BierTalk Spezial 5 – Interview mit Chris Flaskamp von Cerveza Tubinger aus Chile

Einst mit der Familie am anderen Ende der Welt gestrandet, zog es Chris Flaskamp auch als Universitätsprofessor wieder zurück nach Chile. Er fand dort seine Frau, gründete eine Familie – und eine Brauerei: Cerveza Tubinger. Mit seinen Kreativbieren kämpfte und kämpft er gegen “die Großen” und konnte schon so manche internationale Medaille abräumen. Außerdem gelang ihm das Kunststück, als erster alle chilenischen Kleinbrauer zu vereinen und einen Mini-Brauerbund in Leben zu rufen, der für ein großes Gemeinschaftsgefühl der Biergemeinde im längsten Land der Welt sorgt. Im BierTalk erzählt er seine Geschichte und berichtet auch von der aktuellen Lage in Südamerika…

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Holger: Herzlich willkommen zum BierTalk. Wir haben wieder einen sehr besonderen Gast und damit haben wir auch direkt wieder die nächste Spezialsendung. Stellt euch vor, wir sind raus aus Europa rüber über den Teich, aber nicht mal nach Amerika, nein, das ist uns zu schnöde, wir gehen nach Südamerika, nach Chile. Hallo Chris, herzlich willkommen bei uns!

Chris Flaskamp: Hallo! Hallo Holger, hallo Markus! Vielen Dank für die Verbindung, ist mir ein Vergnügen euch mal wieder zu sprechen.

Holger: Wunderbar. Und ihr wisst ja, hier ist Holger und …

Markus: Markus.

Holger: Super! Uns kennt man ja, aber Chris, ich würde dich bitten, sag doch mal ein paar Worte zu dir, zu deiner Situation, wie kommst du nach Chile, was machst du da und so weiter und so weiter. Es interessiert ja.

Chris Flaskamp: Ich bin Christoph Flaskamp, einfach Chris, seit fast 30 Jahren schon in Chile ansässig, bin von Haus aus Universitätsprofessor und seit 20 Jahren Brauer, erstmal als Heimbrauer und seit 13, 14 Jahren auch kommerziell. Die Marke Tübinger habe ich hier gegründet. Wieso kam ich überhaupt nach Chile? Das kam über meine Eltern, mein Vater war bei der Hoechst AG tätig sein ganzes Leben lang und deswegen waren wir in mehreren Ländern und am Schluss in Chile gelandet und das hat uns richtig gut gefallen. Dann bin ich nach dem Studium dann auch wieder zurückgekommen. Ich habe mittlerweile auch eine chilenische Familie, eine chilenische Frau und meine beiden Kinder sind hier geboren. Und wie gesagt, mein drittes Kind ist die Brauerei Tübinger, die habe ich vor 13, 14 Jahren gegründet und die ist stetig gewachsen. Für chilenische Verhältnisse gar nicht schlecht, das ist ein kleiner Markt hier. Wir sind jetzt auf ungefähr, ich würde sagen, 6.000 Hektoliter im Jahr und gehören so zu den mittelgroßen Craft-Brauern hier in Chile.

Holger: Und was machst du dann für Biere in deiner Brauerei? Kann man das mit unseren vergleichen oder ist das ganz anders, oder?

Chris Flaskamp: Ja, wir fingen eigentlich an mit englischen Stilen und sind die Schiene weitergefahren. Als ständige Biere brauen wir ein Pale Ale, ein Summer Ale, Red Ale, also ein Irish Ale, ein Dark Strong Ale, das mehr so ein bisschen auch in die belgische Schiene geht, und ein Stout, ein Irish Dry Stout mit Stickstoff auch. Das sind so unsere Hauptbiere. Alle drei, vier Monate brauen wir experimentelle Biere, immer mal was ganz anderes. Bis jetzt haben wir noch keine richtigen deutschen Stile gebraut, das wird aber bald kommen.

Holger: Ah ja, interessant. Und Tübinger, was verbindet der gemeine Chilene mit Tübingen? Also ist das der Inbegriff der deutschen Gemütlichkeit oder was denken die da drüber?

Chris Flaskamp: Ich habe in Tübingen studiert und da habe ich auch Biertrinken praktiziert und richtig gut gelernt. Deswegen kam immer sofort der Name Tübingen oder Tübinger auf, wenn ich an Bier dachte. Deswegen habe ich mir dann auch gedacht, dann werde ich das als Marke hier einführen. Der gemeine Chilene kennt die Stadt natürlich eher nicht. Es wird überall kommuniziert, wo der Name herkommt, und die Stadt Tübingen ist auch sehr dankbar.

Holger: Ja, super. Markus, das ist doch wirklich toll, oder? Also sowas Besonderes da rüber zu gehen, eine eigene Brauerei und dann loslegen, das wäre doch was.

Markus: Ja, also wenn ich noch mal zehn Jahre jünger wäre und die Zeiten so wären wie jetzt, dann würde ich das glaube ich auch tun. Finde ich ganz spannend. Ich war letztes Jahr vor Ort in Chile, habe dort beim Bierwettbewerb als Juror mitgewirkt und durfte mit dem Chris vorher gute zwei Wochen durch Chile reisen. Wir haben uns ganz, ganz viele Brauereien angeschaut, viele Craft-Brauer, viele einfach verrückte Köpfe, die mit dem Bier so ihren neuen Lebensinhalt gefunden haben. Und das war schon echt begeisternd und auch beeindruckend. Also, wenn man überlegt, das ist das längste Land der Welt. Es gibt nahezu jede Klimazone, die kämpfen natürlich mit denselben Eigenheiten wie wir auch und man darf auch nicht vergessen, geografisch gesehen ist Chile eine Insel. Also da ist auf der einen Seite der Ozean, oben ist die Wüste, rechts sind die Berge und im Süden ist die Antarktis. Da ist praktisch nichts und dementsprechend ist das auch so ein kleiner Mikrokosmos. Und das fand ich wirklich insgesamt total beeindruckend, auch die Lebenslust der Menschen, die Freude am Bier, die Freude aneinander, an dem Spaß mit Bier. Und finde ich toll auch, kann ich gut nachvollziehen, dass der Chris gesagt hat, Mensch, das ist mein neuer Lebensmittelpunkt. Sicherlich eine gute Wahl.

Holger: Toll! Also Freude am Bier ist ein ganz besonders gutes Stichwort. Bei uns geht’s ja in erster Linie ums Bier. Und Chris, du hast doch was Besonderes wahrscheinlich gerade auf deinem Tisch stehen und brennst darauf, uns zu sagen, was es ist, und darauf, dass du es aufmachen kannst und einen Schluck nehmen kannst, oder?

Chris Flaskamp: Ja klar. Also ich habe mir überlegt, so ein Gespräch habe ich ja nicht alle Tage, bei uns ist jetzt gerade Frühstückszeit, deswegen habe ich mir ein richtig gutes Frühstücksbier ausgesucht, das auch Markus und ich ein bisschen verbinden, weil in der Brauerei waren wir vor zwei Jahren. Und zwar habe ich ein Maisel’s Weisse und das werde ich einschenken in einem wunderschönen Weißbierglas vom Kuchlbauer Turm. Aufmachen werde ich das mit einem Öffner von Neuschwanstein.

Holger: Ho, ho, ho!

Markus: Also volles Paket Deutschland, Wahnsinn!

Chris Flaskamp: Ja, voll Bayern.

Markus: Voll Bayern. Vielleicht während du einschenkst, kannst du mal noch vielleicht zwei, drei Takte dazu sagen, wie stehen denn überhaupt die Chilenen zu Deutschland oder zur deutschen Bierkultur? Oder ich meine, wir kennen das ja jetzt eher von der Geschichte der jüngsten Auswanderungswelle von Deutschen nach Südamerika nach dem zweiten Weltkrieg, aber eigentlich sind ja Deutsche schon viel früher da rüber. Wie wird das da so gelebt? Wie ist die Identität in Chile?

Chris Flaskamp: Die Deutschen sind eigentlich sehr hoch angesehenen in Chile, weil es gab eine sehr große deutsche Einwanderung. Seit der Revolution 1848 kamen also ganz viele Deutsche vor allem in den Süden, haben den ganzen Süden Chiles kolonisiert, deswegen haben die alle bis heute noch deutsche Nachnamen dort. Und natürlich wegen des Bieres. Das ist vielleicht so ein bisschen stereotyp, aber die Deutschen werden halt immer sehr hoch angesehen wegen ihres Bieres und deswegen wird auch sehr viel deutsches Bier hier importiert. Als ich als Deutscher anfing, eine Brauerei hier auch zu gründen, um das Bier zu verkaufen, hat das natürlich was Positives gebracht, dass ein Deutscher das verkauft. Natürlich muss das Bier dann auch gut sein und das war es Gott sei Dank auch. Das hat uns schon einige Türen eher geöffnet, das war schon sehr positiv.

Markus: Und woran denkst du jetzt, wenn du dein Maisel riechst und schmeckst?

Chris Flaskamp: Jetzt muss ich erst mal öffnen.

Markus: Ah! Na dann.

Chris Flaskamp: Ja. So. Dann werde ich es auch mal einschenken. Ich denke, hauptsächlich an so eine wunderschöne Reise vor zwei Jahren, die Reisebegleiter, das waren alles chilenische Brauer, die reden immer noch davon, die waren wirklich begeistert. Und Maisel’s war, glaube ich, unsere letzte Station, und die war wirklich ganz besonders toll, das Liebesbier da zu sehen. Und auch ein Höhepunkt war natürlich der Kuchlbauer Turm. Deswegen, daran denke ich dann immer, wenn ich das trinke beziehungsweise aus dem Glas ein Bierchen probiere.

Markus: Da fällt mir grad noch was ein. Das muss ich dem Holger jetzt auch noch erzählen. Als wir bei Maisel‘s waren, kurz vorm Liebesbier, da waren wir vorher oben im Museum und haben schon mal ein erstes Bierchen getrunken und uns das Museum angeschaut und sind dann runter gelaufen zum Liebesbier. Und unterwegs ist so ein ganz kleiner Laden, so eine kleine Klitsche und dessen einziges Produkt sind Autokennzeichen. Und auf einmal ist die ganze chilenische Reisegruppe ausgerastet. Sie müssen jetzt in diesen Laden und sie müssen sich ein Autoschild mitnehmen mit dem Namen ihrer Brauerei drauf. Am Ende dann, als wir fertig waren, haben wir dann ein Gruppenbild gemacht vor dem Liebesbier und jeder hatte dann sein Autoschild mit seinem Brauereinamen drauf. Das war mir bis heute ein Rätsel, vielleicht kannst du mir das beantworten, warum das für einen Chilenen so besonders war, dass er das praktisch über den ganzen Atlantik mitnimmt und in Deutschland kaufen muss?

Chris Flaskamp: Ja, es ist hauptsächlich, weil die das halt noch nie gesehen hatten. Die haben das halt nicht so. Man kann das vielleicht bestellen über Amazon oder so, aber so ein Laden, der dir dann sofort ad hoc dann da draufschreibt, das gibt’s hier einfach nicht und das fanden die natürlich ganz toll. Und die Begeisterung hatte die anderen natürlich dann noch angesteckt. Da haben wir auch ein richtig schönes Bild gemacht mit allen, alle mit ihren Namensschildern und Nummernschildern. Das war richtig nett.

Markus: Holger, in Chile ist es Vormittag, bei uns ist es so langsam später Nachmittag. Was hast du dir denn ausgesucht?

Holger: Ich bin ganz sprachlos. Und ich kann mich auch noch gut erinnern, wo die chilenische Gruppe hier war in München, war ich ja auch mit dabei, und die Begeisterung, die war nicht nur für die deutschen Autokennzeichen da, sondern auch vor allen Dingen für die deutschen Biere. Das war wirklich ein absolutes Highlight. Ehrlich gesagt, ich könnte mir auch vorstellen, mal Chile zu bereisen. Das könnte man noch mal wiederholen, also in die Gegenrichtung. Jetzt muss ich aber gestehen, also wenn …

Chris Flaskamp: Dann bist du herzlich willkommen, Holger.

Holger: Ja, wunderbar. Markus, wir müssen was planen.

Chris Flaskamp: Ja, macht mal.

Markus: Ich bin sofort dabei. Ich muss sagen, ich habe jetzt eh einen ziemlich großen Gutschein noch von der amerikanischen Fluggesellschaft, weil ich eigentlich jetzt beim World Beer Cup gewesen wäre. Und das ist ja ausgefallen, aber man kriegt da sein Geld nicht zurück, sondern man kriegt jetzt einen Gutschein. Und damit kann ich sicher locker nach Chile fliegen, vielleicht kann ich dich sogar mitnehmen. Also insofern, das machen wir.

Holger: In deinem großen Koffer, oder?

Markus: Ha-ha. Zum Beispiel.

Holger: Wunderbar. Übrigens gestern kam im Radio, dass die Lufthansa sagt, sie kann nicht mehr aus eigenen Mitteln ihr Unternehmen stemmen. Also es gibt keine Liquidität mehr und sie bittet um fremde Hilfe von Seiten der deutschen Bundesregierung. Finde ich auch krass. Aber das vielleicht nur am Rande. Ich habe mir also auf jeden Fall wahnsinnig viele Gedanken gemacht, was ich mir für ein Bier aussuche, und ich bin da unglaublich eingestiegen und gemacht und getan. Erst mal habe ich mir gedacht, ihr beiden, ihr bringt ja sowieso was ganz Besonderes mit. Und ich wusste, du hast da einiges mitgebracht und dein Keller, der ist sowieso besonders voll mit irgendwelchen Exoten und du nimmst dir irgendwie ein chilenisches Bier von deiner Reise und fertig. Kann ich eh nicht mithalten, habe ich nicht. Dann habe ich gedacht, der Chris sowieso, also aus seiner Brauerei natürlich, spielt der die ganze Palette und so. Dann habe ich mich dann also beschäftigt und habe dann gesagt, mein Gott, also es gibt ja so richtig diese Deutsch-Chilenen und da gibt’s ja welche, die haben auch noch Deutsch als Muttersprache. Dann habe ich halt geguckt, wie das damals war mit den Kolonien und so, und dann war da halt irgendein spanischer Eroberer, oder ich weiß gar nicht, wie man richtig sagt, und der hieß dann Bohón und kam aber eigentlich aus Belgien und flämisch heißt es dann Boon. Dann habe ich gedacht, super, dann nimmst du so einen Boon. Dann habe ich gedacht, nee, also das ist ja auch ein bisschen schräg, also die ganze Herleitung und so. Deshalb habe ich jetzt ganz schnöde, also wirklich ganz schnöde, weil ich gedacht habe, ihr habt alle so tolle Biere und ich kann sowieso nicht mithalten, habe ich dann einfach gedacht …

Chris Flaskamp: Oettinger.

Holger: Nein, das nicht, aber einfach ein Trumer Pils, also einfach ein Pils, was mir gut schmeckt. Ich habe einfach nur ein Trumer Pils ausgesucht. Jetzt hast du aber auch so ein ganz traditionelles tolles Weißbier ausgesucht. Also jetzt, Markus, jetzt bin ich fast gespannt auf dich, aber in der Zwischenzeit mach ich’s mal auf. Wie gesagt, es ist ein Trumer Pils, für mich eines der besten Pilsener der Welt, und das trinke ich jetzt einfach.

Markus: Solange du aufmachst, einerseits ist das jetzt kein Makel, also das Maisel Weizen ist eines der besten Weißbiere der Welt, das Trumer Pils eines der besten Pilsbiere der Welt, also warum nicht? Es gibt natürlich auch klassische Biere, die hervorragend sind, auch wenn sie vielleicht für einen normalen Deutschen eher etwas banal oder normal sind, weil man sie halt immer bekommt. Aber da sollten wir eher froh und glücklich sein, denn das hat sicherlich einen anderen Preis, wenn es einmal zum Chris nach Chile exportiert worden ist, als wenn wir es hier aus dem Supermarkt holen. Das mit Trumer ist vielleicht gar nicht so blöd, weil man darf ja nicht vergessen, die Habsburger waren mal auch mit den spanischen Monarchen sozusagen im Bande, also es war ein Reich, und zu dieser Zeit gab’s auch die großen Expeditionen nach Südamerika. Also im Grunde könnte man sogar das Trumer Pils in gewisser Weise mit Chile in Verbindung bringen, nicht zuletzt, weil es auch genügend Auswandererwellen gerade aus Süddeutschland und Österreich auch nach Chile und nach Südamerika gab. Also du bist gar nicht so falsch, kann man genauso schön herleiten. Wobei ich die belgische Geschichte absolut klasse finde, also kannst du gerne, wenn wir wieder mal in Chile sind, dann rausholen. Wie geht’s dir denn mit deinem Pils?

Chris Flaskamp: Dann bring diesen Boon (unv. #00:11:32.8# Lambic?) auch bitte mit.

Holger: Nee, also jetzt zuerst mal machen wir es aber richtig. Also der heißt Juan Bohón und war halt Hauptmann und Gründer von La Serena und hat eben quasi so eine belgisch-deutsche, also eine flämische Herkunft gehabt. Und ursprünglich, also im Flämischen würde man jetzt, Bohón würde man halt als Boon aussprechen. Und so war wohl auch sein ursprünglicher Name. Und dann kam ich natürlich sofort aufs Boon. Ist ja logisch. Aber dann habe ich gedacht, komm, du bist verrückt, lass es sein.

Chris Flaskamp: Nächstes Mal dann.

Holger: Ja. Aber euch gefällt es, dass ich so komische Gehirnwindungen habe, oder?

Chris Flaskamp: (unv. #00:12:12.1#), dass ihr so ein bisschen geforscht habt, finde ich super. Weil das ist wirklich ein Einwanderland per se ist. Jetzt haben wir natürlich Einwanderer von überall her, hauptsächlich eben natürlich auch aus Mitteleuropa und Spanien natürlich. Jetzt bin ich aber gespannt auf Markus‘ Bier.

Markus: Noch einen Satz vielleicht dazu. Als ich da letztes Jahr in Chile war, was ich immer sehr gerne mache, ist, ich schaue mir auch immer die Friedhöfe an. Klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber das sind immer ganz besondere Orte und sind Orte, wo seit Hunderten von Jahren Menschen aneinander gedenken und wo man auch so ein bisschen Familienstrukturen und Lebensläufe und Stammbäume sehen kann. Und das fand ich auch zum Beispiel in Brasilien in Blumenau sehr spannend, wenn man da sieht, wie viele eben auf Einwandererfamilien aus Europa zurückgehen. Und auch in Valparaiso habe ich zwei von den sehr schön gemachten alten Friedhöfen besucht. Die sind da auf Hügeln, also die ganze Stadt besteht ja aus lauter einzelnen Hügeln. Und einer davon ist quasi so eine Art Friedhofshügel und jedes Grab ist ein kleines Kunstwerk mit Bildhauerei und wunderschön gestalteten Tafeln und alles, was man sich so vorstellen kann, wie man seinen Ahnen gedenken kann, kann man da finden. Und habe mir eben auch ein bisschen angeschaut, was für Namen stehen da. Da sieht man das eben ziemlich gut, wie viele eben aus Deutschland, aus Österreich kommen, meistens stehen ja auch die Ursprungsorte mit drauf, aber auch viele Engländer, viele Franzosen. Und dann auch, wenn man sieht, wie die Familien untereinander sich dann wieder vermischen und sich dann wieder neue Dinge bilden, das ist schon echt spannend wie diese Gesellschaften sich gebildet haben in den letzten 100 Jahren. Da denkt man vielleicht auch generell noch mal ganz anders über dieses ganze Thema Migration und so weiter nach, weil das einfach zum menschlichen Dasein letzten Endes gehört. Aber nichtsdestotrotz, ich wollte euch verraten, was ich für ein Bierchen habe. Ich musste tatsächlich, da hat der Holger völlig recht, einfach ein chilenisches Bier nehmen, erstens, weil ich sie habe und weil ich mich auch so lange jetzt schon darauf gefreut habe, endlich die mal trinken zu können. Weil das macht man ja auch nicht einfach so auf und dann stehen die halt immer im Keller und man lächelt sie an und freut sich, aber macht sie nie auf. Aber jetzt. Und zwar habe ich von einer Brauerei namens Granizo, die ist in Olmue, das ist zwischen Santiago und Valparaíso. Dort gibt es einen Brauer, der unglaublich viele Holzfässer hat, in denen er seine Biere ausbaut, zum Beispiel Pisco Fässer, aber auch mal Beck oder eben Rotweine oder andere Vorbelegungen, und macht da wirklich richtige Kunstwerke mit seinen Bieren. Hat auch schon jede Menge Preise gewonnen und das ist wirklich eine ganz fantastische Geschichte. Und von ihm habe ich ein Infectious Tue-Tue, was auch immer es auf Deutsch heißt, aber es geht wohl um einen Albtraum, den man hat und der dann noch infiziert wird. Und dahinter steckt ein Black Imperial Stout. Mal sehen. Also es hat 13 %, ich mache es mal auf.

Chris Flaskamp: Ja, das ist was ganz Besonderes. Das hatte ich mir auch nicht anders bei dir vorgestellt. Das muss schon ein Bier sein, das lange hält. Und die (unv. #00:14:41.8# ) Biere sind meistens Biere, die man wirklich lange lagern kann und die sind auch ganz schöne Alkoholbomben, aber schmecken wirklich fantastisch. Das ist wirklich ein Künstler, der Oscar von Granizo in Olmue. Das ist schon eine tolle Brauerei. Er ist ja eigentlich von Haus aus auch Önologe.

Markus: Was ich da ganz toll fand übrigens, es gab mal eine deutsche Brauerei im Süden von Chile, ziemlich weit im Süden, vor 150 Jahren ungefähr. Und dann gab es ein Erdbeben und die Brauerei wurde zerstört. Dann waren die ganzen Holzfässer übrig. Damals wurden diese Holzfässer in die ganze Umgebung, haben sich die Leute, die da gewohnt haben, geholt und haben da ihr Bier, das einheimische Bier, das Chicha, drin gemacht und dafür die Holzfässer verwendet. Und der Oscar ist vor zwei, drei Jahren ungefähr da runter gefahren und hat sich die letzten Fässer, die es jetzt immer noch gab, die immer noch in Verwendung waren, geholt und hat die zu sich in die Brauerei und hat die dann noch mal ein bisschen aufbereitet und das Chicha natürlich raus. Und in diesen über 100 Jahre alten ehemals deutschen Brauereifässern baut er jetzt auch einen Teil seiner Biere aus, und zwar so, dass er die Biere sogar in den Fässern vergärt. Also sie nicht nur als Lager, sondern auch als Gärtank benutzt. Und das ist ganz, ganz großes Kino, ist ein gefördertes Projekt, sind viele Partner dabei, die ihn auch unterstützen. Und ich freue mich, wenn wir dann da gemeinsam hinfahren, dann können wir mal das Ergebnis probieren. Denn als ich dort war, war es gerade noch so am Anfang im Entstehen. Aber Wahnsinn, also was man alles tun und denken kann, wenn man sich nur verrückt genug mit Bier beschäftigt.

Holger: Ja, also letzten Endes, Chris, bist du ja auch ein Beispiel dafür, oder? Also ein deutscher Universitätsprofessor, der sich in Chile verliebt und nichts Besseres zu tun hat, eine Brauerei namens Tübinger zu gründen. Da muss man erst mal drauf kommen.

Chris Flaskamp: Ich kam eigentlich hauptsächlich darauf aus Not. Es war wirklich richtige Biernot, weil es gab in den 90er Jahren wirklich nur ganz leichte, wässrige Lagerbiere, die man eigentlich nur bei ganz großem Durst trinken konnte und ganz, ganz kalt, weil das sonst einfach nicht trinkbar war. Das war eigentlich das einzige, was mir an Chile nicht so gefiel, deswegen kam ich einfach aus Not dazu, mein eigenes Bier zu brauen.

Holger: Ja, rechtgetan unbedingt. Hast du denn nicht noch ein zweites Bier? Kann man nicht noch über ein Bier deiner Brauerei noch mal näher sprechen?

Chris Flaskamp: Wir haben, wie gesagt diese Brut-Palette, die ich schon angesprochen habe. Besonders stolz sind wir da auf unser Tübinator, nennen wir das, obwohl es eigentlich technisch kein Doppelbock ist, weil das ein Ale ist. Aber es ist doch ähnlich, kann man fast vergleichen. Aber ist mehr vielleicht ein Dark Strong Ale, würden die Belgier sagen. Und das hat, wie gesagt, viele Medaillen gewonnen. Das, wo wir am meisten stolz drauf sind, ist, dass wir letztes Jahr in den Brussels Beer Challenge Bronze gewonnen haben, und zwar in Belgium Dark Strong Ale Kategorie. Und das ist natürlich eine ganz tolle Sache, dass wir das drittbeste Bier in Belgien gewonnen haben, wo also wirklich die ganzen belgischen Biere natürlich auch mitgemacht haben und meistens auch immer gewinnen. Da sind wir also sehr stolz drauf.

Holger: Ja, da kann man auch richtig stolz drauf sein.

Markus: Das ist ja richtig klasse. Sehr schön. Also die Brussels Beer Challenge ist sowieso für mich einer der spannendsten Wettbewerbe in Europa, weil die Jury wirklich extrem international besetzt ist und weil wirklich auch sehr viele sehr gute Biere eingereicht werden. Gerade deswegen ist es erst recht ein großartiger Erfolg, wenn ihr da eine Medaille gewonnen habt. Glückwunsch an dieser Stelle.

Chris Flaskamp: Dankeschön, wir sind auch wirklich sehr stolz drauf. Das war, könnte man dazu auch sagen, das Bier habe ich auf den Markt gebracht, das war anno 2009, und das war damals sicher das erste Bier, das über 8 % hatte im chilenischen Markt, das hier gebraut wurde in Chile. Wir hatten auch so ein bisschen Sorge, ob das überhaupt ankommt, weil die Leute halt damals immer noch dachten, Biere müssten gelb und schwach und nach nichts schmecken. Und deswegen wollten wir es auch nur für den Winter rausbringen. Aber es hatte so einen wahnsinnigen Erfolg von Anfang an, dass wir es also wirklich dann das ganze Jahr über anbieten und es ist immer noch eins unserer erfolgreichsten Biere.

Markus: Als wir dort waren, haben wir ja auch so den ersten, Craft Brauer ist ja der falsche Ausdruck, der Kunstmann. Ist das der, der damals angefangen hat, mal andere Biere in Chile zu machen?

Chris Flaskamp: Ja, Kunstmann, kann man wirklich sagen, ist der Pionier von Craft Bieren in Chile überhaupt. Vor ihm gab es gar nichts. Da gab’s halt nur diese CCU, die immer nur dieses Kristallbier hatte. Und der hat auch in seiner Garage ganz klein angefangen, so ein klassischer Craft Brauer unten im Süden in Valdivia, wo übrigens die erste Brauerei von einem Deutschen namens Anwandter vor 150 Jahren gegründet wurde. Der soll auf demselben Schiff wie die Ahnen von Kunstmann gekommen sein, das ist eine tolle Geschichte. Und das ist klar, also dann kam irgendwann mal das Bier aus Valdivia nach Santiago und das war ganz toll, das war also wirklich wie Bescherung bei Weihnachten für mich, endlich mal ein Bier, das nach etwas schmeckte. Die wurden aber dann auch ganz schnell von der CCU aufgekauft, und inzwischen sind sie sehr, sehr gewachsen. Kannst du also überall kriegen in ganz Chile, inzwischen auch in Argentinien und in sehr vielen Ländern von Südamerika. Sind natürlich nicht mehr Craft, weil sie jetzt zu Heineken und CCU gehören. Aber man muss wirklich den Hut nehmen vor diesem Unternehmer Kunstmann, der hat das richtig toll gemacht. Und viele sind dann in seine Fußstapfen gefolgt. Wen ich auch sehr bewundere, ist ein guter Freund aus (unv. #00:19:21.2#), ein Berliner vom VLB, der hier die Brauerei Kross gegründet hat anno 2003. Der ist so ein bisschen das Modell für alle Craft Brauer hier in Chile, wie man wirklich ein gutes Bier braut und wirklich ganz viele verschiedene Sorten dazu auch macht und wirklich ganz professionell. Und das ist toll. Er hat auch, glaube ich, sehr viele Craft Brauer hier inspiriert.

Markus: Und apropos Modell. Du hast ja jetzt quasi eine Vereinigung der chilenischen Craft Brauereien gegründet oder ihr habt das gemacht und du bist so ein bisschen der Geschäftsführer, wenn ich das richtig sehe. Kannst du uns da vielleicht ein bisschen erzählen, also wie kommt sowas, wie lebt sowas über so eine Riesendistanz in so einem Land und was tust du da konkret für die Craft Brauer?

Chris Flaskamp: Richtig. Also vor über einem Jahr, so im Januar 2019, haben wir die Independent Craft Beer Association, auf Englisch halt, das sind die unabhängigen Brauer, der unabhängige Brauerbund in Chile, haben wir gegründet mit vielen Kollegen, mit denen ich persönlich auch eng befreundet bin. Und das kam hauptsächlich aus dem Süden, weil im Süden Chile wird sehr viel gebraut. Das fehlte uns wirklich, weil wir sind alle sehr klein und wir müssen immer gegen die Großen ankommen und da haben wir natürlich wenig Chancen. Deswegen brauchten wir unbedingt so einen Bund, und das ist so eine Verbindung von den kleinen Brauern. Wir haben also Brauer von ganz Chile, von Norden bis runter in den tiefen Süden, das sind 15 Regionen. Im Vorstand haben wir also Direktoren von jeder Region in Chile und das ist eigentlich sehr schön, weil jede Region ist halt vertreten. Wir sprechen andauernd natürlich immer online und per WhatsApp. Die ersten fünf Vorstandssitzungen haben wir sogar auch präsenziell machen können, wo alle Leute wirklich hierher oder in den Süden geflogen sind, damit wir uns treffen. Aber jetzt machen wir es alles online. Und worüber kümmern wir uns hauptsächlich? Wir vertreten also die Interessen der kleinen Brauer hier in Chile gegenüber der Regierung und auch gegenüber des Marktes. Deswegen haben wir eine Definition rausgebracht, was ist eigentlich ein Artesanal Bier? Hier heißt Craft Bier Artesanal Bier einfach. Und viele Leute haben das alles immer durcheinander gebracht und da haben wir also eine konkrete Definition rausgebracht. Und wir haben ein Siegel rausgebracht, den man auf seine Etikette dann auch kleben kann, damit der Markt weiß, das ist wirklich ein authentisch Artesanal Bier, das gehört also nicht zu einer großen Kooperation, ist immer noch derselbe, der das gegründet hat, das auch noch braut und vertretet. Kann auch vielleicht gewachsen sein und viel mehr Leute jetzt auch dabei sein, aber ist immer noch dieselbe Gründerfamilie. Das ist uns sehr wichtig. Und vor allem auch sehr wichtig, dass es rein natürliche Biere sind. Nach dem Reinheitsgebot, aber nicht unbedingt, es können natürlich auch Kräuter und Früchte dazu, wir haben ja hier das (unv. #00:21:47.0#), aber es müssen natürliche Produkte sein, muss ein natürliches Bier sein. Mit der Pandemie natürlich haben wir ganz große Sorgen, weil die kleinen Brauer, die sind natürlich ganz schlecht dran, alle Läden, alle Restaurants, Bars sind geschlossen und der Großteil unserer Produktion. Wenn ich wir sage, rede ich von allen Kleinbrauern in Chile. Der Großteil unserer Produktion ist also auf Fässer gerichtet und das Fassgeschäft ist völlig tot. Und deswegen müssen viele von uns also auf Flaschen oder Dosen übergehen, und viele haben das teilweise sehr wenig oder gar nicht. Das ist natürlich sehr kritisch, deswegen haben wir uns auch schon an die Regierung gewandt, dass sie uns hoffentlich helfen können. Wir haben eine sehr hohe Alkoholsteuer von 20,5 %, die wir außer der Mehrwertsteuer von 19 % noch zahlen müssen über jedes Liter, das wir verkaufen. Da haben wir also versucht, ein bisschen Lobby zu machen, diese Alkoholsteuer jetzt erst mal zu senken oder man gar nicht zahlen muss. Und andere wichtige Dinge, an die man hier denken muss, wenn man hier als Kleinbrauer eine Brauerei gründen will, ist das gar nicht so einfach, man hat wahnsinnig viele Probleme, die Genehmigungen zu bekommen. Und solche Sachen, dass das hoffentlich irgendwie besser wird und dass die Konkurrenz von den großen, dass die halt ein bisschen gerechter sein soll. Das sind also alles Sachen, um die wir uns gerade sehr stark kümmern.

Holger: Da kann man mal sehen, überall gibt es eine Szene, die dann auch die Kontinente und Länder verbindet. Das finde ich großartig. Also wirklich wahr. Das war doch mal ein interessanter Ausflug nach Südamerika, würde ich sagen.

Markus: Oh ja, auf jeden Fall. Sehr schön.

Holger: Das wiederholen wir auch nochmal, Chris. Ich würde sagen, wir kommen nochmal wieder, nehmen uns vielleicht mal ein Schwerpunktthema vor und tauchen noch mehr und tiefer hinein in die Bierkultur in Chile. Das finde ich sehr interessant.

Chris Flaskamp: Gerne. Wir können auch gerne mal auch so eine Art Verkostung machen von unseren Bieren hier. Dann aber bitte hoffentlich ein bisschen später am Tag.

Holger: Ja, das ist kein Problem. Also die Zeitverschiebung, da kriegen wir was hin. Das geht schon. Auf jeden Fall 1000 Dank für deine Zeit und für deine Bereitschaft. Ich glaube, die Tonqualität und die Übertragungsqualität waren auch gut. Markus, ich möchte dir gern das letzte Wort lassen.

Markus: Oh, das ist sehr lieb. Also vielen Dank, fand ich ganz, ganz toll. Schön, dass du Zeit für uns hattest, Chris, und schön, dass ich damit eine Gelegenheit hatte, auch dieses wunderschöne Bier endlich auf zu machen. Und mit dem werde ich jetzt noch schön in meinen späteren Nachmittag starten. Und wünsche dir natürlich noch alles Gute und freue mich auch, wenn wir uns bald entweder noch mal im BierTalk oder dann vielleicht persönlich vor Ort wiedersehen.

Chris Flaskamp: Ich bedanke mich auch sehr herzlich für die Gelegenheit mit euch online ein bisschen zu klönen und auch ein Bierchen zu trinken. Und ja, das werden wir auf jeden Fall noch mal nachholen. Vielen Dank! Und euch auch alles Gute. Und bis bald hoffentlich.

Holger: Ja, ebenso. Danke dir. Tschüss!

Markus: Tschüss!

 

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