BierTalk Spezial 72 – Informationen von Theo Flissebaalje, Bierjournalist und Beerjudge aus den Niederlanden

Diesmal gibt es ein BierTalk-Experiment der besonderen Art. Nachdem mein lieber Freund Theo Flissebaalje Anfang des Jahres verstorben ist und wir immer geplant hatten, einen Podcast zur Geschichte des Niederländischen Bockbieres aufzuzeichnen, habe ich eine Möglichkeit gefunden, es doch noch umzusetzen. Mittels KI-Unterstützung gibt es die Zusammenfassung eines ausführlichen Artikels von Theo, der nicht nur Journalist, sondern eine weltbekannte Ikone in der Bierwelt, unter anderem auch als Beerjudge, war, als BierTalk Spezial in Memoriam Theo und auch dafür, dass seine Botschaft weiterlebt. Insofern erwartet Euch eine spannende Reise durch die Geschichte des „Bokbiers“, wie es in den Niederlanden genannt wird, die aber auch mit der deutschen und europäischen Biergeschichte eng verknüpft ist. Am Ende klären wir auch auf, warum das Bokbier in unserem Nachbarland von allen Brauereien immer zum selben Termin, dafür aber immer früher im Jahr ausgeschenkt wird…

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BierTalk – Gespräche über und beim Bier.

Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts Beer Talk. Heute wirklich etwas ganz Besonderes, aber auch etwas Innovatives und etwas Denkwürdiges, denn ich habe einen sehr, sehr guten, lieben, alten Freund verloren, leider, einen Freund aus den Niederlanden, Theo Flissebaalje, der dort eigentlich zu den Protagonisten überhaupt der Beschäftigung mit Bier in der modernen Zeit gehört hat und dort die Verbraucherorganisation PINT mit aufgebaut hat, das Magazin mitgestaltet hat, in der EBCU sehr viel tätig war und auch selber als Journalist tätig war, viele Artikel rund um Bier und Brauereien in Belgien vor allem, aber auch natürlich die Niederlanden und Deutschland geschrieben hat. Wir haben uns regelmäßig besucht und er hat seinen Urlaub oft in Bamberg verbracht und wir haben viele Ausflüge hier in die Gegend gemacht und wir haben immer überlegt, wie könnten wir mal einen Podcast machen, und sein Englisch war nicht so super, aber sein Deutsch eben auch nicht und dann haben wir immer hin und her überlegt und leider Gottes ist es nie dazu gekommen, dass wir einen aufgezeichnet haben. Was er aber gemacht hat ist, er hat einen ganz tollen und auch bahnbrechenden Artikel geschrieben über das niederländische Bockbier. Das ist ganz interessant, weil dieses niederländische Bockbier dort wirklich eine Ikone ist und eine ganz spannende Geschichte durchlaufen hat und ein bisschen was auch mit dem Deutschen zu tun hat und da eben viel hin und her der beiden Kulturen ist. Und er war der Erste, der das überhaupt so ein bisschen erforscht hat, der in die Archive gegangen ist und eben da so ein bisschen rausgefunden hat, woran das Ganze liegt oder wie die Geschichte dahinter ist. Und was ich jetzt gemacht habe, ich habe einfach mal überlegt, probieren wir doch mal KI aus und ich habe seinen Artikel, den er auf Niederländisch verfasst hat, über Notebook LM, das ist ein Teil der KI von Google, in eine Art Podcast verwandeln lassen und den würde ich euch gerne jetzt in den nächsten 20 Minuten mal zum Anhören geben. Natürlich sind das jetzt nicht die echten Stimmen, weder die von Theo noch von mir, aber der Inhalt ist auf jeden Fall der und die Botschaft, die er auch gerne ausgesendet hätte, wird auf diesem Wege wenigstens mal rausgeschickt und auch von einem deutschen Publikum gehört und das rechtfertigt, ja, glaube ich, den Kompromiss. Also, insofern wünsche ich euch jetzt viel Spaß bei der Erkundung der Geschichte des Bockbiers. Seht der KI nach, wenn an der einen oder anderen Stelle mal eine falsche Aussprache ist oder wenn es zum Beispiel bei der Dekoktion auch mal kurz einen inhaltlichen Fehler gibt, der aber dann wieder korrigiert wird, aber an sich bringt es das alles gut rüber. Also, viel Freude jetzt bei diesem KI-Podcast und lasst uns alle ein Gläschen auf Theo heben, der wirklich ein ganz Besonderer war für die Bierwelt, für die Judging-Welt und für mich ganz persönlich.

I: Heute haben wir eine Geschichte vor uns, die auf den ersten Blick vielleicht wie eine einfache Produktgeschichte klingt, aber eigentlich ein faszinierender Wirtschaftskrimi ist.

B: Absolut.

I: Du hast uns einen Artikel von Theo Flissebaalje geschickt, der die Geschichte des niederländischen Bockbiers aufrollt. Und man denkt ja, man kennt es.

B: Klar, dunkles, starkes Bier, das im Herbst überall auftaucht.

I: Genau. Aber die Frage, die der Artikel aufwirft, ist, wie wurde ausgerechnet ein ursprünglich deutscher Bierstil zu einer der wichtigsten niederländischen Spezialitäten? Und die Antwort ist, so viel kann man schon sagen, eine Reise durch Gesetzeslücken, technologische Revolutionen und eine beinahe Katastrophe.

B: Ja, genau das ist es. Wir schauen uns heute an, wie dieses Bier von einem bayerischen Import zu einer echten niederländischen Ikone wurde und welche wirklich unglaublichen Hürden es dabei überwinden musste. Das ist keine geradlinige Erfolgsgeschichte.

I: Überhaupt nicht.

B: Es ist eine Geschichte darüber, wie ein einziges Gesetz eine ganze Industrie für Jahrzehnte lahmlegen kann und wie eine Tradition fast ausgestorben wäre, bevor sie, naja, durch cleveres Marketing wiederbelebt wurde.

I: Okay, dann lass uns mal ganz am Anfang anfangen, so Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Artikel beschreibt die niederländische Bierszene damals als, sagen wir mal, ziemlich traditionell. Was für Bier hat man da getrunken?

B: Also stell dir das so vor, die meisten Biere waren obergärig, oft trüb, geschmacklich nicht immer ganz verlässlich und eher für den lokalen Konsum gemacht. Und dann passiert etwas.

I: Die Invasion.

B: Sozusagen. Ab den 1840er- und 50er-Jahren schwappt eine Welle aus Deutschland herüber, Bayerisches Bier. Das ist das genaue Gegenteil, es ist untergärig, glasklar, schmeckt unglaublich rein und ist viel länger haltbar. Für die niederländischen Trinker war das eine Offenbarung.

I: Moment, du wirfst hier mit Begriffen wie obergärig und untergärig um dich, das ist ja der Kern des Unterschieds. Lass uns das mal für alle verständlich machen. Was bedeutet das genau?

B: Das ist der entscheidende Punkt, es geht darum, welche Hefe man benutzt und bei welcher Temperatur sie arbeitet. Obergärig, so wie die alten niederländischen Biere, bedeutet, die Hefe schwimmt während der Gärung oben und mag es wärmer.

I: Was macht das mit dem Geschmack?

B: Das erzeugt oft fruchtigere, komplexere Aromen. Untergärig ist das Schlüsselwort für die Bayerische Revolution. Hier arbeitet die Hefe bei kalten Temperaturen am Boden des Gärtanks. Der Prozess ist langsamer, viel kontrollierter.

I: Und das Ergebnis?

B: Ein unglaublich klares, sauberes, frisches Bier. Dieser Unterschied im Geschmack war damals so fundamental wie, sagen wir, der Sprung von Schwarz-Weiß zu Farbfernsehen.

I: Verstehe, ein völlig neues Produkt also. Und es kam nicht nur tröpfchenweise, der Artikel spricht von einer regelrechten Invasion.

B: Ja und das war kein Zufall. Die Politik schuf die perfekten Bedingungen, wirtschaftlicher Liberalismus, quasi keine Handelszölle und dann kam die Infrastruktur dazu.

I: Die Eisenbahn.

B: Genau. Ab 1856 gab es eine direkte Zugverbindung von München nach Amsterdam. Im selben Jahr wurde der Donau-Main-Kanal fertiggestellt. Plötzlich konnte man Fässer einfach und schnell transportieren.

I: Und die Zahlen dazu sind ja wirklich beeindruckend.

B: Oh ja. Die deutschen Bierimporte explodieren von rund 1.300 Hektolitern im Jahr 1850 auf einen Spitzenwert von fast 15.000 Hektoliter nur 15 Jahre später.

I: Das ist eine Verzehnfachung.

B: Eine Verzehnfachung.

I: Das ist doch verrückt. Wenn ich niederländischer Brauer wäre, würde ich doch sofort denken, das Zeug ist ein riesen Erfolg, das braue ich jetzt selbst. Warum ist das nicht passiert? Da muss doch mehr dahinterstecken als nur Sturheit.

B: Da triffst du den Nagel auf den Kopf. Es war keine Sturheit, es war eine simple Steuerregel, die wie eine Handbremse auf der gesamten niederländischen Brauinnovation lag, das Akzise-Gesetz von 1822.

I: Eine Steuer. Also wie genau kann eine Steuer sowas verhindern?

B: Naja, die Logik des Gesetzes war fatal. Die Steuer wurde nicht auf das fertige Bier erhoben, sondern auf den Inhalt des Maisch-Bottichs, also quasi auf das Ausgangsmaterial.

I: Ah, okay.

B: Und die niederländischen Brauer hatten sich darauf eingestellt. Sie nutzten das traditionelle Infusionsverfahren und machten aus einer einmal versteuerten Maische bis zu sieben Aufgüsse. Wenig effizient, aber steuerlich clever.

I: Okay, und was war beim bayerischen Bier anders?

B: Für das untergärige Bier brauchte man das sogenannte Dekoktionsverfahren. Dabei wird ein Teil der Maische aus dem Bottich gepumpt, separat gekocht, um mehr Zucker zu lösen und dann wieder zurückgeführt.

I: Und jetzt kommt der Haken nämlich an?

B: Jetzt kommt der absurde Teil. Nach dem Gesetz von 1822 galt jedes Zurückpumpen als neuer Inhalt des Maisch-Bottichs und wurde erneut voll besteuert.

I: Das ist doch Wahnsinn. Das heißt, für den gleichen Sud-Bier musste man mehrmals Steuern zahlen.

B: Genau, das hat die Herstellung von bayerischem Bier für niederländische Brauer um bis zu 50 Prozent verteuert. Es war finanzieller Selbstmord.

I: 50 Prozent?

B: Na, einige Pioniere wie die Swinkels, niederländische, bayerische Bierbrauerei in Amsterdam haben sich 1865 eine Sondergenehmigung direkt vom Finanzminister geholt, weil es anders nicht ging. Aber für die breite Masse war die Tür zur Innovation gesetzlich verriegelt.

I: Sie waren also in dieser Steuerfalle gefangen. Wie sind Sie da jemals wieder rausgekommen?

B: Der Durchbruch kam 1867, ein neues Gesetz, das alles veränderte. Plötzlich hatten die Brauer die Wahl, entweder sie zahlten weiter Steuern auf den Inhalt des Maisch-Bottichs oder …

I: Und das ist das Entscheidende.

B: … auf die verwendete Malzmenge. Das Dekoktionsverfahren war auf einmal kein finanzielles Desaster mehr, die Handbremse war gelöst.

I: Die Fluttore waren also offen. Und ich nehme an, das war der Startschuss für eine massive Modernisierungswelle.

B: Absolut. Dieses Gesetz zusammen mit einer zweiten ebenso wichtigen Revolution der Erfindung der künstlichen Kühlung durch Karl Linde im Jahr 1877 hat die Industrialisierung der Brauindustrie eingeleitet.

I: Ah, die Kühlung, klar.

B: Untergieriges Bier brauchte ja konstant kühle Temperaturen, was vorher nur im Winter möglich war. Jetzt konnte man das ganze Jahr über brauen. Überall entstanden große, moderne Brauereien mit glänzenden Kupferkesseln.

I: Das klingt nach einer reinen Erfolgsgeschichte. Große, moderne Brauereien, besseres Bier. Aber der Artikel deutet auch eine Schattenseite an.

B: Ja, die gab es. Die neue Steuermethode, also die Besteuerung nach Malzmenge, war nur für Sude mit mindestens 200 kg Malz erlaubt.

I: Ah, und das war das Problem?

B: Das war eine klare Benachteiligung für die vielen kleinen, traditionellen Brauereien, die solche Mengen oft nicht verarbeiten konnten. Sie steckten weiter in der alten Steuerfalle, während die Großen davonzogen. Es war der Beginn einer massiven Konsolidierung im Markt.

I: Mit dieser neuen Freiheit war die Tür für Investitionen und große Visionen plötzlich weit offen. Und einer, der da sofort durchmarschiert ist, war ein gewisser Gerrit Adrian Heineken.

B: Eine fantastische Anekdote aus dem Artikel. Heineken besucht 1869 eine internationale Ausstellung in Amsterdam und muss feststellen, dass die Leute Schlange stehen für das untergärige bayerische Bier, während sein eigenes, obergäriges Bier kaum Beachtung findet.

I: Autsch.

B: Ja, aber er hat das nicht als Niederlage gesehen, sondern als Weckruf. Er hat sofort entschieden, alles umzustellen. Um das nötige Kapital für die teure neue Technologie aufzubringen, gründete er 1873 die Heineken Bierbrauerei Match képei, kurz HBM.

I: Ein klassischer Fall von, wenn du sie nicht schlagen kannst, mach es besser als sie.

B: Genau das.

I: Okay, die Qualität und Haltbarkeit der Biere stiegen also enorm. Aber der Artikel erwähnt auch, dass die Biervielfalt dadurch abnahm. War das für den normalen Trinker damals wirklich ein Nachteil, vielleicht war er ja froh, endlich ein Bier zu bekommen, das immer gleich gut und verlässlich geschmeckt hat?

B: Das ist ein sehr guter Punkt. Aus der Perspektive des Konsumenten war das wahrscheinlich ein riesiger Fortschritt, du wusstest, was du bekommst. Deutsche Braumeister, sogenannte Wanderburschen, brachten ihren Knowhow ins Land und etablierten verlässliche Standards.

I: Und der Markt hat sich dann auf wenige Stile konzentriert?

B: Ja, auf die erfolgreichen, Pilsener, Münchner, Dortmunder und eben einige Spezialitäten. Eine davon war das Bockbier. Die Kehrseite war aber, dass hunderte lokale, eigenständige Bierstile einfach verschwanden, es war der Preis der Industrialisierung.

I: Damit sind wir also bei der eigentlichen Geburt des niederländischen Bockbiers, unter all diesen neuen deutschen Stilen hat es sich durchgesetzt. Lass uns mal über den Namen reden. Der Artikel erzählt diese wunderbare Geschichte über Martin Luther und die Stadt Einbeck.

B: Ja, die Legende ist zu schön, um sie nicht zu erzählen. Martin Luther soll sich vor seiner berühmten Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms 1521 mit einem Krug Bier aus der Stadt Einbeck in Niedersachsen gestärkt haben.

I: Okay.

B: Sein Ausruf, mir Einbeck, also ein Einbecker für mich, soll sich im bayerischen Dialekt über die Jahrhunderte zu „Ein Bock“ verschliffen haben.

I: Eine tolle Marketing-Story. Aber der Artikel schränkt das direkt wieder ein, oder?

B: Genau, denn das ursprüngliche Bier aus Einbeck war höchstwahrscheinlich ein starkes, obergäriges Weizenbier, also etwas völlig anderes als das dunkle, untergärige Lagerbier, das im 19. Jahrhundert als Bockbier bekannt wurde.

I: Der Name wurde also recycelt.

B: Quasi wiederverwendet für ein neues Produkt. Was aber faszinierend ist, ist die ursprüngliche Funktion dieses Bieres.

I: Du meinst, es war nicht nur ein bestimmter Stil, sondern hatte einen Zweck?

B: Exakt. Bevor es künstliche Kühlung gab, durfte man aus hygienischen Gründen nur in den kalten Monaten brauen, also etwa von September bis April. Der erste Sud nach der Sommerpause wurde mit der frischen Ernte des Jahres gebraut, neues Malz, neuer Hopfen.

I: Und den hat man dann extra stark gemacht?

B: Ja, damit er die langen warmen Monate übersteht, ohne schlecht zu werden. Es war also ein saisonales Starkbier zur Vorratshaltung.

I: Es war also im Grunde ein Überlebensbier, ein Bier, das stark genug sein musste, um den Sommer zu überleben.

B: Ganz genau. Mit Lindes Kühlmaschine war das natürlich nicht mehr nötig. Aber die Tradition eines dunklen, starken Bieres für die kalte Jahreszeit blieb erhalten. Es war einfach ein willkommener Umsatzbringer.

I: Und die Niederländer haben diese Tradition übernommen. Amstel war da ja wohl ganz vorne mit dabei.

B: Ja, die warben schon am 9. Januar 1872 für ein Winterbier, das wohl das erste niederländische Bockbier war. 1883 gewann ihr Bockbier sogar eine Goldmedaille. Damals wurde es noch mindestens vier Monate in Eichenfässern gelagert.

I: Vier Monate, das ist ja heute kaum vorstellbar.

B: Nein.

I: Und es gab noch andere Pioniere. Der Artikel hebt eine Brauerei mit einem erstaunlich modernen Marketing hervor.

B: Ja, die Phoenix Brauerei aus Amersfoort. Hör dir mal diesen Werbetext von damals an, ich zitiere: „Phoenix Bockbier wird aus feinstem Malz und mit dem duftenden Hopfen nach altem Rezept gebraut, ohne Zusatz von künstlichen Farb- oder Süßstoffen, auf jeden Fall

I: Das ist ja unglaublich. Das klingt wie eine Werbung für ein Craftbier von heute, die mit dem Reinheitsgebot wirbt.

B: Völlig. Und sie hatten noch eine geniale Idee, eine spezielle 450-Milliliter-Flasche, den Pullenbock.

I: Und was war daran so besonders?

B: Die war genau groß genug für zwei Gläser. Da steckte schon der Gedanke des gemeinsamen Genusses des Teilens drin. Das war ein cleveres Marketing im 19. Jahrhundert.

I: Okay, die Weichen sind also gestellt, das Bockbier ist da, es wird populär, es scheint auf dem besten Weg zu sein, eine feste Tradition zu werden. Aber dann passiert, laut dem Artikel, etwas völlig Unerwartetes. Die Niederländer hören auf, Bier zu trinken.

B: Ja, es ist wirklich dramatisch. Die Niederlande, die im Mittelalter eine absolute Bier-Supermacht waren, Gouda allein hatte um 1500 an die 350 Brauereien, wenden sich komplett vom Bier ab.

I: Die Zahlen im Artikel sind ja schockierend.

B: Ja. Der Pro-Kopf-Verbrauch stürzt ins Bodenlose. Zwischen 1906 und 1919 lag er bei nur noch 27 Litern pro Jahr.

I: 27 Liter, das ist ja fast nichts. Wie war das im Vergleich zu den Nachbarländern?

B: Das macht es erst richtig deutlich, im selben Zeitraum tranken die Belgier 221 Liter pro Kopf.

I: 221?

B: Ja. Die Briten 123 und die Deutschen 105 Liter. Die Niederlande waren zur, mit Abstand, unbedeutendste Biernation Westeuropas geworden. Der absolute Tiefpunkt kam 1935 mit nur noch 15,3 Litern.

I: Unfassbar. Was bedeutete dieser Absturz für ein Nischenprodukt wie das Bockbier? Das muss ja katastrophal gewesen sein.

B: Absolut. Es war zwar die wichtigste Bierspezialität des Landes, machte aber nur noch rund ein Prozent des Gesamtumsatzes aus.

I: Nur ein Prozent?

B: Um diesen winzigen Markt zu retten, taten die großen Brauereien etwas sehr Ungewöhnliches, sie gründeten den Bund von Niederlands Brauereien. Einen Verband, der das Bockbier quasi zentral steuern sollte.

I: Sie haben ein Kartell für Bockbier gegründet?

B: Im Grunde ja. Es war ein verzweifelter Versuch, das Produkt am Leben zu erhalten. Sie legten 1931 den Alkoholgehalt auf 6,5 % fest und vor allem führten sie ein gemeinsames Erscheinungsdatum ein.

I: Um das Chaos zu beenden?

B: Genau, dieses Wettrennen, wer der Erste auf dem Markt ist. Zuerst legten sie es auf den zweiten Donnerstag im Dezember. Ein Datum, das von einem Komitee festgelegt wird, das muss man sich mal vorstellen.

I: Und selbst das hat nicht gereicht? Der Artikel beschreibt ja einen Moment, an dem die ganze Tradition an einem seidenen Faden hing.

B: Ja, das ist der dramatische Höhepunkt, die Produktionszahlen brachen trotz der Bemühungen völlig ein. Von über 30.000 Hektoliter 1923 auf nur noch 8.600 im Jahr 1935.

I: Ein Rückgang um über 70 Prozent.

B: Ja. Und dann kam es am 20. August 1935 zu einer Sitzung des Verbands. Auf der Tagesordnung stand die offizielle Frage, sollen wir dieses Jahr überhaupt noch Bockbier brauen?

I: Wow.

B: Die gesamte, mühsam aufgebaute Tradition stand kurz davor, in einer Vorstandssitzung beerdigt zu werden.

I: Aber sie wurde es nicht, zum Glück. Und was dann in dieser schwierigen Zeit passierte, ist mein Lieblingsteil der Geschichte, anstatt aufzugeben, haben sie dem Bier eine Parade gewidmet.

B: 1936, das war Event-Marketing, bevor es das Wort überhaupt gab. Festlich geschmückte Lastwagen von Heineken und Amstel, Pferdewagen von der Brauerei von Vollenhofen zogen quer durch die Stadt.

I: Wohin denn?

B: Zum Rembrandtplei, um die Ankunft des ersten Bockbiers zu zelebrieren. Die Leute haben es geliebt. 1937 wurde davon sogar ein Tonfilm gedreht, man hat dem Bier eine Bühne gegeben, es zu einem Ereignis gemacht.

I: Und diese Idee hat die Tradition gerettet und in die Nachkriegszeit getragen.

B: Das war die Brücke. Während des Zweiten Weltkriegs wurde natürlich kein Bockbier gebraut, aber als es 1950 zurückkam, hat man auch den Umzug wiederbelebt. Der Slogan war genial, der Bock is weer bes.

I: Der Bock ist wieder der Beste.

B: Genau, das war der symbolische Neustart, der das Bockbier wieder ins öffentliche Bewusstsein katapultiert hat.

I: Und von da an ging es wieder bergauf. Heute kennen wir es ja vor allem als Herbstbock, das Erscheinungsdatum ist immer weiter nach vorne gewandert.

B: Richtig. Die großen Brauereien legen das Datum immer noch fest, aber es ist vom tiefen Winter in den frühen Herbst gerückt. Bis 2005 war es der erste Montag im Oktober, heute ist es schon auf dem 21. September, der astronomische Herbstanfang.

I: Wobei sich die vielen neuen, kleinen Craft-Brauer daran nicht mehr halten.

B: Überhaupt nicht, sie haben dem Stil auch eine neue Richtung gegeben.

I: Du meinst, weil sie oft wieder obergärige Häfen verwenden, wie du am Anfang erwähnt hast?

B: Genau. Viele moderne niederländische Bockbiere sind obergärig, was ihnen einen fruchtigeren, würzigeren Charakter verleiht, eine bewusste Abgrenzung zum klassischen deutschen untergärigen Bock. Diese Wiederbelebung wurde stark von einer Verbraucherorganisation namens PINT vorangetrieben.

I: Die haben sich von der britischen CAMRA inspirieren lassen, richtig?

B: Ja, CAMRA, die Campaign for Real Ale. Eine extrem einflussreiche Bürgerbewegung in Großbritannien, die sich seit den 70ern für die Rettung traditioneller Fassbiere eingesetzt hat. Und PINT wollte in den Niederlanden etwas Ähnliches erreichen.

I: Die Biervielfalt fördern.

B: Genau und Spezialitäten wie dem Bockbier eine neue Plattform geben. Sie waren unglaublich erfolgreich damit.

I: Okay, wenn wir jetzt mal einen Schritt zurücktreten, was für eine verrückte Geschichte ist das eigentlich, wir haben ein Bier, das als deutscher Exportschlager beginnt.

B: Dessen Erfolg in den Niederlanden erst durch eine Gesetzesänderung und eine technische Erfindung ermöglicht wird.

I: Es wird zu einer nationalen Tradition, stirbt dann fast aus, weil die ganze Nation dem Bier abschwört.

B: Wird durch eine Parade gerettet und erlebt heute als neu interpretierter Herbstklassiker eine Renaissance.

I: Wahnsinn.

B: Das fasst es perfekt zusammen. Und es zeigt so eindrücklich, dass ein Produkt niemals nur ein Produkt ist. Die Geschichte des Bockbiers ist untrennbar verbunden mit Steuergesetzen, Kühltechnik, Marketingstrategien und dem sich wandelnden Geschmack einer ganzen Nation.

Markus: Soweit die Infos über das niederländische Bockbier. Ich hoffe, es hat euch ein bisschen die Augen geöffnet, wie eben auch die andere Perspektive auf einen Teil der Biergeschichte sein kann. Und ich bin auch mal gespannt, was ihr sagt zu dieser Idee, die KI hier als Unterstützung mit reinzunehmen in so einem besonderen Fall. Das könnte sich natürlich wieder anbieten, wenn ich andere Freunde habe, die eben auch weder auf Deutsch noch auf Englisch einen Podcast machen können, wo aber interessante Themen im Raum stehen. Also da wäre es durchaus mal interessant, von euch zu erfahren, was ihr davon haltet, also ich würde mich freuen, wenn ihr mir dazu gerne ein Feedback schicken würdet. Das geht ganz einfach, entweder über info@ bierakademie.net oder über markus@raubach.eu, ansonsten auch über Telefon und sonstige Kontaktmöglichkeiten, steht ja alles im Internet. Also, wie gesagt, würde mich freuen, wenn ihr mir kurz Bescheid gebt, ob sowas grundsätzlich mal wieder stattfinden kann oder ob das für euch völlig abstrus ist, je nachdem. Und, ja, danke auf jeden Fall, dass ihr bei dem Experiment dabei wart und danke auch, dass ihr mir ein bisschen geholfen habt, an Theo zu gedenken.

BierTalk – der Podcast rund ums Bier. Alle Folgen unter www.biertalk.de.

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