz eng da mit unserem Hopfenerlebnishof Stiglmaier zusammen. Wir haben die jedes Jahr gebeten, uns diesen Hopfen zu einem anderen Zeitpunkt zu ernten. Und das macht unglaublich viel aus, wann dieser Hopfen geerntet wurde. Also in einem Jahr, wenn man ihn tatsächlich fast einen Monat früher erntet, wenn man ihn also Ende August runtertut, dann ist der brutal fruchtig und hat also dieses Paprika fast überhaupt nicht. Diese Saison wurde er deutlich später geerntet. Und dann merkt man also wirklich dieses Heuartige, ein bisschen Krautige, Schwere, das kommt da deutlich kräftiger durch. Und das ist fast so ein betörender Geruch, wenn man diesen Hopfen transportiert. Ich nehme ja dann immer so einen ganzen Ballen mit 60 Kilo mit im Auto. Ich muss da wirklich nach einer Viertelstunde schon das erste Mal anhalten und ein bisschen spazieren gehen, weil das einfach müde macht. Also man merkt so diese Kraft, diese einschläfernde Kraft von diesem Hanfgewächs, die merkt man tatsächlich.

Holger: Wenn man jetzt darüber nachdenkt, wie schmeckt eigentlich das Bier und wie ist eigentlich das Aroma, dann hat man das ja oft so, dass man so das absolut kennt, aber man kommt dann ja nicht so richtig auf die Begriffe. Und hier ist das so. Also so grüner Paprika, das würde ja niemand beschreiben. Da würde man, glaube ich, gar nicht drauf kommen. Aber wenn man dann sagt, ey, grüne Paprika, dann könnte ich mir vorstellen, das ist so ein Raum mit so einer Verkostungsgruppe und die sagen dann alle: Ja genau! Grüner Paprika. Wenn man es einmal hat, dann ist das so im Vordergrund, also unglaublich.

Dario Stieren: Ja, da kommt aber trotzdem auch immer etwas Fruchtiges mit dazu. Ob das jetzt irgendwie Ananas ist oder eine Fruchtnote, die man aber nicht so ganz beschreiben kann. Weil wer kennt denn schon die Stachelbeere in und auswendig? Ist es jetzt die Stachelbeere, ist es nicht? Ich weiß es nicht. Das ist irgendwie so eine Art, …

Holger: So grüne Früchte halt.

Dario Stieren: Früchte, genau, die man eben vielleicht gar nicht so näher definieren kann, weil man sie nicht in und auswendig kennt. Und das macht’s vielleicht auch so spannend.

Markus: Zumal die meisten Leute ja Stachelbeeren einfach auch gar nicht frisch kennen, also weder gerochen haben noch gegessen haben. Das ist ja wie bei Waldmeister zum Beispiel auch, da kennt man das ja oft nur in einer verarbeiteten Form oder im schlimmsten Fall nur in einer künstlichen Form. Aber ich finde auch, also ich bin Gott sei Dank mit einer Oma groß geworden, die ganz, ganz viele Beeren in ihrem Garten angebaut hat, unter anderem auch Stachelbeeren. Und da gibt’s ja auch ganz viele verschiedene Sorten, nicht nur grüne, sondern auch rote und gelbe zum Beispiel. Und da, wenn man sich daran erinnert, ist das wirklich für mich so eine kleine Reise in die Kindheit. Also sehr, sehr spannend, sehr, sehr schön. Du hast auch noch ein zweites …

Holger: Da habe ich ja jetzt wirklich ein Bild im Kopf. So der kleine Markus mit kurzer Lederhose, wie er dann in Omas Garten um den Stachelbeer-Strauß rumrennt. Und dann mit dem Rauchbier in der Hand.

Markus: Also fast, fast richtig. Fast richtig, weil als Kind hatte ich in der Tat eine Lederhose. Also habe ich nie wieder später angezogen, aber als kleiner Junge musste ich da wirklich immer rein und fand ich auch sehr, sehr anstrengend. Und in der Tat musste ich die auch oft anziehen, wenn wir da im Garten waren. Aber Bier hatte ich keins in der Hand. Also insofern, so korrekt waren wir Franken dann ja schon noch, muss man sagen.

Dario Stieren: Sonst machen wir da mal eine Bier- und Früchteverkostung und dann können wir das ja nachholen auch für andere Gäste.

Markus: Das stimmt! Das ist eine gute Idee. Dein zweites Lieblingskind, habe ich so den Eindruck, ist ja auch mit im Spiel, dieser Mistral Hopfen aus Frankreich, der irgendwie so beides ist: Einerseits ziemlich viel Bittere hat, andererseits eben auch schöne Aromatik. Wie kommst du an den überhaupt ran? Der ist ja jetzt nicht unbedingt so überall erhältlich.

Dario Stieren: Ja, tatsächlich gibt’s nur ein, zwei Hopfenbauern, die überhaupt in diesem Minigebiet da in Straßburg diesen Hopfen anbauen. Und von Anfang an, also bei der ersten Braumesse, habe ich die entdeckt und bin irgendwie verbunden damit. Weil ich finde die wahnsinnig spannend, diese zwei, drei Sorten, die es da gibt aus Frankreich. Mittlerweile sind es sogar fünf schon. Die spannendste Entdeckung für mich auf der BrauBeviale sind ja immer diese Rohstoffhallen, wo man eben neue Hopfen findet. Und jeder stürzt sich immer auf diese Amihopfen und so. Da sind natürlich auch wahnsinnig tolle Sachen dabei. Aber ich habe zum Beispiel für mich letztes Jahr den polnischen Hopfenstand entdeckt. Die haben auch brutal interessante Sorten. Das ist immer so ein bisschen dieses Underground-Mäßige, was mich halt auch interessiert, eben passend zur Mafia.

Markus: Eben! Absolut passend zur Mafia. Und ich muss auch sagen, das ist auch gerade ein sehr spannendes Thema innerhalb von Europa. Ich habe da letztes Jahr eine Verkostung gemacht in Brüssel, und da ging es eben gerade um das Thema neue Hopfensorten und Entwicklung vor dem Hintergrund des Klimawandels. Und da ist es eben so, dass mit dem Klimawandel, mit dem immer wärmer und trockener Werden, die klassischen Hopfenanbaugebiete einfach massiv Probleme bekommen. Das heißt, in der Hallertau ist ja sehr, sehr wenig bewässert, und wenn es so wenig regnet wie in den letzten Jahren und dann noch recht heiß ist, dann hat man da eben massive Probleme entweder am Inhaltsstoff oder überhaupt an der Erntemenge. Und da gibt’s jetzt eben die einen oder anderen Europäer, die anfangen nachzuziehen, von Dänemark bis Frankreich oder eben auch Polen und Hopfengebiete entweder reaktivieren oder neu gründen und durchaus auch neue Sorten dann verwenden. Und das ist wirklich eine tolle Entwicklung.

Dario Stieren: Tatsächlich, manchmal redet man ja über dieses Stopfen, Gramm pro Liter, wie auch immer, also dieses Bier ist nicht gestopft, aber es sind 60 Gramm pro Liter Hopfen drinnen. Dass man das einmal so gehört hat. Das schmeckt schon fast grün.

Markus: Im Grunde so eine ganze Hopfenrebe im Seidla, würde der Franke sagen.

Holger: Abgezuzelt, würde …

Dario Stieren: Genau!

Holger: … der Oberbayer sagen.

Markus: Die nimmt man dann wieder raus und dann zuzelt man wie eine Weißwurst sozusagen.

Holger: So ist es.

Markus: Saugt man an der Dolde. Genau!

Holger: Dario, sag mal, was wir jetzt als nächstes trinken. Und dann sag mal noch was übers neue Team. Also Niklas und du, klar, da bin ich ganz safe so. Aber der Alex ist neu, das musst du auch noch mal ein bisschen erzählen.

Dario Stieren: Genau! Ja, der Alex ist gar nicht so neu, der Alex ist ja seit 2018 schon bei uns. Also wir sind ja jetzt auch schon ein bisschen länger ein gemeinsames Team. Und der Alex komplettiert uns eben als Brauer mit und kann da eben sehr gut unterstützen.

Holger: Aber dann ist er doch ein bisschen im Hintergrund, oder? Weil, na gut, der Niklas macht Vertrieb.

Dario Stieren: Ja, jain. Also der Alex war eben für Festivals und Brauerei und Füllerei mit verantwortlich, weil der Alex auch davor schon eben mit den Füllereien viel gearbeitet hat. Festivals haben wir jetzt momentan nicht, deshalb haben wir jetzt alles ein bisschen umgebaut in der Firma intern. Ich habe jetzt gerade mal zusammengerechnet, wieviel Tage wir insgesamt auf Festivals waren. Und es gab also in 2019, ich glaube, vier Wochenenden, wo wir zu Hause waren, so gefühlt. Insofern war das da sehr wichtig. Jetzt eben plötzlich nicht mehr. Das heißt, wir mussten da jetzt so ein bisschen umstrukturieren. Aber jetzt brauen wir ja auch wieder mehr und dann ist der Alex auch wieder mehr in der Brauerei unterwegs.

Holger: Was machen wir jetzt als nächstes auf?

Dario Stieren: Jetzt kommt das Gintasia, jetzt machen wir es vogelwild. Jetzt gehen wir vom Hopfigen ein bissel weg und brechen mal so richtig übel mit dem Reinheitsgebot.

Markus: Wahnsinn! Dann nenne ich es doch mal Gintasia und mache mal auf.

Holger: Oh ja! Hm! Da ist ja eine interessante Nase.

Markus: Na ja, vielleicht Dario, magst du uns das mal selber vorstellen?

Dario Stieren: Ja gerne! Tatsächlich haben die zwei Biere, die wir jetzt gerade hintereinander getrunken haben, von der Machart oder von der Brauart ziemlich viel gemeinsam. Die sind nämlich beide nicht gestopft. Das heißt, wir haben bei beiden mal einfach im Heißbereich Aromen extrahiert. Beim ersten Mal haben wir das eben aus dem Hopfen gemacht. Hier sind eben jetzt ganz viele Aromen aus verschiedenen Gewürzen und Zitrusfrüchten. Und die Idee war einfach, in einem Bier so ein bisschen Gin und Tonic nachzuahmen. Also hier sind alle Zutaten drinnen, die man, wenn man ein Tonic Water selber machen wollen würde, handwerklich drinnen wären und die eben in einem Gin reingehören. Essenzen sozusagen, die da mit reinkommen oder Botanicals ganz modern. Wir wollten das einfach aufgreifen und mal ausprobieren, wie das ist, wenn man das in ein Bier reinschmeißt. Und das haben wir als Kleinsud getestet und haben dann gemerkt, man braucht da ganz schön viel. Und haben also dann, nachdem das auf der Braukunst ganz gut angekommen ist, das ganze versucht in groß nachzubauen auf 1000 Liter. Und waren dann also fünf Stunden am Schnippeln, haben es irgendwie geschafft, diese Bier in groß noch mal nachzubauen. Und das Spannende an dem Bier finde ich eigentlich, wenn man die Zutatenliste liest, einfach mal so langsam von oben nach unten, und in das Bier reinschnuppert, dann riecht man fast jede einzelne Zutat, die da drin ist.

Markus: Wir können ja für die Hörer mal kurz das so Revue passieren lassen. Es geht los mit einem starken Zitrusaroma. Also wo man wirklich erst mal an eine Zitrone denkt, so eine ganz frische, gelbe, fast noch grüne Zitrone, wenn man die dann so …

Holger: Eher Limette eigentlich.

Markus: Ja, fast Richtung Limette. Und dann geht das über und kriegt so das noch an Komponente, was der Ingwer hat. Also dann geht das in so eine Ingwer-Aromatik. Und von da aus geht’s dann weiter und kriegt so das Zitronengras. Also das finde ich ganz lustig, weil das so eine Reise ist, die sich so entwickelt. Und dann eigentlich kommt so nach und nach auch das Bierige dazu. Und wenn man es trinkt, hat man hinten raus natürlich dann noch eine Bittere, die dann an die Wacholderbittere auch so ein bisschen erinnert. Wobei habt ihr da auch Wacholder drin?

Dario Stieren: Da steht ja Gewürze drauf. Gewürze sind tatsächlich drin. Wacholder natürlich, das gehört ja in einen Gin rein. Das macht ja eigentlich den Gin überhaupt erst aus.

Markus: Mhm (bejahend).

Dario Stieren: Wir haben Thymian drin, wir haben Koriandersamen drin, wir haben schwarzen Pfeffer mit drinnen. Diese Bittere, die du da schmeckst, das ist eine andere Bitterqualität wie die, die man vom Hopfen gewohnt ist. Die ist so ein bisschen stumpfer, würde ich fast sagen, ein bisschen trockener vielleicht auch.

Markus: Die ist weiter vorne, würde ich sagen.

Dario Stieren: Reagiert irgendwie anders mit der Zunge. Und das ist eigentlich das, was da Spaß macht. Ich habe auch mal irgendwie in Italien ein Bier mit Radicchio gebittert probiert. Und das fand ich total interessant und ich wollte das einfach mal ausprobieren, das wie so ein Tonic zu bittern. Also habe ich dann eine Chinarinde gefunden bei einem Gewürzhändler in München, beim Gewürzkontor, der hat übrigens ganz tolle Gewürzmischungen auch, und versorgt mir da alles, was ich so brauche. Der hat eben diese Chinarinde dagehabt. Und die gehört eben in so ein Tonic Water rein. Finde ich sehr interessant, wie das die Bitter-Wahrnehmung verändert.

Markus: Ja, auf jeden Fall! Und hinten raus noch so das Pfeffrige so ein bisschen. Also das ist wirklich eine ganz, ganz spannende Geschichte. Und auch so die ätherischen Öle, die bleiben dann relativ lange. Da merkt man dann den Thymian. Also ist wirklich, wirklich echt ganz spannend. Liebe Hörer, können wir euch nur empfehlen mal ausprobieren, ein Gin-Bier ohne Gin. Also gibt’s ja das ein oder andere auf dem Markt, wo mal im Gin-Fass war oder irgendwie mit Gin Infused gearbeitet hat. Aber hier sind es wirklich einfach nur die Zutaten vom Gin. Und das macht sich echt gut, verheiratet sich gut und versteckt in meinen Augen auch die 7 %.

Holger: Das ist so ein Bier, da kann man sich richtig mit auseinandersetzen und ganz lange drüber nachdenken. Immer wieder auch was Neues für sich entdecken. Wird jetzt vielleicht nicht mein All-Day-Bier so, aber es ist echt spannend. Das, was ihr euch eigentlich vorgenommen habt, eben so die Zusammensetzung von Gin ins Glas zu bringen, das ist wirklich gut gelungen. Also so ein Gin Tonic als Bier, das ist wirklich gut beschrieben. Und so kommt‘s auch rüber. Ich bin jetzt kein Gin-Fan, weil ich bin ja Bierfan, also ich trinke ja nur Wasser und Bier und alles andere braucht man eigentlich nicht. Aber hier kann man jetzt auch sowas schönes Neues kennenlernen.

Markus: Ja, und es ist durchaus auch ganz gut, Holger, kann ich dich nur beglückwünschen. Weil ich war dieses Jahr unter anderem auch Judge bei den World Gin Awards. Ich hatte ein Problem gehabt, ich habe ausgerechnet die Gruppe erwischt, die nur die ganzen besonderen Gins, also wo dann experimentiert wurde mit allen möglichen Früchten und Gewürzen und was weiß ich was, und das war mitunter wirklich sehr anstrengend. Insofern bin ich manchmal ganz froh, wenn man wieder zum Bier zurückkommt, dann ist das wieder so eine gewisse Wohlfühlecke. Und so geht’s mir mit dem Bier auch. Was ich auch noch denke, Gintasia heißt ja deswegen Gintasia, weil da wieder dieser Fantasia-Hopfen oder die Hopfenmischung da drin ist, oder?

Dario Stieren: Genau! Das waren eben zweimal oder waren eigentlich zwei Sude, die zur Braukunst als Test rausgekommen sind. Und da kam eben dieses Gintasia. Wir haben noch ein Fruchtbier dazu gebraut. Wir hatten eben viel von diesem Hopfen und wollten viel rumexperimentieren. Der Hopfen passt sich eben so ein bisschen an dieses süßliche Karamellbett ein, aber so richtig wahrnehmen durch die ganzen Früchte durch glaube ich kann man ihn nicht mehr. Also da muss man schon totaler Experte sein, dass man da noch viel Hopfen rausschmeckt.

Markus: Dem kann ich nur zustimmen. Ich bin da jetzt auch langsam schon etwas belegt, aber wir haben ja auch schon fünf Biere hinter uns und ein sechstes vor uns. Und das sollten wir jetzt auch noch aufmachen, natürlich. Wobei es mir ein bisschen Angst macht vom Etikett her: Der Schlagring. Wie kommt man denn auf die Idee?

Holger: Für die Leute, die nicht zahlen. Ist doch klar, bei der Mafia. Und das ist dann nur die Vorvariante. Also so nach dem Motto quasi die erste Mahnung.

Markus: Sind dann nicht die Fische im Aquarium oder so?

Dario Stieren: Das ist die Zahlungserinnerung. Genau! Da kam noch nicht mal die erste Mahnung. Viele Brauereien beschreiben Biere, die irgendwie stärker sind, gern mit Armageddon, Zombie Dust, was weiß ich was allem, Imperial und Super Hard. Wir haben uns gedacht, gut dazu passen bei uns würden einfach verschiedene Schlagprügel und Schießinstrumente. Und haben also unser erstes Double IPA auch Schießprügel getauft. Und aus dem ist so eine Art Reihe entstanden. Zudem zählt auch irgendwo dieses Yellow Space Gun dazu, das aber eher so Outer Space ist sozusagen. Und jetzt sind wir ganz klassisch wieder zurück bei einem Schlagring, der einem doch unbemerkt einen auf die 12 haut mit 10 %.

Markus: Ui-ui-ui! Also gut, dann machen wir ihn mal auf.

Holger: Wir haben ja hier wieder so eine schöne Abkürzung: TDHTIPA, also IPA, TDHTIPA.

Markus: Auf jeden Fall viele Buchstaben und viel Prozent. Machen wir mal auf. Ui-ui-ui! Es riecht auf jeden Fall schon mal toll. Es riecht auf die Entfernung. Also ich habe jetzt doch bestimmt die Nase 20 Zentimeter weg vom Glas gehabt und es ist jetzt schon alles ganz voll. Und vor allem wieder mit so tropischen Früchten. Jetzt würde ich fast sagen, ist so Mango mehr im Vordergrund, dann kommt Ananas.

Holger: Voll! Ananas ist voll da, der ganze Raum ist voll mit Ananas.

Markus: Wahnsinn! Und Pfirsich. Also irgendwie so diese ganze süße, gelbe Fruchtecke ist mit dabei. Hm! Also Geruch toll. Es gibt ja so ein paar Biere, die könnte ich auch nur riechen und das ist auf jeden Fall eins davon.

Holger: Ja, das muss ich sagen. Das kann man einfach nur wegriechen, man muss es gar nicht trinken.

Markus: Aber jetzt muss ich. Also auf geht’s! Sehr extrem weich, also ein Mundgefühl, ganz großartig. Es geht süß los, geht dann über in so eine ganz reife Ananas. Dann kommt ein bisschen Honig, ein bisschen Mango, Zitrus und dann hinten raus ganz langsam so ein bisschen Bittere. Aber die ist sehr dezent, fast so ein bisschen sahnig. Und dann kommen noch so ein bisschen Pfirsicharomen, die bleiben auch ganz lang. Von Haribo, da gibt’s diese fast runden Dinger, die sind so gelb und rot, heißen glaube ich sogar Pfirsiche. Das ist so ziemlich das Aroma. Wahnsinn! Warum macht man ein Triple Dry Hop Triple New England IPA? Und wie kommt ihr zu diesen Aromen?

Dario Stieren: Das ist witzigerweise nur ein einziger Hopfen. Das ist nur der Mosaic Hopfen. Den haben wir schon ein paar Mal verwendet für verschiedene Biere. Unter anderem haben wir mal so einen süßen Märzenbock gehabt, den Dolce Vita, in dem der verwendet wurde. Und wir dachten uns, da geht noch ein bisschen mehr. Und es gibt ja diese Abkürzung TDH, die da vorne steht vor diesem Triple IPA, Triple Dry Hopped, sprich, das Bier ist beim Anstellen einmal kalt gehopft. Das ist nach zwei Tagen Gärung einmal kalt gehopft und das ist im Lagertank nochmal kalt gehopft, pfundweise im Whirlpool, im Heißbereich gehopft. Und da ist also unglaublich viel von diesem Mosaic drin. Und ich finde den einen wahnsinnig spannenden Hopfen, der einfach auch in jeder Verwendung, die man ihm da gibt, ein anderes Aromaspektrum aufbaut. Das ist eigentlich das Coole, dass man mit einer Hopfensorte, wenn man sie viermal hernimmt, eigentlich viermal ein unterschiedliches Aroma bekommt. Und eigentlich so eine doch relativ komplexe, aber sehr fruchtige Struktur aufbauen kann. Das Ganze eben in diesem Triple IPA. Also ich musste tatsächlich zweimal brauen, um ein Bier herzustellen, das so stark wird. Da habe ich einen gewissen Franken schon fast Konkurrenz gemacht, da könnte ich mich, glaube ich, beim Schorsch als Praktikant anmelden mit dem Bier. Das hat also sage und schreibe 26 Plato dieses Bier.

Markus: Ui-ui-ui! Wobei, wenn du dich beim Schorch anmeldest, dann musst du es natürlich auch noch ausfrieren. Das wäre dann noch die Krönung. Aber könnte ich mir gut vorstellen, wenn man das ausfriert, da würde wahrscheinlich keiner auf ein Bier kommen. Da würden alle denken, das ist irgend so ein Edelbrannt aus irgendwelchen Obstgeschichten oder so. Also Wahnsinn! Ganz toll! Holger, wie geht’s dir denn damit?

Holger: Ist eine gute Idee, also Eisbock damit zu machen, fände ich auch ziemlich spannend. Was dann mit dem Hopfen passiert, müsste man wirklich mal ausprobieren. Habt ihr das nicht schon mal gemacht? Also das bietet sich doch voll an.

Dario Stieren: Ja, also wir haben tatsächlich den Don Limone schon mal ausgefroren und wir haben schon andere IPAs ausgefroren. Bei dem Triple bin ich jetzt noch nicht auf die Idee gekommen das zu machen. Ich war bei den Jungs von Zombräu zu Gast und einer von den beiden hat bei BrewDog sein Praktikum gemacht. Und die hatten ja diese ganzen Biere, von denen ihr wahrscheinlich auch gern im Seminar erzählt, dieses Sink the Bismarck! und wie sie alle heißen. Also quasi diese Konkurrenz-Biere zum Schorsch, mittlerweile haben sie sich ja, in Anführungszeichen, wieder „vertragen“ und zusammen eins gebraut. Diese ganzen Eisböcke von BrewDog, das waren ja auch alles so hopfige Biere, so extreme, mit teilweise 40 % Alkohol ausgefroren. Und die sind natürlich auch als IPA ultra-ultra-hopfig. Man hat dann teilweise einfach von 20 Maß Bier quasi in einer Maß die Aromen drin. Und das ist dann schon ziemlich heftig. Ich stelle mir das dann schon sehr, sehr intensiv vor. Eigentlich wie so ein Likör oder so, auch weil sich die Süße ja konzentriert, glaube ich, dass das schon ganz schön krass ist.

Markus: Ja, auf jeden Fall! Es ist so von der Erfahrung her, dass man ungefähr 20 % gewinnt, in Anführungsstrichen. Wenn ihr jetzt zum Beispiel einen Doppelbock nehmt und macht den als Brannt, das heißt, mit Destillation, und der hat am Schluss 40 % zum Beispiel und man nimmt dann das Bier und friert es aus, dann schmeckt das Bier mit 60 % immer noch so aromatisch wie der Brannt mit 40 %. Also das gewinnt wesentlich mehr Aromen, erhält wesentlich mehr Aromen, macht das Ganze viel, viel spannender. Also eine ganz, ganz tolle Geschichte. Wobei ich sagen muss, liebe Hörer, was ihr auch probieren könnt, dieses Bier einfach nur eine Kugel Vanilleeis. Das ist auch eine ganz feine Geschichte, wird sich wunderbar kombinieren und macht einen perfekten Nachtisch, wenn ihr mal nichts Besseres zu tun habt.

Holger: Die Schwiegermutter, da sagst du dann, hey, guck mal hier, was ich für einen tollen Eiskaffee habe. Und dann machst du noch Sahne obendrauf.

Markus: Wie steht’s bei euch überhaupt mit Food Pairing, Dario? Macht ihr da irgendwelche Geschichten? Habt ihr schon was ausprobiert?

Dario Stieren: Wir haben ja schon oft so Food Pairings gemacht. Wir haben auch fest im Angebot tatsächlich so einen Bier- und Pralinen-Seminar zusammen mit der Pralinenschule München. Die ist in der Schulstraße, also bei (unv. #00:44:49.2#) da um die Ecke. Die haben eigens Pralinen zu unseren Bieren dazu kreiert. Das macht natürlich wahnsinnig Spaß, sowas dann zu probieren. Das haben wir jetzt auch zu Weihnachten angeboten, so ein Sixpack sozusagen mit sechs feinen Pralinen dazu. Das ist also ultra-spannend, was die da machen. Zum Beispiel auch mit geröstetem Sesam, der dann so eine Umami-Note reinbringt, und solche Geschichten. Wir haben schon Bier- und Käse-Seminare gehabt. Ich meine, momentan sind wir ja ein bisschen eingeschränkt, das wird bei euch ja auch sein, und probieren uns da so ein bisschen am Online-Tasting. Sind da aber noch nicht ganz so begeistert wie sozusagen im Real-Life-Tasting, das ist doch einfach was Schöneres, wenn man halt in Gruppe beieinandersteht. Nichtsdestotrotz ist das natürlich eine spannende Geschichte und eine schöne Unterhaltung. Ich glaube, dass das schon noch ein paar Monate so weitergehen wird. Aber wenn wir wieder zurück sind, dann wollen wir natürlich auch wieder Bier und Food Pairings machen. Wir wollen eben auch wieder Biermenüs machen. Das ist ja auch was total Spannendes. Also einfach so ein schönes Menü mit einer Bierbegleitung, oder Bier und Tapas ist auch eine wahnsinnig spannende Geschichte. Das ist was, was mich absolut begeistert, einfach das richtige Bier zum richtigen Essen zu finden. Weißwurst und Weißbier kennt jeder, aber wenn man dann versucht, eine Schokolade mit einem sehr hopfigen Bier zu paaren oder mit einem hellen Bier, da wird man jetzt wahrscheinlich nicht beim ersten Moment darauf kommen, dass das miteinander passen könnte.

Markus: Oh ja! Das ist auf jeden Fall eine ganz, ganz spannende Reise und auch das auszuprobieren, zu erfahren und sowas, finde ich immer wieder eine ganz, ganz tolle Herausforderung auch für uns als Sommeliers. Weil man wird ja manchmal für irgendwas gebucht und muss sich dann was einfallen lassen, und das ist natürlich dann immer schon sehr, sehr spannend. Also spannend natürlich auch unsere heutige Reise durch deine Biere oder eure Biere, muss man ja genauer gesagt sagen. Wir werden natürlich auch eure Website verlinken in den Shownotes und entsprechend darauf hinweisen, dass man natürlich Seminare buchen kann und überhaupt. Also liebe Hörer, haltet euch da nicht zurück, das muss man einfach probiert haben, das muss man genossen haben. Uns hat es auf jeden Fall viel, viel Spaß gemacht. Vielen Dank, lieber Dario, für diese tolle Reise durch euer Sortiment und die vielen Hintergrundinformationen. Das hat mir jetzt echt noch mal die Augen geöffnet und jetzt weiß ich auch, warum ich immer so begeistert bin. Also zum Beispiel auch den Anniversator fand ich ja total lecker.

Holger: München ist eben doch die Bierhauptstadt.

Dario Stieren: Vielen Dank euch auch für dieses Interview. Und einen haue ich noch raus. Wir werden ja dieses Jahr fünf Jahre alt und haben da natürlich auch etwas Kleines dazu geplant. Wir werden also jetzt in den nächsten ein bis zwei Wochen ein eigenes 5-Jahre-Bier-Festival launchen und hoffen einfach, dass da natürlich viele Leute mit dabei sind, zusammen mit uns und sieben anderen Brauereien quasi das 5-Jährige von der Couch aus oder mit Freunden zelebrieren.

Markus: Wir sind auf jeden Fall mit dabei. Bis dann!

Holger: Servus! Macht‘s gut! Ciao!

Dario Stieren: Ciao! Servus!

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