BierTalk Spezial 31 – Interview mit Conrad Seidl, dem Bierpapst aus Wien, Österreich

Conrad Seidl ist der Bierpapst. Punkt. Der clevere österreichische Journalist erkannte schon zu Beginn seiner Nebenjob-Karriere in der Bierwelt, welche Bedeutung eine starke Marke hat. Als gläubigem Katholiken und echtem Genussmenschen war ihm die Idee des persönlichen Gerstensaft-Pontifikates nicht fern und so sicherte er sich die Marke und tritt seitdem als Bierpapst auf dem internationalen Parkett auf. Passend dazu verfasste er auch einen Bier-Katechismus sowie über 20 weitere Bücher rund um das Thema Bier, als bekanntestes wohl den „Bier Guide“ für Österreich. Inzwischen gibt es zudem noch einen Youtube-Kanal und eine eigene Bierreportagereihe für eine Fernsehproduktionsfirma. Ganz grundsätzlich ist Conrad außerdem ein feiner, scharfsinniger und humoriger Bierfreund, der nicht zuletzt aufgrund seiner vielen Reisen in die Welt auch viel zu erzählen hat. Freut Euch auf einen spannenden Biertalk mit dem Heiligen Vater des Bieres…

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Markus: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts BierTalk. Heute ein Special aus unserem lieben Nachbarland Österreich entlang der Austrian Beer Challenge, wo wir zum Bier-Verkosten da sind. Ich bin heute mit einem ganz besonderen Gast verabredet, mit dem ich heute auch schon zusammen Biere verkosten und auch schon Staatsmeister küren durfte, nämlich seiner Hoheit oder Eminenz, wie auch immer man das richtig sagt, dem Bierpapst Conrad Seidl. Conrad, stelle dich doch unseren Hörern mal kurz selber vor, damit sie sich ein Bild machen können, mit wem sie es jetzt zu tun haben.

Conrad Seidl: Ich bin der Conrad, ich habe in meiner Jugend begonnen, Bier zu trinken, dies auf einer sehr unprofessionellen Art. Denn ich habe Bier getrunken einfach, weil es mir geschmeckt hat. Später bin ich draufgekommen, es schmeckt viel, viel besser, wenn man über das Bier auch mehr weiß. Ich bin in meinem Hauptberuf, den ich jetzt auch schon an die 40 Jahre ausübe, Redakteur, politischer Redakteur einer Tageszeitung. Wenn du den ganzen Tag über Politik schreibst, brauchst du nachher ein Bier. Ein ist jetzt kein Zahlenwort, es sind mehrere. Und beim Bier lösen sich auch bei vielen Leuten die Zunge. Wenn du mit einem Politiker auf ein Bier gehst, nach dem zweiten Bier erzählt er dir, wie die Dinge wirklich sind. Und daher habe ich auch durchs Bier viel über Politik gelernt. Und durch die Politik das eine oder andere über Bier.

Markus: Vielen Dank! Also zwei Dinge, die wirklich auch ein bisschen zusammengehören. Hast du noch andere Parallelen vielleicht gefunden zwischen Bier und Politik?

Conrad Seidl: Ja. Ein Ding ist, dass natürlich auf dem Markt politische Gesetze herrschen und dass wir gerade in den letzten drei Jahrzehnten, in denen ich mich wirklich sehr intensiv, auch journalistisch mit Bier auseinandergesetzt habe, würde ich eine hohe Konzentration auf dem Markt festgestellt haben. Und dass wir sehen, dass sehr große Bierkonzerne, die drei größten haben ungefähr die Hälfte des Weltbiermarkts, das ist schon ganz ordentlich. Und es ist spannend zu sehen, was die tun gegeneinander, miteinander auf manchen Märkten. Und natürlich ist auch interessant, was da für Biere herauskommen, weil entgegen den allgemeinen Vorurteilen gibt es sehr, sehr viele Biere aus großen Konzernen, die sehr gut trinkbar sind, und einige, die ich aber jetzt nicht erwähne, die ich eher nicht trinken würde.

Markus: Aber das finde ich schon mal eine ganz wichtige Botschaft, wo wir auch als BierAkademie immer versuchen, den Leuten das näher zu bringen, dass eben dieses alte Paradigma groß gegen klein, gut, schlecht, wie auch immer, dass das so einfach nicht stimmt. Sondern dass es einfach Vielfalt gibt und eben auch unterschiedliche Zwecke und Philosophien und eben Anwendungsgebiete.

Conrad Seidl: Und das ist natürlich eine Frage eines politischen Urteils. Es gibt viele Leute, die sehen, dass ihr Konsum, das haben wir so aus der 68er Bewegung übernommen, da war ich noch recht klein, da war ich erst zehn Jahre alt, aber das Prinzip, naja, dein Handeln ist stets ein politisches Handeln. Es gibt Leute, die sind von ihrer Grundhaltung her antikapitalistisch und sagen, ja, von den Großen darfst du nichts kaufen. Die werden dann aber oft sehr demütig, wenn sie von einer Krankheit befallen sind, die sie nur wegbringen durch die Leistungen der großen auf Kapitalismus aufbauenden Pharmakonzerne. Sie sagen dann zwar, ja, in einer sozialistischen Welt wäre das viel besser. Nur in der sozialistischen Welt, wissen wir, gibt es keine wirksamen Medikamente. Es gibt dort meistens nicht einmal gutes Bier.

Markus: Und da können wir, glaube ich, froh sein, wir sind beide viel unterwegs, dass wir schon überall auf der Welt spannende Biere trinken durften. Vielleicht …

Conrad Seidl: Nicht überall auf der Welt. Meine Ausflüge nach Saudi-Arabien, das waren sehr trockene Sachen. In der Wüste und kein Bier, das ist furchtbar.

Markus: Das stimmt! Wobei mir mal ein Braumeister erzählt hat, dass sich so ein saudi-arabischer Prinz einen Anhänger hat bauen lassen, wo er in den Anhänger eine Brauerei nebst Kühlanlage hineingebaut hat. Und wenn die dann ihre Kamelrennen hatten, dann stand dieser Anhänger immer so ein bisschen nebenbei und dann sind die so heimlich währenddessen dahin und haben sich dann ihr Bier geholt. Also ist da vielleicht der Weg des Mannes zum Bier …

Conrad Seidl: Es gibt auch viele Saudis, die zum Beispiel nach Kuwait oder in andere Länder oder Abu Dhabi fahren, wo man dann sagen kann, da kriegt man dann legaler Weise Bier. In Dubai habe ich ein Hofbräuhaus München gesehen, die haben dort einen Brew Pub und da sieht man halt diese Herren im weißen Abendkleid, die halt dort aufs Bier hinkommen. Die kommen aus Saudi-Arabien.

Markus: Interessant finde ich auch, dass es da auf jeden Fall immer auch eine sehr emotionale Bindung zum Thema Bier gibt. Vielleicht jetzt nicht unbedingt in Saudi-Arabien, aber ich erinnere mich an eine Sache, wo ich in China war, und sie mir dann ganz stolz zum Abendessen eine Flasche Tsingtao Bier serviert haben. Allerdings brühwarm und in einem sehr schlecht gespülten Glas. Aber ich musste das und wollte das natürlich auch überspielen, weil für die war das fast schon so ein heiliger Akt zu sagen, wir haben hier jemand aus Deutschland und haben hier von dieser Brauerei ein Bier für dich, und haben das extra für mich geholt. Und da merkt man schon, wie da auch eine Beziehung zum Thema Bier da ist, nicht nur in den klassischen Bierländern, oder?

Conrad Seidl: Es gibt großen Stolz fast überall aufs Bier. Ich habe wahrscheinlich zu einer ähnlichen Zeit wie du das erlebt hast, war ich einmal in Rumänien, da haben wir so kurz nach der Wende eine Zahnklinik hingebracht mit dem Roten Kreuz. Und da hat dann der Bürgermeister ein Essen ausgerichtet, bei dem gab’s lokalen Wein. Und ich habe unhöflicherweise gefragt, ob es nicht ein Bier gäbe. Da hat der Bürgermeister irgendwie verfallen im Gesicht, hat dann aber jemanden beauftragt, im Krankenhaus anzurufen, weil die haben meistens für die Ärzte so zwei, drei Flaschen, zwei, drei Flaschen Bier gehabt, weil dort war die Versorgungslage damals 1990 noch sehr, sehr schlecht. Dann ist tatsächlich mit einer Ambulanz mit Blaulicht das Bier für mich gebracht worden. Das war mir schon sehr peinlich.

Markus: Wobei, da sind wir jetzt bei der anderen Frage, die sich vielleicht der ein oder andere Hörer auch stellt. Wie wird man denn zu einem Bierpapst? Also wie funktioniert das? Hast du irgendwann eine Eingebung gehabt, hat man dich ernannt oder hast du dir irgendwann überlegt? Wie kommst du dazu?

Conrad Seidl: Die Marke Bierpapst habe ich mir schützen lassen. Das ist ein geschützter Markenname, auch um sicherzugehen, dass nicht jemand mit einem Bierpapst-Lokal oder einem Bierpapst-Produkt anderer Qualität auf den Markt kommt. Das ist ein Ding, wo ich sage, ja, ich nütze die Marke, ich bin nicht geneigt, da sehr viel zu lizenzieren, schon gar nicht in Bier, weil da würde meine Neutralität darunter leiden. Aber vielleicht in (unv. #00:07:39.3# Käse?)?

Markus: Das klingt allerdings sehr spannend. Gibt’s denn Attribute rund um dieses Thema Papst, wo du sagst, das findest du spannend? Also man sagt zum Beispiel, der Papst ist unfehlbar oder hat eine gewisse Weisungsbefugnis. Also sind das so Sachen, wo man auch gerne mit diesem Image ein bisschen spielt? Kann ich mir vorstellen …

Conrad Seidl: Selbstverständlich! Nur, wenn man sich mit der Theologie ein bisschen näher beschäftigt, dann weiß man natürlich, es gibt das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes auch erst seit dem späten 19 Jahrhundert. Aber diese Unfehlbarkeit ist ja keine absolute. Auch der Heilige Vater in Rom ist so weit fehlbar, dass er sagt, in einer Streitfrage kann er letztgültig entscheiden, bis ihn möglicherweise ein Konzil in der gesamten Weisheit der Kirche richtigstellt. Es ist kein Mensch völlig unfehlbar, aber das Unfehlbarkeitsdogma in der katholischen Kirche hat ja den Sinn, dass man sagt, man schafft zunächst einmal Frieden, Roma locuta causa finita. Jetzt ist mal Ruhe. Und es ist oft sehr wichtig, dass man in Streitfragen sagt, zumindest auf eine Zeit ist einmal Ruhe, dann nachher kann ein Parteitag, wir sind wieder bei der Politik, oder eine Generalversammlung oder was immer, ein Aktionärskonvent, vielleicht in eine andere Richtung vorgehen. Aber es ist schon richtig, dass man ab und zu Frieden schafft, um zu sagen, jetzt reden wir mal über was anderes.

Markus: Und das merken wir auch zum Beispiel an einem Jurytisch, wo ab irgendeinem Zeitpunkt man auch mal sagen muss: Wir einigen uns jetzt und dann ist auch mal gut. Und wir können uns auf die nächsten Dinge praktisch so ein bisschen weiterbewegen.

Conrad Seidl: Da habe ich mal eine Jurysitzung gehabt, das war beim (unv. #00:09:37.6#) Festival, was schon vom Namen her sehr interessant ist, in Monk’s Café in Seattle. Und dort hatten wir so lauter sehr, sehr starke Biere, Barry Wines. Und das war eine Jurysitzung, in der sich alles blockiert hat. Also es war ganz klar, welche 15 oder 20 dieser Starkbiere will man jetzt nicht in weitere Betrachtung ziehen, aber es waren alle einig von den Juroren, welche die drei besten Biere sind. Aber es war so, dass es sechs Juroren waren und jeweils zwei haben eines als das Beste gehabt, und es war unglaublich schwierig, wir mussten diese sehr guten Biere, muss man sagen, glaube ich, fünfmal neu codieren lassen, bis sich dann irgendjemand geschlagen gegeben hat. Das war nicht (unv. #00:10:38.6# ich), aber es hat sich dann jemand geschlagen gegeben, hat gesagt: Okay! Um des lieben Friedens willen haben wir jetzt hier diese Reihung gehabt. Und dann war es gut.

Markus: Vielleicht noch kurz, weil wir gerade da waren, würdest du sagen, du bist ein religiöser Mensch? Ist das auch ein Teil deines Lebens?

Conrad Seidl: Ja, selbstverständlich! Ich glaube, es wäre absurd zu sagen, der Papst ist kein Katholik. Tatsächlich, also auch da muss man sagen, ich habe das Vergnügen, die Ehre, die Auszeichnung, dass ich Mitglied der Bruderschaft Santa Maria dell‘Anima in Rom bin. Das ist einer der letzten rechtlichen Überreste des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Als dieses im Jahr 1806, nach den Historikern ist der Begriff Reichsdeputationshauptschluss vielleicht noch in Erinnerung, als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgelöst worden ist, hat man festgestellt, da gibt es einige Institutionen, die nicht nur dem Kaiser unterstehen, sondern in diesem Fall dem Kaiser und dem Heiligen Vater in Rom. Und das ist die Bruderschaft Santa Maria dell’Anima, eigentlich eingerichtet worden im Mittelalter als eine Betreuung von, damals hat man gesagt, sächsischen Pilgern, also von deutschsprachigen Pilgern, die nach Rom gekommen sind. Und da gibt’s eine Kirche und eine Priester-Bildungsanstalt. Und dann gibt es eben diese Bruderschaft, die direkt dem Heiligen Vater untersteht. Und da habe ich die Ehre, Mitglied zu sein.

Markus: Ja, habe ich auch gelesen, finde ich sehr spannend. Und habe mir dann auch überlegt, da kommt man vielleicht ab und zu auch natürlich wieder zum Bier, aber auch zur Politik, weil zum Beispiel sind Leute Mitglied wie Reiner Haseloff oder auch wie der Bischof Tebartz-van Elst, wo man dann auch immer mal wieder so politische Themen hat. Wird sowas dann in der Bruderschaft auch diskutiert oder muss man da …?

Conrad Seidl: Nein, nein. Nein, das ist eine rein spirituelle Frage. Hier geht es darum, dass man sich darum sorgt, was Seelsorge ist. Dass man sagt, was hat uns Gott zu geben, was hat uns die heilige Maria von den Seelen zu geben. Sie sollte unsere Seelen beflügeln und manchmal tut sie es, manchmal vielleicht nicht ganz so, aber da geht es nicht um irgendwelche kirchenpolitischen oder sonstigen Themen, da geht es um das Wichtigste, was es auf der Welt überhaupt gibt, das ist Seelenheil. Und wir haben als Biertrinker das Glück, dass wir uns zumindest eine Vorstellung vom Seelenheil machen können, wenn wir in der Situation sind, dass wir ein gutes Bier trinken und dann sagen, der Herrgott meint es gut mit uns.

Markus: So! Wie ihr hört, sind wir natürlich auch bei einem Bier, bei einem ganz besonderen Bier. Das bringt uns jetzt wieder zurück zu dem Thema. Vielleicht beschreibst du mal kurz, was wir für ein Bier haben. Das ist ja auch eines, das du mehr oder weniger mit ausgesucht hast, dass es jetzt hier überhaupt da ist. Und ich finde das auf jeden Fall ein ganz spannendes Beispiel für eben ein innovatives, modernes Bier. Aber wie würdest du das beschreiben?

Conrad Seidl: Also ein Bier, das ihr in Deutschland nicht machen dürft, weil das ist kein Reinheitsgebotsbier. Der Name sagt ja schon, Champagne Isabella Sour Ale. Also Sour Ale dürft ihr machen, ihr dürft die Würzesäuren, ihr könnt allem möglichen Tricks mit Milchsäure machen. Aber hier in diesem Fall, man sieht das auch sehr schön, weil die Farbe so ins Orangerosa hineinwirkt. Also für dich im Bamberg muss das eine vertraute Farbe sein. Es dort ein paar schöne Fassaden gibt, die diese Farbe haben.

Markus: Ja.

Conrad Seidl: Und das kommt daher, dass in diesem Sour Ale Traubensaft von der Isabella-Rebe zugesetzt wird. Das ist eine alte Rebe, also eine Rebe aus der Zeit vor dem schrecklichen Einfall der Rebläuse im 19. Jahrhundert. Und das ist ein Direktträger, eine Rebe, die im Ruf steht, dass der daraus gewonnene Wein ziemlich aggressiv macht. Hier also natürlich nur in geringen Mengen dabei. Weil es wird etwas von diesem Traubensaft, dem nachgärenden Bier zugesetzt. Dadurch kommt dann noch einmal Zucker, Fruchtzucker hinein. Und dieser wird dann noch einmal mit einer Champagnerhefe vergoren. Champagnerhefen für so sehr widrige Umstände, höhere Alkoholgehalte, höhere Drücke aushalten. Damit bekommen wir ein sehr stark, englischen Namen, Highly Atannuated Beer. Bei uns würde man sagen, man nennt sie auch fruchtvergorenes Bier. Wenn man hineinriecht, riecht man das, also die Älteren werden sich vielleicht erinnern, in den 1970er Jahren war es eigentlich typisch für den (unv. #00:16:05.2#) Champagner, dass der einen Hefeduft gehabt hat. Wir haben also hier einen leichten Hefeduft. Wir bekommen einen Duft nach Früchten, das ist natürlich von der Isabella-Traube. Da kommt auch sowas, fast eine Erinnerung an Erdbeeren hinein. Und wenn man dann antrinkt, stellt man fest, ein sehr gut eingebautes CO2, eingebaute Säure. Der Hopfen macht hier was, aber er macht‘s nicht bitter, sondern er gibt dem einen leicht adstringierenden Effekt auf dem Obergaumen. Und viele Leute, die das trinken, speziell, wenn man das so in einem normalen Bierglas trinkt, dann schüttest du das hinein und denkst, leichtes Summer Ale. Nein, das ist ein Bier mit 6,8 % Alkohol. Ich habe dasselbe Bier dann einmal aus einem Bordeaux-Glas getrunken. Da trinke ich mit weniger als der halben Geschwindigkeit, weil man es da wirklich dann tröpfchenweise genießt. Und ich bin durchaus ein Mensch, der Starkbiere liebt, aber man muss sie ja nicht im Übermaß genießen, sondern man muss sie genießen.

Markus: Auf jeden Fall! Ich finde es ein ganz, ganz faszinierendes Bier, auch durch dieses schöne Spiel mit der Säure, mit der Fruchtigkeit. Es hat für mich eben auch Elemente von Bierstilen, die gerade so ein bisschen en vogue sind, also diese Italian Red Ales oder auch das brasilianische Catharina Sour, was ja mit diesem Thema spielt. Und lustigerweise heißt die Brauerei, die es macht, auch noch 1516, was der gemeine Bayer vielleicht per se als Affront empfinden würde.

Conrad Seidl: Das war also so gedacht, also ursprünglich hat die Brauerei, die in der Mitte von Wien, die 1516 Brewing Company, als ich mit denen das erste Mal drüber gesprochen: Ja, sie haben vor, eine Gasthausbrauerei zu machen. Und ob ich ihnen einen Tipp geben kann? Erster Tipp: Macht keine Gasthausbrauerei. Es gibt im deutschen Sprachraum leider wirklich viele schlechte Gasthausbrauereien. Ich persönlich bin nicht überzeugt, dass eine Gasthausbrauerei an sich schon ein Magnet ist. Sie muss auch gutes Bier haben. Und das wird halt leider in manchen Gasthausbrauereien unterschätzt, dass es unglaublich viel Technologie und unglaublich viel Fachwissen braucht, um wirklich gute Biere zu brauen. Habe ich gesagt, was wir in Wien brauchen würden, wenn ich mir wünschen dürfte, was für ein Lokal ich gerne in Wien hätte, weil das haben wir nicht, ein American Style Brew Pub. Ja, was ist denn das? Und dann haben wir mal geschaut, erstens einmal, schau, dass du ein paar schöne, damals vor 22, 23 Jahren war das ja noch bei uns in Österreich ziemlich unbekannt, was da in den USA an neuen Bieren geschaffen worden ist mit modernen Hopfensorten. Es waren alle gezüchtet vom Österreicher, Al Arnold, aber bis heute wissen das die meisten Braumeister nicht. Und da gibt’s viele, viele Dinge, die man da hereinnehmen, viele Elemente, die das Amerikanische betonen, von der Speisekarte bis natürlich hin zur Bierkarte. Und die haben das auch tatsächlich gemacht. Und dann habe ich gesagt, wichtig ist, damit das auch glaubwürdig ist, glaubst du einem Italiener, der Pizza macht, aber türkischer Sprache ist? Nein. Ich glaube auch keinem Italiener, der Kebab macht. Nein, Kebab soll der Türke machen, und das ist halt so unsere Vorstellung, und der Italiener soll die Pizza machen. Und genauso ist es, musst du schauen, dass du amerikanische oder zumindest englischsprachige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter findest, die das Bier brauen, die dieses Bier servieren, die das Bier auch den Leuten nahebringen. Weil ich sage mal, dasselbe gilt eigentlich auch für Irish Pubs, in Österreich mehr als in Deutschland, in den meisten deutschen Irish Pubs wirst du auf Deutsch begrüßt. (unv. #00:20:22.8#) Na, so gehst du doch nicht in einen Irish Pub, da willst du englisch angesprochen werden und möchtest auf ein, zwei Stunden einen Irlandurlaub haben. Und ich habe gesagt, macht’s das so, dass die Leute auf ein, zwei Stunden einen Amerikaurlaub haben. Und da brauchst du natürlich das entsprechende Ambiente, du brauchst das entsprechende Personal, und vor allem das entsprechende Bier. Hat nicht funktioniert, muss man sagen. Das erste Jahr war das in ganz schlechter, (unv. #00:20:52.5#) was habe ich denen für einen Rat gegeben? Ich sitze da und zwei, drei andere Gäste sitzen auch noch da in einem Lokal, das sehr viel mehr Leute fassen würde. Und habe das dann auch einmal dem Vater des Besitzers gesagt, der die Finanzierung aufgestellt hatte. Und gesagt „Vielleicht habe ich ja keinen falschen Rat gegeben?“. Sagt er „Ja, wieso denn?“. „Weil ich sehe doch, dass ihr kaum Gäste habt.“. Sagt er „Herr Redakteur, schmeckt dir das Bier bei uns?“. „Na sicher, es schmeckt nach super Bier.“. „Ja, dann machen wir doch alles richtig. Und um mein Geld machst du dir keine Sorgen, gell.“. „Okay, dann werde ich das machen, was man tut, nämlich euer Bier anderen Leuten halt nahebringen.“. Hat er gesagt „Ja, das ist natürlich super, wenn du das tust. Komm gern mit wem immer vorbei.“. Und ich bin mit Politikern und mit Journalisten hingekommen und heute rennt der Laden, das ist fast eine Lizenz zum Gelddrucken.

Markus: Faszinierend, wenn man dir da so zuhört. Und ich glaube, da merkt man auch so ein bisschen deinen zweiten Bierbereich, den du hast, nämlich dieses Thema Biermarketing. Da bist du ja einerseits jemand, der sich selber auch als Marke inszeniert, aber eben auch jemand, der andere berät und ihnen eben Möglichkeiten aufzeigt. Wie bist du da hingekommen und was waren da so prägende Erlebnisse?

Conrad Seidl: Na, prägend ist immer das, was man in den USA erlebt. Also ich habe speziell in den 1990er Jahren immer wieder phasenweise mich in den USA umgeschaut und dann oft monatelang von Kleinbrauerei zu Kleinbrauerei gefahren, geschaut, was die machen. Manche haben es gut gemacht, manche nicht ganz so gut, aber immer mit einem Engagement, das man in Europa beim Bier damals nicht so gekannt hat. Damals haben die Leute in Europa gesagt „Ich mach eh ein gutes Bier. Die Leute, wenn sie ein gutes Bier wollen, sollen sie zu mir kommen und dann kriegen sie ein gutes Bier.“ Ja, das ist ganz nett, aber das ist halt nicht das, wie Menschen tatsächlich reagieren. Denen muss man sagen, was man hat, und man muss es ihnen erklären. Und ich habe damals dann auch viele, in England waren die Leute schon weit, ich bin noch Mitglied der British Guild of Beer Writers geworden, Mitglied von Cameron Life Time Member. Also ich habe gesehen, es gibt viele Leute, die sich darum bemühen, dass über Bier geredet wird. So wie du das tust, ganz, ganz wichtig, den Leuten Gesprächsstoff zu liefern. Selbst wenn sie vielleicht mit nicht allem einverstanden sind, was sie an Gesprächsstoff geliefert bekommen, ist es doch so, dass wenn, stell dir vor, auf einem Bieretikett von einer Bierflasche steht hinten drauf der Herr Braumeister, der dann unten auch mit seinem Namen unterschreibt, hat sich entschlossen, für dieses Bier eine Gerste zu nehmen von der und der Gerstensorte, die dort und dort wächst, und die er da und da vermälzen hat lassen. Einen Hopfen, der von mir aus wächst im Yakima Tal oder auch in der Hallertau oder in Tettnang, es ist diese und diese Sorte. Und damit hat er ein spezielles Rezept, bei dem er jetzt das und das macht, und eine Hefe aus ich weiß nicht woher. Wenn man das den deutschen Brauern vor 30 Jahren gesagt hat: „Interessiert doch kein Schwein. Versteht doch auch keiner.“. Stimmt! Das interessiert nicht alle, und verstehen tun es noch weniger. Aber ich habe dann gesagt „Habt ihr schon einmal einem GTI-Treffen beigewohnt, über was für Details von Ventilen eines Motors die Leute philosophieren und sich wirklich interessieren, obwohl das sind auch nur Autos, die fahren und dann bist du mit dem um nichts schneller bei der Arbeit, aber die Leute haben eine Liebe dazu, wenn sie sich bemühen, ein Wissen um vielleicht auch triviale Dinge zu kümmern und dann sagen „Aber die Zündkerzen von dem sind besser.“. Oder was immer es an Details gibt. Der Genuss wird dadurch erhöht, dass man etwas weiß. Und es gibt Leute, die viel Geld ausgeben zum Beispiel für Weinseminare, unglaubliche Ausbildungen. In meinem Wirtschaftswissenschaftsstudium habe ich gelernt, dass die ökonomische Theorie letztlich darauf aufbaut, dass auf perfekten Märkten es eine vollständige Information gibt und daher zum günstigsten Preis gekauft wird. Nachdem müsste Oettinger natürlich ausschließlich den Markt beherrschen. Tatsache ist aber: Wir sehen das beim Wein, dass Leute sich über Wochen und Monate mit Weinen beschäftigen, nicht, um zum besten Preis einen optimalen Genuss zu bekommen, sondern um sich auch einmal einen noch teureren Wein zu leisten. Und letztlich wirst du von dem einen wie vom anderen betrunken. Nur der Genuss ist halt auch unter anderem damit zu rechtfertigen, dass man sagt, ich habe dafür auch eine Menge Geld bezahlt, dass ich einmal diese spezielle Flasche aus diesem speziellen Weingut gekostet habe. In ähnlicher Weise funktioniert‘s ja auch inzwischen am Biermarkt. Nur ich sag immer: Freunde, schaut’s euch an, um wie viel Geld bei großen Auktionen die Spitzengewächse der Weinwirtschaft versteigert werden. Nicht weil das getrunken wird, aber im Supermarkt, wenn da die Flaschen oder Kisten, die nebenan stehen, dann verstehen die Leute das: Wenn es ein Bier gibt, das 10.000 Euro kostet, dann schaut dann der Preisunterschied und der Sprung von einer Flasche, die irgendwo 60 Cent kostet, zu einer Flasche, die 6 Euro kostet, im Vergleich, dass das ja auch 6000 sein könnte, relativ moderat aus. Und der greift vielleicht gelegentlich zu der 6 Euro Flasche, wo er ein Wow-Geschmackserlebnis bekommt.

Markus: Dem kann ich auch nur zupflichten, dadurch was mir immer so begegnet. Ich habe das Gefühl, es hat oft mit Storytelling zu tun, dass man also wirklich versucht, seinen Biersorten, seiner Brauerei, sich selber Geschichten zu geben, oft an wahren Dingen aufgehängt, manchmal vielleicht auch an kreativen Ideen. Aber am Ende geht es ja auch um Kundenbindung, um Begeisterung, um Multiplikatoren zu schaffen, die dann eben für mich, für meine Marke Botschafter werden und mich dann auch sichtbar machen vielleicht woanders. Und da finde ich, bin ich dir zum Beispiel begegnet zum ersten Mal, als ich ein Buch von dir hatte, das hieß Bier-Katechismus. Da sind wir fast schon wieder ein bisschen zurück beim religiösen Thema. Aber das fand ich ganz toll. Und mittlerweile machst du auch einen Bier-Guide, wo du praktisch die Leute auch so ein bisschen einlädst in die Restaurantszene und eben sagst, hier bekommst du das und da bekommst du das, und kriegst da auch ein sehr positives Feedback von den Gastronomen.

Conrad Seidl: Nicht von allen.

Markus: Nicht von allen, das ist klar, das kenne ich auch. Aber das finde ich auch eine interessante Geschichte. Wie hat sich denn das entwickelt und wie schaust du da jetzt nach den Jahren der Erfahrung auf dieses Projekt auch ein bisschen zurück?

Conrad Seidl: Ja, also der Katechismus gehörte mal neu geschrieben, weil da sind einige Daten drinnen, die jetzt nach inzwischen 23 Jahren veraltet sind, weil sich die Bierszene verändert hat, und glücklicherweise zum Positiven weiter verändert hat. Was du auch angesprochen hast, ist, es gibt natürlich eine Reihe von Geschichterln, die heute so im Umlauf sind. Man weiß, das hat irgendeine Brauerei mal aus Marketinggründen in die Welt gesetzt und die Leute plappern immer noch diese Marketinggeschichten nach. Das ist schon auch störend, weil eine gutklingende, aber falsche Geschichte ganz, ganz schwer aus der Welt zu räumen ist. Wenn ich jetzt wieder darauf hinweise, dass ich politischer Journalist bin und da amerikanische Präsidenten beobachtet habe oder so, dann brauche ich jetzt nicht Namen zu nennen. Aber das sind, ich glaube, die Geschichten, die man verbreitet, sollten wahr sein. Und gute, wahre Geschichten sind auch gute Selbstläufer. Und sie haben das, dass sie den Menschen, die sie gelesen haben und diese weitererzählen können, etwas gegeben, was auch vielen fehlt: Selbstbewusstsein. Wenn du über etwas kompetent reden kannst, dann stärkt das dein Selbstbewusstsein und dann stärkt das das, dass du von dir selber ein besseres Bild bekommst. Wenn du sagst, ich trinke jetzt von 5 Halbe, ist das ganz gut. Aber wenn man sagt, ich trinke 5 halbe Helles und das Helle ist eigentlich das am schwersten zu brauende Bier, und der Braumeister, der hat mir das mal erklärt, weil da brauchst du nämlich, das verzeiht dir keine Fehler beim Brauen. Und dann weiß ich noch, dass das aus einer fränkischen Braugerste und so einem Hopfen von ich weiß nicht Hersbruck gemacht wird, dann hat der doch eine andere Geschichte zu erzählen und dann ist das nicht mehr sein einfaches Helles, wo die Frau sagt „Sauf nicht so viel“, sondern ich genieße es.

Markus: Ja. Dann wird Bier eben auch zur Bierkultur. Und vielleicht, wenn wir zum Abschluss noch ein bisschen schauen, wie Leute dich erleben können, also einmal mit deinen Büchern, mit deinen Veranstaltungen, aber zum Beispiel auch mit deinem quasi Fernsehkanal, oder?

Conrad Seidl: Ja, also ich habe lange Zeit YouTube Videos gemacht, die werden jetzt auch alle wieder neu ausgespielt. Aber das, was ich momentan als das größte Projekt habe, das ist Biertastic. Das ist eine Fernsehserie, die haben wir in englischer Sprache aufgenommen. Für die erste Staffel sind wir nach Shanghai und nach Portland, Oregon und nach Kapstadt, also wo es halt ein gescheites Bier gibt, hingeflogen und haben das eine oder andere gekostet und kommentiert. Und ich geschaut, dass mir der Vogel Strauß nicht den Hut vom Kopf zieht und solche Sachen. Da sind sehr lustige Szenen entstanden. Aber es geht halt ums Bier. Und das gibt’s jetzt zum Abruf auf Vimeo. Das ist kostenpflichtig, weil irgendwie muss man das Projekt ja auch finanzieren. Und ich weiß nicht, wann das dann irgendwann und in manchen Ländern wird das auch, weil ja der englische Markt sehr groß ist, wird das auch im Pay TV oder vielleicht auch Free TV sein. Aber die zweite Staffel kommt jetzt vor Weihnachten heraus, da waren wir in Peru und in Finnland und in New York, und Ägypten, ich bin auf einem Kamel geritten. Glücklicherweise haben sie es nicht aufgenommen, wie ich auf dieses Kamel hinauf bin, weil ich bin nicht schwindelfrei. Und dann sitzt du auf diesem Wüstenschiff und wirst seekrank, dabei hast du gar kein Bier getrunken. Das darfst du ja dort auch nicht, bei den Pyramiden darfst du nicht mal ein Bier trinken, ein schwieriges Land. Aber sie haben halt in der Bierkultur vor Jahrtausenden was geleistet und da geht man halt hin und sagt, ja, gehört auch dazu, dass man das gesehen hat, und dass man dieser Kultur eine Referenz erweist. Wären sie gescheiter gewesen, wären sie vielleicht in der Bierkultur dort, wo Deutschland heute ist. Wenn du mit einem Amerikaner oder einem Chinesen redest und fragst „Wo gibt’s eine Bierkultur?“, sagen alle: Deutschland. Deutschland hat da unglaublich viel gemacht, um sich zu etablieren. Und das darf Deutschland nicht verlieren. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn man sagt, es gibt Millionen Menschen, die davon träumen, dass sie einmal einen Bierurlaub in Franken bei euch machen können, wo du von Brauerei zu Brauerei kurze Wege hast. Ich bin selber da öfter wandern gewesen und das war herrlich, von Brauerei zu Brauerei zu wandern.

Markus: Und das finde ich auch ein ganz wichtiges Ergebnis, glaube ich, aus den ganzen Reisen, die auch ich gemacht habe, dass man einerseits selber Horizonte erweitert, neue Perspektiven bekommt, aber auch diese Wertschätzung erlebt, die eben andere wiederum für unsere Herkunft aus Mitteleuropa haben und auch für das Bier und die Bierkultur. Wir hatten es ja heute schon mal mit anderen Juroren, diese Geschichte, wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen. Und du hast auf jeden Fall was zu erzählen, was du heute auch getan hast. Vielen, vielen Dank dafür! Vielen, vielen Dank für deine Zeit! Und vielleicht hören wir uns oder sehen wir uns ja mal wieder im Podcast. Für heute auf jeden Fall nochmal Dankeschön.

Conrad Seidl: Darauf ein Bier!

Markus: Prost!

 

BierTalk – der Podcast rund ums Bier.

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