BierTalk 5 – Interview mit Christian Hans Müller von Hanscraft & Co.

Christian Hans Müller aus Aschaffenburg startete durch – von der Zahnmedizin an den Braukessel und wurde 2012 einer der ersten erfolgreichen Quereinsteiger im Craft Bier Business – und das aus Franken. Aus “Hans Müller Sommelierbier” mit dem ersten Shooting Star “Bayerisch Nizza” wurde “Hanscraft & Co.”, das mit dem IPA “Backbone Splitter” neue Maßstäbe in Deutschland setzte. Doch die Entwicklung steht nicht still – und so verkosten Markus Raupach und Holger Hahn mit dem Aschaffenburger seine neuesten Bierkreationen und sprechen über seine Geschichte und Geschichten…

Link für Apple/iTunes: https://podcasts.apple.com/de/podcast/biertalk/id1505720750

Link für Spotify: https://open.spotify.com/show/7FWgPXstFr1zR9Fm2G0UJS

 

Markus: Hallo zusammen! Willkommen zu unserem BierTalk Nummer 5, natürlich wie immer mit mir, dem Markus und dem …

Holger: Holger…

Markus: … und einem besonderen Gast, nämlich dem Christian Hans oder Hans Christian Müller. Das wird er gleich aufklären. Ja, stell dich doch am besten selber kurz vor.

Christian Hans Müller: Hi, servus! Christian Hans Müller, so ist die richtige Reihenfolge, so wie es die wenigsten am liebsten richtig machen. Aber mein Gott, es ist nicht schlimm. Es ist nur ein Name. Gründer, Brauer, Putzfrau, alles Mögliche von Hanscraft & Co. 2012 haben wir das Licht der Welt erblickt und seitdem bereichern wir so ein bisschen die Spezialitäten-Brauszene. Wir kommen aus Aschaffenburg…

Markus: Du hast uns ein paar Bierchen mitgebracht.

Christian Hans Müller: Hab ich, vier Stück!

 

Vier Biere für drei Männer

Holger: Wir machen einfach einmal das erste auf. Neues Produkt, das „Helle“. Ich mache es mir jetzt mal auf. Ihr werdet es jetzt hören. Jetzt schenke ich auch ein. So, ich hoffe, man hat es schön hören können.

Christian Hans Müller: Holger, wie ich kenne, Willibecher, klar…

Holger: Nee, Haferltasse! Deine Biere sind doch so gut, da ist es vollkommen egal, oder?

Christian Hans Müller: Ja, ist vollkommen egal. Genau.

Holger: Okay, also dann lege ich jetzt mal in mein professionelles Verkostungsglas rein.

Christian Hans Müller: Ich hab Durst, also ich würde gern, bevor es weitergeht, anstoßen.

Holger: Ja, Prost!

Christian Hans Müller: Prost!

Markus: Prost!

Christian Hans Müller: Ist schon fast weg! Ist schön warm draußen, aber wir sind da drin, wir bleiben zu Hause.

Holger: Markus, wie ist dein erster Eindruck?

 

Hanscraft Hell

Markus: Also, natürlich grundsätzlich gut, auch wenn ich wieder mal sagen muss, dass ich natürlich als Urfranke mit dem Hellen immer so ein bisschen meine Probleme habe, weil es einfach nicht mein Lieblingsbierstil ist, aber es ist ein sehr schönes, sehr geschmeidiges, sehr weiches Bier, was tatsächlich auch dazu verführt, dass man nicht nur den ersten und zweiten Schluck nimmt, sondern auch den dritten und vierten und fünften, insofern erfüllt es seinen Job schon mal sehr gut. Ich finde es sehr vollmundig, sehr intensiv im Aroma, und ich habe mir tatsächlich einen TeKu-Glas ausgewählt, allerdings nicht irgendeines, sondern eines, was ich mir letztes Jahr mitgebracht habe aus Chile. Insofern ist es ein bisschen weit gereist und passt aber vielleicht auch ein bisschen zum gesamten Motto hinter dem ganzen Hanscraft-Label. Bin mal gespannt, was ihr sagt.

Holger: Für mich ist auch so ein typisches Helles, und so, wie du schon gerade beschrieben hast, es ist heiß genug draußen, es ist ja fast sommerlich, und wenn man jetzt heute richtig draußen gewesen wäre und hätte da sportlich sich aktiv betätigt oder hätte vier Stunden den Rasen gemäht oder ähnliches getan, ja, dann wäre die Flasche wahrscheinlich jetzt schon leer! Ich habe mir übrigens auch einen Tekupokal ausgesucht. In der Tat.

 

Das TeKu-Glas

Markus: Falls jetzt einige Hörer noch nicht wissen, was ein Tekuglas ist: Das ist das erste so als Craftbierglas wahrgenommene Bierglas, entwickelt von zwei Italienern. Teku steht für Teo Musso und Kuaska, der eigentlich Lorenzo Dabove heißt, und die beiden haben eben damals für das belgische Orval ein Glas entwickelt, das dann sich durchgesetzt hat, weil es einen Stiel hatte, weil es eine besondere Form hat, bei all den Craftbier-Festen in Europa, und so wurde eben aus diesem Tekuglas für viele das Craftbierglas. Mittlerweile gibt es da viele andere, auch von anderen Firmen, die auch spannende Ansätze haben. Trotzdem ist es, glaube ich, immer noch so ein Standard.

Christian Hans Müller: Ihr bringt mich ein bisschen unter Zugzwang, ich glaub zum nächsten Bier hol ich mir dann auch eines.

Markus: Neues Produkt, hast du gesagt, das heißt, seit wann gibt es das?

Christian Hans Müller: Das Helle? Das haben wir dieses Jahr… im Januar haben wir das abgefüllt zum ersten Mal. Wir haben das Helle an sich schon eine ganze Weile als Fassbier für die regionale Gastronomie immer schon im Portfolio gehabt, aber die Nachfrage zum Flaschenbier wurde dann halt immer größer, als es dann mehr hieß, ja komm, macht ihr das dann auch mal in Flaschen und so weiter. Dass man das halt auch mal überregional zum Verkauf bekommt. Wir hatten es immer überregional auf Festivals mal dabei, vom Fass, aber eben nie als Flaschenbier. Und jetzt seit Januar zum ersten Mal in der Flasche verfügbar. Original Helles, quasi im Prinzip das gleiche, was wir vorher schon als Fassbier hatten. Angefangen in der Tat haben wir damit, als wir zwischen 2016 und 18 mit der Teufelsküche rumhantiert hatten und dort dann eben unsere Biere komplett im Ausschank hatten, und da auch grad für die Gäste, die jetzt nicht unbedingt wegen dem vierten, fünften oder sechsten neuen IPA kommen, dann einfach als klassisches Hausbier dieses Helle gemacht haben.

Holger: Ich würde mich gern nochmal mit der Flasche beschäftigen, weil wenn man dazu das Rückenetikett anschaut, dann gibt es da ja drei Sprachen, also erste Sprache ist klar, zweite Sprache ist auch klar, dritte Sprache: Humle… kornmalt… Vatten.. und jäst. Dann komme ich wieder klar mit Magnum Traditionen Mittelfrüh, aber erklär das mal.

 

Bier-Export nach Schweden

Christian Hans Müller: Wir haben das Glück, dass wir einen schwedischen Importeur haben, der komplett landesweit in Systembolaget gelistet ist. Systembolaget ist, für die, die es nicht wissen, das staatlich beaufsichtigte Alkoholmonopol von Schweden. Das heißt also, Alkohol über 3,5 % ist gar nicht im freien Handel verfügbar. Das heißt, du kannst kein Bier mit über 3,5 % Alkohol in Tankstellen, Supermärkten oder sonst irgendwo kaufen, sondern dafür gibt es ausschließlich Systembolaget, staatlich organisierte Bottle-Shops, eigentlich aufgezogen wie ein Getränke-Fachgroßhandel oder wie ein Getränkemarkt. Dort kannst du Bier, Wein, Spirituosen, alles Mögliche kaufen, aber eben nur da – was den Handel angeht, Gastronomie ist wieder etwas anderes. Daher auch die schwedische Sprache, weil diese staatlich organisierte Alkoholmonopol-Geschichte entsprechende Anforderungen an die Etikettierung, an die Darreichung, an alles Mögliche stellt. Und eins davon ist eben auch Inhalte in schwedischer Sprache.

Holger: Das bedeutet, dass für dich dann Schweden schon auch durchaus ein wichtiger Exportmarkt ist. Hast du noch andere Export-Highlights oder Zielmärkte, wo du sagst, Mensch, da geht besonders viel, und ich habe mich auch ein bisschen darauf spezialisiert, vielleicht?

 

Exportmarkt Slowenien

Christian Hans Müller: Also wir kucken jetzt ein bisschen in die Vergangenheit, nur weil wir können gerade schwer in die Zukunft kucken, das das geht uns allen so, was wir in der Vergangenheit sehr erfolgreich noch betrieben haben, ist Export nach Slowenien. Klingt wahrscheinlich auch sehr überraschend. Sehr kleines Land, hat zwei Millionen Einwohner und ist einfach nur klein, aber hat eine unheimlich starke Bierkultur, eine unheimlich starke Bieraffinität auch, ist ein richtiges Biertrinkerland, und da sind wir seit 2014 aktiv und auch relativ gut und erfolgreich, mit Fassbier überwiegend, aber auch in Slowenien haben wir eine Eigenart kreiert. Und zwar ist Slowenien das einzige Land auf dieser Welt, in dem es Backbone Splitter in Halbliter Flaschen gibt. Den gibt es sonst nirgendwo, habt ihr mit Sicherheit auch noch nie gesehen, weil wir das auch gar nicht so an die große Glocke hängen, denn wir hatten hier in Deutschland noch nie die Nachfrage danach, auch in Schweden noch nicht, oder sonst irgendwo. Rein für Slowenien haben wir Backbone Splitter in Halbliter Flaschen abgefüllt und auch ein entsprechend rein slowenisches Label gemacht dafür, da ist nichts dreisprachig, sondern es ist komplett slowenisch, und das zeigt ja allein auch, wie wichtig dieser Markt für uns ist, weil sonst hätten wir so einen Zirkus ja nicht gemacht.

Holger: Ich kenn das, die Flasche, und es ist so ein slowenisches Thema, dass die einfach glauben, wenn sie ein bisschen mehr Menge haben, dann ist es auch im Verhältnis billiger als jetzt so eine kleine Flasche, ist auch irgendwie so eine Mentalitätsthematik bei denen.

Christian Hans Müller: Aber ist nicht so!

 

Bierhandel in Schweden

Markus: Ja, um noch um noch kurz auf die Schwedengeschichte zurückzukommen: Das ist natürlich schon spannend, weil der Vorteil ist ja, wenn man im Systembolaget gelistet ist, dann kaufen die ja praktisch für das gesamte Land ein, sprich man hat einfach eine ordentliche Menge Bier, die man an den schwedischen Staat verkaufen kann, das schon mal guter Kunde, weil der auch bezahlt und weil es eben auch eine vernünftige Menge ist. Also insofern ist es schon eine richtig coole Sache, dass du es geschafft hast, dort gelistet zu werden.

Christian Hans Müller: Unter Umständen ist es so, dass einige Produkte dann landesweit zentral eingekauft werden, aber unser Importeur, dadurch dass der nicht so eine mega große Firma ist, der liefert tatsächlich mehrere Abnahmestellen an. Also das ist nicht so, dass da eine große Bestellung für Systembolaget zentral kommt und die verteilen dann intern, sondern sie müssen in der Tat die einzelnen Märkte direkt beliefern. Zwar auch per Versand, nicht hinfahren oder so, sondern per Versand, aber es ist jetzt nicht zum Beispiel, wie jetzt ein Erdinger oder ein Schlenkerla, die jetzt tatsächlich über diese Zentralorder einen ganzen LKW-Zug abladen, sondern bei uns ist das natürlich ein bisschen kleiner dimensioniert, zumal wir ja auch, ihr erkennt ja auch die schwedische Preispolitik, da ist ja die Biersteuer im Verhältnis zur deutschen Steuer in etwa zehnmal so hoch, und das wirkt sich natürlich auf den Endpreis aus. Klar kalkuliert jetzt Systembolaget nicht so wie normaler Bottleshop, was die Marge angeht, aber trotz allem stehen unsere Biere da ab 38, 39, teilweise über 40 Kronen, je nach Sorte in den Märkten und das sind dann auch 3,80, 3,90, 4 Euro die Flasche.

Markus: Ich glaub, wir müssten mal wieder eins aufmachen!

Christian Hans Müller: Ja, meines ist auch schon leer!

Holger: Unbedingt! Und in der Zeit, wo wir das alle tun, Hans, vielleicht nicht alle Hörer kennen jetzt den Backbone Splitter. Jetzt haben wir ihn schon angesprochen, vielleicht in der Zeit, bis alles im Glas ist, und so, kannst du dann vielleicht dann auch noch mal ganz kurz über den Backbone Splitter sprechen. Was nehmen wir denn als nächstes?

Markus: Single Hop!

Holger: Kellerpils, genau!

 

Backbone Splitter – das IPA der ersten Stunde

Christian Hans Müller: Ich soll was zum Backbone Splitter erzählen, habe ich verstanden, Holger?

Holger: Ja, schon, weil wir haben das Bier nicht in der Verkostung. Für mich ist es eines der besten IPAs, die ich kenne, beziehungsweise jemals getrunken habe, gehört einfach zu meinem Standardrepertoire, ist immer am Mann, immer – da muss man mal was zu sagen, oder?

Christian Hans Müller: Der Backbone Splitter zeichnet sich ja mal in erster Linie dadurch aus, dass es ihn heute in unserer Runde nicht gibt, das spricht ja schon mal Bände. Das heißt, den muss ich euch gar nicht vorstellen. Klar, die Hörer haben ihn natürlich jetzt nicht alle auf dem Schirm, vielleicht der ein oder andere schon. Für alle anderen ist der Backbone Splitter ein, ich würde mal schon fast sagen ein Evergreen, oder? Kann man das so sagen? Wir haben den Backbone Splitter zum ersten Mal auch 2014 abgefüllt, kam auch irgendwann so aus diesem Schub oder aus diesem, ich will nicht sagen, aus diesem Druck damals. Es gab einen Druck in dieser Bierszene, in der wir uns bewegen, aber aus dieser Situation heraus, dass es viele IPAs schon gab, aber es war nur ganz selten der Fall, dass mal eines so hervorstach und ich damals mit einem Blogger, der hatte damals die Seite „Lieblingsbier“, mit dem mal drüber gesprochen habe, wo ich sagte: Ich will nicht das zehntausendste IPA jetzt bringen. Und er sagte: Doch, weil es wäre mal wieder Zeit für ein gutes IPA! Mach doch mal ein gutes! Und ich sage: Okay, danke! Da war er dann, der Druck, und dann habe ich einfach mal versucht, ein gutes zu machen und den Backbone Splitter rausgebracht. Und siehe da, viele besinnen sich immer wieder auf den Backbone Splitter zurück, um sich zu erden. Viele entdecken ihn für sich neu, viele entdecken ihn für sich wieder. Der Backbone Splitter heute ist immer noch so, wie er Prinzip immer war, mit einer einzigen Veränderung in der ganzen Zeit, seit wir ihn haben. Es gab zwischenzeitlich mal ein Special mit anderem Hopfen, den Kazbek Special. Einmal, ansonsten ist der Backbone Splitter, wie gesagt, bis auf eine Veränderung, und da haben wir eine Hopfensorte einfach ausgetauscht, weil die ersetzte Hopfensorte gar nicht mehr so den Ertrag gebracht hat, hinsichtlich des Aromas, den er eigentlich von Beginn an hatte und den haben wir dann einfach mal ausgetauscht, so ein bisschen angepasst. Deswegen würde ich mal Evergreen sagen.

Markus: Ich kann mich erinnern, wir hatten mal eine Reihe von Veranstaltungen, ich glaube, zehn oder zwölf, Holger, da haben wir immer am Anfang für alle einen Cocktail gemacht, und den haben wir aus dem Backbone Splitter gemacht. Ich kann mich noch gut erinnern, die Leute waren immer begeistert und haben auch immer alles, was an Flaschen übrig war, am Schluss noch mitgenommen.

Holger: Da muss ich betonen: Das ging so in die Caipi-Richtung, also dieser Biercocktail. Da haben wir direkt zu Anfang, alle Frauen sozusagen für uns gewonnen, und das war natürlich super.

 

Ein Kellerpils aus Aschaffenburg

Markus: Was haben wir denn jetzt im Glas?

Holger: Also ich hab ein Kellerpils im Glas, ich weiß nicht, was ihr im Glas habt!

Christian Hans Müller: Ich hab noch Kellerpils im Glas, weil ich hab einen guten Zug drauf, glaub ich… Kellerpils, unser zweites Lager im Standardsortiment, sage ich mal. Wir haben zwei Lager, das erste hatten wir gerade, das zweite ist das Single Hop Kellerpils. Auch schon lange im Programm, also auch ein Bier, was sich bei uns mehr oder weniger etabliert hat, war ursprünglich der Gedanke dahinter, ein Bier zu schaffen, um noch mehr Leute dazu zu bewegen, sich für Craftbier, für Brauspezialitäten, für Kreativbier, wie man es auch immer nennen will, zu interessieren und einfach die Messlatte mal ein bisschen niedriger zu hängen, um den Einstieg zu vereinfachen. Also ein Bier, gebraut nach klassisch Pilsener Art, also deutscher Pilsener Braustil, aufgrund unserer technischen Möglichkeiten allerdings natürlich unfiltriert. Vorher aber noch hopfengestopft mit damals einer neuen Hopfenzüchtung, die sich beibehalten hat bis heute, das war der Hallertauer Blanc, der war damals ganz neu. Also wer den Hopfen kennt, weiß dann auch, dass das Bier jetzt auch schon ein paar Jahre im Programm sein muss. Aber auch hier haben wir zwischenzeitlich auch mal ein Kazbek Special gemacht, aber ansonsten konsequenterweise mit Hallertauer Blanc immer ein schönes Bier draus gemacht, was dem Pilsener an sich so ein gewisses Extra, so einen gewissen kleinen, fruchtigen Kick verleiht, aber im Gesamtbild, und das ist mein persönlicher Eindruck, nicht darüber hinwegtäuscht, dass es sich um Pilsener handelt.

Holger: Ja, also ich kann das bestätigen, also es hat so eine schöne Bittere, die eben auch in einem Pils in meinen Augen drin sein muss. Ich habe das damals so verstanden, du hattest doch auch vor, oder hast es noch vor, auch gastronomisch was zu machen, und sich auch ganz klar in der Region zu positionieren und so, und da war das Kellerpils auch dafür gedacht, eigentlich, oder? So hab ich das zu mindestens in Erinnerung, stimmt das nicht?

 

Kellerbier statt Craftbier

Christian Hans Müller: Ja, das war ein Teil davon, genau. Das war eben die Zeit mit der Teufelsküche. Vielleicht erinnerst du dich daran, wir hatten ja damals über meinen ehemaligen Partner die gastronomische Schiene noch betrieben und hatten ein Steakhaus in Aschaffenburg, in der Fußgängerzone, mit dem wir dann auch viel unserer Biervielfalt spielen konnten und das auch bewusst so gemacht haben, weil wir das wollten, und hatten dann eben auch, weshalb wir auch das Helle damals als Fassbier gemacht haben, einfach die Notwendigkeit aber gesehen, es nicht als reine Craftbierbar oder als reinen Craftbierladen zu betrachten, sondern wollten ja trotzdem auch den speisenden Gast, der jetzt nicht unbedingt der Biere wegen kam, zumindest noch mit was annäherungsweise Bekanntem oder annäherungsweise Gefälligem wie jetzt dem Hellen oder Kellerpils zumindest auch einen Schritt weit entgegenkommen, aber auch da dann vor Ort das Personal so geschult zu haben, das dann eben die Leute, die ein Kellerpils getrunken haben und denen auch aufgefallen ist, dass es hierbei um was Fruchtigeres geht als das klassische Pils, um ein bisschen was Anspruchsvolleres, die dann dahingehend aber auch zu beraten nach dem Motto: Du, wenn dir das doch geschmeckt hat, warum versuchst du es nicht mal mit einem Pale Ale, oder dies oder das. Ja, das war in der Tat der Auslöser des Ganzen, dieser gastronomische Gedanke. Diese Gastronomie an sich war ja auch für uns nur ein Mittel zum Zweck, da ja zu dem Zeitpunkt ja auch schon der Brauereibau eine wichtige Rolle gespielt hat, in dem ja auch Gastronomie stattfinden sollte und in dem ja auch dann dieses Thema bespielt werden sollte. Und da ja von uns keiner eine Ahnung von Gastronomie hatte, war eben mein ehemaliger Partner dann dafür vorgesehen, dieses Thema sich anzueignen, um da einen gewissen Erfahrungsschatz aufzubauen. Das hat er, muss man auch im Nachhinein wirklich sagen, sehr, sehr gut gemacht, und ist da mehr oder weniger als Vollblutgastronom auch aufgegangen.

Holger: Markus, du musst noch mal was zum Bier sagen. Du hast, glaube ich noch gar nichts um Bier gesagt. Du hast ja gesagt, du fürchtest dich als Oberfranke…

Markus: Ich muss mich eh ein bisschen entschuldigen schon fast beim Hans, weil ich ja immer sagt, hier so als aus der fränkischen Perspektive, aber natürlich bist du in Unterfranken auch Franke, gar kein Thema, aber ich werde oft so ein bisschen von anderen darauf reduziert, und dann fällt einem das halt so ein bisschen ein, und Kellerpils triggert natürlich etwas, weil es natürlich spannend ist, wenn man mit der Idee des Kellerbieres spielt und es dann auf andere Bierstile überträgt. Ich finde es sehr schön, muss sagen, was mir gut gefällt ist, dass der Blanc ja wirklich so eine weinig- säuerliche, fast Ananas-Note irgendwie so ganz leicht mit reinbringt, und das ist ja was, was ich eben im normalen Lager und im normalen Pils so nicht habe. Hat aber auch, finde ich, so ein bisschen was, was so in Richtung (unv. #00:15:19.1#) geht, sowas Kräutriges, Grünes, Grasiges, das zusammen gefällt mir wirklich gut. Also ist ein sehr angenehmes Bier. An den Blanc habe ich noch eine interessante Erinnerung: Den hatten wir damals in meinem Biersommelier-Kurs, das ist schon lange, lange her, da gab es den damals noch als Versuchshopfen, da hatte er noch gar keinen Namen, sondern nur eine Nummer. Da haben wir ein bisschen was bekommen für unseren Biersommelier-Kurs, Sud, den wir am Ende gemacht haben, und da haben wir damals einen Weizenbock gemacht und haben den dann mit Hallertauer Blanc gestopft und auf der Consumenta in Nürnberg ausgeschenkt. Das war unglaublich, weil wirklich die Frauen reihenweise auf dieses Bier abgeflogen sind, ohne Ende. Deswegen ist es für mich ein sehr magischer Hopfen. Wobei ich auch einmal ein negatives Erlebnis hatte, muss ich zugeben. Ich habe mal in Hamburg auf der Internorga das Single Hop vom Oli Wesseloh mit Hallertauer Blanc getrunken, und da habe ich vorher so ein bisschen erzählt von diesen Erfahrungen, und dann war ich ein bisschen enttäuscht, weil es sich dort ganz anders niedergeschlagen hat in seiner Rezeptur. Also, fand ich auch interessant, dass die Rezeptur natürlich auch viel damit zu tun hat, wie so ein Hopfen sich am Schluss entfaltet.

Christian Hans Müller: Das kann ich nachvollziehen. Ich glaube auch, der Hallertauer Blanc… Ich kenne jetzt das… Wahrscheinlich war es eins aus der SHIPA Serie, oder?

Markus: Genau!

 

Das SHIPA – eine interessante Idee aus Hamburg

Christian Hans Müller: … diese SHIPA IPA von Kehrwieder. Ich selbst habe es nie getrunken. Ich bin aber ein großer Fan von dem SHIPA Hüll Melon. Das war, glaube ich, sein zweites, drittes, viertes oder so. Das hat er schon relativ früh mal rausgebracht. Das war so für mich so ein Ding, wo ich sagen musste, das war sensationell. Das SHIPA Hallertauer Blanc kenne ich leider nicht, aber ich muss auch ganz ehrlich sagen – ich arbeite ja jetzt auch lange mit diesem Hopfen, grad was das Kellerpils angeht – ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Hopfen in dieser Intensität, wie er für ein IPA gefordert ist, wahrscheinlich deutlich hinter anderen Hopfen zurücksteht, aber in dieser Dezentheit, wie er jetzt in diesem Kellerpils drin ist, oder wie man es vielleicht auch im Weizenbock oder überhaupt einem Bock auch gut platzieren könnte, durchaus seine Berechtigung hat, mehr als das, sondern da wirklich als ganz tolle Bereicherung und Erfrischung in so einem Bier wirken kann. Beim IPA gebe ich dir recht, stell ich es mir auch schwierig vor, ohne es allerdings zu kennen.

Holger: Ihr geht ja schon wieder richtig ab wie die Zäpfchen. Wir müssen ja auch so ein bisschen unsere Hörer denken, die wollen ja sicher das nächste Bierchen kennenlernen. Jetzt haben wir so zwei Themen. Einmal natürlich die ganze Sensorik und alles, was ihr jetzt da gerade so fachmännisch hier in den Orbit rausgehauen habt. Was auch noch mal ein Thema ist, ist: Jetzt hat ja der Markus gesagt, damals wo er sein Biersommelier-Kurs gemacht hat – da kann ich nur sagen, Christian Hans Müller ist auch Biersommelier…

Christian Hans Müller: Yes!

Holger: …und der hat seinen Biersommelier in Chicago gemacht. Das wäre auch noch mal was wert. Also du könntest jetzt zwei Sachen machen, erst mal ansagen, was ist jetzt das nächste? Und währenddessen wiederum ein bisschen auch über deine Zeit in Chicago sprechen, vielleicht. Wie kam es überhaupt dazu?

 

Ein Biersommelier aus Chicago

Christian Hans Müller: Als nächstes Bier würde ich jetzt mal sagen: Jungs, wenn ihr auch am Weg zum Kühlschrank seid: Tropical Nizza Double Dry Hopped Wheat Pale Ale. Im Prinzip, auch von der Grundidee, war das eine Abwandlung unseres anderen Evergreens, den wir so immer wieder am Start haben, unseres Bayerisch Nizzas, auch schon seit zig Jahren. Ich weiß noch die ersten Beiträge, die ersten Interviews, es war alles noch in schwarz-weiß. Also das Bier haben wir schon wirklich lange am Start, und Tropical Nizza war letztes Jahr auch eine Idee, wo wir gesagt haben, wir wollen vom Bayerisch Nizza mal wieder eine Abwandlung machen, denn wir hatten mal ein Bayerisch Nizza Melon Special gemacht, das haben wir einmal ausschließlich da mit Hüll Melon gebraut und gestopft, und das war eine Sache, die sehr gut ankam, wo viele Leute gesagt haben: Mensch, wann kommt das denn mal wieder? Macht ihr das nochmal? Aber getreu unserer Linie, Specials wirklich immer nur einmal zu machen, war das leider abzulehnen. Es kam aber dann die Idee, weil ja noch so gerade diese Hazy- und New-England-Geschichte sehr populär war, zu der Zeit auch diese Double-Dry-Hopped-Geschichte, das wir Tropical Nizza ins Leben gerufen haben, sprich, aus dem Bayerisch Nizza an sich ein Bier zu machen, was dann am Ende als Double-Dry-Hopped-Version mit ganz anderen Hopfen wiederum zum Tragen kommt, also vom Grundbier fast Bayerisch Nizza, nicht ganz, also es ist von der Stimmung her ein bisschen abgewandelt. Man sieht es auch, wenn man es im Glas hat. Es erinnert von der Farbe nicht wirklich an das Bayerisch Nizza, es ist ein bisschen dünkler, ein bisschen rötlicher. Da haben wir ein paar Abwandlungen gemacht, was die Karamellmalze angeht, weil grad bei diesen Double-Dry-Hopped-Sachen ist es wichtig, für mein persönliches Dafürhalten einen anderen karamelligen Unterbau zu haben, mehr abfedern kann, weil hinten raus wirds doch schon heavy. Dann entsprechend mit den Sorten Sinco, Mosaic und Citra für ein bisschen mehr tropisches Aroma zu sorgen, weil wir hatten ja von Beginn an Bayerisch Nizza immer mehr so in diese mediterrane Schiene gepackt, aus dieser mediterranen Sache raus eher in dieses Tropische, in dieses Passionsfruchtige et cetera et cetera zu gehen, dann mit Mosaic und Cinco den Citra zu ergänzen. Der Citra ist ja trotzdem noch im Bayerisch Nizza drin, allerdings dann mit Summit und Chinook noch.

 

Hazy IPA, Bayrisch Nizza mal anders

Markus: Wunderbar, da muss ich immer ein bisschen dran denken, dass das eigentlich für mich im Sommer bei Verkostungen immer so eine Allzweckwaffe ist. Das normale Nizza jetzt. Wir haben das ganz oft so, dass wir zum Beispiel so eine große Sektkühler-Metallschüssel haben, voll mit Eis, und da dann eben zehn, zwölf Flaschen Bayerisch Nizza rein. Wenn Leute ankommen, dann einfach Flasche auf, irgendwo schön miteinander zusammenstehen, unterhalten, Menschen zusammenbringen. Tolles Bier, was jeden abholen, zum Beispiel viele Frauen abholen kann, die vielleicht keine bitteren Biere mögen, aber es ist eben auch was für jemanden, der ein anspruchsvolles Bier will mit bisschen mehr Aroma, bisschen mehr Geschmack. Dazu noch die tolle Geschichte – muss man vielleicht an der Stelle auch sagen, dass Bayerisch Nizza ja für Aschaffenburg steht. Die genaue Geschichte kann man nachlesen, aber das ist auch toll, dass du dir da so einen schönen Namen hast einfallen lassen, und für mich ist das einfach so ein Bier, was auch so für dieses Schöne, Lockere, Leichte, Spaßige an der Craftbier-Szene steht, was sie am Anfang ja war. Es war am Anfang wirklich so ein Wohlfühl-Ding, wo alle miteinander in der Community waren, alle haben sich geliebt, und jeder hatte Spaß, und dieses Bier hat das repräsentiert wie, glaube ich, kaum ein anderes.

Christian Hans Müller: Jetzt hat Markus noch mal den Kopf aus der Schlinge gekriegt, weil ich wollt grad sagen, er hat jetzt zum dritten Mal gesagt, damit hat er die Frauen abgeholt.

Holger: Ja, das ist mir auch aufgefallen.

Christian Hans Müller: Ja, ich wollte jetzt über Frauen sprechen, aber Holger will über Chicago sprechen. Also sprechen wir über Chicago. Warum Chicago? Chicago ist eine schöne Stadt, ich habe Familie in Chicago, insofern war das für mich schon mal eine Hürde weniger, mich dort niederzulassen für so eine Maßnahme. Das zweite ist natürlich, man muss auch mal gucken, was ist terminlich kompatibel und was ist nicht kompatibel. Und auch das war ein Auslöser. Und dann war ganz klar so diese Frage auf dem Tisch: Chicago ja oder nein? Und dann: Ja, klar, also Chicago! Und deswegen habe ich das in Chicago gemacht. Man muss auch sagen, das war schon eine tolle Zeit. Es ist ein bisschen anders, als ihr das kennt, vom Ablauf her gewesen, da es eben an einer Stelle stattfindet. Ich glaube, in Deutschland ist das an zwei Stellen, wo es stattfindet, da ist es ja mit Obertrum und allem noch.

 

Biersommelier werden bei der Deutschen Bierakademie oder Doemens

Holger: Ja, es gibt also, oder zu der Zeit gab es eben zwei Ausbildungsstätten. Einmal die Bierakademie, wo es eben dann in Oberfranken stattgefunden hat. Und dann gab es noch die Doemens-Geschichte, wo die erste Woche in Gräfelfing war und die zweite Woche dann in Obertrum bei Trumer.

Christian Hans Müller: Ja, das war schon interessant, also auch die ganze Bierkultur. Wer ein bisschen den Einblick hat, wir reden jetzt über einige Jahre hinter uns liegend, der weiß ja, dass da schon vieles mit dem gewissen Vorsprung ausgeübt wurde und auch in einer Stadt wie Chicago dieser ganze Hype ja viel komprimierter, viel zentralisierter stattfinden konnte als jetzt, sagen wir mal vergleichsweise, in einer deutschen Großstadt. Da gab es unheimlich viele interessante Bars und gastronomische Konzepte zu entdecken. Brewpups, was alles… Wir haben zum Beispiel damals auch gebraut im Haymarket, was eine sehr interessante Brauerei inklusive Brewpub ist. Also jedes Mal, wenn ich wieder in Chicago bin, bin ich auch jedes Mal im Haymarket, da finde ich blind hin, von da finde ich auch blind wieder zurück, wo auch immer ich hinmuss, egal.

Holger: Also man hört schon, es war eine intensive Zeit.

Christian Hans Müller: Sehr!

Holger: Also dann kommen wir auch schon so ein bisschen ins Finale, oder? Jetzt haben wir noch Bohemia Crown.

Christian Hans Müller: Nein, ihr habt noch nichts zu dem Bier erzählt!

Holger: Ah, haben wir das noch nicht gemacht? Markus, ich habe dich doch aufgefordert, was zu sagen, warum sagst du nichts?

 

Foodpairing mit Bayrisch Nizza

Markus: Das ist ja mal ein Bier mit einer sehr schönen, klaren Botschaft. Tropical Nizza, das heißt, es ist fruchtig, es hat diese Maracuja-Pfirsich-Orangen-Mango-Noten, die einfach unheimlich viel Spaß machen. Dadurch, dass es auf der Weizenbasis ist, eben nicht so ein IPA mit einer hohen Bittere, ist es aber auch sehr angenehm zu trinken. Sehr erfrischend, relativ viel Kohlensäure, aber das gehört ja zum Bierstil dazu. Insofern ein tolles Sommerbier, ein schönes, erfrischendes Bier, und eins, was mir wirklich aromatisch so die volle Bandbreite gibt. Da kann man natürlich auch mit dem Essen schön spielen, mit Käse vielleicht schön spielen. Also ein Bier, was mir in seiner normalen Version schon immer viel Spaß gemacht hat, aber so natürlich noch mal besser ist für mich jetzt, weil ich auf dieses Tropische auch sehr stehe.

Holger: Aber jetzt gehen wir zum nächsten Bier, oder? Also Bohemia Crown. Bitte bitte.

Christian Hans Müller: Bohemia Crown! Hater sagen, Bohemia Clown… So, habt ihr es schon im Glas?

Holger: Ich hab’s schon im Glas.

Markus: Mm.

 

Bohemian Double Dry Hopped Pale Ale

Christian Hans Müller: Ich auch. Kurz zu dem Bier, also auch hier Double Dry Hopped Pale Ale, fällt ganz in die Zeit, entstand eigentlich bei dieser Competition, die wir Anfang letzten Jahres mit der Split Decision gemacht haben. Erinnert ihr euch noch? Wir hatten mit der Split Decision zwei Biere ins Rennen geschickt, und zwar Juicy IPAs, einmal Hallertauer Style und einmal Yakima Style, und haben die Leute einfach mal so abstimmen lassen: Was findet ihr geiler, was ist euer Favorit. Und zwar haben wir eine Abstimmung auf Instagram gemacht, wir hatten einfach mal so Feedback gesammelt, was die Leute uns so zurückmelden, weil so als kleine Brauerei bist du ja auch Empfänger für Feedback einfach. Leute kaufen irgendwo irgendwann mal Bier und schreiben uns dann E-Mails, und schreiben: Ich habe das getrunken, fand ich super, oder ich hab das getrunken, fand ich kacke… Gibt ja alles, wollen wir es mal auch ehrlich betrachten, und da war es dann einfach so, aus dieser Instagram Umfrage, aus diesem Feedback, das wir per E-Mail bekommen haben, und auch aus den Abverkaufszahlen haben wir dann ermittelt Was hat den Leuten besser geschmeckt? Das Split Decision Hallertau Style mit deutschen Hopfen, das war dann mit deutschem Cascade, mit Huell Melon und mit Hallertauer Blanc im Übrigen auch, gegenüber dem gleichen Bier, gestopft mit Sinco, Mosaic und Citra, genauso wie das Tropical Nizza, also das gleiche Grundbier, weil das Grundbier als Juicy IPA hatte ja nur einen ganz leichten Kochhopfenanteil, weil es sollte ja nicht bitter sein, und hatten im Prinzip ein Patch gebraut, haben den geteilt, deswegen Split Decision, geteilt und unterschiedlich gestopft. Das war die Idee dahinter. So, und dann hatte am Ende der amerikanische Hopfen die Nase vorn. Für mich persönlich, ich fand den Hallertauer interessanter, aber meine Meinung zählt dabei nicht, wir haben ja die Leute abstimmen lassen. So, also kam am Ende dabei raus, dass die Leute den Yakima lieber gemocht haben, demzufolge gab es dann die nächste Runde. Yakima brauchte einen neuen Gegner, Hallertau war ausgeschieden und als nächster Hopfengegner hat sich dann eben die Tschechische Republik aufgedrängt. Wir hatten dann ein Bier gebraut, was wir wieder gesplittet haben, aber als Double Dry Hopped Version gemacht haben, also ein bisschen intensiver. Das eine, Yakima River heißt es dann übrigens, (unv. #00:25:56.6#) Split Decision Yakima Style, etwas intensiver, und den zweiten Part, anstelle der Hallertauer Hopfen, dann mit den tschechischen Hopfen Sladek und Kazbek. Hater sagen, Lolek und Bolek, aber das ist eine alte TV-Serie. Wer so alt ist wie ich, der kennt das.

Markus: Ja, ist mir auch grad eingefallen.

Christian Hans Müller: Ja, genau. Wir sind da ja so eine Generation. Ich habe deswegen einfach mal den Herausforderer heute ins Rennen geschickt, nämlich den Bohemia Crown, das ist der Tschechische Hopfen, gegenüber dem Titelverteidiger, dem amerikanischen Hopfen. Ich bin mir ziemlich sicher, der Kazbek mag mehr oder weniger ein bisschen bekannt sein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand den Sladek vorher kannte und dass in diesem Bier einfach der Sladek mal so ein bisschen das Licht der Welt erblicken konnte. Und jetzt trinken wir es einfach! Zum Wohl!

Markus: Zum Wohl!

Holger: Prost! Ich habe meine Kollegin gehabt, die hieß Sladek, da muss ich gerade drüber nachdenken, aber…

Markus: Mit Vornamen?

Holger: Mit Vornamen…

 

Weizenmalz im IPA

Markus: Also ich freue mich auf jeden Fall über das Bier, wenn wir über die Sensorik sprechen, finde ich, da merkt man, dass es ein bisschen mehr Alkohol hat, und dass sich das dann schön verbindet mit den Hopfennoten zu so einem Honigton, der auch insgesamt, wenn man dann getrunken hat, viel Wärme macht und dieses Citrus schön betont. Gefällt mir gut, und ich habe auch so Gewürznoten. Jetzt kenne ich den Hopfen nicht, vielleicht ist der dafür verantwortlich. Das geht fast schon in so eine Gewürzmelange, wie man es von indischen Gerichten kennt oder so. Also ganz, ganz spannend, so ein schönes Nebenbei-Aroma. Vielleicht ist auch die Hefe, die das macht, weiß ich nicht. Was mir auch noch aufgefallen ist: Es hat relativ viel Kohlensäure. Ist ja auch Weizenmalz mit drin, also hast du da vielleicht ein bisschen auch Anklänge Richtung Weizen gedacht? Also auf jeden Fall ein gutes Bier.

Christian Hans Müller: Markus, ich freue mich, dass du den Honig erwähnst, weil das Bier ist jetzt nicht mehr von frischesten Status, aber ich finde auch, das hat sich sehr interessant entwickelt. Grad dieses Gewürzartige, des kam über die Zeit hinzu. Ich würde fast sagen, das ist jetzt keine Alterungserscheinung, aber das ist einfach ein Reifearoma, was sich entwickelt hat. Der Honig allerdings, der jetzt schon sehr intensiv so in Richtung bisschen Akazie geht und so weiter, der war frisch nach dem Abfüllen auch sehr dominant. Also es war ein sehr deutliches Honigaroma drin, aber auch dieser leichte Joghurt-Touch, ihr kennt es vielleicht von dem einen oder anderen IPA, was so ein bisschen erdbeerjoghurtartig ist, wird von vielen auch oftmals als Off-Flavour bezeichnet, aber ist eigentlich eine logische Konsequenz, wenn man das Produkt versteht. Das war auch da mit drin, und du hattest wirklich so dieses Zusammenspiel aus Joghurtnoten und Honig, also gerade so dieser griechische Dessert. Eigentlich megaspannend, war aber nur beim frisch abgefüllten Bier so. Also ich glaube, als wir schon die ersten in der Auslieferung hatten, dann… Man muss sich auch vorstellen, wenn wir so ein Bier frisch abfüllen und das intern verkosten, bis es dann mal ausgeliefert wird, dabei überwiegend an den Großhandel erstmal verkaufen, der es dann wiederum erst verteilen muss, da vergehen halt einfach ein paar Tage. Das war relativ schnell flüchtig, dieser Eindruck von diesem Joghurt und dem Honig im Zusammenspiel. Diese Joghurtnoten, die sind raus mittlerweile, dafür kommen diese gewürzartigen Sachen. Aber dieser Honig hat sich meiner Meinung nach noch ein bisschen verändert, positiv verändert und bildet jetzt schon wieder ein ganz anderes Bild ab, was ich aber auch ziemlich geil finde. Ich muss auch sagen, ich hab das Bier jetzt auch schon ein paar Wochen nicht mehr gehabt, ehrlich gesagt, aber jedes Mal aufs Neue spannend. Also sowas muss man immer wieder rausbringen, glaube ich.

 

Der achthöchste Berg im Kaukasus

Holger: Und das ist auch das, was mir so an dieser Szene unheimlich gut gefällt, dass es ja Biere gibt, die eine unglaubliche Komplexität haben und mitbringen. Es ist einfach großartig, immer wieder neue Dinge zu erkennen und zu erleben und wir haben das auch schon ein paar Mal jetzt gehabt bei unseren BierTalks, dass wir einfach auch kennen, dass Biere sich verändern und reifen und anders werden und man immer wieder Neues kennenlernt. Aber ihr seid ja totale Experten, also wenn ich euch so zuhöre, das ist ja unglaublich. Aber jetzt die absolute Expertenfrage: Wie heißt denn der achthöchste Berg im Kaukasus?

Christian Hans Müller: Kazbek!

Holger: So ist es!

Markus: Oder Sladek!

Christian Hans Müller: Ne, Kazbek! Aber…

Holger: Pass auf, du, also nicht, dass ich jetzt den Klugscheiß-Modus schon ausmache. Also so leicht kommst du mir nicht davon, weil es war davon auszugehen, dass du Klugscheißer das weißt.

Christian Hans Müller: Wer kennt nicht den achthöchsten Berg im Kaukasus!

Holger: So ist es, ja also das das weiß ja wirklich jeder!

Markus: Ganz wichtig!

Holger: …aber jetzt kommt die spezielle Spezialfrage: Wie hoch ist der achthöchste Berg im Kaukasus? Sofort bitte, sofort! Ihr googelt doch jetzt…

Markus: 4732!

Holger: Ihr googelt, ihr googelt! Sofort! 2335 Meter.

Markus: Süß!

Holger: Das sticht einfach heraus, wie der Gipfel des Kaukasus, der Namensgeber halt.

Christian Hans Müller: Jetzt müsst ihr es abmoderieren. Also ich krieg es jetzt nicht mehr hin.

 

Die Erstbesteigung des Kazbek

Markus: Jetzt können uns noch darüber unterhalten, wer den Kazbek erstmals bestiegen hat! Nein, aber ich glaube, man merkt, die Biere tun ihre Wirkung, vielleicht sollten wir es auch dabei belassen. Es war auf jeden Fall ein schöner Ausstieg, war ganz toll, Hans, mit dir zu reden und über dich und deine Biere zu erfahren, hat viel Freude gemacht und du hast ein ganzes Universum, Panoptikum, wie man das bezeichnen mag, an Bieren und auch an Erfahrung. Dafür danken wir dir auch sehr, dass du uns damit so reichlich bescherst!

Christian Hans Müller: Das habe ich sehr gerne gemacht, ich habe mich auch riesig darüber gefreut, als ich die Anfrage bekommen habe, Teil bei eurem Podcast zu sein, und vielen Dank auch dafür!

Holger: Also auch Dank zurück in deine Richtung, Hans, du bist einfach für mich einer der absolut spannendsten Protagonisten, warst es immer, und bist es hoffentlich auch noch lang und wirklich vielen, vielen Dank, dass du dabei warst, so offen warst, und ich wünsche dir noch einen schönen Abend! Jawoll!

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de

Mehr lesen

Bamberg feiert sein Bier

„proBier Bamberg 2016“ – Erste Biergenussmesse in der Domstadt Das Jubiläumsjahr „500 Jahre bayerisches Reinheitsgebot“ wirft bereits seine Schatten voraus. Zu diesem Anlass findet 2016 erstmals die Biergenussmesse „proBier Bamberg…

Spannende Genussreise durch Franken

Markus Raupach und Hans Wächtler führten durch einen Abend von Apfelsekt bis Zwetschgenbames Bamberg. 50 Gäste ließen sich am Mittwoch Abend im Buch und Medienhaus Hübscher auf eine kulinarische Reise…