BierTalk Spezial 9 – Interview mit John Brauer, Executive Officer at The Brewers of Europe in Brüssel

Schon die Geburt stellte die Weichen für den kleinen John: Benannt nach seinem Urgroßvater, der die erste Lagerbierbrauerei in den USA gegründet hatte (John Schneider) und mit einem mittlerweile vererbten perfekten Nachnamen war klar, dass auch John Brauer einst hinter Braukesseln stehen würde. Unerwarteterweise geschah das allerdings in Südafrika, wo er erst eine Versuchsbrauerei und schließlich den ganzen Laden leitete, bis ihn schließlich der Ruf ereilte, zu den Brewers of Europe zu gehen und dort vor allem für die European Brewery Convention verantwortlich zu zeichnen, die die allseits bekannten Werte rund ums Bier festlegt (z.B. EBC). Zudem ist John gern auch als BeerJudge und als Bierfestbesucher unterwegs, was viele interessante Aspekte im BierTalk mit Markus Raupach und Holger Hahn zu Tage fördert, aber hören Sie selbst…

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Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen BierTalk Spezial. Heute machen wir eine kleine, nicht ganz so weite, aber spannende Reise. Doch vorweg, hier am Mikrofon ist der Markus und …

Holger: … der Holger.

Markus: Und dann haben wir wie immer einen spannenden Gast. Und wie gesagt, heute ein Stückchen weg. Wir müssen in die europäische Hauptstadt, wir müssen nach Brüssel und treffen dort einen Mann mit dem tollen Namen John Brauer. Wenn du dich ganz kurz ein bisschen selbst vorstellst, John, damit die Leute wissen, was so hinter diesem schönen Namen steckt.

John Brauer: Guten Morgen und vielen Dank für die Einladung, lieber Markus und Holger natürlich auch. Ja, John Brauer, zu dem Namen bin ich durch Geburt gekommen, aber ich prahle auch manchmal damit, dass es eigentlich ein Künstlername ist. Aber wie dem auch immer sei, ich bin in Johannesburg geboren und aufgewachsen, und habe dann nach meinem Studium angefangen bei der Brauerei im Labor zu arbeiten. Ich fand das schon spannend für eine Brauerei zu arbeiten, im Labor vielleicht eher weniger, aber man braucht ja auch irgendwo einen Einstieg. Ich wurde dann im Zuge der Umstrukturierung dann gebeten, in der Pilotanlage einen Job zu übernehmen. Das ging natürlich Hand in Hand mit dem Erlernen des Brauhandwerks. Und das hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich habe das auch gerne gemacht. Dann habe ich gleichzeitig nebenher dann auch meine internationalen Brauerausbildungen durch IBD, also das hieß damals IOB, nämlich Institute of Brewing in London, dann also abgeschlossen. Und ich habe dann also auch in einem der Großbetriebe von South African Breweries gearbeitet damals. Das war eine schöne Zeit, muss ich sagen, weil das war eine Brauerei, die 1 Million Hektoliter machte, und zwar nur vier oder fünf verschiedene Sorten, alle untergärig, alles High Gravity, und hatten 300 Mann da. Also die Malzsäcke geschleppt haben und Tanks geschrubbt und das war alles noch sehr Handarbeit und da habe ich sehr, sehr viel gelernt. Und auch dieses kameradschaftliche miteinander umgehen, was ja auch zu der Zeit in Südafrika dann auch eine besondere Note hatte, denn es war also wirklich, in den Betrieben war man ja dann schon Vorreiter des Endes der Apartheit, dass also weiß und schwarz kameradschaftlich miteinander im Betrieb umging. Also insofern war das da eine tolle Sache. Aber jetzt machen wir einfach mal einen Sprung. Seit 2007 bin ich in Brüssel ansässig, Ende 2007. Ich bin der Geschäftsführer der EBC, also European Brewery Convention. Viele von euch werden die EBC kennen, einfach dadurch, dass es eine Messgröße ist für Farbe im Brauprozess, also hauptsächlich Bierfarbe, aber auch sagen wir mal Würzefarbe, das wird ja allgemein bekannt in EBC-Einheiten gemessen. Natürlich habe ich immer noch eine Liebe nicht nur zum Produkt, die manchmal sehr lieb ist, diese Beziehung. Nein, es ist aber auch, dass ich immer ständig versuche, mich auf dem letzten Stand der Dinge in der Brautechnik und in der Technologie zu halten. Ich habe da viel Spaß. Durch meine Arbeit bin ich auch sehr, sehr viel mit einer ganzen Bandbreite von Technikern und Brauern und Qualitätspersonal sozusagen in Kontakt. Das macht schon sehr viel Spaß und dadurch reden wir ja auch quasi miteinander und haben also diese doch sehr globalen Verflechtungen und Beziehungen.

Markus: Das klingt ja total spannend. Was mich jetzt noch interessieren würde, du sprichst perfekt Deutsch, woher kommt das denn?

John Brauer: Meine Eltern waren beide deutsch, sind in den 50er Jahren bereits als junge Leute nach Südafrika ausgewandert, haben sich da kennengelernt. Wie man so sagt, der Rest ist Geschichte. Viele denken einfach, dass mein Vorname natürlich ist, weil ich in Südafrika geboren wurde, aber das ist nur die Hälfte der Geschichte. Mein Vorname kommt eigentlich durch meinen Großvater, und dessen Vater, also mein Urgroßvater quasi, war der erste Lagerbierbrauer in Iowa. Die waren nämlich aus der Pfalz 1865, 1870 ausgewandert und haben in einem kleinen Ort in Iowa, in Marion, die erste Lagerbierbrauerei gegründet. Leider gibt’s die nicht mehr, das war Karl Schneider & Sons. Und diese sogenannten Sons, also die Söhne, der eine davon war dann der John Joseph Schneider, und nach dem bin ich also benannt. Also der große Witz der Sache ist: Mein Nachname ist Brauer, ich komme aus einer Brauerfamilie, aber die hießen Schneider.

Markus: Da gibt’s dann noch mehr mittlerweile. Aber gut, ja, Holger, Südafrika, das ist doch für dich ein gutes Stichwort, oder?

Holger: Auf jeden Fall ein gutes Stichwort. Ich war ja auch schon ein paar Mal in dem Land und liebe das Land und auch die Leute vor allen Dingen. Gerade im Moment denke ich da viel drüber nach, weil die südafrikanische Regierung hat es sicherlich gut geschafft, das Thema Corona in irgendeiner Form einzudämmen. Aber dadurch sind so viele wirtschaftliche Probleme entstanden, es gibt keine Sozialsysteme, die ganz Armen hungern, also die hungern wirklich gerade. Das kann man sich, glaube ich, so bei uns gar nicht vorstellen. Und da gehen viele meiner Gedanken gerade hin und ich bin auch traurig so ein bisschen darüber. Aber das können wir ja jetzt nicht weiterspinnen, wir müssen die Kurve kriegen. John, ich finde es sehr beeindruckend, ich habe gerade schon darüber nachgedacht, worüber reden wir jetzt wohl? Wir hatten uns ja vorgenommen, über Bier zu reden, aber man könnte, glaube ich, auch einfach nur bei dir bleiben und so ein bisschen in der Biografie kramen. Vielleicht können wir ja beides verbinden. Also du erzählst ein bisschen über Bier, aber machst dann immer sowas Biografisches und so. Ich denke, das ist wirklich sehr spannend. Also mich würde es auf jeden Fall freuen.

John Brauer: Ich versuche, auch da die Kurve zu kriegen. Und wenn ich ins Labern geraten sollte, dann zeigt ihr mir einfach die Rote Karte, okay?

Markus: Gerne, die Rote Karte ist in dem Fall aber eine flüssige Karte. Und vielleicht fangen wir damit einfach an. Du kannst als Gast gerne als erstes dein Bierchen aufmachen und dann wird‘s uns vielleicht auch interessieren, was es für eins ist, oder lässt du uns raten.

John Brauer: Okay. Also ich fang mal an. Die Flasche steht vor mir. Die Flasche ist eine Pfandflasche. Es gibt keine Halbe-Liter-Pfandflasche, es gibt keine NRW oder die Long Neck, diese Art Flaschen, wie wir sie in Deutschland kennen. Es gibt halt die 0,33 und dann auch ein sehr beliebtes Format für Pfandflaschen in Belgien ist die 0,25. Das ist also ein süßes kleines Format. Da habe ich mir jetzt ein Fläschchen hier hingestellt, das kommt auch gerade aus dem Kühlschrank. Soll ich mal aufmachen und einschenken? Ich meine, wir sehen uns ja nicht. Aber ich lasse euch mal raten. Ich mach‘s schon mal auf und schenke es ein. Eine schlanke Robe, wie man hier vielleicht sagen würde. Wenn ich jetzt weiterrede, dann wisst ihr gleich, worum es sich handelt. Also deswegen lade ich euch ein, zielführende Fragen hier zu stellen.

Markus: Tja, Holger, was sagst du denn?

Holger: Es könnte ja in Richtung Pale Ale IPA gehen, sowas. Kann aber natürlich auch was schönes Belgisches sein. Also vielleicht gibt’s du so eine kleine Richtung vor?

John Brauer: Okay! Also den Stil kennt man in Deutschland, allerdings wird dieses Bier vorzugsweise in 0,5-Liter-Gläsern ausgeschenkt. Ganz früher hatte man auch diese unzivilisierte Unart und hatte dann vielleicht auch noch eine Zitronenscheibe reingetan.

Holger: Dann ist es ja wahrscheinlich ein Weißbier. Die Zitronenscheibe wäre eher in Richtung Kristallweizen, aber du hast ja gesagt, es ist trüb. Also ich denke, es ist einfach ein Weißbier oder ein Weizenbier.

John Brauer: Ja. Und die heißen halt in Belgien …

Markus: Ein Witbier.

John Brauer: … abhängig davon, ob man auf der französischen Seite ist, dann ist es ein Beer Blanche, oder ist es ein Witbier. Ich sag auch immer, das ist eine bestimmte Unterart von einem Weizenbier, weil ich glaube, unsere typisch süddeutschen Weißbiere, auch wenn sie vielleicht dunkel sind, sind immer gekennzeichnet durch diese phenolische Hefe. Das haben diese Biere nicht. Eigentlich sind diese Biere relativ leicht, und man könnte fast sagen etwas unbedarft. Dadurch tut ja auch der Belgier dann so Sachen wie getrocknete Orangenschale rein und vor allen Dingen das von mir doch sehr geschätzte Koriander, was die ganze Sache sehr hebt und blumig würzig, ja, fast schon ein bisschen parfümiert erscheinen lässt, aber doch ein sehr schöner Stil ist. Und vor allen Dingen ein Bier, was sich sehr, sehr gut trinkt, besonders an warmen Tagen.

Markus: Dann ist es entweder ein Hoegaarden oder ein Blanche de Namur.

John Brauer: Ich glaube, du hattest die Kamera an.

Markus: Nein, hatte ich nicht, überhaupt nicht.

Holger: Ja, ja, genau, er kann es ja ein- und ausschalten, haben wir ja gerade gemerkt. Aber so wie du …

Markus: Nein, nein, nein.

Holger: … es beschrieben hast, also ja, geht’s ja total in die Richtung. Und ein Witbier, bei dem schönen Wetter, das ist ja genau das Richtige, um in den Tag zu kommen. Also das ist halt genau das Richtige.

Markus: Also ich würde das Blanche de Namur nehmen. Welches hast du denn?

Holger: Ja, es ist ein Blanche de Namur. Genau richtig. Allerdings muss ich dir sagen, du kannst ja jetzt nicht sehen, allerdings habe ich ein Hoegaarden-Glas eingeschenkt, weil ich nämlich kein anderes habe. Also insofern hast du fast schon blind den Finger da richtig reingelegt in die Wunde. Das ist absolut korrekt, das ist ein Blanche de Namur. Ich persönlich muss sagen, dass mir der doch relativ ausdrucksstarke Koriander beim Hoegaarden eigentlich besser schmeckt, muss ich ganz ehrlich sagen. Allerdings muss man auch sagen, dass dadurch die Drinkability etwas einbüßt beim Hoegaarden. Also da kann man auch an einem heißen Tag nicht so viel davon trinken, weil nach einer Weile finde ich, der Koriander wird dann schon so ein bisschen aufdringlich. Besonders wenn das Bier dann wärmer wird, dann ist das also auch nicht so reizvoll. Aber was ich tollfinde bei dem Blanche de Namur, ist, dass es sehr diskret mit dem Koriander zu Wege kommt und dadurch eine bessere Drinkability gewährleistet ist. Aber so für einen Freitagmorgen 10 Uhr, Kaffeepause-Ersatz, ist es wirklich ein erfrischendes kleines Weißbier mit blumigen Noten, die man da gerne noch vor dem Mittagessen genießen kann.

Markus: Da würden wir jetzt gerne mitmachen, Holger, oder?

Holger: Unbedingt! Ich spreche das ja immer wieder an, auch das Thema Preis-Leistung-Verhältnis finde ich auch wichtig, also in Richtung Biergenießer. Und das sind beides Biere, also beide Biere sind, finde ich, vom Preis-Leistungs-Verhältnis her auch unschlagbar. Also die kriegt man ja in Belgien wirklich in jedem Supermarkt auch. Und es sind Top-Biere, alle beide, muss man wirklich sagen. Also großartig!

Markus: Da sind wir natürlich jetzt auch im Herzen der belgischen Bierkultur angekommen, also zumindest von der Geschichte her. Weil das Wit mit das älteste Bier ist, was es in Belgien als eigenen Bierstil gibt und die Basis für viele, viele andere Biere war. Vielleicht die Frage, also du bist jetzt in Brüssel, kommst aber eben eigentlich aus anderen Ecken der Welt, das heißt: Wie war das so in Belgien anzukommen? Wie ist es, mit den belgischen Bierstilen, der belgischen Bierkultur überhaupt zurecht zu kommen? Dort wird ja doch mehr und vielleicht auch anders getrunken und vielleicht auch stärkere Biere. Und was hat das überhaupt mit den Brewers of Europe auf sich?

John Brauer: Auf die Brewers of Europe komme ich gleich noch zurück, das ist auch eine spannende Sache. Nochmal zu dieser Frage des Ankommens, und das ist jetzt 2008 gewesen, Anfang 2008: Das waren keine einfachen Zeiten, einfach weil der Belgier sehr freundlich, sehr zuvorkommend ist, aber hilfsbereit ist nicht unbedingt seine Stärke. Er oder sie würde das nie so sehen. Es ist eher so, dass hinterher dann, wenn man sagt, hättest du mir ja gleich sagen können: Ach so! Du hast aber nicht gefragt. Das ist so ein bisschen so eine Quadratur des Kreises, die die auf einer zwischenmenschlichen Beziehung nicht so für nötig erachten. Es sind auch sehr private Leute, also es ist selten Belgier im Freundeskreis zu haben, weil die sehr auf Familie auch erzogen sind und eigentlich die Wochenenden lieber bei den Eltern beziehungsweise Schwiegereltern verbringen. Das ist auch völlig okay so. Von daher braucht man schon eine gewisse Eingewöhnungszeit, würde ich sagen. Die Eingewöhnungszeit würde ich fast auch auf die Biere beziehen, weil es gibt, wie ihr ja beide wisst, eine tolle Auswahl an sehr, sehr interessanten Bierstilen und es gibt alles Mögliche und es gibt kaum was, was es eben nicht gibt. Aber man geht halt auch immer an das Biertrinken eher mit einem Genussaspekt anstelle von einem Durstlösch-Aspekt heran. Was natürlich auch ein bisschen dem Klima geschuldet ist, nicht momentan, weil es ist gut warm. Und daran muss man sich auch so ein bisschen gewöhnen. Es ist irgendwo, weißt du, wenn du nachmittags irgendwie Freunde eingeladen hast für ein Barbecue oder sowas, und man steht um den Grill rum, dann pfeifst du dir nicht gleich so vier schnelle Tripel Karmeliet oder sowas rein. Und das fehlt mir so ein bisschen, dass also für einen Freund von untergärigen hellen Bieren die Auswahl eher mäßig ist. Also das sind auch so Sachen, wo ich gerne nach Deutschland fahre, oder wenn ich mal in Deutschland bin oder vor allen Dingen in Bayern, schöne helle Biere, süffig, durstlöschend, also das fehlt mir dann. Von daher ist es ein bisschen schwierig. Man nimmt immer das Beste mit aus einem Land, und die Kultur, die Biertrinkkultur ist halt da eine ganz andere, aber es ist nicht schlecht, beileibe nicht. Ich finde, es ist sehr, sehr spannend, und kaufe auch immer wieder gerne Sachen, die ich noch gar nicht kannte. Also insofern ist man eigentlich immer auf einer Lernkurve, die auch sehr befriedigend ist.

Holger: Ich lebe ja in der Hauptstadt Oberbayerns und dann kann man sagen, es ist vielleicht auch gleichzeitig die Hauptstadt der Hellen. Obwohl ja nicht schon immer hier hell gebraut wurde, also in München, sondern erst seit circa 125 Jahren. Bei mir ist es fast genau umgekehrt. Also mein Lieblingsstil ist eigentlich Pils, ich habe eine Pils-Vergangenheit, finde den Stil einfach einzigartig. Hell ist mir meistens zu langweilig, es gibt aber Ausnahmen. Aber das ist jetzt nicht so, dass ich irgendwie täglich Sehnsucht hätte. Aber in die belgischen Bierwelt, da habe ich nicht nur täglich Sehnsucht, sondern jede Sekunde, also wirklich jede Sekunde. Ich sag auch immer, für mich ist die belgische Bierwelt der Zenit, in meinen Augen gibt es das nicht besser. Und dass du jetzt sagst, Mensch, also die sind alle natürlich toll und komplex und Wahnsinn und Genuss, aber einfach mal so ein schönes Helles, da freue ich mich jedes Mal, wenn ich nach Deutschland komme, das ist sehr interessant. Also da kann man mal wieder sehen, jedem fehlt das, was er gerade nicht hat.

John Brauer: Ich versuche das einfach wirklich auf einem, sagen wir mal, lockeren Rahmen zu sehen. Das ist wirklich, ich kenne Leute wirklich, die, sagen wir mal, regelmäßig, einmal im Monat, alle sechs Wochen oder was immer, nach Aachen fahren in die Getränkemärkte und halt sich kistenweise ihre, ich sag einfach nur mal, Fernseh-Biere irgendwelcher Art, Kasten 10 bis 12 Euro, ihr könnt euch schon denken, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, guter Durstlöscher normalerweise, dass die sich mit solchen Sachen dann eindecken. Und dass es halt nur ganz selten ist, dass diese Leute dann auch mal ein belgisches Bier trinken.

Holger: Du kennst also genügend Wirkungstrinker. Und apropos, Markus, was hast du dir denn für ein Bierchen ausgesucht?

Markus: Ja, da lasse ich euch vielleicht auch mal ein bisschen raten. Ich mach‘s mal auf. So. Jetzt muss das noch ins Glas.

Holger: Es ist auf jeden Fall keine Dose, sondern ist eine Flasche, würde ich jetzt behaupten.

John Brauer: Ja, stimmt.

Markus: Auf jeden Fall. Das stimmt. So. Also im Glas ist es ein eher helles Bier, also so leicht getöntes Strohgelb, würde man vielleicht sagen. Obendrauf sitzt ein sehr fester, so ein mittelporiger weißer Schaum. Der ist auch sehr stabil. Es steigen schön kleine Bläschen auf. Vom Geruch her hat man so ein bisschen grasig, ein bisschen getreidige Noten, ein bisschen Honig.

Holger: Tippe ich mal vielleicht auf einen Rittmayer Kellerbier alkoholfrei.

Markus: Nein. Nein, alkoholfrei habe ich mir jetzt nicht ausgewählt. Also ich habe dieses Bier aus zwei Gründen ausgewählt. Einerseits, weil der John ja vorhin schon gesagt hat, uns verbindet ein sehr schönes gemeinsames Erlebnis mit dem Oktoberfest. Andererseits ist es auch ein Bier, wo man sich gefragt hat vielleicht vor ein paar Wochen, ob das überhaupt dieses Jahr verfügbar ist. Und deswegen habe ich das ausgewählt.

Holger: Also ein Festbier?

Markus: Mhm (bejahend).

John Brauer: Aha.

Markus: Okay! Jetzt müsst ihr natürlich überlegen, welches Fest? Es ist das größte Bierfest in Franken, in einer Stadt, die eine ganz entscheidende Rolle beim Thema Lagerbier gespielt hat, so um die 1850er, 1860er, 1870er Jahre, mit einem ganz großen Berg, in dem ganz viele Keller drin sind.

John Brauer: Kulmbach vielleicht.

Markus: Fast.

John Brauer: Fast.

Markus: Kulmbach hat etwas später, Kulmbach kam so in die 1870er, 1880er Jahre rein, und da hatten die dann auch schon künstliche Kühlmöglichkeiten und so, deswegen haben die nicht so viele Keller gebraucht. Wir sind aber noch ein bisschen vorher und wir sind in Mittelfranken.

Holger: Also in Nürnberg?

Markus: Nein.

John Brauer: Erlangen vielleicht?

Markus: Genau. Erlangen, wir sind in Erlangen, und das ist das diesjährige Bergkerwa Festbier. Es gibt ja mehrere Brauereien auf der Bergkerwa, ich habe das jetzt von Tucher da, schlicht und einfach, weil es das einzige war, was es aktuell in den Märkten hier verfügbar gibt. Das ist eben so ein bisschen Wehmut auch, weil, wie gesagt, die großen Bierfeste finden ja dieses Jahr alle nicht statt. Und was ich immer ganz wichtig finde, es gibt einen großen Unterschied, wenn ich so ein bayerisches Bierfest habe, dann habe ich halt irgendwie so ein Bierzelt und Blasmusik und literweise Bier, und wenn man ein fränkisches Bierfest hat, dann hat man eine Open Air Veranstaltung mit sehr vielen verschiedenen Brauereien, das ist eher wie ein riesengroßer Biergarten, und auch sehr vielen verschiedenen musikalischen Bühnen. Das finde ich immer eine wesentlich angenehmere Atmosphäre. Und da ist man dann immer schon sehr wehmütig, wenn es eben nicht stattfinden kann. Also was heißt immer, wir haben ja nur dieses Jahr momentan den Ausfall, und die Bergkerwa ist schon etwas, also da würde man normalerweise, wenn man jetzt so an der Autobahn vorbeifährt zwischen Bamberg und Nürnberg, würde man an Erlangen vorbeifahren, da wäre dann jetzt schon das Riesenrad aufgestellt. Das steht immer schon ein paar Tage vor der Bergkerwa, und da hätte man schon richtig Lust und irgendwann würde man dann auf den Berg auch gehen. Es wird dort auch unheimlich zelebriert, es wird am Anfang ein Fass ausgegraben und am Ende ein Fass begraben. Tausende von Leuten singen Lili Marleen am Schluss. Also das ist wirklich einfach ganz, ganz viel Kultur und insofern in Reminiszenz auf dieses Jahr nicht stattfindende Fest und unser gemeinsames Oktoberfest, habe ich gedacht, nehme ich mal so ein schönes Festbierchen.

Holger: Okay!

Markus: Es hat 5,8.

John Brauer: Aha.

Markus: Also so ein klassisches deutsches Festbier oder bayerisches Festbier. Wobei wir in Franken halt immer das Problem haben, dass viele Brauer alles Mögliche auf Flaschen draufschreiben. Du bekommst hier auch ein Export mit 5 % Alkohol und so oder auch ein Festbier mit 6,5. Also da sind die manchmal ein bisschen flexibel in ihrer Beschreibung. Aber bei den großen Brauereien wie hier Tucher ist das natürlich schon nach dem Lehrbuch, und dementsprechend ist es einfach ein wirklich schönes, sehr süffiges Festbier, was durchaus auch einen schönen herben Charakter hintenraus hat. Das würde dem Holger wahrscheinlich auch Spaß machen. Und das ist so ein Bier, das man auch wirklich gut genießen kann. Und wäre für deine Grillparty vielleicht auch genau richtig. Holger, fehlst eigentlich nur noch du, oder? Wenn wir dabei sind, solltest du vielleicht auch deins aufmachen?

Holger: Ja. Ich mache meins mal auf. Wartet, wartet! So! Bei mir ist es so, dass das auch einen weißen Schaum hat, feinporig, so ein helles Bernstein, kann ich wirklich nicht anders beschreiben. Perlt schön, also hat eine gute Ressenz, und hat so fruchtige Zitrusnoten. Ach, das reicht jetzt erst mal vielleicht.

John Brauer: Wo du gesagt hast, du bist ein Pilsfan, du hast jetzt bewusst oder unbewusst noch nichts, sagen wir mal, Sensorisches gesagt, also von der Farbe mal abgesehen. Können wir davon ausgehen, dass es relativ bitter ist?

Holger: Nein, eher nicht. Ich kann sagen, es ist kein Pilsbier.

Markus: Ist es ein belgisches Bier?

Holger: Nein, es ist auch kein belgisches Bier. Also es fängt mit B an, das ist vielleicht schon eine Richtung.

Markus: Von der Brauerei oder vom Bierstil her?

Holger: Nein, von der Brauerei und von der Stadt.

John Brauer: Ist es ein obergäriges oder ein untergäriges Bier?

Holger: Nein, ist ein obergäriges Bier.

John Brauer: Ah okay.

Markus: Hm. Ein Brewdog aus Berlin?

John Brauer: Und es fängt mit B an.

Holger: Die Stadt fängt mit B an. Die kennt ihr auch alle.

Markus: Ein BrewDog aus Berlin?

Holger: Berlin ist nicht schlecht.

John Brauer: Ja, aber ich weiß, dass Berlin nicht schlecht ist, aber kommt da das Bier her?

Holger: Unbedingt! Ja, ja. Habe ich ja gesagt, B und B sozusagen. Also BrewDog hätte es sein können, aber es gibt ja auch noch andere Berliner Brauereien, die eben mit B anfangen.

Markus: BRLO?

Holger: Richtig, Markus. Absolut! So! Und jetzt noch, welches Bier? Ich sag’s einfach: Naked.

Markus: Ach herrje. Okay!

Holger: Ganz einfach, alkoholfrei, also ich bin da nicht so wie ihr zwei unterwegs, weil der Tag ist früh. Und deshalb habe ich mich entschieden, BRLO Naked, sage ich mal ein alkoholfreies Craftbier. Ich finde, das Projekt, oder vielmehr es ist ja eigentlich gar kein Projekt mehr, also das ist schon auch eine Brauerei und eine Firma, und alles, was da gemacht wird, ist schon echt super, finde ich. Und auch die Gastronomie, die da aufgebaut ist am Gleisdreieck, der Biergarten ist sicher mittlerweile auf, eben mit allen Auflagen und so. Also ich bin da gern. Und dieses Bier hat immerhin mal Gold gewonnen beim World Beer Award 2019. Und ist für mich schön gekühlt so am Morgen genau richtig. Oder auch nach dem Sport wäre es auch genau richtig. Und wird eben mit Lemondrop und Mandarina Bavaria und Citra als Hopfen gebraut. Aber hat natürlich auch so einen typischen Alkoholfrei-Geschmack, der aber, sag ich mal, da ist schon auch noch viel Aroma transportiert. Also mir schmeckt das gut.

Markus: Ist es wichtig, dass man unterscheidet, ob man das Bier aus der Flasche hat oder vor Ort? Das finde ich ganz interessant, weil wenn die das vor Ort in ihren Tanks machen, dann ist es wirklich so, dass sie durch die Hefe und durch das Brauverfahren es hinbekommen, dass man da eigentlich kaum mehr diesen klassischen Alkoholfrei-Charakter schmeckt, also dieses Süßliche und was halt viele gestopfte Biere haben. Sondern da ist es wirklich ganz faszinierend, also ich habe das zum ersten Mal, glaube ich, 2016 getrunken, da war das noch so ein Versuchssud bei denen vor Ort. Und da hat es mir wirklich die Augen geöffnet, was alkoholfreie Biere können können. Das war wirklich ganz, ganz großartig. Ich war nur ein bisschen enttäuscht, als ich es in der Flasche hatte, weil es da eben dann deutlich anders war. Aber insgesamt ist es natürlich ein faszinierendes Projekt und BRLO an sich ist auch toll, was die mittlerweile dort aufgezogen haben. Die haben ja mittlerweile zwei Braustätten in Berlin und machen ganz viel, ganz viel auch für andere. Und sind eben auch mit ihrer Gastronomie extrem kreativ und spannend unterwegs. Holger, da waren wir ja erst vor zwei Jahren oder so, einem Jahr? Weiß ich gar nicht mehr.

Holger: Voriges Jahr.

Markus: Letztes Jahr. Mhm (bejahend).

Holger: Bei mir ist es fast so, also wenn ich in Berlin bin und dann statte ich auch dem Gleisdreieck immer einen Besuch ab und versuche mich auch mit dem Michael Lemke, mit dem Baumeister zu treffen. Und auch die Katharina, was die macht, überhaupt, also was die da auf die Beine gestellt haben, also wirklich unglaublich und da einfach Hut ab.

Markus: Woran ich mich übrigens noch erinnere, ich glaube, zwei Tage bevor der Shutdown war, war ich ja noch in Berlin und habe dort ein Seminar gehalten für Lemke. Ich habe mich dann auch mit meinen Freunden von Schneeeule getroffen und hatte mir da ein Mietauto genommen. Dann haben die mich gebeten, ob ich ihnen noch schnell ein Fass zu BRLO fahren könnte. Und das war dann wirklich extrem lustig, weil wir dann mit dem Auto eben schnell runtergefahren sind, haben dann direkt vor dem Seiteneingang gehalten, eine Traube von Menschen natürlich, die haben uns erst mal beklatscht, weil wir da ein Bierfass ausgeladen haben. Dann sind wir rein, Michael Lemke hat uns begrüßt, und es war ein Riesen-Hallo, um dann dieses Schneeeule-Fass da rein zu bringen. Also fand ich auch sehr schön, vor allem, weil man da auch wieder sieht, wie die auch mittlerweile in Berlin kooperieren und zusammenarbeiten, und das ist eine tolle Atmosphäre. Wie ist das denn vielleicht, John, in Brüssel? Da gibt’s doch auch so ein paar kleine Brauereien, also noch nicht so viele, aber schon. Ist das eher so, dass da jeder vor sich hin wurschtelt oder gibt’s da auch eine Zusammenarbeit?

John Brauer: Ja. Also Zusammenarbeiten ist durchaus in Brüssel selber und der altehrwürdigen Cantillon mal abgesehen, die ihr ja auch beide sicherlich kennt, spontan vergorene Biere mit Kühlschiff und dem ganzen Zubehör und so weiter, ja, gibt es eigentlich nur noch eine andere Brauerei. Es gibt noch Brauerei-Ketten, aber es gibt noch die andere Brauerei, nämlich die Brasserie de la Senne, die geleitet wird von einem guten Freund von mir, das ist der Yvan De Baets. Ein netter Kerl, der also vor etwa zehn Jahren mit seinem Geschäftspartner diese Brauerei gegründet hat in einem doch schon sehr nichtssagenden industriellen Vorort von Brüssel auf der Westseite, also durchaus nichts, wo man gewesen sein muss. Aber diese Biere sind klasse, muss ich ganz ehrlich sagen. Die sind alles obergärige Biere und unterscheiden sich hauptsächlich, sagen wir mal, entweder durch die Farbe oder durch den Alkoholgehalt. Aber irgendwo merkt man, die kommen alle aus demselben Stall, also irgendwo das Branding und wie das dann sozusagen sich umsetzt in die Sensorik, das haben die ganz fein hingekriegt, diese Jungs. Also da ist zum Beispiel das Zinne Bir, das ist wahrscheinlich das beliebteste, aber auch das Taras Boulba. Und der gute Yvan und sein Geschäftspartner haben also vor ein paar Jahren beschlossen, sie bauen eine neue Brauerei. Ist auch eine sehr schöne Anlage mit einem renommierten deutschen Sudhaus-Bauer, der eine tolle Sache dahingestellt hat. Tja! Und dann kam jetzt die Krise und ich habe mich noch mal mit ihm unterhalten, und er hat jetzt eine 90-prozentige Einbuße, weil er wirklich sehr, sehr einfach auf die Gastronomie gefahren ist. Man konnte auch oder man kann, sage ich mal, sein Bier gar nicht im Supermarkt kaufen, weil früher hatte er einfach die Kapazitäten nicht und hat eigentlich hauptsächlich Restaurants, Straßencafés, Kneipen und so weiter beliefert. Solche Leute trifft die ganze Krise natürlich mit voller Wucht. Ich hoffe, dass der gute Yvan da also auch die Reserven hat, die ganze Sache dann durchzustehen. Dann gibt es natürlich auch noch so Brauereien wie zum Beispiel das Brussels Beer Project. Die machen sich auch sehr gut, die haben auch eine gute Range von Bieren. Sind wohl auch dabei, eine neue Brauerei zu gründen oder zu bauen. Denn die haben früher im Lohnbrauverfahren brauen lassen. Also das finde ich schon toll, dass die wohl auch mit ihren Plänen trotz der Krise einfach jetzt weitermachen und sagen: Nein! Wir wollen das trotzdem und wir denken, das führt also zum Ziel. Insofern ist Brüssel vielleicht eher ein Mikrokosmos dessen, was im Land passiert. Aber so an jeder Ecke eine Brauerei in Brüssel, nein, nein, das nicht. Das ist also wirklich eher was, was sich auf zwei oder drei kleinere Anbieter beschränkt.

Markus: Ja, aber dann sind wir jetzt schon sehr beim europäischen Thema oder bei den Brewers of Europe. Vielleicht magst du uns noch kurz erzählen, was es damit auf sich hat und ob du da jetzt vielleicht auch im Zuge der Krise irgendwo involviert bist?

John Brauer: Die Brewers of Europe sind sozusagen der europäische Dachverband für die europäische Brauwirtschaft oder Brauindustrie. Wie gestaltet sich das im Einzelnen? Ganz einfach. Wir haben etwa 28 Mitglieder, das heißt, das sind die Brauereiverbände in den jeweiligen EU-Staaten. Allerdings nicht in allen, aber dazukommt die Schweiz, Norwegen und Türkei, die ja bekanntlich nicht zur EU gehören. Das sind also auch bei uns Mitglieder, diese Brauereiverbände aus diesen Ländern. Und dieser 28 Mitglieder finanzieren uns über einen Schnitt, der berechnet wird durch den Volumenausstoß eines jeweiligen Landes. Soweit also zur Theorie. Und was wir jetzt quasi von den Brewers of Europe machen, ist, dass wir, sage ich mal, die Öffentlichkeitsarbeit machen und auch die Industrievertretungsarbeit der Brauindustrie in Europa. Also es ist eine Interessenvertretung, die sich, sage ich mal, vis-à-vis das europäische Parlament konzentriert, vis-à-vis die Abgeordneten des Parlaments und natürlich ganz wichtig, die Europäische Kommission. Das heißt also, Gesetzgebungen, die im Nahrungsmittelbereich sind, Gesetzgebungen, die sagen wir mal landwirtschaftliche Aspekte betreffen, Pestizidverordnungen bei Getreide, bei Hopfen. Also ich könnte stundenlang da Beispiele nennen. Das sind alles Sachen, die uns betreffen und wo wir, sagen wir mal, versuchen, die Interessen unserer Mitglieder auch dementsprechend gegenüber dem Gesetzgeber zu wahren. Das ist, sagen wir mal, Brot und Butter von, was wir normalerweise machen. Meine Aufgabe oder meine Arbeit ist ein bisschen anders, weil ich bin ja für die EBC zuständig, die European Brewery Convention, die 1947 schon gegründet wurde, also eindeutig älter ist als die Brewers of Europe. Und wirklich mit dem Ziel, eher eine technische und technologische Zusammenarbeit zwischen Brauereien zu gewährleisten. Das heißt, mein Ressort geht eigentlich auch mehr in die Richtung technische Standards, Analytiker. Ich weiß nicht, ob ihr davon schon mal gehört habt quasi, dass die analytischen Methoden oder Labormethoden für den Braubetrieb und Verpackungen und so weiter, die werden also durch die EBC herausgegeben. Und da beugt sich dann also auch ein Team darüber, das ist sozusagen das Analysen-Komitee. Diese Sachen, die betreue ich, sagen wir mal, als Hauptaufgabe. Wir haben auch noch eine Brewing Science Group, sehr interessante Sache, das sind etwa 50, 60 Mitglieder. Also sagen wir mal, zehn der wichtigsten Professoren in Europa, die mit der Brauindustrie oder mit Brauwissenschaft zu tun haben, sind da Mitglied. Also die Belgier sind da Mitglied, die Deutschen, Franzosen, Spanier, Briten und so weiter. Also es ist eine sehr interessante Gruppe, ist persönlich auch so irgendwo mein Lieblingskind, weil da hast du halt eben die geballte Kompetenz der europäischen Brauindustrie auf einem Platz. Und ich finde auch, worüber die reden und was für Projekte da im Zuge dieser jährlich stattfindenden Meetings dann rauskommen, finde ich also auch sehr interessant. Ein Stichpunkt hier noch mal: jährliche Meetings. Na ja, das ist überhaupt jetzt vielleicht die Überleitung: Wie gehen wir mit der Krise um? Was tut sich da? Das Bild, was sich uns präsentiert, ist alles andere als rosig. Das wissen wir. Es gibt Brauereien, die schon immer mehr auf Flasche gesetzt haben als auf Ausschank in Kneipen oder in der Gastronomie. Die stehen gar nicht mal so schlecht da. Dann gibt es allerdings halt auch so diejenigen, die mehr auf Fassbier setzen. Und da sind natürlich sehr, sehr viele der Craft-Brauer dabei, denen geht es also richtig schlecht. Entweder haben die die Bude jetzt erst mal zu und hoffen auf bessere Tage, oder sie dümpeln halt sagen wir mal mit 10 % ihres Volumens, 20 % ihres Volumens, dahin. Aber das ist natürlich auch kein Zustand. Was wir als die Brewers of Europe da machen, ist, wir haben also jetzt verschiedentliche Schriften erstellt, zum Teil auch, sage ich mal, technischer Art. Zum Beispiel hat sich der Spanische Brauerbund an uns gewendet, doch noch mal zu erklären, wie das ist mit dieser Sache, mit dem Best Before Date, also Haltbarkeitsdatum im Sinne, dass ein Bier am besten davor ist. Aber es gibt ja auch dieses sogenannte Use by Date. Das ist allerdings nicht bei Bier jetzt unbedingt eine Sache, die wir besprechen müssen, die ist nicht so relevant, sage ich mal. Aber im Grunde genommen geht es jetzt darum, dass wir in diesen Schriften oder in dieser Studie dann auch unseren Mitgliedern ein Tool an die Hand geben, dass sie sagen, dass sie genau wissen, ob jetzt Kegs, die bei irgendeiner Kneipe im Keller stehen und sich jetzt dem Verfallsdatum nähern, ob die das noch aufmachen können und servieren, oder eher an die Brauerei zurückführen. Also es gibt viele Brauereien, die sagen: Bitte, wenn ihr nicht sicher seid, wir nehmen wieder das Fass ab, allerdings nur, wenn es noch nicht auf ist, und ersetzen es dann da durch ein neues Fass. Wir versuchen, da einiges durch diese technischen Schriften und einen sogenannten COVID-19 Tracker, wie es so schön heißt, auch zu sehen: Wo drückt der Schuh und wo muss man also ansetzen? Ich sehe, dass dieses Jahr noch sehr, sehr schwierig wird, weil wir sind quasi erst am Anfang der wirtschaftlichen Auswirkungen. Wir haben also für den Rest des Jahres unsere Events und unsere Meetings und so weiter allesamt abgesagt. Eben nicht hauptsächlich aus einem medizinischen Standpunkt aus oder Ansteckungsgefahr oder Social Distancing, das spielt alles eine Rolle, aber wir haben es auch abgesagt bis nächstes Jahr hinein, einfach aus dem Glauben, dass die Budgets der Brauereien doch unter einem mächtigen Druck jetzt zu stehen kommen, bestimmt noch für die nächsten 12 bis 18 Monate.

Markus: Wir sind jetzt leider schon ein bisschen am Ende unserer Podcast-Zeit angelangt. Ich glaube aber, Holger, es würde Sinn machen, wenn wir uns in ein paar Monaten nochmal in der Runde zusammensetzen und dann vielleicht noch mehr auf dieses europäische Thema eingehen und vielleicht auch ein bisschen mehr, was bis dahin sich dann in der Wirtschaft getan hat. Oder hast du noch eine konkrete Frage?

Holger: Ja. Ich habe eine total konkrete Frage. Und zwar, wo wir uns auf dem Belgian Beer Weekend 2019 getroffen haben, dann abends sind wir dann da durch die Stadt gezogen und dann habe ich eine Dose Craft-Pilsener getrunken. Die heißt 13 Delta und kommt von, weiß ich auch nicht, also habe ich noch nie gehört, The Ministry of Belgian Beer heißen die. Kennst du die? Weil das ist wirklich ein krass geniales Pils. Also das ist so gut gewesen, das war jetzt, ich glaube, das war im September, das Beer Weekend, oder?

John Brauer: Ja, am ersten Wochenende im September. Völlig richtig. Ja.

Holger: Genau. Und ich kann mich immer noch erinnern. Also das hat mich beeindruckt das Bier. Ich weiß nicht, kennst du das?

John Brauer: Ich greife das jetzt wirklich dankend auf, weil so viel Auswahl an interessanten Pilsbieren hat man natürlich nicht in Belgien, aber das soll es ja auch nicht sein, es ist ja eher ein Land der obergärigen Spezialitäten. Ich habe es mir mal aufgeschrieben. Also 13 Delta heißt das Ding.

Holger: Ja.

John Brauer: Und das ist von der Ministry of Belgian Beers, oder wie?

Holger: Ja genau. The Ministry of Belgian Beer und hat 55 IBU, so wie ich es mag. Also so quasi die Pilsbiere der späten 70er. Das, was wir jetzt haben, ist ja oft Mainstream angepasst, aber ich liebe Pilsbiere mit Ecken und Kanten. Dosenbier finde ich eh ziemlich gut, also die Dose ist einfach ein tolles Gebinde für Bier, also wenn man das nur aus der Produktseite betrachtet. Man kann es natürlich auch noch aus anderen Winkeln betrachten, das ist die Dose vielleicht nicht ganz so toll, aber jetzt mal nur fürs Bier ist es, glaube ich, eine tolle Sache. Und hat 4 % nur an Alkohol gehabt und das fand ich genial, also wirklich genial. Das hat natürlich immer was auch mit Stimmung zu tun und natürlich immer, in welcher Gesellschaft ist man. Und da hat mich natürlich Markus Raupach begleitet und da schmecken ja alle Biere gut, oder Markus?

Markus: Allerdings. Ja. Ich kann mich noch gut erinnern, das war eine ziemlich düstere Spelunke, wo wir dann ins Obergeschoss sind.

Holger: Pst! Pst!

Markus: Das gab‘s dann einen Empfang. Hahaha! Okay. Ich sage schon nichts mehr. Lasst uns das vielleicht wirklich beim nächsten BierTalk zusammen besprechen.

John Brauer: Gerne.

Markus: Es gibt noch so viel Themen, also gerade die belgische Bierkultur, auch die belgische Genusskultur, da geht’s natürlich auch um die Fritten und um die Schokolade und um so viele andere tolle Sachen, die du da vor Ort jeden Tag genießen kannst. Worum wir dich, glaube ich, sehr beneiden. Und andererseits würde ich auch gern mal über das Thema Alkoholfrei reden und über diese vielen Dinge, die momentan sich in der Bierwelt tun und sich verändern. Aber das schaffen wir heute nicht mehr, sonst sind wir noch zwei Stunden am Podcast. Insofern, also von meiner Seite aus vielen, vielen Dank für deine Zeit und dass du uns am Freitagmorgen begrüßt hast und dir auch so ein feines Bier ausgesucht hast. Da bin ich auch ganz neidisch. Ich habe gerade keine Blanche de Namur mehr im Keller stehen. Muss ich mal nachbestellen. Also vielen Dank und auf ein baldiges Wiederhören.

Holger: Ich kann nur sagen, wenn du mal in München bist, melde dich, ich würde mich gern mit dir treffen und wir können ja auch mal um die Häuser ziehen und besondere Helle erkunden. Zum Beispiel das Giesinger Erhellung, was schon vom Namen her total genial ist. Und dann will ich auch noch zum Schluss darauf hinweisen, dass wir, wenn wir wieder dürfen, auch gerne mit einem Bus mal gemeinsam – wer Lust hat, kann auf uns zukommen – gemeinsam eine belgische Biertour machen. Also ich würde sagen, ab München oder ab Bamberg, egal. Dann mal eine Woche durchs Land reisen und dann vieles kennenlernen. Ich bin freiwillig dann der Fahrer.

John Brauer: Das ist ja wirklich ein Opfer, was du hier bringst, Holger.

Holger: Ja, ich weiß. So bin ich halt. So bin ich.

John Brauer: Du bist so.

Holger: Selbstlos.

John Brauer: Das ist schön.

Holger: Absichtslos und selbstlos.

Markus: Ja. Und er hat den Vorteil, wenn er mit einem großen Fahrzeug unterwegs ist, kann er dann immer ganz viel Bier einladen. Insofern, es hat schon auch Vorteile.

Holger: Mein Bus hat sogar einen Anhänger, und da sind keine Fahrräder drin. He-he-he!

Markus: Ich würde sagen, wir machen dann einfach Mittagessen mit den Mönchen in Westvleteren, das ist ja ganz einfach. Ah, nein, Quatsch! Ja, wie gesagt, noch mal vielen, vielen Dank und auf ein baldiges Wiederhören. Einen wunderschönen Tag dir noch. Bis bald. Ciao!

Holger: Tschüss! Ciao!

John Brauer: Ciao!

 

BierTalk – der Podcast rund ums Bier.

Alle Folgen unter www.biertalk.de

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